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Vom Werden eines neuen Menschen

Von Juliane Brumberg

Über die komplexen Beziehungsvorgänge rund um den Anfang

Die Geburt ist nicht der AnfangIn der Neuausgabe des Buches „Die Geburt ist nicht der Anfang“ bietet Marianne Krüll informative Erklärungen zu den Vorgängen rund um die Geburt und setzt sich zugleich kritisch mit den heutigen Begleitumständen auseinander.

Marianne Krüll hat ihr Buch „Die Geburt ist nicht der Anfang“, das im Jahr 1989 zum ersten Mal erschien, völlig überarbeitet und neu herausgegeben. In diesem Buch geht es um Beziehung, und zwar um die Beziehung zwischen der Mutter – oder den Eltern – zu ihrem zunächst noch ungeborenen Kind im Mutterleib und darum, wie der Ablauf der Geburt, des „in die Welt Kommens“ richtungweisend ist für die spätere Entwicklung des Kindes.

Sie vertritt die spannende These, dass eine Veränderung der Geburtskultur in den modernen Industrieländern eine Möglichkeit oder vielleicht sogar die Voraussetzung für eine menschenfreundlichere Gesellschaft ist. Die bei uns üblichen technisch überwachten Geburten in die Kühle eines Krankenhaussaals mit dem anschließenden Untersuchungsprocedere würden für den kleinen Säugling, der aus der warmen Höhle des Uterus kommt, einen solchen Schock bedeuten, dass sich in seinen Gehirnstrukturen eine Urangst verankere, die mit dem Verstand nicht fassbar sei. Dies gälte insbesondere für eingeleitete und Kaiserschnitt-Geburten, die mittlerweile dreißig Prozent aller Geburten ausmachten. Marianne Krüll ist überzeugt davon, dass diese „übermächtigen irrationalen Ängste unsere sozialen Beziehungen zu einzelnen, in Gruppen und ganzen Völkern vergiften“, und ich verstehe ihr Buch als Plädoyer für einen freundlicheren Empfang der neuen Menschen bei ihrer Geburt.

Dieses Plädoyer hat sie gründlich erarbeitet und zunächst mit medizinischem Detailwissen und erklärenden Grafiken beschrieben: wie sich ein Menschlein und seine Organe von der Zeugung bis zur Geburt im Uterus entwickeln, wann sich Gleichgewichtsempfinden, Fühlen, Hören und Sehen herausbilden und wie schließlich in einer Art Tiefenkommunikation ein vorgeburtliches Bonding, eine Beziehung zwischen Mutter und Fötus entstehen kann. Da die Autorin diese hochkomplexen Prozesse in einer einfachen Sprache erklärt und mit persönlichen Erfahrungsberichten anschaulich macht, ist das Buch für werdende Mütter und Väter eine lohnende Begleitlektüre während der Schwangerschaft, zur Vorbereitung auf die Geburt und für die ersten Lebensjahre des neugeborenen Kindes. Denn auch hier beschreibt sie sehr fundiert die neurophysiologischen Veränderungen bei den ersten Anfängen der selbstständigen Erkundung der Welt sowie die Prozesse beim Spracherwerb.

Leidenschaft und Gründlichkeit zeichnen das Buch aus. Ich habe es als ein bewusst emotionales Buch wahrgenommen – zum Wohl unserer Kinder und unserer Beziehung zu ihnen. Marianne Krüll prangert an, dass „Angst die treibende Kraft ist, die Schwangere motiviert, sich in die vermeintlich sichere Obhut der Klinikärzte und ihrer Apparatemedizin zu begeben, ohne zu bemerken, dass Angst auch die Ärzte treibt“.

Kritischer Blick auf die Gentechnologie

Nicht verwunderlich, dass in der Beschreibung des Beziehungsgeschehen um das Werden und Wachsen eines neuen Kindes die Möglichkeiten der modernen Fortpflanzungsmedizin nicht besonders gut wegkommen. Ich verstehe Marianne Krüll hier als Mahnerin und ich finde es wichtig, dass sie mahnt und auf die Konsequenzen für alle Beteiligten hinweist. Neben den Folgen für die Psyche widmet die Autorin sich ausführlich der Gentechnologie – und fällt ein erschüttertes und erschütterndes Urteil: Sie sieht die Menschheit durch die Gentechnologie existenziell bedroht.

