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Warum lesen Männer kaum feministische Bücher?

Von Ina Praetorius

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Männer lesen vorwiegend Bücher von anderen Männern. Schade eigentlich. Foto: Falko Matte/fotolia.com

Der katholische Theologe und Antipapst Hans Küng ist bekanntlich ein Frauenfreund. Zum Beispiel hat er schon im letzten Jahrhundert Sätze wie diesen geschrieben: „Es muss für das nächste Jahrtausend ein Weg gefunden werden in eine erneuerte Gemeinschaft von Männern und Frauen in Kirche und Gesellschaft, in der Frauen auf allen Ebenen einen gleichen Teil der Verantwortung tragen wie Männer und in der sie ihre Gaben, Einsichten, Werte und Erfahrungen frei einbringen können.“

Schön. Bloss: Ich habe mir einmal den Anmerkungsapparat des Buches angeschaut, in dem dieser Satz steht („Projekt Weltethos“, München 1992, Seite 94), mit diesem Ergebnis: Küng bezieht sich auf etwa 170 Männer und auf eine Frau. Die einzige Autorin, von der er einen Text gelesen zu haben scheint, ist Dorothee Sölle. Und die beschuldigt er, bei ihm, Hans Küng, abgeschrieben zu haben:

„Allerneuestens hat D. Sölle Elemente meiner theologischen Paradigmenlehre übernommen, ohne sich freilich, wie es scheint, die notwendige wissenschaftstheoretische Grundliteratur selber angeeignet zu haben. Das wäre nicht gar so schlimm, wenn D. Sölle nicht die gesamte Theologie des zweiten Jahrtausends in ein ideologieverdächtiges Schema pressen würde“ (Seite 179)

Okay, das „Weltethos“ von Hans Küng stammt aus den frühen Neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Vielleicht hat er inzwischen etwas gelernt. Jedenfalls hat er unzählige weitere Bücher und Artikel geschrieben, unter anderem sogar ein Buch nur über Frauen („Die Frau im Christentum“, München 2001). Diese Bücher habe ich aber nicht mehr gelesen, und auch die Anmerkungsapparate nicht mehr analysiert. Wundert das jemanden?

Fassade und Statistik

Es gibt noch viel mehr Männer, die sich „frauenfreundlich“ geben, aber keine Texte von Frauen lesen, und schon gar keine von Feministinnen. Mehrfach habe ich solche Autoren mit einer Gender-Analyse ihrer Bibliographien überrascht. Also mit den „harten Fakten“ (hinter der netten Fassade), die Wissenschaftler im Allgemeinen doch sehr lieben. Das Ergebnis war meist Funkstille. Oder dann eine späte wehleidig-beleidigte Antwort. Ein liberaler Staatsrechtler schrieb mir dies:

„Mit dazu beigetragen, dass ich nicht rasch geantwortet habe, hat ein zwiespältiges Gefühl in mir: Einerseits spüre ich, wie berechtigt Ihr Anliegen ist und dass ich darauf eine substantielle Antwort geben sollte. Anderseits befremdet mich ihre Direktheit und mein Eindruck, Sie möchten besser über mich Bescheid wissen als ich. Ich muss mich Ihnen gegenüber beweisen, damit Sie mir glauben. Das wirkt abstossend auf mich. Ich möchte mich vor niemandem dafür entschuldigen müssen, dass ich ein Mann bin. Auch nicht dafür, dass die Wissenschaftswelt noch immer von Männern dominiert ist.“

Ja, die Wissenschaft ist noch immer von Männern dominiert, aber es gibt sie doch, die feministischen Rechtswissenschaftlerinnen, und sie kommen bei diesem Herrn einfach nicht vor. Ja, die Genderstatistik eines Literaturverzeichnisses ist ein ziemlich „direkter“ Weg, die Kluft zwischen frauenfreundlicher Fassade und tatsächlichem Interesse aufzuzeigen. Weshalb ist die in der Wissenschaft normalerweise übliche Objektivität aber plötzlich „abstossend“? Nein, Herr Professor, Sie müssen sich nicht dafür entschuldigen, dass Sie ein Mann sind. Aber vielleicht dafür, dass Sie sich als Frauenförderer geben, aber eigentlich gar nicht wissen wollen, was wirkliche Frauen wirklich denken.

Woran liegt’s?

Warum lesen schreibende Männer, Frauenfeinde und Frauenfreunde gleichermassen, kaum Texte, die von realen Angehörigen des weiblichen Geschlechts geschrieben sind? Zu dieser Frage habe ich vorerst sechs mehr oder weniger harmlose Hypothesen anzubieten:

Erstens: Wissenschaftler sind vielbeschäftigt. Sie haben genug damit zu tun, all das zu verarbeiten, was ihre männlichen Vorgänger und Kollegen zu Papier bringen. Denen nämlich werden sie am nächsten Kongress Rede und Antwort stehen müssen. Den schreibenden Feministinnen hingegen nicht.

Zweitens: Wie die meisten Menschen (auch wir Feministinnen) bewegen sich  Wissenschaftler am liebsten in den Kreisen, die ihnen vertraut sind. Denn dort ist das Risiko, in eingeübten Grundüberzeugungen erschüttert zu werden, am geringsten. Während für Frauen der Zwang, Texte von Männern zu lesen, institutionalisiert ist (welche Frau könnte ein Examen bestehen, ohne Texte von Männern gelesen zu haben?), existieren für Männer solche Zwänge nicht.

Drittens: Männer sind von den Attacken der revoltierenden Frauen traumatisiert. Sie fürchten sozusagen um ihr Leben, wenn sie eines der Bücher aufschlagen, in denen die zweigeteilte symbolische Ordnung, in der sie sich bequem eingerichtet haben, zunichte gemacht wird.

