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Die Anwältin und ihre Zeugin

Von Antje Schrupp

Ein Film über die Arbeitsbedingungen internationaler Kriegsverbrechertribunale

Sturm

Hannah (hinten) ist Anklägerin am Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Sie überredet die Bosnierin Mira zu einer Aussage - was ungeahnte Dynamiken in Gang setzt. (Szenenfoto)

Als einer ihrer Kollegen befördert wird (und nicht sie), muss Hannah Maynard, Anklägerin am Kriegsverbrechertribunal in Den Haag, von ihm einen undankbaren Fall übernehmen, der zudem auch noch schlecht vorbereitet ist: die Beweisführung gegen einen serbischen Kriegsverbrecher. Im Prozess stellt sich heraus, dass der Hauptzeuge der Anklage, ein junger Bosnier, gelogen hat. Maynard hängt sich in den Fall rein, recherchiert vor Ort, treibt eine weitere Zeugin auf und findet heraus, dass es bei all dem noch um viel mehr geht, als ursprünglich gedacht…

Ich will allerdings nicht zuviel von der Handlung verraten. Interessant ist der Film des deutschen Regisseurs Hans-Christian Schmid, weil er zwei klassische Genres – den Gerichtsfilm und den internationalen Polit-Thriller – mit weiblichen Protagonistinnen erzählt und daher neben dem politischen Fokus auch die Geschlechterdifferenz verhandelt: die Frage nach dem Verhältnis von Frauen zu einem männlichen Justizsystem.

Dieses Sub-Thema spielt sich auf mehreren Ebenen ab. Die eine ist die Selbstbehauptung einer erfolgreichen Anwältin auf internationalem Parkett. Hannah Maynards Wunsch, trotz bürokratischer Erbsenhuberei dort etwas zu bewegen, sich von diskriminierenden und latent frauenfeindlichem (aber politisch korrektem) Gehabe der Männer nicht entmutigen zu lassen, sich aber auch nicht anzupassen, steht für eine Erfahrung, die viele erfolgreiche und „emanzipierte“ Frauen teilen.

Hans-Christian Schmid schreibt, ihn hätten „die Widersprüche einer Frau interessiert, für die Pflichterfüllung innerhalb der Institutionen immer oberstes Gebot war und die nun durch ihre Unnachgiebigkeit zur Außenseiterin zu werden droht.“ Aus meiner Sicht war der Fokus noch einmal etwas verschoben: Dass Maynard, eine Frau, im System Den Haag ohnehin eine Außenseiterrolle hat, ist nämlich von Anfang an klar (der Film selbst thematisiert das). Ihre Wandlung ist deshalb eigentlich nicht die von Loyalität zu Dissidenz, sondern die von ihrer Unterordnung unter die Maßstäbe anderer zur eigenen Subjektivität. Hannah Maynard glaubt nämlich zunächst, sie müsse sich selbst die Logik des Systems aneignen (zum Beispiel als Anwältin besonders „gut“ sein), um etwas zu bewegen. Im Lauf der Geschichte lernt sie aber, dass es genau andersherum ist: Erst in dem Moment, wo sie gerade nicht mehr der instrumentellen Logik ihrer männlichen Kollegen folgt, sondern ihrem eigenen Urteil, erst in diesem Moment ist sie wirklich erfolgreich.

Die Folie dafür bildet eine Beziehung zwischen zwei Frauen: Maynard und ihrer Zeugin, der inzwischen in Berlin lebenden Bosnierin Mira. Mira hat, und wie sich herausstellt mit guten Gründen, erst einmal eine große Abneigung dagegen, sich und ihre Lebensgeschichte den Mühlen der internationalen Justiz (und ihren begrenzten Möglichkeiten) auszusetzen. Indem Hannah Maynard sie zu einer Aussage überredet, ist sie gleichzeitig Mira gegenüber eine Verpflichtung eingegangen – und nur diese Bindung gibt ihr letztlich den Mut und das Selbstvertrauen, sich der instrumentellen Logik der Gerichtsbürokratie und der internationalen Diplomatie entgegen zu stellen.

Durch das gewählte Thema – den Krieg in Bosnien, bei dem Massenvergewaltigungen als Waffe eingesetzt wurden – ist diese Beziehung zwischen den beiden Frauen zudem nicht eine nur individuelle. Interessant ist der Film aber auch, weil er den jugoslawischen Bürgerkrieg aus Sicht der bosnischen Opfer noch einmal nahebringt und uns daran erinnert, dass viele von ihnen hier in Deutschland leben. Und wie wenig wir von ihrem Leben oft wissen.

Kinostart in Deutschland ist am 10. September, mehr Informationen auf der Webseite zum Film.

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 02.09.2009

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