beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik denken

Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn

Von Astrid Wehmeyer

10 Jahre Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik

Astrid Wehmeyer

Astrid Wehmeyer bei ihrem Vortrag zum Jubiläum der Flugschrift. Foto: Juliane Brumberg

Im Rahmen einer kleinen Tagung, die die Redaktion von bzw-weiterdenken  organisisert hatte, stellten die anwesenden Mitdenkerinnen die Frage nach dem „Sichtbar und einflussreich (werden), ohne sich anzupassen„. Und feierten 10 Jahre Flugschrift und 20 Jahre „Wie weibliche Freiheit entsteht“, das Standardwerk aus dem Mailänder Frauenbuchladen. In ihrem Eröffnungsvortrag verbindet Astrid Wehmeyer diese beiden Anlässe und Gedanken und offeriert ein erweitertes Wirkungsverständnis.

Vor 10 Jahren haben die Autorinnen Ulrike Wagener, Dorothee Markert, Antje Schrupp und Andrea Günter in 17 Punkten zusammengefasst, was die neue Frauenbewegung und ein Feminismus, der inspiriert ist von den Ideen des Affidamento und der Differenzlehre der italienischen Philosophinnengemeinschaft Diotima an Ideen und Gedanken, Positionen und Vorschlägen in die Welt gebracht haben, um die bestehende so zu verändern, dass ein gutes Leben für alle Menschen vorstellbar und möglich wird.

Ein verändertes Verhältnis der Geschlechter verändert die Welt

Ausgehend von dem Gedanken, dass eine Veränderung des Verhältnisses der Geschlechter zueinander und zur Welt die Grundlagen der menschlichen Kultur als Ganzes – die ja auf Zweiteilung und Hierarchisierung derselben aufgebaut ist – dahingehend transformieren würde, dass die tatsächlich existierende Vielheit Geltung gewinnen würde, haben die Autorinnen mit diesem an sich simplen Wurf schon einmal gleich zu Beginn ihrer Denkschrift eines bedeutsam klargestellt: Feminismus ist mehr als die Frage der Gleichheit und die Suche nach Gleichberechtigung der Geschlechter.

Die 17 Punkte umfassen von daher nahezu alle Bereiche menschlichen Lebens und Zusammenlebens – von der grundlegenden symbolischen Ordnung über die Frage nach der Bedeutung von Gebürtigkeit und Mutterschaft, von Ökonomie über Politik bis hin zum kollektiven Imaginären und dem Verhältnis des Noch-Kommenden zum Seienden. So findet sich auf nicht mal 50 Seiten eine hochkomplexe Analyse der bestehenden Verhältnisse – und eine richtungsweisende Kultur- und Gedankenkorrektur, die Frauen bis heute in ihrem Denken inspiriert und motiviert.

Eine neue Ordnung der Beziehungen

Dabei ist es vor allem der Paradigmenwechsel, den die Autorinnen auf der Basis ihrer Vordenkerinnen vornehmen, der in seiner bestechenden Einfachheit wie alle richtigen und wichtigen Gedanken den Horizont fürs Neu- und Weiterdenken öffnet:

Indem sie – an wenigen, aber sehr aussagekräftigen Beispielen wie der Gebürtigkeit jedes biologischen Wesens  entlang – nachweisen, dass der Mensch – ob Frau oder Mann – mitnichten das unabhängige, scheinautonome und losgelöst agierende Individuum ist, als welches er oder sie im Zuge eines mechanistischen und neoliberal-kapitalistischen Patriarchats vorgestellt wurden, sondern ein lebenslang in Beziehungen eingewobenes, von diesen abhängendes und in diesen agierendes Wesen inmitten anderer Wesen führen sie ein grundlegend anderes Ordnungsgefüge in das Nachdenken und Verstehen menschlicher Gemeinschaft ein.

Und entwickeln von diesem veränderten Paradigma des Menschen als Beziehungswesen aus einen Entwurf einer menschlichen Kultur des Zusammenwirkens, welches auf der Anerkennung von Abhängigkeiten einerseits und der Notwendigkeit der Verhandlung vielfältiger, nebeneinander existierender Lebensentwürfe andererseits aufbaut.

Auch 10 Jahre später mehr als aktuell – und wirksam

Auch heute noch, 10 Jahre nach der Herausgabe dieser Flugschrift haben die von den Autorinnen gefundenen Anregungen natürlich nicht an Bedeutung verloren. Wie könnten sie auch – hat sich doch an der Grundannahme nichts geändert: Auch im „ausgehenden“ Patriarchat bleiben wir Beziehungswesen. Denn tatsächlich ist dies eine unserer biologischen Grundvoraussetzungen, die kulturell nicht überwunden, sondern nur gestaltet werden können.

Die Frage bleibt jedoch: Wo und wie haben die Vorschläge der vier Autorinnen innerhalb der letzten Jahre Geltung gewonnen? Haben sie Einfluss genommen auf 10 Jahre Kulturschaffen? Und ist diese Kultur heute dem So-Sein des Menschen näher als noch vor 10 Jahren? Und wenn nicht – liegt es daran, dass diese Gedanken und Vorschläge wirkungslos geblieben sind, oder sind die Ursachen andernorts zu finden?