Viertens: Männer haben – wie im übrigen häufig auch in dem Bereich, den sie „Liebe“ nennen – kein Interesse an wirklichen Frauen, sondern an „Weiblichkeit“: also an einem patriarchalen Diskursprodukt, oder anders ausgedrückt: an ihrem eigenen Spiegelbild. (Nicht umsonst hat Luce Irigaray ihr erstes Hauptwerk, in dem sie sich ausführlich mit der patriarchalen „Logik des Selben“ auseinandersetzt, „Speculum“ genannt).

Fünftens: Frauen haben in den Siebziger- und Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts eine separatistische Politik betrieben. Sie wollten endlich unter sich sein und unter Ausschluss der ewig dreinredenden und besserwissenden Männlichkeit über Gott und die Welt nachdenken. Durch diese Politik haben sich Männer daran gewöhnt, dass Frauenwissen sie nichts anzugehen hat.

Sechstens: Männer haben die seit mehr als zwei Jahrtausenden dominante Ideologie, Frauen seien ein stummer Mutterboden (Materia von Mater=Mutter) und könnten also per Definition nichts Originelles sagen, verinnerlicht. Sie erwarten also von Texten weiblicher Autorinnen per Definition nichts, was sie nicht längst selbst gedacht haben (vgl. Hans Küngs Vorwurf an Dorothee Sölle, sie habe von ihm abgeschrieben). Texte von Frauen zu lesen erscheint ihnen daher grundsätzlich als Zeitverschwendung, denn in ihnen kann ihrer Überzeugung nach kein neuer Gedanke stehen.

Was ist zu tun?

Zum Glück sind Männer ebenso verschieden voneinander wie Frauen. Weshalb sich die Frage, welche dieser Hypothesen zutrifft, kaum eindeutig beantworten lässt. Wer einen Mann dazu bringen will, ein feministisches Buch zu lesen, muss, je nach der Beschaffenheit des konkreten Gegenübers, individuell angepasst vorgehen. Für den einen reicht ein leichter Schubs, der andere braucht Spott oder fröhliches Lachen angesichts seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Wieder andere werden sich erst nach tiefgründigen philosophischen Debatten, die ihnen ihr Verhaftetsein in einer misogynen Ordnung zum Bewusstsein bringen, bewegen lassen. Politisch interessant scheint mir die Frage, ob es sinnvoll ist, auf Zwangsmassnahmen hinzuarbeiten, die Männern die Freiheit, Frauenwissen zu ignorieren, aus der Hand nehmen: Pflichtseminare? Obligatorische Prüfungen?

In jedem Fall ist im Umgang mit begriffsstutzigen Helden heitere Souveränität angebracht. Denn letztlich sind wir Frauen nicht darauf angewiesen, dass Männer unser Wissen zur Kenntnis nehmen. Wut haben wir nicht mehr nötig. Es sind vielmehr die Männer, denen viel entgeht, wenn sie die Neugier für das, was wirkliche Frauen wirklich denken, nicht aufbringen.

Autorin: Ina Praetorius
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 02.10.2009

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ina Praetorius sagt:

    Hypothese 7

    Mir ist noch ein möglicher Grund eingefallen:
    Siebtens: Für Männer ist es ehrenrührig, sich auf weibliche Autorität zu beziehen: Die Kollegen/Brüder könnten auf den Gedanken kommen, man hinge noch an Mamas Rockschoss, sei also nicht „autonom“ genug. Deshalb suchen schreibende Männer immer wieder Gedanken, die sie von Frauen gehört haben, in Männerbüchern und zitieren sie erst, wenn sie dort fündig geworden sind. (Alternative: Direktklau, also gar nicht zitieren oder sonstwie kennzeichnen, sondern Gedanken von Frauen als selbsterfundene ausgeben. Um das eigene Gewissen zu beruhigen, schreibt man in diesem Fall ins Vorwort den üblichen Pauschaldank an Mutter, Ehefrau, Tochter etc.)

  • ursula knecht-kaiser sagt:

    freie beziehungen, von treue geprägt

    Manchmal wünsche ich mir, so frei und so souverän zu sein wie Luisa Muraro. Jedenfalls kommt sie mir so vor. „nicht glauben, Rechte zu haben…“ Auch nicht das Recht auf Autorinnenschaft vermutlich.
    Vgl. den letzten Abschnitt von Muraros Text: http://www.bzw-weiterdenken.de/2009/09/ohne-die-prothesen-der-macht. Das Bild vom Fahrradfahren, wo es eine bestimmte Geschwindigkeit braucht, um im Gleichgewicht zu bleiben, gefällt mir, übertragen auf die Geschwindigkeit des Handelns, „das die Gelegenheit ergreift, um Machtverhältnisse in freie Beziehungen zu verwandeln, die von Treue geprägt sind…“ Was meint Treue? Ein Versprechen, eine freie Gabe? Die Gabe denkender Frauen an die Welt – und die Gabe der Wahrnehmung schreibender Männer an die denkenden/schreibenden Frauen – und umgekehrt. Ich glaube, die „freie Beziehung“ muss über die Welt laufen, und weniger zwischen denkenden/schreibenden Frauen und Männern. Oder habe ich jetzt alles durcheinander gebracht?

