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Rubrik erinnern

„Sehen bedeutet, dass alles sich ändert“

Von Astrid Wehmeyer, Ina Praetorius, Michaela Moser

Am 3. Januar starb Mary Daly, eine der wichtigsten Denkerinnen der neuen Frauenbewegung, im Alter von 81 Jahren. Drei persönliche Nachrufe.

Michaela Moser

Mary DalyAuch wenn das jetzt komisch klingt, aber das erste Bild, das mir kam, als ich die Nachricht vom Tod Mary Dalys las, war das Bild eines Kopiergeräts an der theologischen Fakultät in Innsbruck. Darauf haben wir damals „Jenseits von Gott Vater, Sohn & Co“ kopiert, wir konnten oder wollten uns den Buchkauf nicht leisten, das Buch aber gemeinsam in unserer Lesegruppe lesen.

Später folgten „Gyn/Ökologie“ und „Pure Lust“ und auch diese beiden gibt es nur in kopierter Form in irgendeinem Ordner in meinem Regal, was ich heute natürlich bedauere. Aber damals ging es vor allem darum, auf günstige Art Zugang zu diesem „Stoff“ zu bekommen, der mitbestimmend war für unser Denken und Tun in diesen Jahren. „Wir“, das waren meine damaligen Studienkolleginnen und ich, junge Frauen, gerade frisch eingetaucht in die Welt der feministischen Theologie, voller Begeisterung und Leidenschaft und Freude über die vielen gemeinsam eroberten neuen Erkenntnisse.

Ich höre also „Mary Daly“ und denke an vieles, was „jenseits“ nicht nur von Gott Vater, sondern wohl auch von den ganz spezifischen Inhalten ihrer Werke liegt. An deren Details kann ich mich kaum erinnern, dafür umso mehr an ein Lebensgefühl, das ich direkt damit in Zusammenhang bringe. An gemeinsame Studienzeiten, Lesegruppen und Frauendemos und die Studentinnenzeitung „Frauenkontestation“, die wir Studentinnen damals an der Fakultät gegründet und veröffentlicht haben, an Vorlesungen und Seminare von Herlinde Pissarek-Hudelist, der feministisch-theologischen Pionierin und Lehrmutter an unserer Universität.

Mary Daly, das stand für den scharfen und klaren Blick auf patriarchale Verhältnisse, für ein genau/er hinsehen auf die Verhältnisse und sich nicht vormachen (lassen), das stand für eine gewisse Art von Radikalität. Mag sein, dass auch eine Rolle spielte, dass wir an einer Jesuitenfakultät studierten und von Mary Daly bekannt war, dass sie ihrerseits sich mit den Jesuiten ihrer Universität angelegt hatte, einen Kampf, den sie  zunächst – wenn auch nur, wie ich denke vordergründig – verloren hatte.

Mary Daly ist weitergezogen – und auch das ist eine Haltung, die ich mit ihr verbinde. Nicht stehen, sondern – gerade auch denkerisch – ständig in Bewegung bleiben. „Outercourse“ heißt das letzte Buch von Daly, das ich gelesen habe, und das als einziges auch in meiner Bibliothek steht. Und das einmal mehr auch Daly’s Sprachgewalt und -witz dokumentiert. Unzählige neue Worte hat sie kreiert, in einem Wickedary veröffenlicht und damit wohl so mancher Übersetzerin graue Haare wachsen lassen, sie aber auch zu Höchstleistungen angespornt.

Ihre denkerische und schreiberische Reise, die sie mit diesem Buch immer weiter in post-christliche Galaxien trieb, konnte ich nur sehr eingeschränkt mitvollziehen. Die Lust am denkerischen und realen Vagabundieren, am Überschreiten von Grenzen denkerischer, emotionaler und spiritueller Art, die nicht zuletzt ihre Werke mir vermittelt haben, ist mir genauso geblieben, wie die unbändige Lust an der Anstrengung, alles immer wieder in Frage zu stellen und neu sehen zu lernen.