Dabei ist zu berücksichtigen, dass 10 Jahre natürlich „gar nichts“ sind: Zwar erleben wir heute allenthalben eine ungeheure Beschleunigung vor allem in den durch Technologien beherrschten Lebensbereichen, aber auf der anderen Seite steht eben auch die Erkenntnis, dass es gerade die grundlegenden Veränderungen sind, die sich oft schleichend und lange Zeit scheinbar unbemerkbar vollziehen.

Um also der Frage nach dem Einfluss und Wirken wirklich gerecht zu werden, bedarf es schon eines sehr genauen Hinschauens – und natürlich wieder die Bedeutung dessen, wohin und worauf wir schauen.

Wirksamkeit verstehen jenseits quantitativer Faktoren

Dass sich diese Frage zum Beispiel nicht beantworten lässt anhand der rein statistischen Beurteilung der Partizipation von Frauen an den Herrschaftsfunktionen des Patriarchats haben die Autorinnen und ihre Vordenkerinnen ja schon zur Voraussetzung ihres Denkens gemacht: Nur, weil heute mehr Frauen „mitspielen“ dürfen, ist noch nicht erreicht, was die Autorinnen als das Begehren der Frauen definieren, dem sie Welt verändernde Kraft zusprechen: Ein gutes Leben zu gestalten für sich und alle Menschen.

Tatsächlich erfahren viele Frauen heute, dass die Gestaltungsspielräume, die oft mit Herrschaftsfunktionen gleichgesetzt werden doch viel geringer sind als ursprünglich angenommen. Was aber schnell wieder als weibliche Unfähigkeit interpretiert werden könnte, an den „Notwendigkeiten“ mitzuwirken, ist mehr als das: Denn Frauen stellen nicht nur für sich den Sinn und Unsinn vermeintlicher Karrierewege in Frage, sondern haben allgemein dazu beigetragen, das Unwohlsein an einer Herrschaftskultur in diese einfließen zu lassen.

An diesem Beispiel wird deutlich, dass eine simple Außenbetrachtung nicht weiterhilft bei der Frage nach der Wirksamkeit der Frauen in der Welt. Denn gerade weil Frauen ja in Beziehungsgefügen wirken, entfaltet sich das Wirken der Frauen wellenartig durch diese hindurch – und nicht linear von Oben nach Unten, wie wir es gewohnt sind anzunehmen von Wirksamkeitswünschen, die eigentlich Allmachtsphantasien einer auf Herrschaft beruhenden Gesellschaftsstruktur sind.

Wenn wir also heute die Frage nach dem Einfluss feministischer Gedanken in die Welt fragen, dann können wir natürlich im Sinne der auf den Gedanken der „Gleichberechtigung“ aufbauenden Strukturen eine quantitative Analyse vornehmen: Wir können feststellen, dass mehr Frauen in höheren Positionen arbeiten, dass mehr Frauen Einfluss nehmen indem sie öffentliche Positionen bekleiden, dass mehr Frauen ihre nun verbrieften Rechte einklagen – ebenso wie wir feststellen können, dass mehr Frauen schon wieder weniger für die gleiche Arbeit verdienen, dass überhaupt mehr Frauen arbeitslos sind, dass mehr Frauen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie unvereinbar finden und das mehr – vor allem junge Frauen – sich wieder auf alte Beziehungsmuster einlassen, weil für immer mehr Frauen die Welt ein unheimeliger Ort wird.

Freiheit ohne Sinn macht unfrei

Dorothee Markert

Dorothee Markert (zweite von rechts), eine der Autorinnen der Flugschrift. Foto: Juliane Brumberg

Rein quantitativ – oder objektiv – betrachtet, können wir also mit Fug und Recht behaupten, dass die „Gleichberechtigung“ für Frauen ebensoviel bewegt wie verunmöglicht hat. Und vielleicht ist das der Grund, warum sich so viele Frauen heute enttäuscht von der Frauenbewegung ab- oder sich ihr gar nicht erst zuwenden:

Denn die „Gleichberechtigung“ hat die Freiheit der Frauen nicht wirklich vergrößert. Aus dem ganz einfachen Grund, weil sie den Sinn, den ja die Autorinnen der Flugschrift der Freiheit zur Seite gestellt haben – nicht deutlich machen konnte: Das, was Frauen wollen jenseits der Frage, welche Hürden ihnen dabei in den Weg gelegt sind, ist nämlich ausgeklammert.

Antje Schrupp war es, die in einem ihrer Texte darauf hinwies, dass es eben noch nie die „in den Weg gelegten Hindernisse“, also die Sonderberechtigungen, die Ausschlüsse und Vorurteile waren, die Frauen wirklich davon abgehalten haben, ihre Freiheit zu wollen und zu suchen und ihrem persönlichen Leben Sinn und ihren Beziehungen Bedeutung zu verleihen. Wenn das nämlich so wäre, gäbe es uns heute nicht.