  • Kyra A. Richiger sagt:

    Gemeinsam erreichen wir…

    Liebe Frau Praetorius.
    Es stimmt, Frauen fehlen überall. Doch sind da die Männer die alleinige Ursache? Stützt nicht die Mehrheit der Frauen dieses System?
    In der Septembernummer unserer Onlinepublikation „Die Denke“ haben wir das Thema der Matriarchatsforschung gewidmet. Mein Mann hat sehr viel gelesen und es war ihm wichtig, was die Forscherin Frau Heide Göttner Abendroth zur neusten Nummer denkt. Doch Frau Göttner fand keine Zeit, diese Ausgabe zu lesen, noch ein Feedback zu geben. Dies hat mich betroffen gemacht. Der Mann braucht die Anerkennung nicht minder als die Frau.
    Ich stelle in meinem Umfeld fest, dass Männer sehr wohl feministische Bücher lesen. Das gibt interessanten Gesprächsstoff und eine Verbundenheit zwischen Frau und Mann entsteht. Also plädiere ich: Gemeinsam erreichen wir mehr.
    Herzliche Grüsse
    Kyra A. Richiger
    http://www.diedenke.ch

  • Susan-Barbara Voemel sagt:

    leider …

    leider hatte ich bis heute diese Chance der „Feministischen-Literatur-Lesenden-Männer“ nicht. Die Antwort meines Ex-Mannes auf die Bitte, doch einmal ein Buch von Gerda Weiler zu lesen, lautete immer: Ach, das liest Du doch auch für mich mit. Die Reaktion meines Bruders(er studierte Theologie und ist heute Musik und Theaterlehrer) auf ein Buchgeschenk von mir (Sophias Leib von Annegret Stopzyk): Was soll ich denn damit !!! Und dabei hätte ich so gerne mit ihnen über vieles diskutiert … Meine in ihren Augen „Extravaganzen“ wurden zwar toleriert, aber nie wirklich ernst genommen. Auch Frauen reagieren in diesem Schema, aber sind doch schon viel eher bereit, sich damit hin und wieder auseinander zu setzen, vor allem wenn sie darin eigenes erkennen … das ist zumindest meine Erfahrung.
    Susan-Barbara

  • Andreas Reinert sagt:

    1 Mann denkt mit

    Liebe Frau Praetorius,
    da ich der erste Mann bin, der auf Ihren Beitrag reagiert (jedenfalls in diesem Chat), können wir uns – glaube ich – auf die Aussage einigen, dass wenigstens 1 Mann Texte von Frauen liest und versucht mitzudenken.
    Bevor ich auf Ihren Beitrag antworte, möchte ich noch kurz erwähnen, wie ich zu Ihrem Beitrag gekommen bin. Ich war auf der Webseite der Landeszentrale für politische Bildung und sah den Link zu dem Vortrag über Simone Weil. Da ich in Tübingen wohne, habe ich mir das Angebot angesehen und bin dadurch auf Ihre schöne Webseite gelangt. Da ich Interesse fand, habe ich weitergeklickt und bin schließlich bei diesem Beitrag gelandet. Da ich evang. Theologe und Lehrer bin, hat mich dann noch der Beitrag von Karin Hügel zu „Ruth“ interessiert. Ich habe mir diesen und Ihren Beitrag ausdrucken lassen und habe beide gelesen.
    Nun aber zu Ihrem Beitrag: Ich habe ihn zunächst mit großem Interesse und Sympathie gelesen. Ich finde es richtig, dass Sie sich als Frau dagegen wehren, „von Männern“ nicht gelesen zu werden. Dass Ihr Ton dabei – jedenfalls für mich als Mann – etwas scharf ausfällt, kann ich nachvollziehen. Das stört mich aber nicht. Dennoch habe ich Einwendungen:

    1. Ich finde Ihre Verallgemeinerungen deprimierend. Es sind nicht einfach „Männer“, die „kaum feministische Bücher“ lesen. Ich möchte dagegenstellen: Es gibt Männer, die feministische Bücher lesen. Sie schreiben doch selbst: „Zum Glück sind Männer ebenso verschieden voneinander wie Frauen“. Und weil Männer und Frauen jeweils sehr unterschiedlich sind, gibt es möglicherweise mehr Männer, die feministische Bücher lesen, als Sie glauben mögen. Also bitte: Es ist zwar ein uraltes Argument, aber es stimmt halt doch: bitte nicht verallgemeinern, auf den einzelnen Menschen sehen.

    2. Die Basis Ihrer Thesen ist sehr schmal: Es genügt meines Erachtens nicht, das Buch von Hans Küng „Projekt Weltethos“ anzuführen und dieses zur alleinigen Grundlage Ihrer Thesen zu machen. Ich finde es interessant, dass Küng in diesem Buch nur 1 Frau als zitationsreif erwähnt, wenngleich das Verhältnis von Küng und Sölle grundsätzlich (wie ich aus anderen Publikationen weiß) nicht von so großer Feindschaft geprägt ist, wie Ihre Zitate suggerieren. Aber sei’s drum: Ich finde, es ist einfach eine zu schmale Basis, auf der Sie argumentieren und ich finde es auch kein starkes Argument zu schreiben: „Diese Bücher [sc. von Hans Küng] habe ich dann nicht mehr gelesen, und auch die Anmerkungsapparate nicht mehr analysiert. Wunder das jemanden?“ Ja, mich wundert das, denn ich hätte es erwartet, wenn jemand eine derart steile These aufstellt. Ich habe noch ein paar weitere Bücher von Hans Küng und habe Ihre These anhand dieser Bücher überprüft, konnte aber nicht feststellen, dass er auch in anderen Büchern keine Frauen aufnimmt. Die Mehrahl der zitierten Autoren ist zwar männlich, aber in den Büchern „Credo“, „Spurensuche“, „Existiert Gott?“, „Christ sein“, „Kirche im Konzil“ sowie „Menschenwürdig sterben“ (zusammen mit Walter Jens) kann ich Ihre These nur eingeschränkt bestätigt finden – wobei ich einräumen muss, dass ich durch das Literaturverzeichnis bzw. im Anmerkungsapparat nicht alle Autor/innen als Männer oder Frauen identifizieren konnte, weil ich nicht alle kenne. Ich finde es dennoch wissenschaftlich nicht korrekt, auf einer derart schmalen Basis zu argumentieren und praktisch auf Verdacht hin damit „Männer“ insgesamt blamieren zu wollen.

