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Nicht viel Neues in der Feministischen Ökonomie

Von Ina Praetorius

Rezension zu: Care-Ökonomie. Neue Landschaften von feministischen Analysen und Debatten (Heft 30/Dezember 2009 von „Olympe. Feministische Arbeitshefte zur Politik“)

Geld

Foto: potocase.com/Driessen

Eigentlich wäre es an der Zeit, dass einmal eine zünftige Ökonomin sich aufrafft und das neue Standardwerk der Wirtschaft schreibt: Ein Buch mit einer schlüssigen Begrifflichkeit, das sich dem Ganzen der Ökonomie zuwendet, statt den Spezialfall Markt zur Universalie zu erklären. Ein Buch, das dem Nachdenken über unser unablässiges Produzieren und Verbrauchen, Sorgen und Tauschen ein realistisches Menschenbild zugrunde legt, das die diversen Abhängigkeiten aller nicht verdrängt, sondern ins Zentrum rückt. Ein Buch, das Wirtschaften als vieldimensionales kulturelles Geschehen – statt als abstrakte Rechenübung – in den Blick nimmt, eines, das auch von Nichtfachleuten verstanden wird und in diversen Ausbildungs- und Studiengängen zur postpatriarchalen Grundlageninformation werden könnte. Wie lange wollen Ökonominnen sich noch damit zufriedengeben, traurig oder guruhaft zu kommentieren, was andere verzerrt sehen? Statt selbst Massstäbe zu setzen?

Aber es ist natürlich auch schon irgendwie erfreulich, wenn die Debatte um die Haus-, Care-, Beziehungs-, Liebes, Fürsorge-, Sorge-, Pflege- oder einfach „andere“ Arbeit (die Begrifflichkeiten sind nach wie vor diffus) wieder aufgenommen wird, nachdem sie jahrelang unter den Aufgeregtheiten um die Geschlechterdekonstruktion geruht hat. Vielleicht braucht es noch einmal eine Runde Anklagen gegen den neoliberalen Mainstream, gegen den „homo oeconomicus“ und geschlechtsblinde Sozial-, Gesundheits-, Entwicklungs- und Bildungspolitiken, bis wir endlich in der Lage sein werden zu sagen, wie wir das Ganze denn nun in eigener Verantwortung nennen und organisieren wollen.

Die Ökonomin Mascha Madörin und die Pflege-Aktivistin Susi Wiederkehr haben, als Nummer 30 der vor fünfzehn Jahren gegründeten Schweizer feministischen Theoriezeitschrift „Olympe“, ein weiteres buntes Mosaik zum Thema vorgelegt. Anlass dazu waren zwei Konferenzen, die im Jahr 2009 in der Schweiz stattgefunden haben: ein Studientag zum Thema „Ökonomie des Sorgens und Betreuens“ an der Fachhochschule für soziale Arbeit in Lausanne (28.1.2009) und der Jahreskongress des Netzwerks WIDE (Women in Development Europe) zum Thema „We care! Feministische Antworten auf die Care-Krisen“ in Basel (18.-20.6.2009). Im Hintergrund steht der international angelegte Forschungsprozess zum Thema „Political and Social Economy of Care“ des Forschungsinstitutes UNRISD, der immerhin interessantes neues Zahlenmaterial aus unterschiedlichen Kontexten liefert bzw. zu liefern verspricht.

Aneinandergereiht werden, notdürftig systematisiert in drei Kapiteln – aktuelle Debatten, Denkbewegungen, Praxisbeispiele – Tagungs- Forschungs- und Länderberichte, Buchbesprechungen und historische Rückblicke, etwa auf die Hausarbeitsdebatte der 1970er Jahre (Barbara Duden) oder die Lohnkämpfe des Zürcher Pflegepersonals um die Wende zum 21. Jahrhundert (Susi Wiederkehr). Vieles kommt vor: regionale Unterschiede in der Care-Organisation, zum Beispiel durch einen Bericht aus Lateinamerika (Irma Arriagada, Amaia Orozco), das Problem der Unvereinbarkeit von Careleistungen mit den Bewertungskriterien des New Public Management (Jean-Michel Bonvin), eine empirische Untersuchung zu den Dilemmas im Berufsalltag von SozialarbeiterInnen (Marianne Modak, Françoise Messant), die Verlagerung von Sorgearbeit auf Migrantinnen („Care Drain“, Anni Lanz, Sarah Schilliger), die Schwierigkeit, die Care-Perspektive in entwicklungspolitische Massnahmen etwa zu „Empowerment“ und „Nahrungssouveränität“ zu integrieren (Annemarie Sancar, Heike Wach) und ein leider allzu kurz geratener Versuch, Adelheid Bieseckers „Lebensweltökonomie“, Peter Ulrichs „Integrative Wirtschaftsethik“ und Martha Nussbaums „Fähigkeitenansatz“ zusammenzudenken (Ulrike Knobloch). Mascha Madörins verbindende Zwischentexte bleiben auf dem Niveau von Randnotizen, in denen einmal mehr die unermessliche Komplexität des Problems beschworen wird. All das ist interessant. Wie es aber zu einer theoretischen Sicht zusammengefasst werden soll, die solche Komplexität sinnvoll reduziert, ohne neue blinde Flecken zu erzeugen, bleibt weiterhin unklar.