„Gleichberechtigung“ in dem Sinne, wie wir sie kennen, schafft also lediglich einen institutionell gesteuerten Freiraum, den sich Frauen immer schon auch selbst geschaffen haben. Freier auch, als er heute ist, da die Weigerung, diesen nun endlich einmal zur Verfügung gestellten Freiraum denn auch ordnungsgemäß zu nutzen für Frauen gleich auch schon wieder mit Sanktionen belegt ist, wie es am neuen Unterhaltsrecht oder an Hartz IV zu sehen ist.

Bloßer Freiraum alleine reicht aber nicht aus, um weibliches Begehren und Weltenwünschen in eine Kultur einzubetten. Freiraum ohne Paradigmenwechsel ist Freibeuterraum, wie es die Autorinnen an anderer Stelle vielfach belegt haben.

Weibliche Freiheit ist Vielfalt, die Vermittlung braucht

In ihrem Buch „Weit über die Frauenbewegung hinaus …“ macht Ina Prätorius auch klar, woran es mangelt bis heute: Der Zwang zur „einfachen Zweiheit“, also die Teilung der Welt in Gegensatzpaare, von ihr Ehepaare genannt, die auch noch übereinander statt nebeneinander angeordnet sind, macht es Frauen nahezu unmöglich, ihr Begehren in das bestehende System hinein zu kommunizieren. Denn weibliches Wollen, weibliches Begehren ist auf Vielheit, auf Differenz und auf Gleich-Gültigkeit angelegt.

Die Komplexität weiblicher Lebensentwürfe lässt sich nicht hinein-übersetzen in ein Herrschaftsgefüge, das Vielheit fürchtet. Deshalb ist es auch nahezu – nicht vollkommen – beliebig, dass die Bundeskanzlerin eine Frau ist: Weibliches Weltbegehren lässt sich schlecht substituieren und noch viel schlechter repräsentieren, es ließe sich lediglich vermitteln, dort, wo die Vermittlungsstrukturen geeignet sind.

In der „großen Politik“ und auf den „globalen Märkten“ scheint das wohl eher nicht der Fall zu sein. In regionalen Tauschbörsen und Kommunalparlamenten schon eher – ein untrügliches Zeichen hierfür ist die hohe Präsenz von Frauen an diesen Orten, die nach Antje Schrupp „wohl interessanter sind“.

Die Frauen krempeln die Welt um – langsam, aber gewaltig

Frauen sind also wirksam – und die Gedanken eines Differenzfeminismus haben Einfluss genommen – wenn vielleicht ganz anders, als sich das die Urheberinnen einmal erwartet haben. Meiner Ansicht nach könne wir sogar noch weitergehen und sagen: Die Frauen krempeln gerade die Welt um. Und zwar gerade dadurch, dass sie sich im großen Stil zurückziehen. Nämlich nicht von der Welt, sondern lediglich von den Schauplätzen, die wir in unserer patriarchalen Verblendung für diese halten.
Denn die „wirkliche“ Politik wird immer noch zu Hause gemacht. Der alte Satz: „Das Private ist politisch“ – ist wohl nirgends so deutlich belegt worden wie heute. Die Einflussnahme von Frauen ist sehr unspektakulär, aber umso wirkungsvoller. In dem sie zum Beispiel in ihrem Umfeld deutlich machen, dass selbst die exorbitantesten Versprechungen einer Industrie bedeutungslos werden können, wenn sie nicht mit dem wirklichen Wünschen und Wollen einhergehen. Welche weiß schon, welche Auswirkungen es hat, wenn immer mehr Mütter sich gegen eine Karriere entscheiden – nicht, weil sie nicht könnten, sondern weil sie nicht wollen? Welche Frau bewegt mehr Freiheit: Die, die sich öffentlich zur Unfreiheit befreien lässt – oder diejenige, die frei wählt? Ich möchte es wagen, diese Wette einmal offen zu lassen …

Wirksam werden, indem wir das Unwirksame verlassen

Was aber ist mit der „großen Politik“ und den „globalen Märkten“? Sollen wir diese den Männern überlassen und den wenigen Frauen, die sich hier mit tummeln?
In ihrem Text „Verfluchen, beten, nicht fragen“ formuliert Annarosa Buttarelli den Gedanken, dass, was wir überwinden wollen, nicht weiter mit Energien, auch reformerischen, zu nähren, sondern „zu Tode zu begleiten“, d.h. wenn überhaupt in irgend einer Weise eingreifend, diejenigen Impulse zu verstärken, die das Ableben des Ungewünschten begünstigen.
Wenn diese Überlegung richtig ist, ist es nur zwangsläufig, dass das Ziel eines auf das „gute Leben aller“ gerichteten Ordnungssystems, wie ich den Differenzfeminismus einmal anders nennen möchte , nicht dasjenige sein kann, mehr und mehr Frauen zu motivieren, sich an den vermeintlichen Schaltstellen eines auf Herrschaft ausgerichteten Systems abzuarbeiten.
Die Gedanken weiblicher Freiheit und Sinnsuche sind in der Welt, und sie sind in dieser wirksam – in den Beziehungssystemen, in denen Frauen mit Frauen und Kindern und Männern leben. Was es heute braucht, ist keine Forcierung deren Wirksamkeit, so meine ich, denn das wäre eine falsche Huldigung eines patriarchalen Wirkverständnis, das auf reine Äußerlichkeiten setzt. Frauen benötigen keine weiteren Rechte, sie brauchen Mittel, ihren Reich-Tum mit weniger Hürden in die menschlichen Beziehungsgefüge ein zu bringen.

