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Eva war nicht die erste Frau

Von Juliane Brumberg

In der Eiszeit-Ausstellung in Stuttgart ist die älteste menschliche Darstellung zu sehen

Eiszeit-Ausstellung

Die Ausstellung in Stuttgart führt in die Lebensbedingungen der Eiszeit ein. Foto: Juliane Brumberg

Im Mai 2009 ging ein Rauschen durch den Blätterwald. Es wurde bekannt, dass im Herbst 2008 bei Ausgrabungen auf der schwäbischen Alb Teile einer uralten menschlichen Darstellung gefunden und zusammengesetzt worden waren. Die Medien überboten sich darin, ihre üppigen Formen sexistisch zu interpretieren. Diese Sichtweise haben viele Frauen heftig angeprangert, auch in diesem Forum . Seit September 2009 können sich Interessierte selber ein Bild machen – und das lohnt sich.

Die AusstellungsmacherInnen haben was gelernt. Wenngleich sie weit davon entfernt ist, die Erkenntnisse der Matriarchatsforschung einzubeziehen, bedient diese Schau keine Klischees. Schon im ersten Saal der sich durch viele Räume hinziehenden Ausstellung wird in die archäologische Wissenschaft, ihre Methoden und in die Forschungsgeschichte eingeführt. An Hand von alten Abbildungen wird beschrieben, wie sich der Forschungsstand verändert hat und auf die Gefahr hingewiesen, bei der Interpretation der wenigen archäologischen Relikte unsere heutigen Lebensumstände in die Vergangenheit zu projizieren. Auch was die erklärenden Zeichnungen angeht, zeigen sie nicht mehr nur langhaarige Männer, die auf der Jagd mit wilden Tieren kämpfen, sondern versuchen ein differenzierteres Bild auszumalen, in dem Frauen, Männer und Kinder bei verschiedenen Alltagsbeschäftigungen vorkommen.

Zunächst aber werden wir mit Klima und Vegetation während der Eiszeitzyklen vertraut gemacht. Die Eismassen wanderten mehrfach von Norden nach Mitteleuropa vor und wieder zurück. In der Zeit vor ca. 30 000 bis 40 000 Jahren waren die Klimaverhältnisse besonders instabil und das Ausmaß fast eines gesamten Eiszeitzyklus konnte sich innerhalb weniger Jahrzehnte abspielen. Genau in dieser Zeit verließen die „anatomisch modernen Menschen“, so bezeichnen sie die Fachleute, ihren Lebensraum in Afrika und der Levante und tauchten in Europa auf. Hier trafen sie auf die Neandertaler, die dann innerhalb von weiteren 10 000 Jahren ausstarben. Genau aus dieser Epoche der Einwanderung der modernen Menschen stammen die Funde, die die Archäologen in den Höhlen der Schwäbischen Alb gemacht haben: Werkzeuge sowie Tierfiguren und eine Frau aus Elfenbein.

Und da steht sie nun, die kleine Figur, nur sechs Zentimeter hoch, auf dunklem Hintergrund gut ausgeleuchtet präsentiert. Sie ist in der Tat eine Venus, sie ist einfach schön mit ihren feinen Ritzungen auf den Armen, dem Körper und den üppigen Brüsten. Das Schamdreieck und die Genitalien sind deutlich ausgeformt. Ein Schlitz zieht sich von der Vulva auf der Vorderseite der Figur bis zur Rückseite. Die Beine sind kurz und laufen am Ende spitz zu. Erstaunlich ist das Abstraktionsniveau dieser frühen Kunst. Wir erkennen genau, was ihr Schöpfer oder ihre Schöpferin darstellen wollte und wo gezielt weggelassen und vereinfacht wurde – zum Beispiel beim Kopf, der nur als kleine Öse dargestellt ist. Diese Öse könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Figur als Amulett benutzt wurde und mit einem Band am Körper getragen werden konnte. Die „Venus vom Hohle Fels“, wie sie heute genannt wird, war den Menschen also damals wichtig, allerdings anders wichtig, als uns heute. Denn für uns ist sie die älteste menschliche Figur, die wir kennen und viel früher entstanden, als die Geschichte von Adam und Eva.

Venus vom Hohle Fels

Die älteste bekannte menschliche Darstellung hat eindeutig weibliche Züge.