    3. Angeregt durch Ihren Beitrag habe ich dann in meinen eigenen Regalen und in meinem Bücherschrank nachgeschaut, wie denn der Anteil von weiblichen Autor/innen und feministischer Literatur bei mir selbst aussieht. Ich habe zunächst festgestellt, dass ich mit einem „feministischen Blick“ (wenn ich als Mann das sagen darf) noch nie auf meine Bücher geschaut habe – mir ist dieser Blick fremd, weil ich den Kauf von Büchern nicht davon abhängig mache, ob sie von einer Frau oder von einem Mann geschrieben wurden, sondern davon, ob ich sie haben will oder brauchen kann, ob sie mein Interesse wecken. Und ich habe Bücher von Männern nicht weniger gern haben als Bücher von Frauen. Ich habe Bücher gern, wenn sie gut sind, unabhängig davon, ob sie von einem Mann oder einer Frau geschrieben sind. Als ich mit meinem Blick an dem Regal entlang gestreift bin, habe ich eine Mischung festgestellt: Wenn ich es recht überschlage, ist die Mehrzahl der Bücher, die ich besitze, von Männern, ich schätze das Verhältnis auf 70 : 30 Prozent.

    4. Zurück zu Ihrem Beitrag: Ich finde Ihren Umgang mit dem von Ihnen zitierten Rechtswissenschaftler („ein liberaler Staatsrechtler“) nicht in Ordnung. Er schreibt doch selbst, „wie berechtigt Ihr Anliegen“ ist und dass er versuchen will, „darauf eine substantielle Antwort“ zu geben. Ihre Reaktion darauf ist allerdings nicht eben fein und keineswegs nobel: Er solle sich dafür entschuldigen, dass er sich „als Frauenförderer gebe, aber eigentlich gar nicht wissen wolle, was wirkliche Frauen wirklich denken“. Das scheint mir nun doch eine arge Verzeichnung seines Anliegens zu sein: Er hat Ihren Beitrag gelesen, er hat versucht, Ihnen eine substantielle Anwort zu schreiben, und er wird von Ihnen abgestraft und im Chat durchgeprügelt. Wenn Sie sich den Dialog zwischen einem Mann und einer Frau so vorstellen, dann „Gute Nacht!“. Ich jedenfalls bin gespannt darauf, wie Sie mit „meinem Versuch einer substantiellen Antwort“ umgehen werden.

    Nun zu Ihren Thesen selbst:
    1. Die erste These ist soooo schwach: Natürlich sind Wissenschaftler (Wissenschaftlerinnen übrigens auch) viel beschäftigte Menschen. Aber die Schlussfolgerung, sie könnten deshalb keine Bücher von „schreibenden Feministinnen“ lesen, ist doch erstens unlogisch: Mit gleichem Recht könnte man behaupten, weil Bauarbeiter viel beschäftigte Menschen seien, könnten sie nur mit dem Fahrrad (und nicht mit dem Auto) fahren. Das ist genauso unlogisch. Zweitens ist diese These durch keine Empirie gedeckt.
    2. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass man kein Examen bestehen kann, wenn man nicht Texte von männlichen Autoren liest. Man kann dies aber ergänzen durch die Aussage, dass man kein Examen bestehen kann, wenn man nicht Texte von weiblichen Autorinnen liest.
    3. Bei der dritten These musste ich herzhaft lachen: Ich fürchte durchaus nicht um mein Leben, wenn ich ein Buch einer Frau aufschlage. Denn Bücher von Frauen bereichern mein Leben, sie gefährden es nicht.
    4. Durch ihre vierte These sehe ich mich als Mann nicht adäquat beschrieben: Ich habe – wie Sie – auch kein Interesse an dem von Ihnen beschriebenen „patriarchalen Diskursprodukt“; ich liebe nicht mein „patriachales Diskursprodukt“, sondern meine Frau. Mein eigenes Spiegelbild schaue ich im Spiegel dennoch mit Interesse an, um zu sehen, wie ich mich verändere. Die Verallgemeinerung, „Männer“ seien so, wie Sie sie hier beschreiben, halte ich für falsch. (Aus Ihren Zeilen spricht für mich allerdings eine tiefe Verletztheit aufrund negativer Erfahrungen mit einzelnen Männern, wenn ich das sagen darf).
    5. Diese These mag mehrheitlich stimmen, obwohl ich es nicht überprüfen kann. Wenn es so wäre, hielte ich es für sehr schade, denn Frauen und Männer können sich gegenseitig sehr bereichern. Ich halte es hier mit der Kollegin Kyra A. Richiger, die in Reaktion auf Ihren Beitrag schreibt: „Ich stelle in meinem Umfeld fest, dass Männer sehr wohl feministische Bücher lesen. Das gibt interessanten Gesprächsstoff und eine Verbundenheit zwischen Frau und Mann entsteht. Also plädiere ich: Gemeinsam erreichen wir mehr.“ Dem kann ich mich voll anschließen: Der Geschlechterkampf bringt nichts, voneinander lernen und sich gegenseitig helfen – das bringt’s!
    6. Die verallgemeinernde Vorstellung, „Männer“ hätten „verinnerlicht“, dass Frauen „nichts Originelles sagen“ könnten, halte ich weder für empirisch bewiesen noch für besonders schlagkräftig; ich halte sie für falsch. Meines Erachtens kann jede Frau und jeder Mann das Ihre / das Seine dazu beitragen, sich gegenseitig besser zu verstehen.

    Liebe Frau Praetorius,
    nun ist meine Erwiderung etwas länger ausgefallen, und ich hoffe Sie damit nicht zu langweilen. Auf eine Reaktion Ihrerseits bin ich gespannt; falls Sie Zeit dazu finden, würde ich mich darüber sehr freuen.
    Mit freundlichen Grüßen
    Andreas Reinert

  • Antje Schrupp sagt:

    Warum denn dann?

