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Weibliche Kompetenzen und professionelle Sozialarbeit

Von Antje Schrupp

Über das Leben der konservativen Sozialreformerin Anna von Gierke

Anna von GierkeDie Professionalisierung sozialer Arbeit war ein Hauptanliegen der Frauenbewegung in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Das hatte zwei Aspekte: Einmal ging es darum, respektable, einträgliche und qualifizierte Erwerbsarbeitsmöglichkeiten für bürgerliche Frauen in diesem Sektor zu schaffen. Zum anderen – und vor allem – um die Notwendigkeit, Fürsorgearbeit unter den Bedingungen des Industriekapitalismus neu zu organisieren. Das betraf insbesondere die Versorgung, Betreuung und Erziehung von Kindern aus benachteiligten Familien.

Diese Prozesse und Diskussionen untersucht Hildburg Wegener am Beispiel der Sozialreformerin und konservativen Politikerin Anna von Gierke (1874-1943), die am Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland dabei eine wichtige Rolle spielte. Sie gründete in Berlin mehrere Jugendheime und dann auch eine Ausbildungsstätte für die neuen sozialen Frauenberufe. Später war sie Mitbegründerin des Berliner Hausfrauenvereins und 1931 auch Vorstandsmitglied im Bund Deutscher Frauenvereine. 1919/1920 gehörte sie als Politikerin der Weimarer Nationalversammlung an (für die Deutschnationale Volkspartei), wurde jedoch später wegen der antisemitischen Haltung der Partei (Anna von Gierkes Mutter war jüdischer Herkunft) nicht mehr aufgestellt.

Das Interesse der Biografin ist auch persönlicher Natur, weil Anne von Gierke die Schwester ihrer Großmutter, Therese Wegener, war – was dem Buch sicherlich nicht schadet. Die Lektüre ist aus mehreren Gründen interessant. Nicht nur aus historischer Perspektive, insofern bislang unbekannte Aspekte weiblichen politisch-sozialen Engagements zugänglich gemacht werden. Sondern auch, weil die damals geführten Diskussionen darüber, welche Aufgaben soziale Arbeit erfüllen muss und inwiefern speziell „weibliche“ Kompetenzen dafür fruchtbar gemacht werden können, bis heute aktuell sind.

Die detailgenaue Schilderung der Entwicklung mit ausführlichen Auszügen aus Protokollen, Briefen und anderen Dokumenten macht das Buch dabei auch zu einer regelrechten Quellen-Fundgrube. Besonders lesenswert ist das Buch dabei natürlich für alle, die sich mit der Geschichte der Sozialarbeit befassen bzw. mit den Möglichkeiten, Care- und Fürsorgearbeiten zu professionalisieren und zu institutionalisieren.

Hildburg Wegener: Anna von Gierke. Sozialpädagogin zwischen konservativer Politik und freier Wohlfahrtspflege. Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach/Ts 2009, 32 Euro.

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 07.10.2009

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