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Vier Wochen Tibet – ein Reisebericht

Von Antje Schrupp

TempelAnna Scherz war im Sommer 2009 auf einer Reise durch Tibet. Sie berichtet von ihren Erfahrungen. Ihren Namen hat sie für diesen Artikel geändert. Sie ist aber der Redaktion persönlich bekannt.

Ich wollte nicht besonders dringend nach Tibet: zu viel Mythos und exotische Fantasien um dieses Land, gleichzeitig kein gutes Gefühl, dorthin zu reisen, wo krasse Unterdrückung herrscht. Ich fuhr aber, weil sich die Gelegenheit ergab und um eine Chance nicht zu verpassen. Und es stellte sich als anders heraus: Dieses Land und seine Menschen sind wirklich unglaublich. In einer bestimmten Weise werden sie dem Mythos gerecht.

Große, kahle braune Gebirgsrücken sahen wir bei der Landung nahe Lhasa: Zwölf Frauen, drei Männer und ein Reiseleiter. Die Fahrt in die Hauptstadt geht ein riesiges Flusstal entlang. Es ist der Tsangpo, der Tibet vom Westen bis zur Mitte auf einer Länge von fast 2000 km durchfließt und dann sich nach Indien wendend zum Brahmaputra wird. Immer wieder am Ufer Stäbe mit Gebetsfahnen, dem Fluss gewidmet. Darüber der Himmel in einem unbeschreiblichen Blau, das sofort gefangen nimmt, und die Wolken wie aufgehängt zwischen Himmel und Erde. Es ist, als ob das Blau eine besondere Tiefe oder Höhe hätte. Und das Wort  Höhe stimmt ja auch. Lhasa liegt auf 3600 Metern. Ganz plötzlich, als wir das erste Kloster am Weg nach Lhasa besuchen, uns den Tempel anschauen, habe ich das Gefühl, im Stehen einzuschlafen, einfach wegzusacken. Alle haben wir Probleme mit der Höhenanpassung. Aber es lässt sich machen, wenn frau sich genug Zeit lässt – und jeden Tag fünf Liter Wasser trinkt. Nach einiger Zeit bewegen wir uns ohne Probleme auf 5000 Metern Höhe.

Lhasa: Als wir ankommen, beginnen gerade die Tage des Buddha-Geburtsfestes. Unzählige Menschen sind auf dem Rundweg um den Jokhang, das zentrale Heiligtum Lhasas, unterwegs. Die meisten sind Tibeterinnen und Tibeter aus verschiedenen Landesteilen, viele in bunten Trachten. Andere sind ähnlich gekleidet wie wir. Aber auch unter ihnen sind etliche, die den Rundweg um den Tempel begehen, indem sie sich Stück für Stück niederwerfen. Viele junge Leute sind dabei. Der Rundweg, Barkhor genannt, ist lang, und er ist zugleich Marktstrasse. Man kauft zwischendurch ein, bleibt stehen, unterhält sich, macht Scherze. Es wirkt fröhlich, unverkrampft. Und dann ist da Eindruck Nummer zwei: Militär an jeder Straßenecke. Mitten im Marktgeschehen Soldaten in einer Reihe aufgestellt unter Sonnenschirmen, manchmal mit Schilden bewaffnet. Vom Dach des Jokhang-Tempels ist zu sehen, wie sie auch auf den umliegenden Dächern postiert sind und den riesigen Platz überwachen.

In dem großen Tempel ist es dunkel und unbeschreiblich voll. In einer langen Doppelschlange zwängen sich die Menschen durch die niedrigen Türen von Seitenkapelle zu Seitenkapelle, um besonders segensbringenden Statuen Gebetsschals umzuhängen, Butterlampen anzuzünden, Getreidekörner auszustreuen und kleine Geldscheine zu hinterlassen, wobei sie ständig Gebete murmeln. Während die einen sich niederwerfen oder innig beten, schauen die anderen, dass sie irgendwie vorbeikommen. Manche Familien haben größere Spenden dabei, die von Mönchen an der gewidmeten goldenen Statue angebracht werden. Mitgebrachte Gegenstände werden gesegnet. Die Luft ist dick von dem Rauch der Butterlampen und von Schwaden von Wacholderrauch.

