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Rubrik denken

Sichtbar und einflussreich ohne sich anzupassen

Von Bettina Bremer

Die Redaktion von „beziehungsweise-weiterdenken“ lud ein zur Tagung

Sichtbar und einflussreich ohne sich anzupassen

Diskussionsrunde im Christel Göttert Verlag – eingeladen von der Online-Redaktion „Beziehungsweise-weiterdenken“

Rund 30 Frauen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben sich am 9. und 10. Oktober in Rüsselsheim zu einer Tagung unserer Online-Zeitschrift „beziehungsweise-weiterdenken“ getroffen – um in den Räumen des Christel Göttert Verlages zum Thema „Sichtbar und einflussreich ohne sich anzupassen“ miteinander zu diskutieren. Dass dabei auch zwei Jubiläen (10 Jahre Flugschrift „Liebe zur Freiheit – Hunger nach Sinn“ von Ulrike Wagener, Dorothee Markert, Antje Schrupp und Andrea Günter und 20 Jahre „Wie weibliche Freiheit entsteht“ von den Frauen des Mailänder Frauenbuchladens) gefeiert wurden, hat bzw-Redakteurin Juliane Brumberg bereits beschrieben.

Aus den unterschiedlichsten Wirkungsbereichen waren die Frauen gekommen: neben den sieben Redakteurinnen des Internetforums z.B. Frauenbeauftragte und interessierte Frauen aus der Rhein-Main-Region oder aus Karlsruhe, von „Frauenstudien München“, von der Kasseler Arbeitsgruppe zur feministischen Freiraumplanung „Chora“, vom Züricher Labyrinthplatz, vom österreichischen „Netzwerk gegen Armut und soziale Ausgrenzung“ aus Wien, von der „Internationalen Assoziation von Philosophinnen“, Tanz- und Theatertherapeutinnen, Journalistinnen, Schriftstellerinnen und Denkerinnen wie Carola Meier-Seethaler, die schon in den 80er-Jahren mit ihren dissidenten Thesen zur Kulturgeschichte feministisch wirkte.

Was mich besonders beeindruckt hat, war die lebendige und wohltuende Atmosphäre, in der sich im Gespräch (zumeist) aufeinander bezogen wurde. Zuhören, eigene Erfahrungen einbringen, praktische Beispiele berichten und Fragen stellen – das bildete den Mittelpunkt des Miteinander-Denkens.

Wie können Frauen ihre berechtigten Anliegen und ihr Wissen in die Welt bringen, ohne ein schlechtes System zu nähren? Müssen wir uns anpassen, um verstanden zu werden? Mehr Funktionen übernehmen vor allem in Kontexten, in denen Feministisches nicht gefragt ist, um Einfluss zu gewinnen? Auch wenn im Raum stand, dass die Frauenbewegung (die in ihren eigenen Zirkeln, was die Gestaltung der Wertmaßstäbe und den Umgang mit sich und anderen angeht, gut funktioniere) im Hinblick auf die „große Politik“ in der Welt wenig bewirkt habe, war der Tenor der Sitzung dennoch nicht das Klagen – über das Nicht-Erreichte oder bereits wieder Verlorene, über mangelndes Interesse am Wissen der Frauen, über fehlende Machtpositionen, über mangelnde Solidarität unter Frauen … Und dass die Nicht-Anwesenheit von vielen Frauen an den (auch durch medialen Rummel) zu Schaltstellen der Macht erklärten Orten nicht unbedingt einen Rückzug darstellt, sondern eher als ein Hinzug zu wirklich wichtigen Plätzen gesehen werden kann, machte bzw-Redakteurin Astrid Wehmeyer in ihrem Eingangsreferat deutlich. Was meint „einflussreich“? Wo geschieht durchs „Sichtbar-Werden“ wirkliche Veränderung? Und wirkt unser Einfluss nicht auch dort, wo wir nicht (mehr) sichtbar sind?

Sichtbar und einflussreich ohne sich anzupassenDa es jedoch nicht um ein Entweder-oder geht (nicht um die Entscheidung, „nur“ den eigenen privaten Bereich zu gestalten oder im sogenannten Außen öffentlich sichtbar zu werden, nicht darum, ausschließlich in Frauenzusammenhängen zu wirken oder in anderen Kontexten zu stehen), tauchte immer wieder die Frage auf: Welche praktischen Strategien können dazu beitragen, unsere Ideen zu einem guten Leben zirkulieren zu lassen, ohne dass unsere Energien verpuffen? Und auch: Wie können wir ein „Lernfenster“ öffnen? Welche Sprache erreicht das Gegenüber? Wie können wir selbst offen bleiben für Unvorhergesehenes?