Hinzug an die Orte von wirklichem Interesse

Der Rückzug der Frauen ist nur ein vermeintlicher, in Wirklichkeit ist er ein Hinzug zu den Orten von echter Relevanz. Jetzt ist es wichtig, Instrumentarien zu ersinnen, die diesen Hinzug vervielfältigen, damit er nicht Isolation bedeutet. Das Internet mit seinen vielfältigen Möglichkeiten könnte hier ein wichtiges Element sein.
Ein gutes Beispiel hierfür ist die Aktion der Brandenburgerin Susanne Wiest, die mit ihrer Petition für das bedingungslose Grundeinkommen an den deutschen Bundestag hunderttausende Menschen mobilisieren konnte: Innerhalb von Tagen hatte sich dieses Anliegen über das Internet verbreitet und eine noch nie da gewesene Mehrheit zusammengetragen, so dass der Bundestagsserver für Tage zusammen brach.
Diese Aktion zeigte aber auch sehr detailliert, woran es mangelt: Denn obwohl schlussendlich fast 3 Millionen Menschen diese Petition gezeichnet haben, fand das Ergebnis keinen Einfluss in unsere „große Politik“. Nicht, weil es an Vermittlerinnen fehlte – Susanne Wiest zieht demnächst als Direktkandidatin in den Deutschen Bundestag ein – sondern weil die Vermittlungsinstrumentarien ungeeignet sind. Und so wird vielleicht die direkte Demokratie mit Volksentscheiden und Internetabstimmungen eine der nächsten Arbeitsfelder der Frauenbewegung …

Freiheit ist auch die Freiheit, einmal eingeschlagene Wege wieder zu verlassen

Die Forderungen, der Flugschrift sind heute so aktuelle wie vor 10 Jahren. Und – es geht ums Weiterdenken, denn vielfach hat die Wirklichkeit die Utopie schon eingeholt, und nicht immer in der besten aller möglichen Formen. Frauen heute bringen ihr Begehren in die Welt, und das ist von seiner Natur her eben vielfältig und enthält auch die Möglichkeit, sich gegen einmal antizipierte Freiheiten zu entscheiden. Freiheit, wirkliche Freiheit muss das alles beinhalten.
Wenn wir heute also über Freiheit und Sinn nachdenken, dann müssen wir diese Begriffe und unsere Vorstellungen davon vervielfachen – und über Instrumentarien nachdenken, die Freiraum schaffen für die Vielheit weiblicher, menschlicher Lebensentwürfe. Instrumentarien, die den Grundbedürfnissen des Menschen Rechnung tragen – und die Zukunft verfahrensoffen halten, damit das Nach- und Weiterdenken möglich bleibt.

Vor 10 Jahren haben die Autorinnen Ulrike Wagener, Dorothee Markert, Antje Schrupp und Andrea Günter in 17 Punkten zusammengefasst, was die neue Frauenbewegung und ein Feminismus, der inspiriert ist von den Ideen des Affidamento und der Differenzlehre der italienischen Philosophinnengemeinschaft diotima an Ideen und Gedanken, Positionen und Vorschlägen in die Welt gebracht haben, um die bestehende so zu verändern, dass ein gutes Leben für alle Menschen  vorstellbar und möglich wird.

Ein verändertes Verhältnis der Geschlechter verändert die Welt

Ausgehend von dem Gedanken, dass eine Veränderung des Verhältnisses der Geschlechter zueinander und zur Welt die Grundlagen der menschlichen Kultur als Ganzes – die ja auf Zweiteilung und Hierarchisierung derselben aufgebaut ist – dahingehend transformieren würde, dass die tatsächlich existierende Vielheit Geltung gewinnen würde, haben die Autorinnen mit diesem an sich simplen Wurf schon einmal gleich zu Beginn ihrer Denkschrift eines bedeutsam klargestellt: Feminismus ist mehr als die Frage der Gleichheit und die Suche nach Gleichberechtigung der Geschlechter.