Mir fehlt das Fachwissen, Marianne Krülls Ausführungen zur Genforschung überprüfen zu können, doch ich gehe davon aus, dass sie gründlich gearbeitet hat. Danach hat sich das Wissen in diesem Bereich im Jahr 2007, unbemerkt von der allgemeinen Öffentlichkeit, grundlegend verändert: Es gibt keine Gene mit feststehender DNA, die nur entschlüsselt werden muss und evt. künstlich „verbessert“ werden kann. Vielmehr scheint es unzählige, diffizile Interaktionen zwischen Genomen und DNA-Sequenzen zu geben. Das Erbgut ist also nicht festgeschrieben, sondern in ständiger Veränderung, auch durch Einflüsse von außen. Alles ist mit allem in Beziehung. Die Autorin schreibt: „Alle Vorstellungen darüber, wie wir gesteuert sind, müssen wir aufgeben. Wir haben keine stabilen Gene von unseren Eltern geerbt, die in jeder unserer Zellen vorhanden sind, sondern unser Erbgut ist in ständigem Umbau begriffen.“ Sie meint, dass viele Forscher und die Hersteller der Produkte aus dieser Technologie die neuen Forschungsergebnisse ausblenden: „Das neue Wissen darüber, dass Gene nicht in der bisher gedachten Form existieren, wird ignoriert, um die Absatzchancen der Produkte nicht zu gefährden“. Infolgedessen setzt sie hinter den Nutzen von Gentests während der Schwangerschaft ein großes Fragezeichen.
Hier die Aufmerksamkeit zu schärfen, halte ich für ein großes Plus des Buches!

Schwangerschaftsabbruch und Pränataldiagnostik

Marianne Krüll

Autorin Marianne Krüll. Foto: Malin G. Kundi

Doch ergeben sich in meinen Augen auch zwei heikle Punkte bei der Beschäftigung mit diesem Buch. Den ersten, die Frage der Abtreibung, spricht Marianne Krüll bewusst an: Wird mit der ausführlichen Schilderung vorgeburtlichen Lebens Abtreibungsgegnern Material in die Hand gespielt?

In einem der „Dialoge“, mit denen sie die sachlichen Erklärungen der jeweiligen Kapitel abschließt, geht sie davon aus, dass fast jede Frau, die sich für einen Schwangerschaftsabbruch entscheidet, Schuldgefühle hat, unabhängig davon, wie genau sie über die Entwicklungsphasen des Fötus in ihrem Körper, z.B. durch dieses Buch, Bescheid weiß. Marianne Krüll stellt fest, dass an jeder, auch einer ungewollten Schwangerschaft, immer auch ein Mann beteiligt ist und dass unsere patriarchale Kultur die mütter- und kinderfeindlichen Bedingungen geschaffen hat, unter denen Frauen Kinder großziehen müssen. Insofern sieht sie es als eine durchaus verantwortungsvolle Entscheidung, wenn eine Frau sich zum Abbruch einer ungewollten Schwangerschaft entschließt, „denn ein Kind, das seinen Eltern, insbesondere seiner Mutter, eine Last ist, kann nur in Ausnahmefällen zu einem Menschen heranwachsen, der mit sich und der Welt eins ist“.

Unsicherer steht sie „empfohlenen“ Abtreibungen bei einer gewollten Schwangerschaft im Zusammenhang mit der Pränataldiagnostik gegenüber und beklagt den zunehmenden gesellschaftlichen Druck auf Eltern mit einem behinderten Kind, „weil sie es doch hätten abtreiben können“. Sie nennt das eine „neue Eugenik“, die nicht weit von der der „Vernichtung unwerten Lebens“ im Rahmen der Nazi-Ideologie entfernt ist. Deshalb beurteilt sie auch Gentests, um angeblich „defekte“ Gene herauszufiltern, als höchst problematisch.

Sie selbst würde sich heute weigern, irgendwelche Vorsorgeuntersuchungen dieser Art vornehmen zu lassen, weiß aber, dass die sozialen, ökonomischen und psychischen Lebensbedingungen vieler Frauen dieser Haltung entgegenstehen und sie deshalb nicht ohne Weiteres zum Ideal erhoben werden kann.

Mit meiner zweiten „heiklen Anmerkung“ denke ich an Situationen, in denen Mutter und Kind früher, ohne die heutigen Apparatemedizin, keine Überlebenschance gehabt hätten; und an die Frauen, deren Hoffnung auf einen natürlichen, stimmigen Geburtsablauf sich nicht erfüllen ließen. Ich halte es für ungeheuer wichtig, die Zeit „rund um den Anfang“ in den Blick zu nehmen, so wie Marianne Krüll es getan hat und sich für möglichst natürliche Geburten einzusetzen. Andererseits kann das zu einem starken Druck für die Mütter werden, eine „perfekte“ Geburt hinkriegen zu müssen. Deshalb halte ich es für ebenso wichtig, nicht zu konkrete Vorstellungen zu formulieren, sondern Mütter und Väter zu ermutigen, offen zu sein, für das, was geschehen wird, also im Zweifelsfall auch für Unterstützung durch die moderne Geburtsmedizin. Und darauf zu vertrauen, dass es vielfältige Möglichkeiten gibt, die Beziehung zu einem Kind gut zu entwickeln, auch wenn die Voraussetzungen nicht optimal sind.

Marianne Krüll: Die Geburt ist nicht der Anfang. Die ersten Kapitel unseres Lebens – neu erzählt, Klett-Cotta Verlag Stuttgart 1989/2009, 394 S., 24,90 Euro.

Autorin: Juliane Brumberg
Redakteurin: Bettina Bremer
Eingestellt am: 02.12.2009

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