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Barcamps: Nichts für Frauen und Geisteswissenschaftler_innen?

Von Nina Theofel

Ein Bericht vom Barcamp Stuttgart II und die dortigen Diskussionen zum Thema „Gendergap“

Barcamp

Programmplanung auf dem Barcamp Stuttgart II. Wer möchte, kann sich einbringen.

Vor kurzem hat Antje Schrupp zum Thema persönliche Kontakte unter den Twitterbekanntschaften gebloggt. Auch ich habe auf ihre Frage geantwortet, wie viele „Follower“ ich persönlich kenne – zwei in meinem Fall.

Die Zahl der Twitterbekanntschaften, denen ich zumindest einmal außerhalb des Webs begegnet bin, ist inzwischen sprunghaft auf 15 bis 20 angestiegen. Was ist passiert? Ich war auf einen Barcamp.

Barcamps sind ein junges Phänomen, das erste fand 2005 in Kalifornien statt. Es wäre vermutlich zuviel gesagt, dass ein Barcamp so etwas wie real-life-Internet ist. Tatsächlich werden aber Tugenden aus dem Web auf eine Konferenz übertragen, etwa das Motto „take it from the net, give it to the net“. Auf einem Barcamp geht es darum, in einer offenen Umgebung voneinander zu lernen. Hierarchien haben hier wenig Bedeutung, die Teilnehmenden duzen sich. Mit einer klassischen Konferenz hat diese Veranstaltung dann so wenig gemeinsam, dass Barcamps auch als Nicht-Konferenzen bezeichnet werden. Das Programm entsteht ad hoc – jeweils morgens zu Beginn der Veranstaltung; jeder kann sich einbringen und Session-Vorschläge machen. Thematisch stehen technische Entwicklungen rund ums Internet im Vordergrund – aber auch die damit verbundenen gesellschaftlich-politischen Diskurse. So wurde auf dem Barcamp Stuttgart II (12.-13. September 2009) auch über Wahlkampf im Web 2.0 oder das bedingungslose Grundeinkommen diskutiert.

Der Hinweis auf die persönlichen Twitterkontakte macht deutlich, wie wertvoll der Besuch eines Barcamps sein kann. Es muss an dieser Stelle kaum erläutert werden, dass der Zugang zu Wissen und Netzwerken nicht vom Geschlecht abhängig sein sollte. Das Gendergap im Web 2.0 hat Antje Schrupp in ihrem Beitrag „Der Sinn und Unsinn des Zwitscherns“ thematisiert. Mit Recht wurde in diesem Zusammenhang die Aussagekraft der Statistiken bezweifelt. Was die Barcamps betrifft, mache ich es mir mit der Antwort einmal einfacher: Wer eines besucht hat, wird bestätigen können, dass Frauen deutlich in der Minderheit sind. Auch die Beobachtung, dass der Anteil der Frauen, die selbst Sessions anbieten, noch geringer ist, ist sicherlich nicht von der Hand zu weisen.

Auf dem Barcamp Stuttgart II habe ich gemeinsam mit zwei weiteren Teilnehmerinnen eine Session initiiert, in der wir diese Problematik diskutieren wollten. Die Resonanz war sehr erfreulich. Wir haben bewusst keine special-interest-session angeboten, allerdings hat das Feedback vor allem der Teilnehmerinnen gezeigt, dass dies ohne weiteres möglich gewesen wäre. Offensichtlich haben sich die wenigen Frauen, die den Weg zum Barcamp finden, bereits mit der Problematik Gendergap befasst, vielleicht weil viele von ihnen im IT-Bereich arbeiten und so tagtäglich damit konfrontiert sind.

In München gab es 2008 ein erstes reines Frauenbarcamp in Deutschland. Ich persönlich halte dies für eine legitime, aber letztlich unschöne Hilfskonstruktion: Einen Diskurs worüber auch immer nach Geschlechtern getrennt zu führen, macht wenig Sinn. Wenn aber ein Frauenbarcamp den Einstieg erleichtert und langfristig den Frauenanteil der „normalen“ Barcamps erhöht, erfüllt es seinen Zweck. Ein schönes Ergebnis unserer Session war, dass ein Teilnehmer, der Frauenbarcamps zu Beginn als „albern“ bezeichnete, schließlich Akzeptanz äußerte. Interessant ist die Idee des Gendercamps, die zurzeit diskutiert wird: Kein Barcamp speziell für Frauen, sondern eines bei dem die Thematik Web und Geschlecht im Vordergrund stehen soll.