    Hallo Herr Reinert – in dem Artikel ging es ja nicht darum, die These, dass Männer kaum oder selten feministische Bücher lesen, zu beweisen (ich halte sie auch für evident. Ausnahmen gibt es natürlich immer). Insofern war Küng nur ein Beispiel, um etwas anschaulich zu machen, und nicht die Beweisgrundlage. Sicher stimmt es, dass manche Männer heute durchaus feministische Bücher lesen, aber se ist doch wohl kaum zu bestreiten, dass die überwiegende Mehrheit (vor allem in Universitäten und Mainstream-Medien) es nicht tut. Ina Praetorius hat nun versucht, Gründe dafür zu finden und das Phänomen zu erklären. Wenn Sie ihre Hypothesen falsch finden – was wäre denn Ihrer Meinung nach der Grund dafür?

  • Jens Sauerbrey | @jwp4web sagt:

    … mit anderen Augen sehen.

    Sehr geehrte Antje Schrupp und Ina Praetorius,

    ich bin geneigt, mich für meinen Beitrag im Voraus entschuldigen zu wollen, weil ich es seit über 20 Jahren nicht mehr gewohnt bin, mich „wissenschaftlich“ mit Texten auseinander zusetzen – es also gar nicht erst „direkt“ versuchen möchte.

    Vielmehr möchte ich versuchen, mich mit dem Beitrag von Herrn Reinert auseinander zusetzen – denn mein letzter „wissenschaftlicher Erkenntnisstand“ im Bereich Feminismus (80er Jahre) war: „Die Frauen haben große Fortschritte hinsichtlich ihrer Emanzipation (Befreiung von Fremdbestimmung) erreicht und tragfähige Grundlage für die weitere Entwicklung geschaffen. Jetzt können, sollten, müssen wir Männer unseren Teil dazu beitragen und ebenfalls einen Prozess der Emanzipation auf den Weg bringen“.

    Wenn ich jetzt den Beitrag von Herrn Reinert lese, habe ich den Eindruck, dass wir Männer in den letzten 20 Jahren scheinbar gar nichts entwickelt haben. Damals hatte ich die Chance, 5 Semester bei einer feministischen Sprachwissenschaftlerin zu studieren. Unter anderem erinnere ich mich an die verschiedensten Männer-Argumentations-Strategien, wenn wir uns mit Frauen auseinander setzen. Die meisten finde ich in dem Kommentar von Herrn Reinert immer noch wieder. 🙁

    Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang auch an das Buch „Die Töchter Egalias“, welches versuchte, die gesellschaftlichen Verhältnisse hinsichtlich des geschlechtlichen Rollenverhaltens ins Gegenteil zu verkehren. Es ging in dieser Utopie nicht darum, eine erstrebenswerte Gesellschaft darzustellen. Vielmehr macht die Umkehrung der gesellschaftlichen Verhältnisse deutlich, wie absurd und armselig die Argumente von Männern oft sind, wenn sie versuchen, die gegenwärtigen Verhältnisse zu erklären oder zu rechtfertigen. Vielleicht wird Herrn Reinert deutlich, was ich meine, wenn er mal versucht, diese Beiträge inklusive der oben genannten Thesen in umgekehrte Verhältnisse zu transformieren.

    Und bitte Herr Reinert, auch meine Kritik in der Sache müssen Sie nicht persönlich nehmen. Wir Männer verallgemeinern in der Regel auch, ohne Ausnahmen explizit zu erwähnen – selbst dann, wenn mit der Ausnahme die andere Hälfte der Menschheit gemeint ist, weil wir es so gewohnt sind. Wie so vieles, was uns angewöhnt wurde und wir gern angenommen haben, weil es dem Menschen leicht fällt, sich an Privilegien zu gewöhnen.

    Aus der Geschichte wissen wir, das Privilegien (wer berechtigt wen zu welchem Verhalten) ein wesentlicher Bestandteil von Machtsystemen sind bzw. zur Stabilisierung dieser Systeme dienen. Es ist ja nicht nur so, dass wir Männer uns gegenseitig für systemtragendes Verhalten belohnen, um unsere Privilegien abzusichern, sondern wir machen uns gleichzeitig abhängig und unfrei, verstricken uns in Verantwortung, welche so schwer auf uns liegt, dass es uns den freien Atem nimmt. Mal im Ernst, Männer, mit welchen Argumenten wollen wir kluge Frauen davon überzeugen dieses blöde „Spiel“ mitzumachen?

    Ich denke, wir sind überfällig unseren Beitrag zur Emanzipation der Menschheit beizutragen. Und es sind nicht die Frauen, die uns daran hindern, sondern wir Männer selbst, bzw. unsere schrecklich unmoderne tradierte Vorstellung, wie wir sein müssten.

    Abschließend noch eines: Wenn uns die Frauen argumentativ unangenehm gegen den Strich bürsten, dann ist das allein unsere „Empfindung“. Der Rückschluss, dass damit eine gezielte Absicht seitens der Frauen verbunden ist, erscheint mir nicht zwingend. Vielmehr frage ich mich, was mit meiner Banlance von Ratio und Seele nicht stimmt, wenn ich nicht in der Lage bin die Dinge auseinander zu halten.

    …. mit sonnigen Grüßen von Jens, der kein Feminist ist, aber von einer solchen als Freundin genannt wurde 🙂

  • Stephanie Gogolin sagt:

    Weil sie sie nicht wirklich verstehen?

    Ich weiß so was sollte frau nicht sagen, das ist gemein und arrogant!

    Liebe Ina Praetorius, als lesende Frau, Großmutter und Waschweib*, finde ich die sieben Thesen durchaus einleuchtend und auch ohne Universitätshintergrund kann ich sie aus meiner Erfahrung nur bestätigen. Denn z.B. zu 1. Männer müssen auch sonst kaum Frauen Rede und Antwort stehen!