Die 17 Punkte umfassen von daher nahezu alle Bereiche menschlichen Lebens und Zusammenlebens  – von der grundlegenden symbolischen Ordnung über die Frage nach der Bedeutung von Gebürtigkeit und Mutterschaft, von Ökonomie über Politik bis hin zum kollektiven Imaginären und dem Verhältnis des Noch-Kommenden zum Seienden. So findet sich auf nicht mal 50 Seiten eine hochkomplexe Analyse der bestehenden Verhältnisse – und eine richtungsweisende Kultur- und Gedankenkorrektur, die Frauen bis heute in ihrem Denken inspiriert und motiviert.

Eine neue Ordnung der Beziehungen

Dabei ist es vor allem der Paradigmenwechsel, den die Autorinnen auf der Basis ihrer Vordenkerinnen vornehmen, der in seiner bestechenden Einfachheit wie alle richtigen und wichtigen Gedanken den Horizont fürs Neu- und Weiterdenken öffnet:

Indem sie – an wenigen, aber sehr aussagekräftigen Beispielen wie der Gebürtigkeit jedes biologischen Wesens  entlang – nachweisen, dass der Mensch – ob Frau oder Mann – mitnichten das unabhängige, scheinautonome und losgelöst agierende Individuum ist, als welches er oder sie im Zuge eines mechanistischen und neoliberal-kapitalistischen Patriarchats vorgestellt wurden, sondern ein lebenslang in Beziehungen eingewobenes, von diesen abhängendes und in diesen agierendes Wesen inmitten anderer Wesen führen sie ein grundlegend anderes Ordnungsgefüge in das Nachdenken und Verstehen menschlicher Gemeinschaft ein.

Und entwickeln von diesem veränderten Paradigma des Menschen als Beziehungswesen aus einen Entwurf einer menschlichen Kultur des Zusammenwirkens, welches auf der Anerkennung von Abhängigkeiten einerseits und der Notwendigkeit der Verhandlung vielfältiger, nebeneinander existierender Lebensentwürfe andererseits aufbaut.

Auch 10 Jahre später mehr als aktuell – und wirksam

Auch heute noch, 10 Jahre nach der Herausgabe dieser Flugschrift haben die von den Autorinnen gefundenen Anregungen natürlich nicht an Bedeutung verloren.  Ie könnten sie auch – hat sich doch an der Grundannahme nichts geändert: Auch im „ausgehenden“ Patriarchat bleiben wir Beziehungswesen. Denn tatsächlich ist dies eine unserer biologischen Grundvoraussetzungen, die kulturell nicht überwunden, sondern nur gestaltet werden können.

Die Frage bleibt jedoch: Wo und wie haben die Vorschläge der vier Autorinnen innerhalb der letzten Jahre Geltung gewonnen? Haben sie Einfluss genommen auf 10 Jahre Kulturschaffen? Und ist diese Kultur heute dem So-Sein des Menschen näher als noch vor 10 Jahren? Und wenn nicht – liegt es daran, dass diese Gedanken und Vorschläge wirkungslos geblieben sind, oder sind die Ursachen andernorts zu finden?

Dabei ist  zu berücksichtigen, dass 10 Jahre natürlich „gar nichts“ sind: Zwar erleben wir heute allenthalben eine ungeheure Beschleunigung vor allem in den durch Technologien beherrschten Lebensbereichen, aber auf der anderen Seite steht eben auch die Erkenntnis, dass es gerade die grundlegenden Veränderungen sind, die sich oft schleichend und lange Zeit scheinbar unbemerkbar vollziehen.

Um also der Frage nach dem Einfluss und Wirken wirklich gerecht zu werden, bedarf es schon eines sehr genauen Hinschauens – und natürlich wieder die Bedeutung dessen, wohin und worauf wir schauen.

Wirksamkeit verstehen jenseits quantitativer Faktoren

Dass sich diese Frage zum Beispiel nicht beantworten lässt anhand der rein statistischen Beurteilung der Partizipation von Frauen an den Herrschaftsfunktionen des Patriarchats haben die Autorinnen und ihre Vordenkerinnen ja schon zur Voraussetzung ihres Denkens gemacht: Nur, weil heute mehr Frauen „mitspielen“ dürfen, ist noch nicht erreicht, was die Autorinnen als das Begehren der Frauen definieren, dem sie Welt verändernde Kraft zusprechen: Ein gutes Leben zu gestalten für sich und alle Menschen.

Tatsächlich erfahren viele Frauen heute, dass die Gestaltungsspielräume, die oft mit Herrschaftsfunktionen gleichgesetzt werden doch viel geringer sind als ursprünglich angenommen. Was aber schnell wieder als weibliche Unfähigkeit interpretiert werden könnte, an den „Notwendigkeiten“ mitzuwirken, ist mehr als das: Denn Frauen stellen nicht nur für sich den Sinn und Unsinn vermeintlicher Karrierewege in Frage, sondern haben allgemein dazu beigetragen, das Unwohlsein an einer Herrschaftskultur in diese einfließen zu lassen.

