beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik anschauen

Das Trauma der Tochter

Von Antje Schrupp

tetaIn ihrem Dorf heißt ihre Krankheit „verängstigte Brust“. „La teta asustada“ ist der Originaltitel dieses Filmes der peruanischen Regisseurin Claudia Llosa, die auch das Drehbuch geschrieben hat. Ihre Geschichte einer Frau, die das Trauma ihrer Mutter in sich trägt, die während der Schwangerschaft von Terroristen vergewaltigt wurde, ist kaum zu ertragen. Und dennoch ist dieser Film sensationell gut.

Fausta, die ursprünglich vom Dorf kommt, lebt inzwischen in einem ärmlichen Vorortviertel der Hauptstadt Lima. Nach dem Tod ihrer Mutter versucht sie, genug Geld zu verdienen, um die Leiche zurück in ihr Dorf zu bringen und dort zu beerdigen. Dafür arbeitet sie als Hausangestellte bei einer reichen Pianistin.

Doch das ist nur die Rahmenhandlung. Denn Fausta ist psychisch krank. Sie leidet eben an der „verängstigten Brust“ – allein, dass es für ihren Zustand einen Namen gibt, verweist auf die Fähigkeit, dieses Schicksal nicht als Einzelfall, sondern als kollektives Leiden zu begreifen. In der Stadt jedoch gilt sie als schlicht verrückt: So eine Krankheit gibt es nicht, sagt der Arzt, das ist nur dummer, ländlicher Aberglaube.

In ihrem Aktionsradius ist Fausta extrem eingeschränkt: Sie kann nicht ohne Begleitung durch die Stadt gehen, sie spricht fast nie, sie hat Angst vor Männern und kann sie nicht berühren. Das harte, bisweilen oberflächliche, aber sozial eingebundene Leben der übrigen Familie zieht wie ein Schleier an ihr vorbei, sie schaut nur zu. Nicht nur die Krankheit, auch die Armut und die sozialen Ungerechtigkeiten schränken ihre Handlungsmöglichkeiten ein. Und dennoch gelingt es Claudia Llosa zusammen mit der Kamerafrau Natasha Braier, Faustas Geschichte nicht als Opfergeschichte zu erzählen. Fausta bleibt den ganzen Film über die Handelnde, das Subjekt.

Die nichts beschönigende und dennoch nicht voyeuristische Erzählweise des Films schockiert. Faustas Verängstigung überträgt sich auf die Zuschauerin, hinterlässt sie sprachlos. Das ist vielleicht unerbittlich, aber anders wäre es wohl nicht möglich gewesen. Völlig zu Recht hat der Film bei der Berlinale 2009 den Goldenen Bären gewonnen. Wer immer sich zutraut, sich einem solchen Film auszusetzen, sollte ihn sich anschauen. Ein Genuss ist das sicher nicht. Aber richtig gutes Kino.

Der Film kommt in Deutschland unter dem Titel „Faustas Erwachen“ oder auch „Eine Perle Ewigkeit“ am 5. November ins Kino.

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 18.10.2009

Weiterdenken