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Rubrik erinnern

„Wo du hin gehst, da will ich auch hin gehen“

Von Karin Hügel

Weibliche Homoerotik und Hebräische Bibel: Das Buch Ruth

Hequis

He Qis Malerei „Ruth and Naomi“, China 2000, stellt die Verbundenheit der beiden Frauen Ruth und Noomi zusammen mit der abgewandten Orpa dar.

Mit dem Buch Ruth findet sich eine Frauengeschichte in der Hebräischen Bibel, welche vor allem durch Ruths Worte der Bindung an Noomi in Ruth 1,16f. Anlass für queere Aneignungen durch lesbische, bisexuelle und polyamore Midraschim und Zeremonien gibt.

Dort heißt es: „Rede mir nicht ein, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Jhwh tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.“

Noomi, „die Liebliche“, hat ihren Mann und ihre zwei Söhne wegen einer Hungersnot in Juda nach Moab begleitet. Dort sterben jedoch die beiden Söhne, nachdem sie moabitische Frauen – Ruth und Orpa – geheiratet haben. Noomi möchte nach dem Ende der Hungersnot wieder nach Betlehem, das „Haus des Brots“, zurückkehren. Sie will von nun an Mara genannt werden, „bittere Frau“, da sie sich in der sozial überaus schwachen Position einer kinderlosen Witwe befindet, und hofft auf ihre Verwandtschaft in Juda.

Auf diesem Rückweg findet der bekannte Dialog zwischen ihr und ihrer Schwiegertochter Ruth statt. Auch Ruth und Orpa sind sprechende Namen: Ruth bedeutet „Freundin“ – sie schließt sich Noomi an und wird deren Freundin. Und Orpa bedeutet „diejenige, die den Nacken zeigt“ das heißt, „die sich [von ihrer Schwiegermutter] abwendet“. Orpa bleibt im Unterschied zu Ruth in Moab.

Als Beispiel einer modernen Illustration dieser biblischen Bindungs- bzw. Abschiedsszene der drei Frauen erwähne ich He Qis Malerei „Ruth and Naomi“ (Abbildung oben rechts) aus China, welche die Verbundenheit der beiden Frauen Ruth und Noomi zusammen mit der abgewandten Orpa darstellt.

Diese Erklärung einer Frau einer anderen Frau gegenüber wurde in der Zwischenzeit allerdings zum Vorbild und zum Ausdruck für die traditionelle heterosexuelle Ehe, was nicht einfach zufällig oder unbegründet ist. LeserInnen mögen aufgrund der gleichen Formulierungen im Buch Ruth und im Buch Genesis den heterosexuellen Ehestand assoziieren: Über Ruth wird gesagt: „… dass du deinen Vater und deine Mutter und dein Geburtsland verlassen hast …“ (Ruth 2,11) und im Buch Genesis steht: „Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen …“ (Gen 2,24a). Von Ruth wird erzählt: „Ruth hängte sich (fest) an sie [Noomi] …“ (Ruth 1,14) und in Genesis steht: „… und seiner Frau (fest) anhangen, und sie werden ein Fleisch sein“ (Gen 2,24b).

Gerade dort, wo eine Frau die Hauptfigur in einem biblischen Text darstellt, die sich durch ihre Treue auszeichnet, ist die Rede von einer Bindung einer Frau an eine andere Frau. Aus damaliger wie heutiger Sicht kann nicht ausgeschlossen werden, dass diese Beziehung erotisch motiviert verstanden wird. Angelika Winterer sieht in ihrem Buch Verkehrte Sexualität – ein umstrittenes Pauluswort allerdings einen absoluten Widerspruch zwischen Ruths vorbildhaftem solidarischem Handeln und einem, welches aus erotischer Attraktivität Noomis resultieren könnte. Eine solche Ansicht teile ich nicht. In der Hebräischen Bibel gibt es auffallenderweise gar kein Verbot, das Sex zwischen Frauen ahndet.