Schon vor diesem Sensationsfund wurden in den Ausgrabungsschichten der schwäbischen Höhlen viele Elfenbeinsplitter gefunden. Sie waren ein Hinweis auf künstlerische Bearbeitungen schon im Aurignacien – das ist die Epoche der Jungsteinzeit, in der unsere Figur entstand. Solche rundplastischen Frauendarstellungen kannte man bislang nur aus der Folgeperiode. Die berühmte Venus von Willendorf etwa, die vor 100 Jahren in Niederösterreich ausgegraben wurde, ist mehr als 5000 Jahre jünger als die Venus vom Hohle Fels. Sie stammt aus dem Gravettien, der Zeit von 28 000 bis etwa 22 000 vor heute, die mit einer etwas wärmeren Phase innerhalb der letzten Eiszeit begann.

In der Ausstellung ist dieser „Zeit der starken Frauen“ ein eigener Raum gewidmet. Viele weitere füllige Venusfiguren aus ganz Europa sind, so der Ausstellungskatalog, „Ausdruck eines gemeinsamen Wertesystems der eiszeitlichen Bevölkerung Europas, dessen Bedeutung sich allerdings nicht mehr erschließen lässt“.

Ein anderer Autor im selben Katalog greift dann doch wieder auf die alten Klischees zurück, dass „die Venusfigur ein Ausdruck der Sexualität zu sein scheint, der wahrscheinlich in direkter oder indirekter Verbindung zur Fruchtbarkeit steht.“ Dass die üppigen Formen auch etwas ausdrücken könnten über die Steinzeitmenschen, deren Verortung in der Welt und ihre spirituellen Vorstellungen, besonders, was die große Bedeutung des Weiblichen angeht, darauf kommen die Wissenschaftler nicht. Die Forschungen, die es dazu gibt, haben sie ausgeblendet. Immerhin finden wir im Katalog unter dem Motto „Männer jagen, Frauen kochen?“ einen Aufsatz über Geschlechterrollen in der Jungsteinzeit und es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass in keiner Weise erwiesen ist, dass Männer die Schöpfer der Venusfiguren waren.

Interessanterweise stammen die erstaunlichsten Funde eiszeitlicher Kunst, – und da gibt es noch viel mehr, als die Frauendarstellungen, nämlich Tierfiguren, Flöten aus Schwanenflügelknochen, jede Menge Werkzeug und sogar ein Steinobjekt, das im Katalog, die Phantasie lässt grüßen, als Phallus identifiziert wurde – aus den kälteren Perioden. Nach der Zeit der größten Vereisung vor ca. 20 000 Jahren folgte die Epoche des Magdalénien mit langsam milder werdendem Klima. Sie ist bekannt für die Höhlenmalereien in Frankreich und Nordspanien und die Schieferplatten von Gönnersdorf und Andernach mit Gravuren von stilisierten Frauenfiguren.

Doch als es dann wirklich wärmer wurde und die letzte Eiszeit vor 12 000 Jahren zu Ende ging und aus der Tundra eine Waldlandschaft wurde, werden auch die Kunstobjekte weniger.

Fazit: Enttäuscht nach Hause gehen wird, wer die Erwartung hatte, in dieser Ausstellung – und sie hätte sich dazu angeboten – würden die beeindruckenden archäologischen Funde mit den Erkenntnissen von Forscherinnen verknüpft, die in den letzten fünfzig Jahren intensiv zur Zeichensprache der frühen Menschen geforscht haben. Ein Besuch der Stuttgarter Ausstellung lohnt trotzdem, nicht nur um die älteste Frauendarstellung anzuschauen, sondern weil gründlich und systematisch in die archäologische Arbeitsweise sowie die klimatischen Vorgänge der Eiszeit eingeführt wird. Was zum Untertitel „Kunst und Kultur“ geboten wird, ist dagegen nicht befriedigend. Anlass also, erneut die Bücher von Marija Gimbutas und Marie E.P.König zur Hand zu nehmen, denn diese sind eine wunderbare Ergänzung zu dem, wovon die „Venus vom Hohle Fels“ eine Ahnung gibt, was wir in der Ausstellung aber nicht erfahren haben.

Die „Große Landesausstellung Eiszeit – Kunst und Kultur“ ist noch bis zum 10. Januar 2010 im Kunstgebäude in Stuttgart, Schlossplatz 2, zu sehen.

Alternativ empfiehlt sich der Begleitband „Eiszeit – Kunst und Kultur“, hrsg. vom Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg & der Abt. Ältere Urgeschichte und Quartärökologie der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, 396 Seiten mit zahlreichen farbigen Abbildungen, 24,90 Euro.

Zum Weiterlesen

Marija Gimbutas, Die Sprache der Göttin, Das verschüttete Symbolsystem der westlichen Zivilisation, Frankfurt/M 1995, ISBN 3-86150-120-1.