Im Dunkel ist zugleich eine große Farbenpracht erkennbar. Auf den bemalten Wänden hängen Thankas, bemalte Seidenbilder, von den Decken herunter hängen lange Schals mit den Farben der fünf Elemente; die zahlreichen Statuen von Buddhas und Göttern leuchten golden und sind oft mit Edelsteinen besetzt. Buddhas und Götter sind schwer auseinanderzuhalten in Tibet, weil das eine immer wieder Erscheinungsform des anderen ist. Es gibt viele hundert verschiedene Gestalten. Ich habe es schnell aufgegeben, da durchblicken zu wollen, und zugleich hat mir die Philosophie gefallen, die dahinter aufscheint: das Göttliche oder das Unendliche ist letztlich nicht festlegbar. Die Tibeter, die den Tempel besuchten, würden es so vielleicht nicht sehen.

„Wiedergeburtspunkte sammeln“ nannte unser (deutscher) Reiseleiter die intensive religiöse Betätigung der Leute. Ein Körnchen Wahrheit war vielleicht dran. Immer wieder mal auf unserer weiten vierwöchigen Reise kam es vor, dass ältere Frauen in Tempeln in schnellem Schritt freundlich vorbeidrängten, offensichtlich in Eile, um möglichst viele Umrundungen zu schaffen. Und zugleich, je länger die Reise ging, desto weniger war das der wesentliche Eindruck. In den vielen Tempeln, die wir sahen, bei den religiösen Kapellen mit Gebetsmühlen, den Mauern mit Mani-Steinen und den mit Gebetsfahnen verehrten Stätten in der Natur, die von so vielen Menschen umkreist wurden, prägte sich mir immer mehr die Hingabe ein, die ich sah, und die so ganz selbstverständlich und pragmatisch in das tägliche Leben eingebettet war. Manchmal vielleicht auch umgekehrt: das tägliche pragmatische Leben war in die Hingabe eingebettet. Es ist ein allgemeines Herzensanliegen, das war ganz deutlich.

LandschaftNach ein paar Tagen begann unsere Reise Richtung Westen. Sie sollte über 2000 Kilometer weit gehen, um dann in einem Bogen über die nördliche Hochebene zurückzuführen. Die Großartigkeit der Landschaft nahm mir die Sprache. Berge, Flüsse, Seen, alles hat unglaubliche Dimensionen. Vielerorts gibt es aufgrund der Höhe und Trockenheit kaum Vegetation, die vielfältigen Farben der Felsen treten leuchtend hervor. An manchen Flüssen lagern hinter grünen Ufern hohe Sanddünen. In den tiefer gelegenen Tälern ist das leuchtende Grün der Gerstenfelder zu sehen, anderswo hat das trockene Gras ein intensives Gelb. Dahinter das Weiß der ganz hohen Berge. Seen zeigen sich in intensivem Blau, oft umrandet von einer weißen Salzkruste. Und klein wie in einer Spielzeuglandschaft an Hänge geschmiegte Dörfer mit weißgekalkten Häusern und flachen Dächern, an ihren Ecken Gebetsfahnen. Die Landschaft veränderte sich auf unserer Fahrt ständig, das überwältigte Staunen blieb. Doch aus der Sprachlosigkeit wurde mit der Zeit das Empfinden eines subtilen Einflusses, den dieses Antlitz der Landschaft ausübt. Als ob sie selber die Sprache einer umfassenderen Präsenz spräche, die berührt.

Wir reisten im tibetischen Sommer, die Sonne war sehr intensiv, der Wind aber kalt. Es schien praktisch immer die Sonne. Gegen Ende der Reise, im nördlichen Hochland, sahen wir dann die ersten Gewitter in den Bergen und kurz darauf lag Schnee. Schlagartig hatte sich die Landschaft verwandelt. Die Wolken hingen tief, die Düsternis verhieß kein einfaches Leben in dieser Gegend.

Elf Tibeter begleiteten uns auf der Reise, einer davon ein tibetischer Reiseführer, alle zusammen fuhren sie uns, suchten die Strasse oder Piste, reparierten Jeeps, schauten nach Wasser, kochten, stellten, wo keine Unterkunft war, unsere Zelte auf. All dies geschah in einer großen Herzlichkeit uns gegenüber, zum Beispiel wenn wir in dem Essenszelt, in dem wir morgens und abends auf kleinen Hockern um eine lange Tafel saßen, von unseren Begleitern versorgt wurden. Die menschliche Wärme, die uns entgegenkam, hat mich tief beeindruckt. Dem Lastwagenfahrer unserer Reisegruppe sprach sie wortwörtlich aus den Augen. Alle wollten von ihm die Suppe eingefüllt bekommen. Ich fragte mich, warum ist das bei uns nicht so, wenn wir Fremden begegnen? Oder andersherum: Bei uns soll es auch so sein. Ein Klima menschlicher Wärme.