Der zukunftsträchtigste Ansatz scheint mir nach wie vor die bereits im Jahr 2003 erschienene Studie „Careful Economics“ der deutschen Ökonomin Maren Jochimsen zu sein, die im Heft in Form einer Rezension gewürdigt, in den anderen Beiträgen aber leider kaum aufgegriffen wird. Auch Jochimsen lässt zunächst bisherige Versuche, Care in ökonomische Terminologie zu fassen, Revue passieren, mit dem erwartbaren Ergebnis, dass der androzentrische Blick diese Wirklichkeit verkürzt wahrnimmt. Danach entwickelt sie ein institutionenunabhängiges Modell der Care-Situation, dem zufolge jede sorgende Aktivität sich aus den Komponenten „Motivation“, „Arbeit“ und „Ressourcen“ zusammensetzt und entsprechend analysieren lässt, was sie selbst gleich anhand ganz unterschiedlich gelagerter Fälle zeigt: Dem der alleinerziehenden Mutter, die durch ihre starke Care-Motivation selbst in Abhängigkeit gerät, dem einer wohlhabenden Rollstuhlfahrerin, die sich ein massgeschneidertes Leistungspaket auf dem Fürsorgemarkt zusammenstellt, bis hin zum Fall des Altersheimbetreibers, der SeniorInnen und Pflegepersonal gleichermassen ausbeutet. Vielleicht wird aus dieser sorgfältigen Pionierarbeit einmal das neue Lehrbuch der postpatriarchalen Ökonomie entstehen, das wir so dringend brauchen würden, um das weite Feld der Sorgeleistungen in das zu integrieren, was sich „Wirtschaft“ nennt, aber nur einen kleinen und zweitrangigen Teil der „gesellschaftlichen Veranstaltung zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse der Lebenserhaltung und der Lebensqualität “ (Peter Ulrich) berücksichtigt?  Und um irgendwann eine Wirtschaftspolitik voranzutreiben, die den Namen verdient?

Literatur

Mascha Madörin, Susi Wiederkehr Hgg, Care-Ökonomie. Neue Landschaften von feministischen Analysen und Debatten, Olympe Heft 30/Dez. 2009, Ottenbach 2009

Maren Jochimsen, Careful Economics. Integrating Caring Activities and Economic Science, Boston/Dordrecht/London (Kluwer Academic Publishers) 2003

We Care! Feminist Responses to the Care Crisis. A Report of the WIDE Annual Conference

olympeheft.ch

unrisd.org

wide-network.org

Autorin: Ina Praetorius
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 17.01.2010

Kommentare zu diesem Beitrag

  • ursula knecht-kaiser sagt:

    Appell für eine Theorie-Diskussion

    Liebe Ina
    Danke für deine Rezension. Du legst den Finger auf einen wunden Punkt, beklagst den Mangel. Schwingt auch ein wenig Wehmut und Verletzung mit? Schliesslich hast du und ein paar andere bewegte Frauen in „Weiberwirtschaft“ (1994) und „Weiberwirtschaft weiterdenken“ (1998)zu diesem Thema wichtige Denkarbeit geleistet und Anstösse gegeben. Ich habe dieses Olympe Heft ein wenig anders wahrgenommen als du, nämlich als Appell für eine dringend nötige vertiefte Theorie-Diskussion. Vielleicht müssten wir uns in eine „appellative Denk-Kultur“ einüben, sie beförden (kultivieren); eine Diskurs-Kultur, die nicht Besserwisserisch daher kommt, sondern die Not (z.B. von fehlenden Diskursen) benennt und zum handelnden Denken aufruft und anstiftet.

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