beziehungsweise – weiterdenken

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Rubrik denken

Zwischen zwei Gesetzen den inneren Kompass finden

Von Bettina Schmitz

Der vibrierend lebendige Ort jenseits der Unterscheidungen

Lilith, die Kraft der Weiblichkeit

Unter dem Motto "Lilith, die Kraft der Weiblichkeit" steht ein Workshop der Autorin Bettina Schmitz, in dem sie Körperliches und Geistiges zusammenführen möchte. Foto: Bettina Schmitz

Eine Nachlese – Sichtbar und einflussreich ohne sich anzupassen – Gedanken nach der bzw-weiterdenken -Tagung am 9./10. Oktober 2009 in Rüsselsheim.

Der Glaube an den zweiten (oder dritten oder vierten) Versuch und die Gewissheit, dass die Frauenbewegung noch sehr lebendig ist, das – aber nicht nur das – nahmen die teilnehmenden Frauen mit nach Hause. So formuliert von der Ältesten unter ihnen, Carola Meier-Seethaler, die aus diesem Grund die Ehrengästin war, auch wenn sie nicht wollte, dass dies allzu sehr hervor gehoben würde. „Stellt es Euch nicht zu lustig vor, alt zu werden …“ Wir alle kamen in Genuss der wundervollen Gästinnenfreundinnenschaft von Christel Göttert und Bettina Bremer.

Anpassung, frage ich mich auf der Heimfahrt, was ist das? Es kommt mir vor, als ob wir zwei Gesetzen gehorchen würden oder auch müssten. Da gibt es die ungerechten und (für alle Menschen!) schädlichen Strukturen in der Welt. Die sich ja nicht darauf beschränken, Strukturen zu sein, sondern die sich ganz real auf Körper und Geist auswirken und Leid erzeugen, Strukturen, die auch uns selbst schädigen, unseren Kampf herausfordern. Aber wo ist die Grenze? Diese Strukturen, die wir als fremd und äußerlich erleben, wohnen ja  – zumindest teilweise – auch in uns selbst, indem wir in ihnen aufgewachsen sind, und sie zu unserer Lebensrealität wurden.

Es gibt das andere ‚Gesetz‘, das für mich das wahre Lebensgesetz ist. Das mir zu tun rät, was ich ohnehin gerne tue, mich der Welt zu öffnen, neugierig zu schauen und zu warten, was sich ergibt, was ich ihr schenken kann und was sie mir schenkt. Den Sinn durch mich hindurchfließen lassen, porös sein in diesem Sinn. Bejahen, was geschieht …

Wie die beiden Ideen zusammenbringen? Ändern sie sich, sobald sie keine Ideen mehr sind, sondern in den Körper gehen, durch die Körper hindurch fließen? Frauen fühlen sich häufig eher zu Körperarbeit und Körpertherapie hingezogen als zum Denken. Was mich als Philosophin manchmal kränkt. Da habe ich mir extra die Mühe gemacht … Andererseits verstehe ich diese Tendenz sehr gut und gehe selbst einen ähnlichen Weg. Bin gegangen …

Die körperlich orientierten Frauen wiederum legen Wert darauf, dass es ihnen nicht nur um Körper und Wohlbehagen geht, sondern um geistige (oder besser ganzheitliche) Prozesse, die angeregt werden sollen oder wollen. Sie sind nicht glücklich damit, wenn Frauen sich auf die persönliche Wellness zurückziehen. Obwohl, Wellness, richtig verstanden …, wendet die Philosophin ein.

Ich verstehe. In mir regt sich Widerspruch. Können wir denn Körperliches und Geistiges, was sozusagen von Anfang an zusammen gehören, überhaupt so trennen? Die Antwort ist ein klares Ja und ein klares Nein. Immer wieder machen wir die Erfahrung, dass Körper und Geist miteinander verwoben sind, dass sie zusammen gehören. Aber: wir sind es gewöhnt, sie zu trennen, quasi von Anbeginn. Der Geist ist das Höhere, der Körper ist nur Gefängnis, stellt lästige Ansprüche, wird krank usw.

Und wir machen von Anfang an auch die gegenteilige Erfahrung: der Körper als unser Raum in der Welt macht Geistiges überhaupt erst möglich. Selbstverständlich können wir nicht ohne Körper denken. Besteht also der Widerspruch nicht eher zwischen Erfahrung und Interpretation? Geht es darum, Geist und Körper als voneinander getrennte Kategorien ‚abzuschaffen‘? Oder geht es eher darum, sie anders miteinander in Verbindung zu bringen? Und was wäre Anpassung überhaupt in diesem Szenario?