Und dann das viele Scherzen. Wenn man sich trifft, wenn man zusammen etwas tut, wenn man Pause macht, wird gescherzt. Gerade auch, wenn Missgeschicke passieren wie ein qualmender Auspuff, ein geplatzter Reifen. Man begegnet sich, indem man scherzt. Unpässlichkeiten werden einfach nicht so wichtig genommen. Man jammert nicht. Dabei ist das Leben in dieser Landschaft und diesem Klima durchaus nicht einfach. Das eigene Befinden scheint aber nicht so im Mittelpunkt zu stehen. Vielleicht hat mich diese Haltung überhaupt von allem am meisten beeindruckt. So langsam fing ich im Laufe der Reise an, dabei mitzuspielen. Und merkte: Es geht. Man kann auch scherzen, wenn man müde ist, wenn einem schlecht ist oder kalt. Besonders gut geht das natürlich, wenn die ganze Umgebung darauf eingestellt ist und die Bälle zurückwirft. Aber in Deutschland funktioniert es auch.

Chinesisches Begleitpersonal hatten wir nicht, und es gab auch keine Vorgaben, wohin wir gingen und mit wem wir sprachen. Aber das Sprechen gestaltete sich auch nicht einfach. Unser tibetischer Reiseleiter sprach Englisch; mit unseren übrigen Begleitern konnten wir uns zwar mit Hand, Fuß, einigen Tibetischbrocken und viel Humor verständigen, aber nicht reden. Und ähnlich, aber noch schwieriger, stellte es sich bei Begegnungen mit den Menschen dar, die wir auf der Straße und in Dörfern und Städten trafen. Sie waren freundlich, oft auch herzlich, aber niemand sprach Englisch, wir aber kein Tibetisch. So war es schwer, etwas über ihr Leben zu erfahren, außer dem, was mit eigenen Augen zu sehen war. Und das Bedürfnis, etwas zu erfahren wuchs.

Am Anfang der Reise war uns gesagt worden, dass die Verhältnisse in Tibet anders seien, als sie immer dargestellt werden. Es sei enorm viel Geld in das Land gepumpt worden und die Leute wollten eigentlich hauptsächlich in Ruhe ihr Leben leben, von ein paar Mönchen bestimmter Klöster abgesehen, die um ihren Einfluss fürchteten. Der Dalai Lama wäre auch gar nicht überall beliebt oder überhaupt bekannt. Das gab mir zu denken. Warum sollte nicht etwas dran sein?

Je länger die Reise aber ging, desto augenscheinlicher wurde es: Die tibetische Bevölkerung und ihre Kultur werden in Tibet an den Rand gedrängt. Und zwar wortwörtlich. In jeder Stadt, in die wir kamen, war das Zentrum geprägt von Häusern in chinesisch-kommunistischem Stil, die Geschäfte, besonders die größeren, waren fast alle chinesisch, und die tibetische Bevölkerung auf den Straßen wirkte wie deplaziert. Je größer die Stadt, umso krasser wurde es sichtbar.

Ich fragte mich, wo leben die Tibeter? Und, da wir uns frei bewegen konnten, entdeckte ich die tibetischen Siedlungen jeweils außen, am Stadtrand. In Lhasa sind inzwischen knapp zwei Drittel der Bevölkerung Chinesen. In den Städten traf ich ein paar Schulkinder, die wenig, aber gut verständliches Englisch sprachen, besonders Mädchen waren fit. Ich fragte sie nach Klöstern und Gebetsstätten, wo doch dieses Anliegen der Tibeter so offensichtlich ist. Da gab es gemessen an der Größe der Orte so gut wie nichts. Von unserem tibetischen Führer erfuhr ich, dass das Errichten neuer Klöster untersagt ist, der Wiederaufbau zerstörter Klöster (von ehemals cirka 6000 existieren jetzt noch 800) wird nur dort mit Eigenmitteln erlaubt, wo noch restaurierbare Reste vorhanden sind. Berühmte religiöse Stätten werden inzwischen von der chinesischen Regierung durchaus zur Restauration freigegeben. In manche wurden wir wie in Museen geführt.