    Vor etwa zwanzig Jahren habe ich beschlossen, meinem persönlichen Erkenntnisdrang zu folgen und ab sofort nur noch weibliches Wort in mich aufzunehmen. Fast ausschließlich in Form von Sachbüchern, wenn ich die „Nebel von Avalon“ mal ausnehme.

    Ich brauchte ab da auch zu gar keinem „Männerbuch“ mehr zu greifen, denn es gab für mich erst einmal reichlich zu lesen, was da aus Frauenhirn und -hand stammte. Und ich bin damit quasi bis heute beschäftigt, denn es fließt erfäulicherweise immer mehr nach. Den Entschluss, nur (Sach-) Bücher von Autorinnen zu lesen, habe ich im Alter von etwa zweiundvierzig getroffen. Ich habe also, um einen gerechten Ausgleich zu schaffen, noch zwanzig Jahre vor mir, weibliche Literatur aller Art zu würdigen.

    Natürlich bedenke ich, dass ich nicht von meinem Jahre Null an gelesen habe. Aber die männliche „Gehirnwäsche“ für kleine Mädchen (ohne Weichspülmodus), setzte bereits mit dem ersten Babybad ein. Und das betrifft nicht nur mich. Wir alle sind ja wohl von Säuglingstagen in mit männlichem Gedankengut geflutet worden. Alles, mit dem ich aufwuchs – der häusliche Alltag, der kirchliche Einfluss, das (in meinem Falle) sozialistische Schulsystem – waren männlich definiert!
    Das weibliche Wort in meinem Umfeld wurde wirklich nicht für voll genommen oder gar geachtet.

    Und ja, ich erlebe es ständig, Männer haben eine ganze Menge an unerfreulichen Einstellungen verinnerlicht**, wenn es um die Sicht auf die Frau im Allgemeinen und auch im Besonderen geht. Da nützt es auch nicht immer was, wenn der Einzelne sich alle Mühe gibt und seine Frau liebt.

    Evidenz scheint jedoch dem Männlichen generell suspekt zu sein, wie ich immer wieder feststelle.

    Wenn ich zum Beispiel sagte: „In Europa wird weniger Reis gegessen, als in China!“, würde mein Sohn unter Garantie sagen: „Woher willst du das denn wissen? Gibt es dafür empirische Daten?“ Während meine Tochter vermutlich zustimmend nickt und meinte: „Ja, wir könnten morgen mal wieder Reis kochen!“

    (* ich rede gern über alles

    (** siehe auch http://www.salamandra.de/tagebuch/start.php

  • Carl Jung sagt:

    Das Problem

    Das Problem, das ich sehe ist, dass es etlichen weiblichen Autoren nicht genügt als Autor, d.h. in der Funktion, wahrgenommen zu werden, sie wollen als Frau wahrgenommen werden, d.h. in ihrem Geschlecht. Männer mit dieser Einstellung finden wir in Mukkibuden und sie tragen Goldkettchen um Hals und Arme. Ein Mann in seiner Profession möchte einfach nur als Autor, Wissenschaftler, Mensch wahrgenommen werden. Männer verbergen, auch in der Kleidung, ihre Geschlechtsmerkmale.
    Das Kennzeichen feministischer Literatur ist die Nabelschau, der Exhibitionismus: Siehe, ich bin eine Frau. Höre, was ich als Frau zu sagen habe. Das ist keine erwachsene Einstellung. Ich lese furchtbar gerne Kriminalromane und liebe die von Elizabeth George. Wenn ich deren Geschichten schmökere, dann ist das extrem kurzweilig. Ich nehme gar nicht wahr, dass das eine Frau geschrieben hat. Sie schreibt einfach professionell und gut. Und das ist das Maß der Dinge im Beruf, das Geschlecht wird unsichtbar. Natürlich beeinflusst unser Geschlecht, je nach Profession, unsere Werke. Die Art, wie wir Dinge angehen, die Themen, welche wir zur Bearbeitung wählen, die Sicht auf die Fakten, in all das fließt unsere Geschlechtlichkeit ein. Aber das ist sehr subtil, nicht aufdringlich, nicht platt.
    Die Haltung: Beachte mich, ich bin eine Frau, hear me roar, ist so unappetitlich, wie die aufdringliche Verkündigung bestimmter Sekten.
    Feminismus ist weiblicher Machismo. Und den Typen mit dem Goldkettchen und der sichtbaren haarigen Brust wird man auf einem wissenschaftlichen Kongress nicht eben ernst nehmen.

    Carl Jung

  • Johannes sagt:

    Warum ich feministische Texte meistens wegklicke …

    Im Grunde interessieren mich feministische Texte sehr. Oft beginne ich sie zu lesen. Oft gehen meine Finger nach ein paar Sätze aber zu Strg-W oder Alt-Links. Oder ich schlage nach einer halben Seite das Buch oder die Zeitschrift zu und lege sie weg.

    Warum?

    Weil feministische Texte sich für mich immer noch wie eine Anklageschrift gegen Männer lesen.

    Beispielsweise dieser Text. Anklage: Männer lesen keine Texte von Frauen und das ist defizitär. Die Männer müssen sich ändern.

    Beim Lesen feministischer Literatur komme ich immer beschuldigt und angeklagt vor. Und das will ich nicht. Deshalb Strg-W oder Heft weglegen. Es gibt andere Dinge, die ich auch spannend sind und die mich nicht einfach aufgrund meines Geschlechtes anklagen.

  • Ina Praetorius sagt:

    Illusionen sind (manchmal) schön. Realismus ist besser.