„Radikale feministische Philosophie ist ein Prozess des Fragens, der niemals aufhört und sich niemals zufrieden gibt mit der Aneignung des bestehenden „toten Wissensfundus“. Sie bedeutet teil zu haben an einem sich ständig weiter entfaltendem Sein.“ (Mary Daly, Outercourse)

Ina Praetorius

Es war im Frühsommer 1978. Ich war aus Tübingen nach Zürich gekommen, zum Weiterstudieren. Meine Mitbewohnerin in Tübingen war Feministin gewesen, aber sie hatte mich noch nicht überzeugen können. „Was soll das Frauengetue?“ hatte ich sie immer wieder herausfordernd gefragt, und behauptet: „Wir sind doch alle gleich, Frauen und Männer, und ob eine was wird, das entscheidet allein ihre Begabung und ihr Wille.“ So hatte ich es von meiner Mutter gelernt, der emanzipierten Nichtfeministin.

Der neue Studienort gab mir mehr Freiheit. Ich fuhr alle Antennen aus: theologische, politische, kulturelle… Und da gab es eine „theologische Frauengruppe“, in der „Feministische Theologie“ (nie gehört…) gelesen und diskutiert wurde. Ein intensives Gespräch mit einer Mitstudentin gab den Ausschlag: Ich ging hin. Und ich blieb.

Drei einschlägige Namen waren uns damals bekannt: Elisabeth Moltmann-Wendel, Catharina Halkes, Mary Daly. Wir lasen Texte von allen dreien, und mit Abstand am lebhaftesten debattierten wir über Mary Dalys soeben auf Deutsch erschienenes Buch „Jenseits von Gottvater, Sohn & Co“ (München 1978). Dieses Buch war wirklich radikal und wurde zur Initialzündung für mein weiteres Leben, Forschen, Fühlen und Denken. Bis heute lese ich immer wieder darin, und jedes Mal denke ich: Ja. Ja, sie hat recht, und wir haben, was sie uns damals schenkte, noch lange nicht ausgeschöpft und zu Ende gedacht.

Ich bin Mary Daly nicht gefolgt auf ihrem Weg aus der christlichen Tradition und der Kirche hinaus. „Gyn/Oekologie“ (München 1980) habe ich noch mehrmals gründlich gelesen, die späteren Bücher nicht mehr. Ich bin nicht zur postchristlichen Häxe geworden, sondern zur postpatriarchalen Christin. Ohne die vielen Mitstreiterinnen und Mitforscherinnen, die beharrlich verschwiegene und verdrängte Strömungen unserer christlichen Tradition ans Licht gezogen haben, hätte ich es nicht werden können. Heute weiss ich: Was sich „Christentum“ nennt, ist nicht, wie Mary Daly meinte, hoffnungslos patriarchal. Es gibt da ein Mehr, ein Anderes der Frauen, das sich dem Patriarchat zornig oder lächelnd widersetzt hat, durch alle Jahrhunderte. Und ohne dieses widerständige Andere hätte ich nicht zur Feministin werden können, denn wer hätte mir von Freiheit, Würde und dem Guten erzählt, das auf uns zukommt?

Mary Daly bleibt dennoch meine erste symbolische feministische Mutter. Daran können unterschiedliche Denk- und Lebenswege nichts ändern. Ich bin ihr dankbar und freue mich an der lebendigen Vielfalt der Bewegung, an deren Anfang sie mit ihren schöpferischen, mutigen, kompromisslosen Analysen steht…

Astrid Wehmeyer

Mary Daly ist tot. Was für ein merkwürdiger Satz. Als ich ihn das erste Mal las, drang er gar nicht bis in mein Bewusstsein vor. Mary Daly – tot? Seit wann sind Symbole sterblich?

Meine Reaktion zeigt, dass der Tod von Mary Daly, der Leib-Frau hinausreicht und doch nicht heranreicht an die Philosophin und Sehend-Sprecherin, die Mary Daly auch ist. Mehr sein als sein, das trifft es wohl hier am besten. Denn weil sie eine ist, die so oft und soweit „jenseits“ gereist ist – wie könnte sie da jetzt wo anders sein als da, wo sie doch schon immer beheimatet war?

Also über den Tod von Mary Daly schreiben, heißt daher für mich vor allem über ihr Leben schreiben. Über ihre Transzendenz, über das, was über sie hinausreicht bis an die Wurzel unserer verdrehten Un-Kultur und von dort aus schließlich auch in mein schon fast zerstörtes Frau-Denken. Und in Neu-Blüten Uraltes ans Tageslicht trieb, was noch immer fast unsprechbar ist.

