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Rubrik erinnern

Von Helene Stöcker inspiriert

Von Safeta Obhodjas

Eine Würdigung zum 140. Geburtstag der Philosophin

Stöcker2002, im zehnten Jahr meines Aufenthalts in Deutschlands, verdichtete sich mein Exil, und ich spürte meine Isolation tiefer als je zuvor. In dieser Zeit waren die Probleme der gescheiterten Integration in Deutschland unter dem Mantel einer falschen Toleranz bei gleichzeitigem Desinteresse versteckt. Meine Werke passten nicht zum Mainstream der gefragten Themen, weil ich meine Erlebnisse und Beobachtungen als Muslimin in Europa literarisch überarbeite und keine Klischees bedienen wollte. Bis heute haben Lektoren und Redakteuren selten Mut und Interesse, sich mit Tabus im Verhältnis zwischen den westlichen und den islamischen Kulturen zu befassen. 2003 dachte ich ernsthaft darüber nach, meinen Beruf als Schriftstellerin, der für mich auch eine Berufung bedeutete, aufzugeben.

In dieser Krise entdeckte ich zufällig das Werk von Helene Stöcker. Eines Tages bekam ich ein Schreiben der Gesellschaft für Literatur NRW, in dessen Anhang sich eine Liste der aus Wuppertal stammenden Exilautorinnen und -autoren befand, die in den 1930er Jahren vor dem Naziterror das Land verlassen mussten. Ich kannte alle Namen und Schicksale außer dem von Dr. Helene Stöcker, die die erste promovierte Philosophin Deutschlands war. Ich weiß nicht warum, aber ich musste unbedingt wissen, wer diese Deutsche war, die vor 60 Jahren im Exil in New York starb.

Einige Stunden später saß ich in der Stadtbibliothek Wuppertal und recherchierte in dem bescheiden bestückten Autorenarchiv „Helene Stöcker“. Mit jeder gelesenen Seite wuchs meine Bewunderung gegenüber dieser „Philosophin des Alltags.“

Dr. Helene Stöcker, Philosophin, Frauenrechtlerin, Sexualaufklärerin, Pazifistin wurde am 13. November 1869 im jetzigen Stadtteil Wuppertal-Elberfeld in einer streng gläubigen Familie geboren. Für dieses Mädchen, wie für fast alle ihre Zeit- und Standesgenossinnen, war die Zukunft bereits festgelegt: Nach dem Abschluss der Mädchenschule würde sie im Elternhaus bleiben und dort gut behütet auf einen Bräutigam warten. Aber Helene Stöcker lehnte es ab, in diese Rolle zu schlüpfen, und lernte fleißig sowohl in der Mädchenschule als auch in eigener Regie. Sie wollte unbedingt studieren, und als Zwanzigjährige ging sie nach Berlin, wo sie sofort alle Chancen für weitere Ausbildung ergriff. Für eine Frau waren solche Möglichkeiten sehr knapp und begrenzt, deshalb gründete sie 1893 mit Gleichgesinnten den „Verein studierender Frauen“, um Vorreiterinnen zu organisieren und mehr Frauen für die akademische Ausbildung zu motivieren.

Privat hatte sie nicht viel Glück. Nachdem ihr Freund und Seelenverwandter Alexander Till, ein Kenner und Anhänger von Nietzsches Philosophie, Witwer geworden war, sollte sie seine Frau werden. Sie hätte gerne eingewilligt, wenn er von ihr nicht verlangt hätte, alles, was sie geschaffen hatte, aufzugeben und nur für ihn eine treue Begleiterin, Helferin und Erzieherin seiner Kinder aus erster Ehe zu sein. Ihre Unabhängigkeit konnte sie und wollte nicht aufgeben. In dieser Zeit hat sie sich mit Nietzsches Werken auseinandergesetzt, dessen Lehre ihre später entwickelte Theorie einer „neuen Ethik“ entscheidend beeinflusste.

Der Aufsatz „Aus dem Liebesbrief einer modernen Frau“ war ein Nachruf auf ihre gescheiterte Liebe mit Alexander Till. Das erste Mal wurde dieser Text 1897 im „Magazin für Literatur“ veröffentlicht: „Wenn wir in dem ersten Rausch und Freudentaumel nichts von all der Verschiedenheit unseres Wesens und unserer Anschauungen gemerkt, die sich nun in unseren letzten Gesprächen so schmerzlich bitter fühlbar machte – so lag das wohl daran, dass ich einmal ganz nur ‚Weib’ war, das sich in schweigender Seligkeit neigte. Aber wir wussten doch beide, dass ich das nicht nur bin. Und du genossest diese Demut umso mehr, weil du wusstest, dass ich sonst ernst in gleichem Schritt neben dir gehe – als dein gleich strebender Kamerad.“

Nach der Trennung von ihrer großen Liebe ging sie in die Schweiz und promovierte 1901 an der Universität Bern über das Thema „Zur Kunstanschauung des achtzehnten Jahrhunderts. Von Winkelmann bis Wackenroder.“ Sie kehrte nach Berlin zurück und stürzte sich in die Arbeit. Sie entwickelte sich zu einer unermüdlichen Kämpferin für ein menschenwürdiges Dasein auf der Erde, sowohl für Frauen als auch für Männer, zu einer Sexualaufklärerin, die immer wieder die Prostitution und ihre Ursachen anprangerte. Außerdem hatte sie bereits 1892 das Buch von Bertha von Suttner „Die Waffen nieder!“ gelesen und danach in Suttners Deutscher Friedensgesellschaft mitgearbeitet. Stöcker war eine überzeugte Pazifistin. Sie ließ ihr enormes theoretisches Wissen in die neue Ethik einfließen, um gesellschaftliche Reformen besonders im Hinblick auf Familien- und Frauenrechte voran zu bringen.