Ich begann, die Leute nach dem Dalai Lama zu fragen. Die erste Reaktion war jedes Mal, auch im abgelegenen Hochland: Erschrecken. Alle kannten ihn, auch die Schulkinder. Aber mehr war nicht zu erfahren, denn es war offensichtlich: Mehr zu antworten war viel zu gefährlich. Als ich in einem unbeobachteten Moment unseren tibetischen Reiseleiter auf die Situation in Tibet und auf den Dalai Lama ansprach, war er wie elektrisiert. Trauer, Zorn und Wunsch standen wie personifiziert neben ihm. Er sprach aber nicht, gab mir nur durch Zeichen zu verstehen, wie sehr ihn dieses Thema berührte. Erst später erfuhr ich, unter welchem ganz besonderen Druck tibetische Reiseleiter stehen. Gerade zu der Zeit, als wir dort waren, war ein tibetischer Reiseleiter wegen verbotener Information an Ausländer ins Gefängnis gekommen. „Wie in der DDR“, sagte meine mitreisende Zimmernachbarin, die das noch erlebt hatte. Vielleicht noch schlimmer.

Und doch: Im Gesamteindruck kam es mir vor wie ein Tauziehen. Auf der einen Seite eine Regierung, die gezielt versucht, eine Kultur klein zu kriegen. Auf der anderen Seite eine Bevölkerung, die mit einer gewissen hartnäckigen Selbstverständlichkeit versucht, daran festzuhalten und sie zu leben.

Eine Schlüsselrolle hat die Sprache. Erst sehr spät habe ich gemerkt, wie es darum steht. Der gesamte Schulunterricht findet auf Chinesisch statt. Eine Ausnahme bildet das Fach Tibetisch, das den Rang einer Fremdsprache hat. Was das für Grundschulkinder bedeutet, kann man sich vorstellen. Verkehrsschilder und ähnliches sind zwar zweisprachig konzipiert, aber das Tibetische ist immer viel kleiner gedruckt. Im abgelegenen Westtibet kaufte ich ein Musikvideo mit tibetischen Liedern. Drei Viertel der Lieder sind auf chinesisch gesungen. Da niemand von uns Reiseteilnehmerinnen Chinesisch oder Tibetisch konnte, haben wir natürlich überhaupt nicht bemerkt, wann Tibetisch und wann Chinesisch gesprochen wurde.

Die Musik scheint mir in Tibet eine große Rolle zu spielen. Auf unseren langen Fahrten spielte unser Fahrer unermüdlich tibetische Musikkassetten, wir sangen mit, zwischendurch dann auch unsere eigenen Lieder, an denen sich unser Fahrer auch probierte. Viele der tibetischen Lieder waren eine interessante Mischung aus traditioneller religiös geprägter Musik mit Elementen des Pop, Rap, Reggae usw., der Inhalt oft Mantren, Anrufungen des Buddha, der Tara, die Schönheit der tibetischen Landschaft oder auch Bezüge auf den Dalai Lama.

Auf unserer Reise hatte ich manche kurzen Begegnungen mit tibetischen Frauen. Was hatte ich für einen Eindruck? Gleichberechtigt sind sie sicher nicht. Der tibetische Buddhismus sieht das so auch nicht vor. Aber eindrucksvolle Persönlichkeiten sind viele von ihnen. Teilweise hat das vielleicht mit nomadischer Freiheitlichkeit zu tun. Eine Reihe Nomadinnen traten zum Beispiel als eigenständige Gastwirtinnen in Zelt-Teestuben auf. Übrigens mit dem traditionellen Butterteestampfen neben Mobilfunkgerät und CD-Player, solarbetrieben. Nie erlebte ich, dass tibetische Frauen kontaktscheuer wären als Männer. Und ich hatte einen Eindruck von „natürlicher Würde“ (die ich  in Wirklichkeit für weibliche Kultur halte), die ich auch in anderen Ländern erlebt habe. Mir kam es so vor, als würden sich Frauen und Männer trotz geringerer Gleichberechtigung und sogar geringerem gesellschaftlichen Status der Frauen etwas mehr gegenseitig wertschätzen als bei uns?

Es gäbe noch viel zu erzählen, über die Zwangsumsiedlung der Nomaden und die vielen Weidezäune, über die ergreifende Schönheit der Wandmalereien in manchen Tempeln, über Naturverehrung und Umweltverschmutzung, über einige Dinge aus China, die positiv sind, aber ich höre jetzt auf. Wer mag, kann gerne noch nachfragen.

