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Der Mythos vom „Wirtschaftsversteher“

Von Andrea Günter

Wirtschaftsversteher

Der Mythos vom "Wirtschaftsversteher" bröckelt. Foto: Barbara Strojna/fotolia.com

Am Wahlabend saß ich im Zug zwei Männern gegenüber, die sich kannten, zusammen vom Wochenende an den gemeinsamen Arbeitsplatz fuhren, und deren Alter ich auf Ende Zwanzig schätze. Sie tauschten sich kurz über ihre Wahlentscheidung aus, der eine hatte SPD gewählt, der andere FDP. Ihre deutlich verschiedene politische Positionierung diskutierten sie nicht. Der FDP-Wähler erzählte allerdings kurz von der Arbeitslosigkeit seiner Mutter, die aus Gesundheitsgründen den alten Arbeitsplatz aufgeben musste, ein Jahr lang vom Arbeitgeber bezahlt werden musste, dann eine Umschulung machte und deshalb nie als Arbeitslose in der Statistik erschien. Ob er es gut fand, dass seine Mutter einen solchen Arbeitnehmerschutz in Anspruch nehmen konnte und durch die Fortbildungsmaßnahme wieder eine Arbeit fand, lies sich seinen Worten nicht entnehmen. Sein Wahlverhalten deutet jedoch darauf hin, dass er das eigentlich ablehnt und abschaffen will. Oder wusste er nicht, was er da wählte? Gab es andere Gründe, die FDP zu wählen, die nichts mit den konkreten Programmpunkten dieser Partei zu tun haben? Die beiden Männer waren nach dieser Erzählung schnell einmütig: „Solche Zeiten brauchen Leute, die etwas von Wirtschaft verstehen.“ Damit war ihr Gespräch über die Politik beendet.

„Solche Zeiten brauchen Leute, die etwas von Wirtschaft verstehen.“ Der Satz irritierte mich. Zuerst, weil ich ihn der Generation meiner Eltern zurechne und nicht erwartet hatte, ihn von Männern zu hören, die deutlich jünger sind als ich. Doch als ich darüber nachdachte, nahm meine Irritation energisch zu. Solche Zeiten brauchen Leute, die etwas von Wirtschaft verstehen? Verdanken wir diese „solchen Zeiten“ denn nicht gerade „solchen“ Leuten, die etwas von Wirtschaft verstehen?

Wirtschaft verstehen ist nicht gleich Wirtschaft verstehen – das könnte heutzutage eigentlich jedem und jeder klar sein. Zwanzig Prozent Gewinnmargen ausrufen kann nur einer, der nichts von Wirtschaft versteht. Was solche Ideen von „Wirtschaftsverstehern“ anrichten und weiterhin anrichten werden – wollen wir überhaupt etwas darüber wissen, was „Wirtschaftsversteher“ denken und tun? Vertrauen wir solchen weiterhin, wie es Kanzlerin Merkel anfangs der Wirtschaftskrise tun wollte, als sie diejenigen, die die Krise verbrochen hatten, zu Beratern erheben wollte, die die Wirtschaft retten sollten?

Gerade heute stellt sich die Frage: Was eigentlich versteht ein etablierter Wirtschaftsversteher von Wirtschaft? Die formale und klischeehafte Huldigung der Wirtschaftskompetenz, wie sie seit fast einem halben Jahrhundert CDU und FDP gezollt wird, scheint trotz allem ungebrochen fortzuwirken. Zwar mag einer und eine auch in anderen Parteien inzwischen „Wirtschaftsversteher“ finden. Aber der Satz „Solche Zeiten brauchen Leute, die etwas von Wirtschaft verstehen“ hat seine grundsätzliche Bedeutung und alte Wirksamkeit nicht eingebüßt.

Brauchen wir heute wirklich Leute, die etwas von Wirtschaft verstehen? Welch unmündige Delegation! Mündigkeit würde heißen, selbst beurteilen zu können, wer etwas von Wirtschaft versteht, also die eigene (!) Wirtschaftskompetenz nicht herunterzuspielen. Mündigkeit bedeutet, eigene Kriterien zu haben für das, was wir uns unter einer guten Ökonomie vorstellen.

Ist die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit denn etwa kein Wirtschaftskonzept? Nur weil sie eine ethische Größe als soziale benennt, keine neuökonomisch wirtschaftlichen Vokabeln benutzt? Warum kann die Frage der Gerechtigkeit nicht als ökonomische Frage erkannt werden?