Hier einige der Anregungen, die der lebendige Austausch ergab: wenn Fraueninteressen nicht beachtet werden, den eigenen feministischen Standpunkt deutlich machen, auch wenn wir bei Entscheidungen überstimmt werden (und in dieser Situation keine Harmonie oder Anerkennung erhoffen); an verschiedenen Orten sein und mehrere Bälle in der Luft haben; Diskussionen nicht auf Verfahrensweisen reduzieren lassen, sondern Haltungen erfragen und zeigen; Männer bei ihrer emanzipatorischen Ehre packen und dabei genau überlegen, was wir mit ihnen erreichen wollen; bei Veranstaltungen andere Settings entwickeln, die ein wirkliches Verstehen und Aufeinander-Eingehen begünstigen oder überhaupt erst herstellen; nicht an enttäuschenden Situationen kleben bleiben, sondern an den zweiten Anlauf glauben; Momente der Selbstermächtigung herbeiführen; Gedanken und Kraft für ihre Umsetzung in Beziehungen (unter Frauen) entstehen lassen; als Frauen hartnäckig auf symbolische Sichtbarkeit achten und gesellschaftliche Probleme als strukturelle auf die symbolischen Ebene heben; die Welt verändernde Praxis der Frauen wahrnehmen; Orte wirklicher Relevanz aufsuchen und die eigene Zufriedenheit als Kompass nutzen.

Eine gute Anregung war, dass wir trainieren können, uns einzumischen, ohne dabei aber den Anspruch auf eigenes Wohlbefinden aufzugeben. Wir dürfen nicht vergessen, dass mit anderen in Beziehung zu treten auch bedeutet, von dem zu geben, was wir haben (auch ungefragt) – und wir müssen (weiterhin) mit Widerstand rechnen. Hilfreich war in der Abschlussrunde Luisa Muraros Bild vom Fahrradfahren, bei dem es nur mit einer gewissen Geschwindigkeit möglich ist, im Gleichgewicht zu bleiben. Auch das muss trainiert werden. Wichtig scheint mir dafür auch, „Frauenorte“ zu pflegen – als möglichen Rahmen für inspirierendes Denken, und auch um Kraft auftanken zu können und die Tragfähigkeit der Beziehungen unter Frauen zu stärken.

Die Redaktion unserer Online-Zeitung hofft auf einen regen weiteren Austausch. Siehe dazu auch den Aufruf: Weiterdenken und Austausch sind gefragt.

Hier noch ein Tagungsprotokoll.

Autorin: Bettina Bremer
Redakteurin: Bettina Bremer
Eingestellt am: 19.10.2009

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Cornelia Roth sagt:

    Einige Ergänzungen

    Auch für mich war es ein Phänomen, wie 30 Frauen fast ohne Rednerliste stundenlang miteinander diskutieren können und dabei wirklich im Gespräch bleiben. Schon allein das war dieses Treffen wert! Was wir diskutierten, habe ich weniger als Strategien, mehr als Wege, Möglichkeiten und Haltungen in Erinnerung. Zum Beispiel das Problem mit dem „Missionieren-Wollen“. Eine Kommunalpolitikerin sagte: sie fragt nach. Sie interessiert sich, welche Beweggründe ihr Gegenüber z.B. im Stadtrat hat und in den Gesprächen, die sich daraus ergeben, bringt sie ihre Sicht ein. Dazu passt, überhaupt darauf zu achten, bei einem Gespräch „in Kontakt“ miteinander zu bleiben; geht dies verloren, geschieht nichts mehr (wie so oft). Hier wurde auch der Humor eingebracht, leider weiß ich das Beispiel nicht mehr, ich habe es verstanden als Humor haben – und Geduld. Ab und zu gestreift wurde das Thema der Macht: eine Position innezuhaben kann hilfreich sein, wenn sie nicht im Zentrum der Hoffnungen steht. Gleichzeitig geht es aber hauptsächlich darum, die Spielräume jenseits der Macht zu nützen, anstatt sich von diesem Thema hypnotisieren zu lassen. Hier geschah für mich etwas Kreatives: einen Moment schien sich ein grundsätzlicher Prinzipien-Hickhack anzubahnen. Dann wurde einfach Pause gemacht und hinterher hatte niemand mehr Lust, da weiterzumachen. Später kam das Thema noch mal auf und seltsamerweise war die Art des Gesprächs eine andere. Eine Teilnehmerin brachte „den Willen zu siegen“ in die Runde, ein Wort, das vor Jahren von den Frauen des Mailänder Frauenbuchladens in die Welt gebracht wurde – ich hatte davon noch nie gehört. Aber ohne es wirklich zu verstehen, höre ich da etwas heraus, was mir Kraft gibt. Es geht um siegen, nicht um besiegen. Und dazu der Hinweis, dass die nächste Frage ist: was will ich? Was will ich wirklich?
    Also ein anregendes Treffen, hat mir Spaß gemacht (wenn auch leider gefolgt von einer dicken Verkältung am zugigen Bahnhof Rüsselsheim).

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