Marie E.P. König: Am Anfang der Kultur, 3. Aufl. Berlin 1994, ISBN 3-548-36061-0

Gabriele Meixner: Auf der Suche nach dem Anfang der Kultur. Marie E. P. König. Eine Biographie. Frauenoffensive, München 1999, ISBN 3-88104-318-7

Autorin: Juliane Brumberg
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 10.12.2009

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ulrike Loos sagt:

    Eiszeit

    Liebe Frau Brumberg, ich finde den Eiszeitartikel wunderbar und wirklich nötig nach all den sexistischen Schreibereien!!! Eine klitzekleine Sache wollte ich aber noch anbringen: könnten wir uns nicht alle angewöhnen die „Schamlippen“ in „Freudenlippen“ umzuwandeln? (Dagmar Margotsdotter-Fricke würde in der Schreibweise noch einen Schritt weitergehen und „Fräudenlippen“ schreiben, weil sie meint, dass Freude von Frau kommt.) Ich hatte schon vor 20 Jahren in unserem Frauenbuchladen in HH ein Wahnsinnsbuch von einigen sehr aufgeweckten Amerikanerinnen gekauft, in dem sie dafür plädierten, dass wir die sexistischen Bezeichnungen der Frauenkörperregionen umbenennen, also z.B. auch Brustwarze – eine oberhässliche Bezeichnung. Warum nicht endlich: Erdbeere? Oder den Scheidenausfluss in Fräudenfluss? usw. Mit lieben Grüßen Ulrike Loos

  • Frank sagt:

    Frank

    Guten Morgen,

    was stört Sie denn bei der Akzeptanz des Gedankens,
    dass die Figur wirklich als (nicht abkürzen! Sexsymbol!) Sexualsymbol gemeint war? Verbunden
    mit der Bedeutung von Sexualität mit Arterhaltung,
    Spiritualität des Orgasmus, Lustgewinn etc.

    Haben Sie ein Problem, den Körper als Sexualobjekt anzunehmen? Überall in der Menschheitsgeschichte
    git es diese Symboliken. Ob Vulven, Phalli, Yonis, Lingnams etc. etc.

    Noch zum vorherige Kommentar, Umbenennung von Körperteilen. Es heißt geschlechtsneutral „die Scham“ Und Diskussionen um „Fräudenlippen“ lenken davon ab, dass Frauen ungleich schlecher bezahlt werden als Männer, „Frauenberufe“ zwar ein gutes Sozialimage (Krankenschwester, Erzieherin, Sekretärin etc.) haben, aber dort Arbeitsbedingungen herrschen, die nur mit Selbstverleugnung eigener Bedürfnisse zu erklären sind. Dass Frauen sich nicht entsprechend ihrem Bevölkerungsanteil aktiv in Gewerkschaftsbewegung, Sozialbewegungen und politische Parteien einbringen und dort( wo wirklich was veränderbar ist) Druck zu machen ist beschämend. Schließlich gibt es bei SPD, Grünen und LINKEN eine Frauenquote, die nicht nötig wäre,
    wenn 50% MitgliederInnen wären.

    Ich würde gerne die Vorposterin fragen:
    Die aktuelle Regierung ist sicher auch nicht in Ihrem Interesse. Haben Sie im Bundestagswahlkampf eine fortschrittliche Partei AKTIV unterstützt? z.B. durch Infostände mitmachen, Flyer in Wohngebieten verteilen, Plakate kleben etc.
    Gehören Sie in ihrem Betrieb der Betriebsgruppe einer DGB-Gewerkschaft an? Kandidieren Sie für den Personalrat/Betriebsrat? Werben Sie Mitglieder aktiv ein?

    Danke und Gruß!
    Frank

  • Dorothee Markert sagt:

    Belehren, Tadeln, Empörtsein

    Lieber Frank,
    eigentlich hätte ich dafür plädiert, nur den Anfang deines Kommentars zu veröffentlichen, der sich wirklich auf Juliane Brumbergs Artikel bezieht. Aber da der gesamte Kommentar bilderbuchmäßig aufzeigt, was eine fruchtbare politische Zusammenarbeit zwischen Männern und Frauen so schwierig macht und damit auch deine vorwurfsvolle Frage beantwortet, warum sich nicht mehr Frauen in den von Männern eingerichteten politischen Institutionen engagieren, möchte ich ihn dafür nutzen, dies noch besser sichtbar zu machen.
    Mir ist bei den Kommentaren von Männern in diesem Forum aufgefallen – mit ganz wenigen Ausnahmen -, dass sie entweder von oben herab belehrend, tadelnd oder beleidigend sind. Beleidigend ist dein Kommentar nicht direkt, aber dein Empörtsein über die Frauen, die dauernd mit etwas unzufrieden sind, was die Männer so machen, ist deutlich spürbar. Statt dem Belehren von oben herab („Ich weiß es besser“, „Ich weiß mehr als du“) wäre eine kommunikationsfreudigere Haltung ein echtes Fragen, von Interesse und Neugier getragen, die immer auch Lernbereitschaft beinhalten. Da du ja offensichtlich nicht verstanden hast, was Juliane dagegen hat, dass die gefundene Figur ausschließlich als Sexual- und Fruchtbarkeitssymbol gedeutet wird, hättest du einfach nachfragen können. (Oder Julianes Artikel etwas genauer lesen). Dass viele Männer Frauen gegenüber eine wirkliche Fragehaltung so selten einnehmen können, hat wohl damit zu tun, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, dass Frauen eine andere Sicht der Welt haben könnten als sie selbst (Der Fachbegriff dafür ist „Androzentrismus“). Und zwar unterschiedliche Frauen auf unterschiedliche Weise. Dass sie vielleicht noch etwas anderes sein wollen als Symbole für Sexualität und Fruchtbarkeit, auch wenn du findest, dass daran doch gar nichts auszusetzen ist, weil Sexualität aus deiner Sicht eine feine Sache ist. Nun, für Frauen trifft das nicht unbedingt immer zu, vor allem dann nicht, wenn ihr männliches Gegenüber sich kein bisschen dafür interessiert, wer eine Frau als Person ist.
    Der Tadel im zweiten Teil deines Kommentars, dass Frauen sich mit aus deiner Sicht unwichtigen Themen beschäftigen, beispielsweise andere Benennungen ihrer Sexualorgane oder die klischeehafte Deutung einer eiszeitlichen Figur, anstatt sich um ordentliche Bezahlung für ihre Arbeit zu kümmern, ist ebenfalls wenig förderlich für ein fruchtbares Gespräch. Wiederum weißt du alles besser, weißt, was die Frauen zu tun hätten und findest es „beschämend“, dass sie es nicht so machen, wie du es für richtig hältst. Von wohlwollendem Interesse an dem jeweiligen Hintergrund für das Verhalten der Frauen, durch das du möglicherweise zu einer anderen Einschätzung kommen könntest, keine Spur. Vielleicht gibt es ja für Frauen, zumindest für manche, noch etwas Wichtigeres, als viel Geld zu verdienen?

    Deine Empörung, die du im dritten Teil deines Kommentars ausdrückst, erinnert mich an meinen (1916 geborenen) Vater, wenn ich ihm als Jugendliche zu widersprechen wagte: Ich sollte erst einmal das und das geleistet haben, bevor ich es wagen könnte, Kritik zu äußern. Vielleicht steht ja hinter dieser Empörung die Enttäuschung, dass eine Frau unzufrieden damit ist, wie die guten Familienväter (die Patriarchen)die Welt eingerichtet haben, wo sie doch an alles gedacht haben, was aus ihrer Sicht wichtig ist: Gewerkschaften, politische Parteien, Gremien, Infostände auf der Straße. Und jetzt laden sie sogar die Frauen auch noch ein dazu, und die wollen gar nicht mitmachen.
    Nun,lieber Frank, du hast etwas Wichtiges nicht mitgekriegt, weil du vielleicht den Frauen noch nie wirklich zugehört hast: Das Patriarchat ist zu Ende. Und die Frauen, die immer schon eigene Gedanken dazu hatten, wie die Welt gestaltet werden sollte, lassen sich nicht mehr durch Belehrungen, Tadel und Beleidigungen davon abhalten -in Zusammenarbeit mit Männern, die ihnen wirklich zuhören – an einer neuen Welt zu bauen. Du kannst das auch positiv sehen: Ihr Männer müsst das gar nicht allein schaffen, ihr müsst nur lernen, wie Gespräche auf gleicher Augenhöhe gehen.

  • Jo sagt:

    Ein paar Klischees gab’s leider doch

    Die zwei, die mir aufgefallen sind:
    * Ein besonders leichter Speer wurde als „für Frauen und Kinder gedacht“ eingestuft, als wären nur Männer körperlich stark (austrainierte Männer sind ein wenig stärker als austrainierte Frauen, aber der Unterschied ist nicht groß);
    * es gab drei Frauenköpfe von Menschenvorläufern, je näher sie am modernen Menschen waren, desto „besser frisiert“ waren die Haare dargestellt, d.h. hier war das Klischee am Werk, dass ein Urmensch umso unziviliserter und ungepflegter ist, je weiter er vom Homo Sapiens entfernt ist.

    Im großen und ganzen war die Ausstellung aber in der Tat erfrischend klischeefrei, jedenfalls im Vergleich zu Ausstellungen vor 10, 20 oder 30 Jahren.
    Es bewegt sich was.

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