Die Gegenüberstellung von Wirtschaftskompetenz einerseits und sozialer Kompetenz andererseits bestätigten am Montag nach den Wahlen die Umfrageergebnisse der ARD. Während die Kompetenz dafür, Wachstum zu sichern und Arbeitsplätze zu schaffen, der CDU-FDP-Koalition zugesprochen wird, wird die Kompetenz dafür, die Renten zu sichern und für soziale Gerechtigkeit zu sorgen, denen zugerechnet, die nunmehr zum so genannten linken Flügel gezählt werden. Welch ironische Situation. Wenn es Unmündigkeit gibt, die der Aufklärung bedarf, dann diejenige zum Mythos der Wirtschaftskompetenz.

Die Ironie liegt aber noch andernorts. Eigentlich müssten wir einsehen, dass wir gerade keine Leute mehr brauchen, die etwas von Wirtschaft verstehen! Wer darauf pocht, dass er – oder sie – im Unterschied zu anderen ganz besonders etwas von Wirtschaft versteht, macht sich zunehmend verdächtig. In fast allen Disziplinen haben wir bereits die Grenzen menschlicher Erkenntnis diskutiert und akzeptieren sie. Nun wird es Zeit, dass das auch für die Wirtschaft gilt. Vertrauenswürdig sind diejenigen, die deutlich machen, dass sie einiges verstehen, aber nicht alles. Dass dies die angemessene Haltung gegenüber der Wirtschaft wäre, lehren uns gerade auch die Bänker, die Anlagen verkauft und sie nicht verstanden haben. Sie durften nämlich nichts über ihre Unkenntnis, ihr Nichtverstehen, ihr Unverständnis sagen.

Wir haben erfahren, wie es ist, wenn Menschen „Wirtschaft“ machen und wir ihnen vertrauen, ohne dass sie selbst sie verstehen und zu ihrem immer nur unzureichenden Verständnis stehen. Mir ist ein Wirtschafter lieber, der sich zu seinem Halbverständnis bekennt und deshalb weiß, dass er vorsichtig, misstrauisch, zurückhaltend sein, Wirtschaftsfolgeabschätzung betreiben, Alarmglocken und Warnsysteme einrichten muss. Die  Kriterien und Rahmenbedingungen hierfür sind nicht von irgendwelchen „Wirtschaftsverstehern“ einzurichten, sondern von allen politisch und demokratisch zu entwickeln.

Nachtrag

Am 13.  Oktober wurde verkündet, wer den Nobelpreis für Ökonomie bekommt. Im Vorfeld war bereits darüber spekuliert worden, im Gespräch war unter anderem Eugene Fama, der „Hohepriester“ effizienter Märkte. Doch offenbar hat das Komitee, das den Preis vergibt, inzwischen andere Kriterien dafür entwickelt, was jemand berücksichtigen muss, um Wirtschaft zu verstehen.

Mit Elinor Ostrom und Oliver Williamson werden eine Frau und ein Mann mit dem Wirtschafts-Nobelpreis ausgezeichnet, deren Untersuchungen belegen, dass nachhaltige, gerechte und effiziente Lösungen in wirtschaftlichen Bereichen gerade jenseits der Polarisierung von reinem Markt und staatlicher Überwachung gefunden werden. Beide sind nicht idealen Konstrukten und ökonomischen Lieblingsideen – „Schulen“ – verpflichtet, sondern sie untersuchen das tatsächliche wirtschaftliche Handeln von Menschen, das sich auch tatsächlich als nachhaltig, gerecht und effizient erweist. Statt Ideen und Schulen also Realitätsprüfung. Das Wirtschafts-Nobelpreis-Komitee hat neue Kriterien fürs Wirtschaftsverstehen aufgestellt. Ob dies auch von der Bevölkerung wahrgenommen und aufgegriffen wird, werden wieder die Gespräche zu den nächsten Bundestagswahlen zeigen.

Muss man in diesem Zusammenhang nun eigens betonen, dass endlich eine Frau – die erste – den Wirtschafts-Nobelpreis erhalten hat? Ich denke, nein und ja. Frausein allein ist kein Programm. Es bleibt die besondere Kombination von Frau und Programm, die preiswürdig ist. Elinor Ostrom hat ein „Programm“, eines, das andere wie ihr Mitgewinner im Ansatz teilen, zum Glück, und das zugleich speziell und die Leistung ihrer Person bleibt. Herzlichen Glückwunsch!

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Autorin: Andrea Günter
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 13.10.2009

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