Calderon

Philip Hermogenes Calderon, „Ruth and Naomi“, 1902 gedrucktes Halbtonbild des Gemäldes von 1886

Schließlich wird Ruth in der biblischen Erzählung Boas aufgrund ihrer tragfähigen Beziehung zu ihm, die sie ohne Zutun Noomis aufgebaut hat, zur Versorgung beider Witwen bewegen – durch Lösung und Levirat in einem. So löst Ruth ihren Treueschwur gegenüber Noomi ein. Die Heirat mit Boas ist für Ruth Mittel zum Zweck. Sein Name bedeutet „in ihm ist Macht“. Das Buch Ruth konzentriert sich auf die Anstrengungen und Taten von Frauen, bei denen die männliche Hauptfigur, Boas, auf die Strategie reduziert ist, das Wohlergehen der wagemutigen Beziehung der Frauen zu sichern.

Noomi hat an Ruth gelernt, dass weibliche Gemeinschaft tragfähiger ist, ja mehr wert ist, als eigene Söhne oder männliche Verwandte: „Denn deine Schwiegertochter [Ruth], die dich [Noomi] geliebt [Hervorhebung durch die Autorin]hat, hat ihn [Obed] geboren, welcher dir mehr wert ist als sieben Söhne“ (Ruth 4,15). An dieser Stelle wird das Wort „lieben“ im Zusammenhang der Frauenbeziehung genannt.

Es liegt an der interpretatorischen Linse bestimmter LeserInnen, dass ihnen erotische Beziehungen zwischen Ruth, Noomi und Boas als unplausibel erscheinen, weil sie sich diese Erfahrungen, die aus sexuellen Beziehungen zu Männern und Frauen bestehen, schwerlich vorstellen können. Innerhalb der queeren Theoriebildung fand inzwischen der Bruch mit der hetero/homo-Dichotomie statt. Damit vertraute Personen sind vielleicht eher befähigt, dem biblischen Text zuzugestehen, seine Behauptungen ohne übermäßige Einmischung von modernen interpretierenden Kategorien zu treffen. Wäre es nicht möglich, eine Wahl zwischen der Ruth-Noomi Dyade und der von Ruth-Boas abzulehnen und statt dessen „glücklich in einem ewig unbeständigen Dreieck“ zu leben, wie es die Bibelwissenschaftlerin J. Cheryl Exum im Beitrag „Is This Naomi?“ ihres Buchs Plotted, Shot, and Painted. Cultural Representations of Biblical Women formuliert hat?

Mit ihr weise ich außerdem auf das Verschwimmen von sexuell definierten Rollen im Buch Ruth hin. Interessant ist an einem Gemälde Philip Hermogenes Calderons (Abbildung oben links) die widersprüchliche Identifikation des abgebildeten Paars. Stellt dies die Abschiedsszene der drei Frauen und Ruths Schwur dar, wo Noomi sie umarmt und Orpa daneben steht und sich in diesem Fall nicht abwendet? Ohne Titelangaben halten die meisten BetrachterInnen das Paar jedoch für einen Mann und eine Frau (Boas und Ruth).

Das Buch Ruth ist auch eine Gegengeschichte zur Tora, nämlich Deut 23,4f. (durch Kursivierung habe ich die Worte gekennzeichnet, welche sowohl in Deut 23,4f. als auch in Neh 13,1f. vorkommen.): „Ein Ammoniter und ein Moabiter darf nicht in die Versammlung Jhwhs kommen! Auch das zehnte Geschlecht von ihnen komme nicht in die Versammlung Jhwhs auf ewig! Und zwar deswegen, weil sie euch nicht mit Brot und Wasser entgegenkamen auf dem Weg, als ihr aus Ägypten auszogt.“

Das Buch Ruth stellt eine Halacha, eine Auslegung des Gesetzes dar, wobei eine Moabiterin nicht nur in Juda aufgenommen wird, sondern sogar im Stammbaum Davids geduldet wird. Dieses Buch kann als ein biblisches Modell für die Zulassung einer Ehe gelten – der Mischehe zwischen der Moabiterin Ruth und dem Judäer Boas -, welche explizit von einem biblischen Gesetz, nämlich dem Gemeindegesetz des Deuteronomiums, verboten erscheint. Analog dazu könnte die Einführung neuer Gesetze für diverse queere Personen heute als positiv gesellschaftsverändernd betrachtet werden.

Zum Weiterlesen

Karin Hügel: „Homoerotik und Hebräische Bibel“, genaue Literaturangaben auf der Autorinnenseite.

Bildnachweise

Autorin: Karin Hügel
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 14.09.2009

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