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Rubrik denken

Wir sind alle Fürsorge abhängig

Von Caroline Krüger, Ursula Knecht-Kaiser

Vom Stigma zum Paradigma

Mutter und Sohn in Havanna

Foto: Dorothee Markert

Im Zentrum des Denkens von Politik und Wirtschaft steht in der Regel das autonome Subjekt, der selbständige, eigenverantwortliche, freie Bürger. Ziel und Orientierungspunkt ist der self made man (vgl. Ina Praetorius, thinking dependency).

Dies entspricht aber nicht der Wirklichkeit; es ist keine adäquate Beschreibung der Realität. Wir haben uns nicht „selbst gemacht“. Wir sind alle Geborene und von der Geburt bis zum Tod auf Fürsorge angewiesen, d.h. auf materielle, emotionale, geistige Zuwendung – einmal mehr, einmal weniger.  Anders würden wir nicht überleben. Wir sind also alle „Sozialhilfe- EmpfängerInnen“ und im Verlaufe unseres Lebens hoffentlich auch immer wieder „Sozialhilfe-GeberInnen“. Kein Mensch kann sich „gesund“ entwickeln ohne ein wie auch immer geartetes soziales Netz.

Wir haben die Fürsorgeabhängigkeit als „Ausnahmezustand“ an die „Randständigen“ delegiert. Fürsorge-Abhängigkeit ist aber der „Normalzustand“ aller Menschen. Deshalb gehört Fürsorge ins Zentrum der politischen und wirtschaftlichen Debatten, also vom Rand in die Mitte. Abhängigkeit wird so von der Ausnahme zur Norm. „Randständige“ sind uns anderen, gerade durch ihre Abhängigkeit, nah; der Rand verschiebt sich.

Mit dieser adäquate(re)n Beschreibung der Wirklichkeit eröffnet sich uns ein Gedankenraum, der eine neue Sicht auf das Zusammenleben der Menschen und den Zusammenhalt einer Gesellschaft ermöglicht, die sich auf Politik und Wirtschaft auswirken kann und soll. Dieser Paradigmenwechsel ist not-wendig, um auf die Herausforderungen unserer Zeit adäquate Antworten zu finden.

Indem wir das Abhängigsein vom Stigma zum Paradigma erheben, ändert sich auch unser Blick auf verschiedene Bemühungen, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verändern.

So ist ein Grundeinkommen beispielsweise kein Mittel dazu, ein „unabhängiges“ Leben zu ermöglichen, sondern im Gegenteil, die „monetäre Sichtbarmachung“ der Tatsache, dass wir alle Abhängige sind. (Antje Schrupp)

Das Grundeinkommen kann als „Begrüssungsgeld für die Neugeborenen“  (auf Lebenszeit) gedacht werden; als Zeichen der Verbundenheit des neuen Menschen mit den VorfahrInnen – nicht als Garantie für ein unabhängiges Leben.

Anmerkungen

Vgl. Ina Praetorius, „Thinking dependency“ , Juni 2009)

Vgl. gutesleben.org, Sinnvolles Zusammenleben am Ende des Patriarchats

Autorin: Caroline Krüger, Ursula Knecht-Kaiser
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 14.08.2009

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