Gerade aber diesem Verborgen/Verbogenen widmete sie ihr Leben und dieses dem Auf-Finden einer KOREspondenz. Und nicht ihre eher in beiläufiger Geste in „Jenseits Gottvater & Sohn“ vollzogene Gottes-Zertrümmerung ist es von daher, die mir das WESENtliche ist an ihrer Spur in meinem Leben, sondern ihre oft merkwürdig verrückt verdrehte Sprach-Würgerei, ihr schon fast leiblich zu spürendes Ringen um ein Herausdrehen aus den geistigen Knoten in die uns Jahrtausende Vater-Götzen-Beterei vertrieben hat. Sie hat sie freigelegt, die Rudimente einer weiblichen Welt-Spür-Ein-Sicht, hat erste Pflöcke in das Fleisch einer über alles Fleischliche erhabenen Todeskultur getrieben und mir so das Leben gerettet.

Bis heute weiß ich nicht, wie und ob ich überhaupt denkend zu denken und seiend zu sein gewagt hätte ohne sie. Ohne ihre schamlose Wahrheitsliebe, ohne ihre Rüpelhaftigkeit die mir die anerzogene Nettigkeit aus den Poren getrieben hat. Ich kann nur hoffen, dass ich mich ihr und der Macht dessen, was sie sprechend nicht zu sagen wusste, vergrößern werde.

Sie selbst hätte vielleicht gesagt, sie gehe jetzt auf eine neue Zeit/Raum-Spiralen-Reise, auf eine Fortsetzung ihrer „strahlkräftigen Fahrt“, wie sie ihr Leben einmal in ihrer Autobiografie „Auswärts reisen“ beschrieben hat. Für mich schraubt sie sich nur ein bisschen tiefer ins weibliche Universum. Wir dürfen gespannt sein, welche Vokale/Töne/Tiefen sie uns von dort zuwerfen wird.

Gute Reise, Schwester!

Autorin: Astrid Wehmeyer, Ina Praetorius, Michaela Moser
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 09.01.2010

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Fidi Bogdahn sagt:

    3 SichtWeisen

    Danke für eure so unterschiedlichen Sichtweisen auf das, was für euch jeweils Mary Daly´ Denken bedeutet hat! Gerade Astrid´ Beitrag hat mir heute erst deutlich gemacht, warum ich damals einerseits fasziniert war von dem, was ich in „Gyn/ökölogie“ angelesen hatte,
    und andererseits doch irgendwie schnell „das Weite“ gesucht habe. Ich sehe es heute noch daran, dass ich mir in diesem Buch keinerlei Stellen am Rand mit Bleistift angestrichen hatte. Es war eine Zeit gewesen, wo ich meine ganz eigene Beziehung „zum Göttlichen“ noch nicht gefunden hatte, nachdem ich diesen HerrGott habe sich sein lassen. Aber nichts wäre mir damals ferner gewesen, als Ihn zu „ermorden“ noch mit anderen „Göttern“ auszutauschen, und sei es nur in der Sprache. – Danke besonders dir, Michaela, für viele Zitate. Darin erkenne ich für mich heute manche Spuren,
    in denen zu bewegen mir zu einer Kraft geworden ist. (Das Buch würde ich dir, Michaela, gerne für dein Regal schenken; willst es haben?) Fidi

  • Ursula Knecht-Kaiser sagt:

    Die unverzichtbare Kraft und Kreativität der Übersetzerin Erika Wisselinck

    Mary Dalys Präsenz und Wirkung im deutschsprachigen Raum ist nicht vorstellbar ohne das jahrzehntelange Engagement ihrer Über-Setzerin Erika Wisselinck. Auch ihr haben wir zu danken. Leider ist sie nicht mehr unter uns. Ich habe sie mal erzählen hören, wie es ihr beim Übersetzen ergangen ist. Sie hat uns einen grossen Dienst erwiesen und ich denke, sie hat manch eigenes Projekt zurückgestellt, um uns Mary Daly zu vermitteln.