An diesem Beispiel wird deutlich, dass eine simple Außenbetrachtung nicht weiterhilft bei der Frage nach der Wirksamkeit der Frauen in der Welt. Denn gerade weil Frauen ja in Beziehungsgefügen wirken, entfaltet sich das Wirken der Frauen wellenartig durch diese hindurch – und nicht linear von Oben nach Unten, wie wir es gewohnt sind anzunehmen von Wirksamkeitswünschen, die eigentlich Allmachtsphantasien einer auf Herrschaft beruhenden Gesellschaftsstruktur sind.

Wenn wir also heute die Frage nach dem Einfluss feministischer Gedanken in die Welt fragen, dann können wir natürlich im Sinne der auf den Gedanken der „Gleichberechtigung“ aufbauenden Strukturen eine quantitative Analyse vornehmen: Wir können feststellen, dass mehr Frauen in höheren Positionen arbeiten, dass mehr Frauen Einfluss nehmen indem sie öffentliche Positionen bekleiden, dass mehr Frauen ihre nun verbrieften Rechte einklagen –

ebenso wie wir feststellen können, dass mehr Frauen schon wieder weniger für die gleiche Arbeit verdienen, dass überhaupt mehr Frauen arbeitslos sind, dass mehr Frauen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie unvereinbar finden und das mehr – vor allem junge Frauen – sich wieder auf alte Beziehungsmuster einlassen, weil für immer mehr Frauen die Welt ein unheimeliger Ort wird.

Freiheit ohne Sinn macht unfrei

Rein quantitativ – oder objektiv – betrachtet, können wir also mit Fug und Recht behaupten, dass die „Gleichberechtigung“ für Frauen ebensoviel bewegt wie verunmöglicht hat.  Und vielleicht ist das der Grund, warum sich so viele Frauen heute enttäuscht von der Frauenbewegung ab- oder sich ihr gar nicht erst zuwenden:

Denn die „Gleichberechtigung“ hat die Freiheit der Frauen nicht wirklich vergrößert. Aus dem ganz einfachen Grund, weil sie den Sinn, den ja die Autorinnen der Flugschrift der Freiheit zur Seite gestellt haben – nicht deutlich machen konnte: Das, was Frauen wollen jenseits der Frage, welche Hürden ihnen dabei in den Weg gelegt sind, ist nämlich ausgeklammert.

Antje Schrupp war es, die in einem ihrer Texte darauf hinwies, dass es eben noch nie die „in den Weg gelegten Hindernisse“, also die Sonderberechtigungen, die Ausschlüsse und Vorurteile waren, die Frauen wirklich davon abgehalten haben, ihre Freiheit zu wollen und zu suchen und ihrem persönlichen Leben Sinn und ihren Beziehungen Bedeutung zu verleihen. Wenn das nämlich so wäre, gäbe es uns heute nicht.

„Gleichberechtigung“ in dem Sinne, wie wir sie kennen, schafft also lediglich einen institutionell gesteuerten Freiraum, den sich Frauen immer schon auch selbst geschaffen haben. Freier auch, als er heute ist, da die Weigerung, diesen nun endlich einmal zur Verfügung gestellten Freiraum denn auch ordnungsgemäß zu nutzen für Frauen gleich auch schon wieder mit Sanktionen belegt ist, wie es am neuen Unterhaltsrecht oder an Hartz IV zu sehen ist.

Bloßer Freiraum alleine reicht aber nicht aus, um weibliches Begehren und Weltenwünschen in eine Kultur einzubetten. Freiraum ohne Paradigmenwechsel ist Freibeuterraum, wie es die Autorinnen an anderer Stelle vielfach belegt haben.

Weibliche Freiheit ist Vielfalt, die Vermittlung braucht

In ihrem Buch „Weit über die Frauenbewegung hinaus …“ macht Ina Prätorius auch klar, woran es mangelt bis heute: Der Zwang zur „einfachen Zweiheit“, also die Teilung der Welt in Gegensatzpaare, von ihr Ehepaare genannt, die auch noch übereinander statt nebeneinander angeordnet sind, macht es Frauen nahezu unmöglich, ihr Begehren in das bestehende System hinein zu kommunizieren. Denn weibliches Wollen, weibliches Begehren ist auf Vielheit, auf Differenz und auf Gleich-Gültigkeit angelegt.

Die Komplexität weiblicher Lebensentwürfe lässt sich nicht hinein-übersetzen in ein Herrschaftsgefüge, das Vielheit fürchtet. Deshalb ist es auch nahezu – nicht vollkommen – beliebig, dass die Bundeskanzlerin eine Frau ist: Weibliches Weltbegehren lässt sich schlecht substituieren und noch viel schlechter repräsentieren, es ließe sich lediglich vermitteln, dort, wo die Vermittlungsstrukturen geeignet sind.

In der „großen Politik“ und auf den „globalen Märkten“ scheint das wohl eher nicht der Fall zu sein. In regionalen Tauschbörsen und Kommunalparlamenten schon eher – ein untrügliches Zeichen hierfür ist die hohe Präsenz von Frauen an diesen Orten, die nach Antje Schrupp „wohl interessanter sind“.

