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Nähen trifft Dichten

Von Antje Schrupp

Jane Campion verfilmt die Liebesgeschichte von Fanny Brawne und John Keats

Bright Star

Bright Star. Foto: SBS Films

„Bright Star“, heller Stern, ist der Titel eines Gedichtes von John Keats, des berühmtesten britischen Dichters der Romantik. Regisseurin und Drehbuchautorin Jane Campion, die mit ihrem Film „Das Piano“ berühmt wurde, hat nun das Leben derjenigen Frau verfilmt, die dieser „Stern“ für Keats war. Dabei ist ihr das Kunststück gelungen, einen echten romantischen Liebesfilm zu drehen, der die Geschlechterdifferenz deutlich thematisiert, ohne jedoch in Stereotype abzugleiten.

Campion stellt die Beziehung zwischen Fanny Brawne und Keats als die zwischen zwei sensiblen, willensstarken jungen Menschen dar, die voneinander angezogen werden, obwohl die sozialen Umstände eine solche Verbindung nicht erlauben: Keats hat kein Geld zum Heiraten, Brawne ist auch nicht reich und daher auf einen männlichen „Versorger“ angewiesen. Diese Hürden werden immer wieder thematisiert, aber nicht, wie sonst üblich, durch den Auftritt eines Bösewichts (der Mutter, des Vaters, der Nachbarinnen), sondern als bedauerliches Faktum, das nun einmal realistischerweise in Betracht gezogen werden muss.

Es gelingt Campion, die gesellschaftliche Ideologie der „getrennten Sphären“ von Frauen und Männern so auf die Leinwand zu bringen, dass nichts daran beschönigt wird, ihre Protagonistin Fanny aber trotzdem nicht in die Rolle eines Opfers gerät, sondern Subjekt ihres eigenen Lebens bleibt. Ein Kollege, mit dem ich den Film gemeinsam gesehen habe, bemerkte deshalb im Anschluss, Fanny sei für seinen Geschmack viel „zu emanzipiert“ dargestellt. Doch ich empfand ihre Selbstsicherheit nicht als anachronistisch-emanzipatorische Verfremdung. Fannys Gestus ist nicht der einer „emanzipierten“ Frau im heutigen Sinne, sondern einer, die frei und stark ist, obwohl sie nicht emanzipiert ist. Sie stellt die Geschlechterrollen ihrer Zeit nicht prinzipiell in Frage, aber sie nutzt die vorhandenen Spielräume konsequent aus, wozu auch gehört, die Grenzen der Konventionen zuweilen zu überschreiten.

Fanny lässt zum Beispiel keinen Zweifel daran, dass sie ihre eigene Leidenschaft, das Entwerfen und Nähen von Kleidern, ebenfalls für eine künstlerische Arbeit hält. Und sie kann es sich nicht verkneifen, anzumerken, dass sie mit ihrer Kunst (anders als Keats) auch Geld verdient. Besonders wird der Geschlechterkonflikt jener Zeit in der Person von Keats’ Mitdichter und Wohnungsgenossen Charles Brown thematisiert. Brown ist eifersüchtig wegen Fannys Eindringen in die chaotisch-homoerotische Lebensgemeinschaft der beiden Männer. Er sieht in Frauen generell Störenfriede und beklagt sich ständig über die Ablenkung und Zerstreuung, die die weibliche Präsenz dauernd in die männliche „Geistesarbeit“ bringt.

Hübsch ist die Stelle, an der Fannys Mutter dies aufgreift und die beiden Männer halb im Ernst und halb im Spaß einlädt, sie, also die Frauen, ruhig jederzeit anzusprechen, wenn sie ein Anliegen haben, weil ihre Arbeiten nicht derart seien, dass man sie nicht auch einmal unterbrechen könne. Überhaupt gehört die Darstellung von Fannys Mutter, die sowohl die gesellschaftlichen Konventionen mit klarem Realismus im Blick hat als auch bemüht ist, das Begehren der Tochter nach Kräften zu unterstützen, zu den starken Seiten des Films.

Die Schauspielerinnen und Schauspieler, durchweg eher unbekannte Gesichter, spielen ihre Rollen mitreißend, und besonders gilt das für Abbie Cornish. Sie verkörpert Fanny auf eine Weise, die die zeitliche Distanz zweier Jahrhunderte deutlich werden lässt, ohne dass das aber die Identifikation der Zuschauerin mit ihrer Figur irgendwie schmälert. Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, wie sie das gemacht hat. Ich weiß nur, dass ich mit ihr geseufzt und geweint habe.

Die schwer verständlichen Gedichte von Keats hat Jane Campion klugerweise einfach als solche in die Handlung eingebunden, ohne zu versuchen, sie zu erklären oder zu „übersetzen“. Man sollte den Film, wenn irgend möglich, im englischen Original schauen und die Verse vorüberziehen lassen, ohne sich allzu krampfhaft um ihr Verständnis zu bemühen: Auch Fanny hat sie nicht immer verstanden und auch nur teilweise schön gefunden. Und warum sollte es uns anders gehen als ihr.

Schade ist eigentlich nur, dass der Film ein trauriges Ende hat. Doch das ließ sich angesichts der Vorlage nun einmal nicht vermeiden: John Keats starb im Alter von 25 Jahren an Tuberkulose.

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 08.12.2009

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