Auf dem Barcamp Stuttgart waren gezielt auch Frauen eingeladen worden. In unserer Session wurden weitere Vorschläge gemacht, Frauen direkt anzusprechen, etwa über bestehende Organisationen wie die Webgrrls. Was hat die Diskussion in der Session sonst gebracht? Etwa die schlichte Erinnerung daran, dass manch männlicher Teilnehmer, selbst wenn er gerne eine Frau einladen würde, keine einzige aus seinem beruflichen Umfeld im IT-Bereich kennt. Das ist erschreckend und bezeichnend. Ein anderer Teilnehmer hat die Idee der Patenschaften für Barcamps eingebracht, die er allerdings ohne jeden Genderbezug umsetzt.

Auch die bekannte Diskussion über männliche und weibliche Redeanteile wurde geführt. Hier bin ich der Meinung, dass frau männliche Einsteiger in die Thematik nicht durch entsprechende Vorwürfe abschrecken muss. Selbst wenn sie fundiert begründet sind, wird dies Abwehrhaltungen auslösen. Ich persönlich halte einen „zu hohen“ männlichen Redeanteil im Zweifel für weniger schlimm als eine eingeschüchterte männliche Teilnehmerminderheit, die sich permanent angegriffen fühlt – so erlebt in manchem Seminar zur Geschlechtergeschichte.

Übrigens sind auf Barcamps nicht nur Frauen, sondern auch die Geisteswissenschaften unterrepräsentiert. Dabei sehe ich sie durchaus nicht nur als Veranstaltung für IT-Experten an. Gerade weil hier auch gesellschaftlich-politische Diskurse geführt werden, halte ich die Beteiligung von Geisteswissenschaftlern und Medienschaffenden für wünschenswert. Diese können nicht nur viel für ihre eigene Arbeit lernen, sondern auch andere Perspektiven einbringen. Keine Sorge: Ein paar Wochen intensives Twittern reichen zweifellos aus, um zu vielen der auf Barcamps diskutierten Themen einen Zugang zu bekommen und ihre Relevanz zu erkennen. Eine ganz andere Frage wäre darüber hinaus, ob nicht die Geisteswissenschaften die Veranstaltungsform „Barcamp“ für sich übernehmen könnten und von der dort praktizierten Diskussions- und Vernetzungskultur lernen könnten.

Autorin: Nina Theofel
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 21.09.2009

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Dirk Schornstein sagt:

    Barcamp Patin

    Sehr guter Artikel, habe ich auch als eher Fremder im Gender-Thema gerne gelesen.
    Ja, ich fand Barcamps für Frauen albern – aus dem einfachen Grund, als niemand auf die Idee käme ein Barcamp für Männer zu organisieren. Für mich sind Barcamps wie das Web: auch dort spielt für mich das Geschlecht keine Rolle. Und das finde ich gut so.

    Ich möchte kurz darauf eingehen, warum ich das Thema Barcamp-Patenschaften nicht auf Frauen fokussiert habe: Das Thema der Barcamp-Patenschaften ist in meinen Augen kein Gender-Thema. Auch unter Männern herrscht eine gewisse „Angst“ sie müßten bei einem Barcamp sofort auf die Bühne (wie auch die Kommentare unter meinem Patenschaft-Post zeigen). Einige Startseiten von Barcamps nähren diese Angst auch noch unnötig und tun sich damit in meinen Augen selbst keinen Gefallen. Auch in unserer Session haben wir gesehen, daß Patenschaft kein reines Frauenthema ist.

    Zudem wäre es mir als Mann sehr schwer gefallen eine Patenschaft nur für Frauen anzubieten ohne im falschen Licht dazustehen. Ich möchte aber ausdrücklich Frauen dazu ermutigen als Barcamp-Patin aufzutreten. Nach der Argumentation des Barcamp für Frauen dürfte es leichter fallen sich einer gleichgeschlechtlichen Patin anzuvertrauen.

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