Wegen dieser Gesetze  habe ich neulich im philosophischen Salon in Würzburg für einen liebevollen Feminismus plädiert. Nicht um mit ‚dem Feind‘  – der  ja am allermeisten sein eigener Feind ist und den ich bekämpfe, wenn er mir zu  nahe tritt und wenn sie das tut, ebenso – auch noch therapeutisch vorsichtig umzugehen, sondern um die falschen Strukturen in mir selbst soweit es eben möglich ist, liebevoll zu verabschieden. Dass wir uns nicht mehr als unbedingt nötig verletzten. Vielleicht ist sie gar nicht nötig, die Verletzung, das hoffe ich immer noch, glaube es …

Es gibt diese Wirklichkeit, die ich als mir entgegengesetzt erlebe. Von der Ungerechtigkeit weltweit, der schlimmen Gewalt, den Kriegen bis hin zur ausgedachten Gewalt in den Filmen und Büchern und Spielen. Wollen sie denn ‚nur spielen‘? Es gibt meinen Willen, den ich dem entgegensetze. Meine Ziele, mein Wille, meine Vision.

Aber woher habe ich die Ziele, den Willen, die Visionen gewonnen? Hier komme ich dem zweiten Gesetz auf die Spur. Es handelt sich um eine andere Struktur, in der ich der Welt als Liebende begegne und begierig aufnehme, was sie mir zu schenken hat. Hier weiß ich, dass das, was ich bekomme und erreiche, oft viel besser ist als das, was ich mir vorgestellt oder gewünscht hatte.

Ich lasse mich treiben im Strom des Lebens, der Natur, der Planeten. Ich bestimme selbst, wer ich sein werde. Werde ich untergehen in diesem Strom? Kommt es darauf an?

Ich spüre eine große Sehnsucht nach der aktiven Passivität dieser Haltung. Und sehe doch selbst, dass die andere Haltung, die das erste Gesetz, in mir hervorruft, immer wieder nötig ist. Ich nenne sie passive Aktivität, aus dem Grunde, dass sie zwar einerseits aktiv meinen Willen in die Welt bringt, andererseits aber doch immer wieder, und deshalb nenne ich sie passiv, auf die Widerstände, die mir entgegengebracht werden, bloß reagiert.

Die aktive Passivität des Mitschwimmens im Lebensstrom gefällt mir besser? Auf diese Weise werde ich mehr ich selbst, werde größer, werde weiter – und kleiner zugleich, je nachdem.

Am Rande der Spaltungen

Ich möchte nicht mit dem – falschen – Strom schwimmen. Ich habe Sehnsucht, mich mit den tiefen Lebensströmen treiben zu lassen, selbstvergessen, ich-vergessen, und doch ganz präsent, ganz da. Apropos präsent: auch ein Geschenk für die Welt sein, das möchte ich, und nicht das Gefühl haben, mich ihr zumuten zu müssen.

Die Frage der Anpassung –  was für eine tiefe Verunsicherung spricht daraus. Und: geht das überhaupt? Ja, ich weiß, die Literatur, die Kunst, die Biographien, sie sprechen immer wieder davon, von Anpassung. Ich nehme an, wir alle wissen, spüren leider nur zu gut, was damit gemeint ist, diesem Anpassungsdruck nachzugeben.

Aber: gut und böse, kämpferisch und friedlich, aktiv und passiv, links und rechts, männlich und weiblich, gibt es diese Unterschiede überhaupt? Ich stehe am Rand, an der Schwelle der Unterscheidungen, auch an der Schwelle der Zeit und befinde mich unversehens an diesem ersehnten oder mir aufgedrängten Ort, an dem es diese Unterscheidungen nicht gibt. Ute Schiran würde es vielleicht den Ort des AllEinSeins nennen. Ich bin AllEins und die ganze Welt ist in mir. Ich bin plötzlich verrückt geworden, finde mich am  rechten und linken Platz und bin ganz klar.

Bis in die Zellen hinein sprechen rechts und links miteinander. Die Freundin fragt: Was ist rechts? Was ist links? Was heißt das schon? Was ist gut, was ist schlecht?

Ich bin an diesem vibrierend lebendigen Ort jenseits der Unterscheidungen.

Und sobald ich anfange zu sprechen, zeigt sich das Vokabular der Spaltung. Es kommt über mich. Es kommt aus mir heraus. Aber ich kann es ändern: singend, im Rhythmus, in kleinen Verschiebungen der Sprache, der Bewegung, im Tanz. Ich kann das Sprechen dazu bringen, das Neue zu sagen, das auch ein UrAltes ist, kann es singen. Die Sprache besitzt die wunderbare Fähigkeit, alles und alle zu sagen, auch diejenigen, die sie angeblich & theoretisch verschweigt. Und was sie nicht sagt, das entlocken wir ihr auf andere Weise, wir sind die Sprache, und wir sind alle Frauen, die sagen, singen und tanzen.

Bettina Schmitz wird diese Ideen in einem Tanz- und Philosophie Workshop gemeinsam mit der Tänzerin Lisa Kuttner zum Thema Lilith, die Kraft der Weiblichkeit – Infos unter bewegungs-raum.de oder unter tanztraum.li – umsetzen.

Autorin: Bettina Schmitz
Redakteurin: Ursula Pöppinghaus
Eingestellt am: 22.10.2009

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