  • Luise F. Pusch sagt:

    Our Daly Bread

    Als ich zum ersten Mal Mary Daly las, hatte ich mich gerade durch die feministischen Standardwerke gearbeitet, z.B. “Sexual Politics” von Kate Millett, “Das andere Geschlecht” von Simone de Beauvoir und “Der kleine Unterschied” von Alice Schwarzer. Und dann, 1978, kam “Gyn/Ecology”. Die “unaussprechlichen Gräuel” wie Genitalverstümmelung, Witwenverbrennung, Füßeeinbinden, von denen Daly berichtete, versetzten mich in Rage. Daly hat mir die Augen geöffnet und mich zu einer radikalen Feministin gemacht.
    Dalys Werke stehen in meinem Bücherschrank im Original, die früheren auch in Erika Wisselincks großartiger Übersetzung oder besser gesagt kongenialer Nachschöpfung. Muss frau einfach um sich haben.
    Zu ihrem Tod habe ich auf fembio.org einen kurzen Text geschrieben
    http://www.fembio.org/biographie.php/frau/comments/zum-tod-von-mary-daly/.

  • Dorothee Markert sagt:

    Bonsai

    Mich begeisterte Mary Dalys Buch „Reine Lust“, vor allem wegen ihrer Respektlosigkeit gegenüber sämtlichen Konventionen (an die ich zu dem Zeitpunkt, als ich es las, noch sehr gebunden war, vor allem die wissenschaftlichen) und wegen ihrem sprachlichen Erfindungsgeist. (In Bezug auf Erika Wissenlincks Übersetzung ging es mir ähnlich wie Ursula Knecht, durch dieses Buch begriff ich erstmalig, was für eine fantastische, kreative Arbeit das Übersetzen sein kann, wenn eine sich dabei zu eigenen Entscheidungen autorisiert). Das Bild des Bonsais aus „Reine Lust“, mit dem Mary Daly die patriarchal verniedlichte und gezähmte Frau verglich, die Frau mit ihren Bonsai-Tugenden im Gegensatz zu dem starken, schönen Baum, der sie hätte werden können, blieb mir aus dieser Lektüre am nachhaltigsten in Erinnerung. Vorher hätte ich nichts gegen eine Bonsai-Eiche in meiner Wohnung einzuwenden gehabt, ich fand sie „süß“, doch leider zu teuer, danach konnte ich keine Bonsaipflanze mehr anschauen, ohne daran zu denken, wie diese Pflanze schon ganz früh in ihren Wurzeln beschnitten worden ist, um sie klein zu halten. Wenn ich ein Bonsai sah oder nur daran dachte, spürte ich von da an die wilde Kraft eines starken Baumes in mir und sah dieses Potential auch in anderen Frauen.
    Da ich Mary Daly für ihr Buch „Reine Lust“ so dankbar war, konnte ich es mir lange nicht verzeihen, dass ich es nicht schaffte, ihr als Leserin treu zu bleiben. Ihr nächstes Buch Gyn/Ökologie lag jahrelang neben meinem Bett und verursachte mir ein schlechtes Gewissen, denn ich konnte mich nicht dazu durchringen, mehr als ein paar Seiten darin zu lesen: Ich war nicht bereit, mich noch genauer mit den Gräueln des Patriarchats zu belasten, von denen ich ja das Wesentliche längst wusste. Dass ich Mary Dalys weiterer Entwicklung nicht mehr gefolgt bin, ändert aber nichts daran, dass ich ihr dankbar bin für das, was sie uns Frauen – und damit der Welt – geschenkt hat. Ich denke an sie als eine eigenwillige, mutige Denkerin, der weibliche Freiheit und Stärke am Herzen lagen.

  • Markus Heil sagt:

    Als ich Mary Daly in einem Seminar über feministische Theologie am Center for Women and Religion an der GTU in Berkeley im 1987 las, war sie der Höhepunkt des Neuen und auch des Bedrohlichen. Als junger männlicher Student in einer Runde von Frauen war dieses Seminar selbst bedrohlich für meine durchaus noch naive (bayrische) und männliche Spiritualität. Dieses andere Universum, das die Feministische Theologie eröffnete war mir fremd. „beyond God the Fahrer“ erschloss sich mir nur schrittweise. Den Erfahrungshintergrund konnte ich nur nach und nach erahnen. Bis heute bin ich auf dem Weg.
    Mittlerweile weiss ich, dass ich in meiner Theologie und meinem Blick auf spirituelle Realitäten nie da wäre, wo ich heute angekommen bin, ohne diese Erfahrung (und ähnliche Erfahrungen in dieser Zeit)- Auch wenn mir damals Mary Daly Bedrohung war, so klingt ihr Name immer noch in meinen Ohren und ich danke ihr für ihren Beitrag.

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