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Die mutigen Taten der französischen Ärztin und Antifaschistin Adélaïde Hautval

Von Christiana Puschak

HautvalIm April 1942 wird eine Frau im besetzten Frankreich Zeugin der Misshandlung einer jüdischen Familie durch die deutschen Besatzer. Sie mischt sich ein und bekräftigt, dass „Juden Menschen wie alle anderen“ sind. Dieses mutige Einschreiten wird ihr zum Verhängnis: „Wenn Sie die Juden so gerne verteidigen, können Sie ebenso gut deren Schicksal teilen.“ Als „Juden-Freundin“ wird sie verhaftet, widerruft während eines Verhörs ihre Aussage nicht und trägt aus Protest und Solidarität mit ihren jüdischen Mithäftlingen einen „Judenstern“ aus Papier.

Diese mutige Frau ist Adélaïde Hautval, eine 1906 im Elsass geborene Ärztin und Psychiaterin.

In dem Buch „Medizin gegen die Menschlichkeit“ erfahren die Leserinnen und Leser mehr über Leben und Wirken dieser bemerkenswerten Frau. Vorgestellt wird eine „Person von hohem Charakter“, die in bedrängter Lage menschliche Würde bewahrt, Zivilcourage zeigt, konsequent solidarisch handelt, Vorurteilen die Stirn bietet und gegen Diskriminierungen und Entrechtungen protestiert. Mittelpunkt des Buches ist ein erschütternder Bericht von Adélaïde Hautval über ihre Erlebnisse in den Internierungslagern Pithiviers und Beaune-la-Rolande und in den Konzentrationslagern Auschwitz und Ravensbrück, wo sie als Häftlingsärztin arbeiten musste. Darin schildert sie, wie selbst in den Konzentrationslagern die Juden und Jüdinnen als Parias von den anderen Inhaftierten angesehen wurden, wie „Reichsdeutsche und Volksdeutsche“ im Lager Privilegien gegenüber den anderen Häftlingen hatten, wie jüdische „Kapos“ ihre Macht demonstrierten und andere Juden brutal misshandelten und wie „interessante Exemplare“ für medizinische oder anthropologische Experimente selektiert wurden.

Als SS-Ärzte im Vernichtungslager Auschwitz ihr befehlen, an den Menschenversuchen teilzunehmen, weigert sie sich: „Dr. Wirth … fragte mich nach meinen Motiven, und ich antwortete ihm, dass diese Dinge meinen Prinzipien als Ärztin widersprächen. Er fragte mich: ‚Sie sehen also nicht ein, dass diese Leute anders sind als Sie?’ Darauf antwortete ich, es gebe viele Menschen, die anders seien als ich, und an erster Stelle müsse ich da ihn nennen.“

Statt demütiger Unterwürfigkeit und trotz der Allgegenwart des Todes setzt sie ein Zeichen für Widerständigkeit unter den schlimmsten Bedingungen.

Im Krankenrevier des KZs Ravensbrück, in das sie überstellt wurde, nutzt sie ihre geringen Handlungsspielräume und rettet durch ihr couragiertes Verhalten das Leben vieler Gefangener: „Wenn die SS kam, machte sich jeder kleiner … sie, wenn sie mit der SS sprach, wurde immer größer, sie wuchs förmlich vor denen auf“, ist im Bericht einer Mitgefangenen zu lesen, der im Buch enthalten ist.
Nach der Befreiung, dem Übergang von der Nacht zum Licht, empfindet es Adélaïde Hautval als moralische Verpflichtung einer Überlebenden, sich gegen das Verdrängen, Verharmlosen oder gar Leugnen der Verbrechen wider die Menschlichkeit zu engagieren: „Dass es … heute Menschen gibt, die öffentlich behaupten, es habe keine Gaskammern gegeben, macht mir Sorgen. Für uns Ehemalige ist es wirklich beleidigend.“ Dass sie in Prozessen gegen SS-Ärzte als Zeugin auftritt und bei den Ermittlungen gegen weitere ärztliche NS-Täter hilft, gebietet ihr das Andenken an die Opfer der Medizin ohne Menschlichkeit.

Ihr zu Ehren wird in der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ein Gedenkstein gesetzt und ein Baum gepflanzt sowie in Straßburg eine Straße nach ihr benannt. 1988 wählte sie den Freitod, als sie erste Anzeichen der Alzheimer-Krankheit an sich feststellte.

Mit diesem schmalen Buch, das neben Hautvals Bericht einen biographischen Abriss, ein Nachwort, Berichte von Zeuginnen und eine Auswahlbibliographie enthält, liegt ein großes und beeindruckendes Dokument menschlicher Integrität und Selbstbehauptung vor, das eine starke Frau vor dem Vergessen bewahrt und Zeugnis ablegt von der Möglichkeit, auch unter menschenunwürdigen Bedingungen den aufrechten Gang zu bewahren.

Unsichtbarer Faden, unzerstörbarer Faden

Die eine: Französin, die andere, Deutsche,

Sie haben Nein gesagt.

Sie kannten sich nicht, doch beide

HAUTVAL hier, SCHOLL dort
Nein, haben sie gesagt

Auf beiden Seiten der Grenze,
Und der Rhein weinend in der Mitte.
Mit dem Geist, mit dem Herzen
Haben sie Nein gesagt.

über alle Grenzen hinweg
sagten sie Nein
Penelopen der Freiheit

(Christine da Rui; übersetzt von Lucienne Schmitt, S. 132f.)

Anmerkung

Adélaïde Hautval: Medizin gegen die Menschlichkeit, hrsg. von Florence Hervé und Hermann Unterhinninghofen, Einführung und Nachwort von Anise Postel-Vinay, Karl Dietz Verlag Berlin, 2008, S. 142, 9,90 €

Autorin: Christiana Puschak
Redakteurin: Bettina Bremer
Eingestellt am: 07.09.2009

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Susan-Barbara sagt:

    … quelle vie …

    beim Lesen kommen mir die Tränen … „trop d’emotions“ … wie innerlich aufrichtend und mit ehrlicher
    Bewunderung das Leben dieser Frau auf mich wirkt. Oft frage ich mich, wo denn in meinem Schulunterricht (1965-1975) diese aufrichtigen und mutigen Frauen waren und wie überaus wichtig es gewesen wäre von ihnen zu erfahren; auch habe ich nur wenige im Schulleben meiner Kinder entdeckt. Ich weiß nicht wie der heutige Unterricht in Frankreich, wo ich lebe, damit verfährt. Frage ich Bekannte und Freunde nach Adélaïde Hautval, so kennt sie niemand … werde mein mögliches tun, um dies zu ändern.
    Merci à Christiana Puschak pour ce livre

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