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Rubrik handeln

Ohne die Prothesen der Macht

Von Luisa Muraro

Hier und jetzt: den Sinn der Dinge zutage treten lassen

ViadoganaVorbemerkung von Antje Schrupp: Der folgende Text ist ein Auszug aus einem Artikel von Luisa Muraro in der aktuellen Ausgabe der „Via Dogana“, der Zeitschrift des Mailänder Frauenbuchladens. Sie stellt darin die Frage, warum viele Frauen oft Schwierigkeiten haben, sich in das (politische) Tagesgeschehen einzubringen. Und sie sagt, warum es dennoch wichtig ist, dass sie es tun. Anlass des Artikels waren tagesaktuelle italienische Ereignisse – die Bezüge darauf habe ich bei der Übersetzung weggelassen.

Dinge geschehen, und sie haben einen Sinn. Aber ihr Sinn ist nicht gut sichtbar angebracht wie ein Etikett, sondern die Dinge haben einen Sinn (ich sage jetzt etwas, das sich kompliziert anhört, aber in Wahrheit ganz einfach ist), insofern sie aus Zeichen bestehen, die erst noch gelesen oder entziffert werden müssen.

Als ich Texte aus dem Griechischen übersetzte, hatte ich beim ersten Lesen immer den Eindruck, es gäbe viele mögliche Versionen, die miteinander verheddert sind wie Vipern in ihrem Nest. Das stimmte aber nicht. Auch das Tagesgeschehen ist wie ein Text, der übersetzt werden muss, nur mit dem Unterschied, dass wir selbst, zwischen all den anderen Zeichen, in diesem „Text“ in erster Person anwesend sind. Und das ist ein wunderbarer Anfang, um den Sinn der Dinge zu erfassen, weil, so schwierig das auch sein mag, dieser Sinn uns selbst auf die eine oder andere Weise „durchquert“. Deshalb können wir den Text lesbar machen, indem wir seinen Sinn zutage treten lassen.

Innerhalb eines Textes zu sein und ihn zu entziffern, indem man bei dem anfängt, was einer selbst geschieht, ist riskant und erfordert wahres Selbstvertrauen. Ein Selbstvertrauen, das sich am Realen misst und ohne die Prothesen der Macht auskommt. Nichts anders verstehe ich unter Politik, nämlich: in einem symbolischen Sinn unabhängig von der Macht zu sein.

Viele Frauen können das und tun es auch oft, ich würde sagen, sie können es besser als diejenigen, die versuchen, sich in Machtbeziehungen zurechtzufinden. Das Problem ist, dass wir es dann nicht „schreiben“ können. In dem Moment, wo wir versuchen, es zu „schreiben“ (und damit meine ich: getreulich das zu sagen, was wir wissen, und es in einem jeweiligen Kontext im richtigen Moment einzubringen), geschieht es leicht, dass wir uns zurückziehen oder in Verwirrung geraten. Das habe ich schon oft beobachtet. […]

Wenn eine in dem Moment, wo es ums „Schreiben“ geht, anfängt, die Dinge mit den Augen anderer zu betrachten, multiplizieren sich die möglichen Versionen, und sie selbst kommt in keiner einzigen mehr vor. Es geht dabei nicht nur darum, dass wir selbst etwas gewinnen, sondern darum, dass die Welt gewinnt durch unsere Kompetenz, in erster Person dabei zu sein. …

Jesus hat das (nach dem Johannesevangelium) im Gespräch mit der Samaritanerin kurz und knapp so ausgedrückt: „Die Zeit kommt, und sie ist genau jetzt da.“ Dies verweist all das, was in der Vergangenheit zerstreut ist oder für die Zukunft erwartet wird, ein langes Hoffen und Warten, auf das Hier und Jetzt. Diese Formel gefällt mir, weil sie sich in der Gegenwart verankert, weil sie Verantwortlichkeit weckt, aber mehr noch, weil sie das Sein fördert, indem sie die eigene Person der Gegenwart zur Verfügung stellt: Hier bin ich, hier bin ich anwesend.

Es gibt einen Grat, der einer Kurve in einer Radrennbahn ähnelt: Auf der einen Seite ist die Lust, dabei zu sein und etwas zu zählen, auf der anderen Seite die Unordnung einer Welt, in der man Gefahr läuft, sich zu verlieren. Man bleibt wie beim Fahrradfahren nur bei einer gewissen Geschwindigkeit im Gleichgewicht: einer Geschwindigkeit des Handelns, das die Gelegenheit ergreift, um Machtverhältnisse in freie Beziehungen zu verwandeln, die von Treue geprägt sind, und so einen Faden des Glücks zu erwischen. Das ist immer die Politik der Frauen gewesen, der wir es verdanken, dass wir heute mehr Mittel, Kultur und Bewegungsfreiheit zur Verfügung haben. Wir sollen nicht zulassen, dass es uns nun am nötigen Mut fehlt.

Übersetzt von Antje Schrupp.

Aus: Luisa Muraro: E venuto il momento ed è questo. In: Via Dogana, Rivista di pratica politica, Nr. 90, September 2009.

Autorin: Luisa Muraro
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 26.09.2009

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ruth Luschnat sagt:

    Macht oder Herrschaft ?

    Halö,
    Beim Lesen dieses Textes habe ich zunächst gedacht: die Ansparche ist sehr
    Lehrerinnenmäßig, Diskurse lesen und ananlysieren trauen sich doch wohl mehr Frauen zu als nur ich, oder ?
    Jedenfalls aber muss ich sagen, dass mir bei dem Text auffällt, dass der Machtbegriff unklar ist. Könnte es sein, dass hier statt Macht lieber von Herrschaft gesprochen werden sollte?
    Jedenfalls dann, wenn Frau, wie ich lieber von einem Machtbegriff ausgeht, wie ihn Hannah Arendt geprägt hat:
    Sie hat einen postiven, zumindest aber neuttralen Machtbegriff, im gegensatz zum Herrschaftsbegriff, der hier, wie mir scheint, mit Macht gleichgesetzt wird. Nach Hannah Arend ist Macht ist da, wo Menschen zusammenkommen und wirken, um etwas zu verändern. Im Italienischen ist das Wort Macht
    „potere“ direkt mit dem Werb für können
    gleich, also ist der Diskurs im Italienischen auch immer einer, der parallel den Abwertungsdiskurs an Frauen, nämlich diejenigen zu sein, die etwas „nicht können“ und dafür einen Mann brauchen, verknüpft. In meinen Augen die ganz normative Heterrorismus- Schiene.
    Während im Deutschen Macht direkt an das Verb machen gebunden ist, was das Verständnis von Hannah Arend direkt erklärt: natürlich können Menschen zusammen Macht entfalten, insbesondere im politischen Sinne, und da kommt die klassische Brücke zu Herrschaft, die berechtigte Gegenmacht durch „teile und herrsche!“ zu blokieren trachtet.
    Herrschaft auch, in welcher das Wort Herr nicht zufällig steckt und welche
    heutzutage berechtigter Weise
    herrschaftskritisch zu hinterfragen und meist zu deligitimieren ist, jedenfalls wenn die Macht dahinter nicht demokratisch gewachsen und ebenso dialogisch verankert ist.
    Heutzutage aber haben wir die Verzahnung von Patriarchat und Kapitalismus, welches sehr stark Herrschaftsmuster und Automatismen ausbildet, sodass das „teile und herrsche“ uns als Menschen davon abhält, uns vor der Selbstzerstörung zu bewahren.Sodass die Parole an jeder Wand eigentlich heissen muss: „Demokratie statt Kapitalismus!“
    grußchen !
    Ruth

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