Die Frauen krempeln die Welt um – langsam, aber gewaltig

Frauen sind also wirksam – und die Gedanken eines Differenzfeminismus haben Einfluss genommen – wenn vielleicht ganz anders, als sich das die Urheberinnen einmal erwartet haben.  Meiner Ansicht nach könne wir sogar noch weiter gehen und sagen: Die Frauen krempeln gerade die Welt um. Und zwar gerade dadurch, dass sie sich im großen Stil zurückziehen. Nämlich nicht von der Welt, sondern lediglich von den Schauplätzen, die wir in unserer patriarchalen Verblendung für diese halten.

Denn die „wirkliche“ Politik wird immer noch zu Hause gemacht. Der alte Satz: „Das Private ist politisch“ – ist wohl nirgends so deutlich belegt worden wie heute. Die Einflussnahme von Frauen ist sehr unspektakulär, aber umso wirkungsvoller. In dem sie zum Beispiel in ihrem Umfeld deutlich machen, dass selbst die exorbitantesten Versprechungen einer Industrie bedeutungslos werden können, wenn sie nicht mit dem wirklichen Wünschen und Wollen einhergehen. Welche weiß schon, welche Auswirkungen es hat, wenn immer mehr Mütter sich gegen eine Karriere entscheiden – nicht, weil sie nicht könnten, sondern weil sie nicht wollen? Welche Frau bewegt mehr Freiheit: Die, die sich öffentlich zur Unfreiheit befreien lässt – oder diejenige, die frei wählt? Ich möchte es wagen, diese Wette einmal offen zu lassen …

Wirksam werden, indem wir das Unwirksame verlassen

Was aber ist mit der „großen Politik“ und den „globalen Märkten“? Sollen wir diese den Männern überlassen und den wenigen Frauen, die sich hier mit tummeln?

In ihrem Text „Verfluchen, beten, nicht fragen“ formuliert Annarosa Buttarelli den Gedanken, dass, was wir überwinden wollen, nicht weiter mit Energien, auch reformerischen, zu nähren, sondern „zu Tode zu begleiten“, d.h. wenn überhaupt in irgend einer Weise eingreifend, diejenigen Impulse zu verstärken, die das Ableben des Ungewünschten begünstigen.

Wenn diese Überlegung richtig ist, ist es nur zwangsläufig, dass das Ziel eines auf das „gute Leben aller“ gerichteten Ordnungssystems, wie ich den Differenzfeminismus einmal anders nennen möchte , nicht dasjenige sein kann, mehr und mehr Frauen zu motivieren, sich an den vermeintlichen Schaltstellen eines auf Herrschaft ausgerichteten Systems abzuarbeiten.

Die Gedanken weiblicher Freiheit und Sinnsuche sind in der Welt, und sie sind in dieser wirksam – in den Beziehungssystemen, in denen Frauen mit Frauen und Kindern und Männern leben. Was es heute braucht, ist keine Forcierung deren Wirksamkeit, so meine ich, denn das wäre eine falsche Huldigung eines patriarchalen Wirkverständnis, das auf reine Äußerlichkeiten setzt. Frauen benötigen keine weiteren Rechte, sie brauchen Mittel, ihren Reich-Tum mit weniger Hürden in die menschlichen Beziehungsgefüge ein zu bringen.

Hinzug an die Orte von wirklichem Interesse

Der Rückzug der Frauen ist nur ein vermeintlicher, in Wirklichkeit ist er ein Hinzug zu den Orten von echter Relevanz. Jetzt ist es wichtig, Instrumentarien zu ersinnen, die diesen Hinzug vervielfältigen, damit er nicht Isolation bedeutet. Das Internet mit seinen vielfältigen Möglichkeiten könnte hier ein wichtiges Element sein.

Ein gutes Beispiel hierfür ist die Aktion der Brandenburgerin Susanne Wiest, die mit ihrer Petition für das bedingungslose Grundeinkommen an den deutschen Bundestag hunderttausende Menschen mobilisieren konnte: Innerhalb von Tagen hatte sich dieses Anliegen über das Internet verbreitet und eine noch nie dagewesene Mehrheit zusammengetragen, so dass der Bundestagsserver für Tage zusammen brach.

Diese Aktion zeigte aber auch sehr detailliert, woran es mangelt: Denn obwohl schlussendlich fast 3 Millionen Menschen diese Petition gezeichnet haben, fand das Ergebnis keinen Einfluss in unsere „große Politik“. Nicht, weil es an Vermittlerinnen fehlte – Susanne Wiest zieht demnächst als Direktkandidatin in den Deutschen Bundestag ein – sondern weil die Vermittlungsinstrumentarien ungeeignet sind. Und so wird vielleicht die direkte Demokratie mit Volksentscheiden und Internetabstimmungen eine der nächsten Arbeitsfelder der Frauenbewegung …

Freiheit ist auch die Freiheit, einmal eingeschlagene Wege wieder zu verlassen

Die Forderungen, der Flugschrift sind heute so aktuelle wie vor 10 Jahren. Und – es geht ums Weiterdenken, denn vielfach hat die Wirklichkeit die Utopie schon eingeholt, und nicht immer in der besten aller möglichen Formen. Frauen heute bringen ihr Begehren in die Welt, und das ist von seiner Natur her eben vielfältig und enthält auch die Möglichkeit, sich gegen einmal antizipierte Freiheiten zu entscheiden. Freiheit, wirkliche Freiheit muss das alles beinhalten.