Sie galt und sah sich selbst als „Frauenrechtlerin und Sexualreformerin“, aber sie arbeitete gerne mit Männern zusammen. In ihren Schriften betonte sie immer wieder, dass es kein strukturelles gesellschaftliches Umdenken gäbe ohne Männer. 1905 lernte Stöcker den Berliner Rechtsanwalt Bruno Springer kennen, mit dem sie jahrelang ohne Trauschein zusammenlebte. Er unterstützte ihre Arbeit und half ihr bei juristischen Problemen.

In ihrer „neuen Ethik“ fokussierte Helene Stöcker vor allem auf die geistige Entwicklung des Menschen, deren erhabene Errungenschaft es sein sollte, „die Rechte und das Selbstbewusstsein des Individuums zu stärken.“ Dies hinderte sie zugleich daran, die realen Umwälzungen in der Politik und Gesellschaft zu beobachten und zu analysieren. Deshalb konnte sie nicht begreifen, dass die Massen sich so leicht politisch manipulieren ließen und so schnell in eine Kriegshysterie verfielen konnten, wie das in dem Ersten Weltkrieg geschah. Darüber schrieb sie: „Wie wenn plötzlich ein Abgrund der Hölle vor einem träumend in blühender, reifender Sommerwelt Schreitenden sich auftut, so wurde jenes furchtbare Erwachen zur Wirklichkeit der menschlichen Natur. Unfasslich: Nächste Freunde, Geliebte, Mitkämpfer, verehrte Greise und Greisinnen, zarte Frauen, idealistische Jünglinge, hochkultivierte Männer, Sozialreformer, Politiker, Künstler, Gelehrte, alle, alle fortgerissen in jenen blutigen Mordrausch, der plötzlich Menschenmord, Vernichtung blühenden, menschlichen Lebens als selbstverständlich bejahte. Mörder, lusterfüllte, bei ‚Siegesnachrichten’ ‚jubelnde’ Mörder – sie alle!! An wen man sich im ersten Entsetzen noch klammerte, auf ihn selbstverständlich als Ausnahme von jener wüsten Verrohung gehofft hatte – eine Stütze nach der anderen brach zusammen. Kein Stand, kein Geschlecht, kein Alter, keine Bildung, keine Nationalität, keine Rasse, keine Partei – nirgends ein absolut sicherer Schutz vor jenem Wahnsinn, der die ganze Welt in ein großes moralisches Irrenhaus verwandelte. Und die ganz, ganz wenigen, die dachten und fühlten, wie – nun, wie man vorher die ganze normale gesunde Menschheit fühlend glaubte, – die waren so vereinzelt und verschüchtert ob ihres .‚Andersseins‘‘ und ‚Andersfühlens’, dass sie sich kaum zu ihrem eigenen Fühlen zu bekennen trauten.“

Frieden, Völkerverständigung und Scherbenbeseitigung nach dem Blutvergießen in Europa 1914 bis 1918, bildeten den Mittelpunkt von Stöckers Engagements nach dem ersten Weltkrieg. Aber die Vorboten der bevorstehenden faschistischen Finsternis hat sie wahrgenommen. 1933 im März verließ Helene Stöcker Berlin in großer Eile. Die Reichtagswahl im März 1933 bestätigte ihr Urteil, dass die NSDAP die ganze Gesellschaft im Griff hatte. Die Bücherverbrennungen, die danach folgten, waren die letzte Warnung an alle Freidenkenden, sich entweder zu fügen oder das Land zu verlassen. Die Gestapo vernichtete Stöckers Manuskripte, man erkannte ihr die Doktorwürde und die deutsche Staatsbürgerschaft ab. Aus der Schweiz floh sie zuerst nach London, danach über Russland nach Amerika. Zwei Jahre lebte sie schwer krank in New York, finanziell unterstützt von der „Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit.“ Sie starb am 23. September 1943 nach zehn Jahren Exil, währenddessen sie neben vielen Krankheiten noch Einsamkeit, Armut und die Zerstörung aller ihrer Ideale hatte erleben müssen.

Zum Glück konnte der Naziwahnsinn nicht alle ihre Werke und Manuskripte vernichten. Erst viele Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg fanden sich Philosophinnen und Wissenschaftlerinnen, die das Lebenswerk der ersten deutschen promovierten Philosophin durch ihre Forschungen und Doktorarbeiten vor dem Vergessen retteten.

Alles was ich über Helene Stöcker erfuhr, half mir, meine eigene Krise zu überstehen. Ihr kämpferischer Geist brachte mir bei, wie man sich trotz allen Niederlagen wieder aufrafft. Es kam mir vor, als ob ich mit ihr über Gott und die Welt diskutieren könnte. Einen unserer Dialoge ließ ich in das Hörstück „Ketten reißen nie von selbst“ hineinfließen, das bald als ein Hörbuch erscheinen wird (im NordPark-Verlag, Wuppertal).

Autorin: Safeta Obhodjas
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 23.10.2009

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