    Lieber Carl, lieber Johannes,
    die Neutralität, auf die Du, lieber Carl (Gustav redividus?) anspielst, ist eine Illusion. Ich kann zwar gut verstehen, dass Du sie Dir wünschst, aber Du lieferst uns selbst den Beweis dafür, dass sie in Wirklichkeit verkappte Männlichkeit ist: Du schreibst nämlich sinngemäss: OBWOHL Elizabeth George eine Frau ist, schreibt sie NEUTRAL WIE WIR MÄNNER. Und Du bezeichnest Elizabeth George als einen Autor, was sie nicht ist.
    In dieser Sache bin ich Expertin, denn ich habe promoviert zur Frage, was Theologen (bis in die 1990er Jahre) meinen, wenn sie „Der Mensch“ sagen. Dazu habe ich ungefähr einen Laufmeter wissenschaftliche Ethik gelesen und dabei zum Beispiel dies entdeckt: Seitenlang schreiben die Autoren über „den Menschen“, als handle es sich um ein Neutrum. Und dann kommt irgendwo der verräterische Satz: „Und wenn der Mensch dann abends zu seiner Frau nach hause kommt…“ o.ä. (Viele weitere Beispiele findest Du hier: Ina Praetorius, Anthropologie und Frauenbild in der deutschsprachigen protestantischen Ethik seit 1949, Gütersloh 1993). Es ist inzwischen also (nicht nur in Form meiner Dissertation, also von der theologischen Fakultät der Universität Heidelberg) wissenschaftlich anerkannt, dass die vermeintlichen Neutra, mit denen wir tagtäglich umgehen, verkappte Männlichkeiten sind. Dass es sich so verhält, ist ja auch kein Wunder nach Jahrhunderten, in denen Frauen ausdrücklich und zum Teil mit Gewalt aus dem öffentlichen Sprechen und Handeln, z.B. aus der Wissenschaft, ausgeschlossen wurden. Vor solchen Befunden die Augen zu verschliessen, ist nicht „erwachsen“ und „appetitlich“, wie Du meinst, sondern eine klassische Verdrängung. Du kannst diese Fehlleistung nur bearbeiten, indem Du die unappetitlich nach Geschlecht (oder auch nach Hautfarbe, Armut, Proletariat…) stinkenden Texte liest. Womit wir wieder beim Thema meines Artikels angekommen wären.
    Dass Du, lieber Johannes, mit Schuld nicht gern konfrontiert wirst, kann ich gut verstehen. Wer lässt sich schon gern in seinem geliebten Ego kränken? Aber eine erwachsene Einstellung ist das nicht. Es stimmt zwar, dass gewisse feministische Bücher den Eindruck erwecken, jeder einzelne Mann sei persönlich fürs Patriarchat verantwortlich. Solche Texte schätze ich auch nicht, denn es geht vor allem um die Dekonstruktion einer symbolischen Ordnung, für die wir alle, auch Frauen, verantwortlich sind. Ich hoffe, Du kannst, wie ich, unterscheiden, zwischen feministischem Schund, der persönliche und kollektive Verantwortungen vermischt, und den vielen seriösen Analysen, die wir inzwischen haben und die ich Euch weiterhin zur Lektüre empfehle. Im übrigen freut es mich, dass Ihr beide in bzw-weiterdenken lest!
    Mit einem herzlichen Gruss von Ina.

  • Johannes sagt:

    Ich kann da durchaus unterscheiden …

    … zwischen feministischem Blödsinn und seriösem Feminismus. Deshalb lese ich ja auch beispielsweise hier und nicht die Emma. Und ich lese durchaus feministische Bücher, wenn sie mich interessieren und wenn sie eben nicht so explizit gegen Männer schießen.

    Was mich auch oft noch stört, ist die Masche, dass Feministinnen das Verhalten von Männern zu erklären versuchen. Da entsteht bei mir der Eindruck, die meinen, sie wüssten besser, was in mir vorgeht, als ich selbst. Und Feministinnen reden ja meist über Männer und nur selten mit ihnen.

    Der Titel hier lautet: „Warum lesen Männer kaum feministische Bücher?“ gefolgt von allerlei Spekulationen, von denen auf mich keine zutrifft.

    Wie wäre es mit: „Männer, warum lest Ihr kaum feministische Bücher?“

  • Ina Praetorius sagt:

    Dann also:…

    …Männer, warum lest ihr kaum feministische Bücher?

  • Johannes sagt:

    Weil …

    Die Entscheidung, ob ich ein Buch in die Hand nehme, um es zu lesen hängt nicht davon ab, ob das Buch feministisch ist oder ob es von einer Frau geschrieben wurde. Es hängt einzig davon ab, ob es mich interessiert.

    Vieles, was es so an feministischer Literatur gibt, leigt einfach weit außerhalb meines Interessensgebietes und es nur deshalb lesen, weil es feministisch ist … nein. Gibt spannenderes zu tun.

    Entweder behandelt ein feministischer Text nur und ausschließlich die Anliegen und Belange von Frauen, dann liegt er klar außerhalb meines Interessensgebietes. Es gibt spannendere Dinge in meinem Leben. Wenn er hingegen Belange von Männern mit einbezieht und über die Beziehung Frau-Mann-Familie-Gesellschaft etc. schreibt, dann interessiert es mich durchaus, weil es eben einen Bezug zu mir und meinem Leben, meiner Lebensgestaltung gibt.

    Leider wird in diesen Texten meist rein spekulativ über Männer geschrieben, ohne die Männer zu Wort kommen zu lassen. Man kann wunderbar lesen, wie Frauen sich vorstellen, dass Männer denken, handeln, fühlen, leben, aber das interessiert mich dann wiederum nicht. Einfach weil es meist überhaupt nicht mit meiner Lebenserfahrung übereinstimmt und trotzdem so behandelt wird, als sei es evidentes Faktum.

    Wie schon vorher gesagt: Redet mehr mit Männern und nicht immer nur über sie. Dann hören sie Euch auch zu. Ich jedenfalls.

