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„Was wäre wenn?“

Von Dorothee Markert

Eine hilfreiche Einführung in postpatriarchales Denken und Handeln – und noch mehr

Was wäre wenn?Dass ich mich schließlich nach längerem Hin- und Herüberlegen dazu entschloss, mich für eine Neuauflage meines Buches „Wachsen am Mehr anderer Frauen“ einzusetzen, ist der Frage von Ina Praetorius zu verdanken, was wir denn zur Einführung in das Denken und die Politik italienischer Philosophinnen empfehlen sollten, wenn dieses Buch nicht mehr zu bekommen sei. Innerhalb kurzer Zeit sind nun zwei weitere Bücher erschienen, die diese Aufgabe ebenfalls übernehmen können.

Das Bändchen „Weit über Gleichberechtigung hinaus“ von Ina Praetorius macht vor allem deutlich, dass Feministinnen immer schon mehr und anderes wollten, als den Männern gleichgestellt zu werden, und gibt einen Überblick über Wissen und Erkenntnisse, die in der Frauenbewegung dazu erarbeitet wurden. Das neue Buch von Antje Schrupp „Was wäre wenn?“ bietet Frauen (und durchaus auch Männern) ein gründlich erarbeitetes „Handwerkszeug“ an, wenn sie sich – vielleicht auf Anregung von Ina Praetorius’ Büchlein – auf das Projekt einlassen wollen, die Welt nach dem Ende des Patriarchats so umzugestalten, dass möglichst alle Menschen darin gut leben können. Oder wenn sie schon längst mit dieser Umgestaltung beschäftigt sind, dabei aber nach Orientierung suchen. Ich wünsche mir, dass „Was wäre wenn?“ von allen gelesen wird, die wirtschaftliche und gesellschaftliche Verantwortung tragen, vor allem sollte es Gleichstellungsbeauftragten, Gewerkschafterinnen und Politikerinnen aller Parteien als Grundlagenliteratur an die Hand gegeben werden. Denn dieses Buch kann helfen, „das Denken und die Politik der Frauen als etwas zu begreifen, das sich auf das Ganze richtet, auf Frauen und Männer gleichermaßen sowie auf die gemeinsam bewohnte und zu gestaltende Welt“(7). Für Antje Schrupp selbst hat die Auseinandersetzung mit den in ihrem Buch behandelten Themen vor allem auch ein Mehr an persönlicher Freiheit gebracht, und sie möchte dazu beitragen, dass auch andere, Frauen und Männer, diese Erfahrung machen (8).

Ich habe immer wieder Antje Schrupps Geduld und Ausdauer bewundert, mit der sie sich bemühte, dieses andere feministische Denken, das Denken der Geschlechterdifferenz, anderen Menschen zu vermitteln. Die ersten Kapitel ihres Buches, in denen es vor allem darum geht, mehr Klarheit über einzelne Themenfelder und die darin wichtigen Begriffe zu bekommen – Emanzipation, Gleichstellung, Feminismus, Weiblichkeit, Mutterschaft, Konkurrenz, Neid, Autorität, Begehren und schließlich die Arbeit – sind genau so geschrieben, wie ich Antje Schrupp aus solchen Vermittlungsgesprächen und -diskussionen kenne, von denen sie in den letzten zehn Jahren unzählige geführt hat: Die Argumente des Gegenübers, auch die ganz anderer Denkrichtungen werden Punkt für Punkt ausführlich begutachtet, dann wird ihnen entweder widersprochen oder bedenkenswerte Aspekte werden weiter verfolgt. Eine gründliche Klärung ohne falsche Polarisierungen ist das Ergebnis, und diese kann dazu befähigen, ebenfalls ruhig und sachlich den dabei gefundenen eigenen Standpunkt zu vertreten. Und das ist sehr hilfreich angesichts der oft emotional aufgeladenen Atmosphäre bei Themen, die mit der Geschlechterdifferenz zu tun haben. Dass Antje Schrupp sich geduldig mit Gegenargumenten auseinandersetzt, heißt aber nicht, dass sie nicht urteilt, im Gegenteil. Manchmal ist schon in der Kapitelüberschrift ihr Anliegen deutlich zu erkennen, beispielsweise bei „Warum Emanzipation allein noch kein Feminismus ist“, „Abschied von der ‚guten’ Mutter“ oder „Konkurrenz ist unlogisch“.

Auf der Grundlage dessen, was in den ersten Kapiteln klar geworden ist, also quasi als „Kür“ nach der „Pflicht“, wobei auch diese Teile durch die kleinen Erzählungen und Beispiele und durch die einfache Sprache recht leicht lesbar sind, wendet sich Antje Schrupp in auch für mich sehr spannenden Kapiteln philosophisch anspruchsvolleren Themen zu. Ausgehend von einer Bemerkung eines Bloggers, über die ich mich wahrscheinlich nur geärgert hätte, denkt sie über das „Müssen“ nach und entwickelt eine Philosophie der Pflicht, die mit ihrem Ansatz, Freiheit in Bezogenheit zu denken, im Einklang steht. Im Kapitel „Ohne Netz und doppelten Boden“ setzt Antje Schrupp sich mit unserem Sicherheitsbedürfnis angesichts unserer Verletzlichkeit auseinander und mit der Gefährlichkeit der Haltung, die daraus entstehen kann, alles kontrollieren und in den Griff bekommen zu wollen. Im letzten Kapitel zeigt sie dann noch einmal die andere Möglichkeit auf, wie wir auf die Zukunft zugehen können: indem wir uns von unserem Begehren leiten lassen und offen bleiben für das Unvorhergesehene und Unerwartete.

Zwei Kapitel haben mir ganz besonders gut gefallen. Das eine ist das Kapitel über das Böse, denn es eröffnet ganz neue und überraschende Möglichkeiten, sich dem Bösen gegenüber zu verhalten. Beim zweiten Kapitel über die Arbeit, „Mit Freude und Sinn“, begeistert mich zusätzlich zum Inhalt vor allem auch die Komposition des Textes. Hier geht die Autorin von einem Bibelzitat aus, das auf den ersten Blick reichlich antiquiert wirkt: „Diene mit Barmherzigkeit und tue es mit Lust“. Fast wie eine Predigt aufgebaut ist dann auch ihr Text, eine „Predigt“, die auf das Wichtigste an der Arbeit hinweist, das in den gegenwärtigen politischen Diskussionen zum Thema überhaupt keine Rolle spielt: „Die Lust – warum Freude an der Arbeit so wichtig ist“, „die Barmherzigkeit – warum Arbeit immer Sorge für andere ist“ und „das Dienen – wer wir sind, wenn wir arbeiten“. Erst im vierten Abschnitt setzt Antje Schrupp sich dann auch noch damit auseinander, welche Rolle das Geld bei der Arbeit spielt und welche nicht.

Insgesamt habe ich das Buch mit Genuss gelesen, nicht in einem Rutsch, dafür ist es zu reichhaltig, aber jeden Tag ein bis zwei Kapitel. Ich wünsche mir, dass es von vielen Frauen und Männern gelesen wird und sie ermutigt, im Vertrauen auf ihr Begehren und bezogen auf andere Menschen, die für sie Autorität haben, politisch Einfluss zu nehmen.

Antje Schrupp: Was wäre wenn? Über das Begehren und die Bedingungen weiblicher Freiheit. Ulrike Helmer Verlag, Königstein/Taunus 2009, 182 S., € 16,90

Eine weitere Rezension zu diesem Buch von Elisabeth Jankowsky.

Autorin: Dorothee Markert
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 14.11.2009

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