Eins wurde mir klar: Für Tibeter ist es ein Gewinn, wenn Menschen aus dem Ausland ihr Land besuchen. Weil wir alle Augen haben, zu sehen. Und weil schon die Anwesenheit eine Ermutigung sein kann. Erst recht, wenn man ein paar Brocken Tibetisch lernt. Es drückt aus, dass diese Sprache und die Kultur, die hinter ihr steht, das Lernen wert ist.

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 20.10.2009

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Tibetreise im Sommer 2009

    Liebe Leute,
    Ein wunderbarer Bericht,danke.

  • Helmar sagt:

    Feudalismus in Tibet?

    Vielen Dank für Ihren Tibet-Reisebericht, u.a. über Würde, Kultur, Weidenzäune, Emanzipation* und «einige Dinge aus China, die positiv sind», aber noch nicht beschrieben werden…(?)
    *Emanzipation sehe der «tibetische Buddhismus auch nicht vor». Was sieht diese Religion vor über Grundbesitz und gesellschaftliche Mitsprache? Wem gehört Grund und Boden? Gibt es praktische Entwicklungen in dem Sinne, dass das Volk dem besitzenden Klerus (bzw. Kaste der Mönche) gegenüber kritische Fragen stellen darf? (Nach einer Niederländischen Volksweisheit verbündet sich der Fabriksherr mit dem Geistlichen Herrn: «Wenn Du sie dumm hältst, halt ich sie arm»…)
    Mein Menschen- und Weltbild wurde u.a. geprägt durch den wieder aufstrebenden Grossgrundbesitz in Lateinamerika («Kolonialismus») und die offenbar besitzlose Rechtlosigkeit von Menschen in Tibet.
    Über letztere schwiegen sogar populistische Unterschriftensammler von avaaz.org betreten, die vor einiger Zeit auf die Tränendrüsen der Menschheit drückten zugunsten eines `entrechteten` Dalai Lama…
    Mit freundlichem Gruss aus Roerdalen
    Helmar Lorenz

  • Anna Scherz sagt:

    Nicht Dummheit, sondern Haltung

    Sehr geehrter Herr Lorenz,
    Großgrundbesitz gibt es in Tibet heute nicht mehr, weil er durch die chinesische Regierung abgeschafft wurde. Vor dem Einmarsch der Chinesen 1950 war die Verfasstheit der Gesellschaft dort grob gesehen ungefähr wie bei uns im Mittelalter. Heute herrschen in Tibet koloniale Verhältnisse, Kolonialherr ist die chinesische Regierung. Die exiltibetische Regierung in Nordindien, die auf echte Autonomie Tibets innerhalb Chinas drängt, ist nicht auf eine Wiederherstellung der alten gesellschaftlichen Verhältnisse aus, sondern orientiert sich an der westlichen Demokratie, was allerdings mit der derzeitigen Parteidiktatur in China auch nicht vereinbar ist.
    Wenn Sie allerdings die Zugewandtheit großer Teile des tibetischen Volkes zu seiner Religion als Dummheit bezeichnen, haben Sie nicht wahrgenommen, welche kulturellen Errungenschaften sich in Zusammenhang mit der dortigen Religion entwickelt haben, die ich versucht habe, in meinem Artikel zu beschreiben. Sie haben zu einer weit verbreiteten Bildung des Herzens geführt, zu einer Haltung, die das eigene momentane Befinden nicht zu wichtig nimmt und versucht, aus schwierigen Situationen mit einem Lachen herauszukommen. Das machen Sie erstmal nach!  Auf der politischen Ebene hat diese Haltung dazu beigetragen, dass es in 50 Jahren Besetzung durch China fast nie zu Gewalttätigkeiten kam und immer wieder versucht wurde, zu verhandeln. Findet man auch nicht so oft sonst auf der Welt. Solche Einstellungen täten unserer Kultur gut.
    In Bhutan können Sie ganz gut mitverfolgen, wie ein Land mit vor Jahren sehr ähnlicher mittelalterlicher Verfasstheit und ähnlicher Religion und Kultur wie in Tibet sich auf den Weg gemacht hat zu einer egalitären und demokratischen Gesellschaft, ohne diese Religion und Kultur aufzugeben. Es scheint nicht ganz einfach zu sein, aber es scheint zu gelingen.
    Mit freundlichem Gruß
    Anna Scherz

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