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Ich bin Frau

    Da war ja heute für mich sehr spannend, alles zusammen – von Oktober bis Januar – nachzulesen. – Wenn nun eine wie ich einmal begriffen hat, ein eigenständiges Wesen zu sein, dann ist mir damit eines klar geworden: ich bin eine Frau, weil ich eine Frau bin! Und jegliche Denkweise, die mich als das Gegenüber von Mann oder mich über einen anderen Menschen sieht und d.h. mich drüber definiert, ist ein Widerspruch zu (meinem) Feminismus. So gesehen ist „ein feministischer Text für mich wirklich ausschließlich mein Anliegen…“, so wie er gleichsam auch z.B. deiner, Johannes, sein kann;
    und dafür braucht´s nicht, dass du MIR zuhörst, sondern DIR. – Das war mein Wort zum Dienstag –

  • Elke Rieder sagt:

    Danke für die Auseinandersetzung

    Liebe Ina Praetorus,
    ich habe gerade Ihr Büchlein „Weit über Gleichberechtigung hinaus…“ gelesen und werde es an Freunde, Freundinnen sowie an meine Kinder und Enkelkinder beiderlei Geschlecht`s weiterleiten. Es ist Ihnen gelungen, in allgemein verständlicher Sprache zum mit- und weiterdenken anzuregen. Danke!
    Gruß, Elke

  • Skeptischer sagt:

    Ich würde den dritten und den fünften Punkt als Ursache in den Vordergrund stellen.Vor allem aber den dritten. Den anders lässt sich dieses fast zwanghafte Nichtbeschäftigen mit feministischen Thesen einfach nicht erklären. Und auch dieser merkwürdige Zwang zu beißender Ironie, lächerlichmachen und offener Aggression den (hoffentlich nur im Internet) viele Männer (und wenige Frauen) an den Tag legen wenn sie mit feministischen Meinungen konfrontiert werden.
    Das letzte feministische Buch das ich gelesen habe war „das deutsche als Männersprache“ von Luise F. Pusch. Ich kann mir schon vorstellen, dass dieses Buch bei vielen Männern die um ihre Privilegien fürchten nackte Wut auslöst. Und deswegen werden sie es nie und nimmer lesen.Und weil sie es nie und nimmer lesen bekommt man immer wieder die gleichen ermüdenden „Argumente“ zu hören warum das Deutsche angeblich keine Männersprache ist.

  • Skeptischer sagt:

    Noch vergessen:
    Zur Hypothese 7: Sicherlich ein wichtiger Grund der bei den Maskulinisten in ihrer Beschimpfung „lila Pudel“ zum Ausdruck kommt.

  • Eine super Analyse wie ich finde! Hans Küng warf Dorothee Sölle nach, bei ihm Ideenklau begangen zu haben. Un der? Für sein Buch „Die Frau im Christentum“ hat er sicherlich von seinen Habilitandinnen profitiert; z.Bsp. von der heute in Harvard lehrenden Prof. Bernadette J. Brooten, welche sich in einer Forschung zum Thema „Frau und Christentum“ der Sexualität in den ersten 4 Jht. zugewandt hat und mit der Herr Küng offenbar nicht einvertanden war: „Nach Abschluss meiner Promotion und nachdem Hans Küng im Zuge einer päpstlichen Verlautbarung aus der katholisch-theologischen Fakultät ausgeschieden war, begann ich meine Forschungsarbeit an dem von der Volkswagen-Stiftung geförderten Projekt “Frau und Christentum”. Mein Thema lautete “Sexualität, Ehe und Alternativen zur Ehe in den ersten vier christlichen Jahrhunderten”. Nachdem ich über das Thema Ehe veröffentlicht hatte, entschloss ich mich, über die weibliche Homoerotik zu forschen, wozu es bis dahin fast gar keine Forschung gegeben hat. Dazu kam noch, dass die frühchristliche Ablehnung der körperlichen Liebe zwischen Frauen vieles über kirchliche Gender-Vorstellungen im breiteren Sinne aussagte. Hans Küng war aber damit nicht einverstanden und versuchte mich mit verschiedenen Mitteln davon abzubringen. Da ich sehen konnte, dass es nicht um wissenschaftliche sondern vielmehr kirchenpolitische Einwände ging, wurde mir klar, dass ich nicht aufgeben konnte. Die extreme und hochgeschraubte Opposition verstärkte in mir das Gefühl, dass es hier doch um etwas sehr Wichtiges ging. Darüber hinaus wusste ich, dass nur dann, wenn Frauen Forschungsfreiheit geniessen, diese Forschung zu notwendigen Reformen führen kann. Sehr viele Frauen und Männer haben mich in Deutschland in dieser schwierigen Zeit unterstützt, u.a. Sheila Briggs, Luise Schottroff, Leonore Siegele-Wenschkewitz, Jutta Flatters, Anne Simon, Achim Reinstädtler, Heinz Blanke, Ute Wild, die Gruppe “Homosexuelle und Kirche”, die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft und viele andere mehr. Letzten Endes entschloss ich mich aus dem Projekt auszuscheiden und eine Stelle an der Harvard Divinity School anzunehmen, um das Buch in Ruhe zu Ende zu schreiben.“
    (http://frauenportraits.ch/index.php/brooten)
    Ob seine ehemalige schülerin im Apparat seines Werkes vorkommt?

  • Die Reaktion des akademischen Staatsrechtlers wundert mich keineswegs. Deren Ego ist bald angekratzt, wenn frau sie an deren eigenen Massstäben misst. Als ein ehemaliger Theologieprofessor und aktiver Radioprediger in einem Vortrag meinte, die Frage der Frauenordination sei nur in Europa ein Thema, brachte ich ihm meine gegenteiligen Erfahrungen aus anderen Teilen der Welt, insbesondere Lateinamerika zur Kenntnis. Er befand es nach mehrmaligem Nachhaken nicht für nötig, darauf inhaltlich zu reagieren; er meinte nur, der Ton missfalle ihm. Wahrscheinlich ist er sich aus seinem Elfenbeinturm keinerlei Gegenwind gewohnt! 😉

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