Wenn wir heute also über Freiheit und Sinn nachdenken, dann müssen wir diese Begriffe und unsere Vorstellungen davon vervielfachen – und über Instrumentarien nachdenken, die Freiraum schaffen für die Vielheit weiblicher, menschlicher Lebensentwürfe. Instrumentarien, die den Grundbedürfnissen des Menschen Rechnung tragen – und die Zukunft verfahrensoffen halten, damit das Nach- und Weiterdenken möglich bleibt.

Autorin: Astrid Wehmeyer
Redakteurin: Astrid Wehmeyer
Eingestellt am: 12.10.2009

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Sabine Biesalski sagt:

    Wo ist der Maßstab?

    Vielen Dank für diese inspirierenden Seiten. Ich finde die Gedanken wohltuend, dass Frauen „im Verborgenen“ wirken und das anerkannt wird, dass sich Wirksamkeit nicht im „öffentlichen Raum“ abspielen muss.
    Meine Schwierigkeit habe ich mit dem gleichberechtigten Nebeneinader von „Vielfältigkeit“. Natürlich sind wir Menschen vielfältig und haben vielfältige Bedürfnisse. Ohne Maßstab jedoch führt der Wunsch des gleichberechtigten Nebeneinanders von Vielfältigkeit – mal extrem gespochen – zur Gleichberechtigung von z. B. Homosexualität und Kinderschändung.
    Mir ist schon klar, dass das so nicht gemeint ist. Aber die Abgrenzung fehlt mir, der Maßstab, die Grenzen, innerhalb derer sich Gleichberechtigung entfalten soll.
    So gesehen finde ich nicht, dass alle persönlichen Wünsche aller Individuen gleichberechtigt nebeneinander existieren sollen. Auf diesen unseligen Zustand steuern wir nämlich gerade zu: Alle dürfen alles, Alles ist möglich, also machen wir auch alles. Gentechnologie, Nanotechnologie, Ausbeutung der letzten Erdölreserven, Lehrerinen mit Kopftuch und Burka tragende Schülerinnen an deutschen Schulen, es lebe die individuelle Freiheit.
    Diese Polemik bitte nicht als Angriff deuten, ich möchte nur deutlich machen, wohin die gut gemeinte Formulierung des gleichberechtigten Nebeneinander führen kann. Wir brauchen einen Maßstab. Die Zehn Gebote finde ich brauchbar. Wenn wir diese an beide Geschlechter adressieren, wäre das ein guter Anfang. Was meint Ihr?

  • Juliane Brumberg sagt:

    Auch Maßstäbe sind relativ

    Danke für das Mitdenken und die Zuschrift. Ich stimme zu: Wir brauchen für ein vielfältiges, gleichberechtigtes Nebeneinander einen Maßstab und es ist sicher eine spannende Herausforderung, diesen zu formulieren – und zwar an den Lebensalltag und die Konfliktsituationen unserer Zeit angepasst. Sicher gibt es da auch schon Versuche, die mir leider nicht bekannt sind. Obwohl ich den 10 Geboten aus der Bibel in vielen Punkten zustimme, halte ich sie als Modell nicht unbedingt für geeignet, denn ersten stammen sie aus einer ganz andere Zeit, in der die Menschen in einer ganz anderen Situation miteinander lebten und zweitens ist es zu wenig, sie einfach an beide Geschlechter zu adressieren, da die Konfliktsituationen von Männern ganz Andere sind, als die von Frauen.
    Spannend wäre jetzt die Frage: Brauchen Männer andere 10 Gebote, also anders formulierte Maßstäbe, als Frauen? Oder noch weitergedacht: Braucht vielleicht jeder Mensch in seiner Einmaligkeit, eine andere Richtlinie, als seine Nachbarin? Für einem lebhaften, temperamentvollen Menschen wäre das Gebot wichtig: Schweig auch einmal still, warte ein wenig ab und lass Andere, die langsamer sind, zu Wort kommen. Und für einen ruhigen, zurückhaltenden Menschen: Mache den Mund auf und Dich bemerkbar mit Deinem Anliegen und Deiner Meinung, damit sie in die Weltgestaltung einfliessen können.
    Außerdem meint eine gleichberechtigte Vielheit von Lebensentwürfen nicht die persönliche Genussbefriedigung oder die „Erfüllung persönlicher Wünsche“ zu Lasten Anderer und der Erde, sondern die Möglichkeit, gleichberechtigt auf ganz unterschiedliche Weise in der Welt zu sein und in Beziehung zueinander zu leben.

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