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Rubrik unterwegs

Die Krise und die „Lehman-Sisters“

Von Andrea Günter

Zur Analyse der Ökonomie mit Hilfe von Geschlechterkategorien und -erfahrungen

Lehman-Sisters

Können Frauen die Finanzwelt retten? Mit dem Zusammenhang von Geschlecht und Ökonomie beschäftigte sich eine Fachtagung in Frankfurt. Foto: Andrea Günter

„Hätten die Lehman-Sisters etwas anders gemacht?“ Zur Fachtagung „Genderspezifische Aspekte der Finanz- und Wirtschaftskrise“ hatten am 28. Januar die Hessische Landeszentrale für Politische Bildung, das ver.di Bildungswerk Hessen und die Landesarbeitsgemeinschaft Hessischer Frauenbüros in den Räumen der Deka-Bank in Frankfurt eingeladen.

Die „Lehman Sisters“ sind seit letztem Frühjahr ein populärer Begriff. Sie tauchen inzwischen in Kabarettprogrammen ebenso auf wie als Name für ein Wirtschaftsplanspiel, mit dem der Bundesverband deutscher Banken Schülern (und Schülerinnen) „verantwortlichen“ Umgang mit Geld beibringen will. (Nur nebenbei: Auch bei der virtuellen „Lehman Sisters“-Bank gibt es neben drei jungen Männern genau eine junge Frau im Vorstand. Wieso eigentlich der Plural?)

Ins Spiel gebracht hat die Rede von den „Lehman-Sisters“ Mary Iskenderian, die Chefin der Women’s World Bank. Sie erklärte im Mai 2009, dass es die Finanzkrise nicht gegeben hätte, wenn mehr Frauen in leitenden Funktionen des Bankgeschäfts gewesen wären. „Weibliche“ Nachhaltigkeit, so Iskenderian, funktioniere besser als „männliche“ Risikofreude. Da war er also wieder, der Geschlechterbiologismus, diesmal im Bankgeschäft.

Iskenderian ist nicht die einzige, die die Bankenkrise als Geschlechterfrage analysiert hat. Sogar die „Financial Times“, um treffende Analysen der Krise bemüht, geht regelmäßig diesem Zusammenhang nach. Ja, es scheint tatsächlich ein Zusammenhang zu bestehen. Allerdings, erschöpft er sich im Geschlechtscharakter?

„Dass Frauen beim Anlageverhalten generell risikoscheuer agieren als Männer, ist ein Klischee“, widersprach Nataliya Barasinska vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) schon im Sommer 2009. Frauen, so ihre These, reagierten einfach nur deshalb risikoscheuer, weil sie weniger Geld hätten. Frauen haben ihren Berechnungen nach für Finanzanlagen nur etwa die Hälfte von dem zur Verfügung, was Männer haben. Allerdings lässt sich daraus allein noch nicht die Schlussfolgerung ziehen, die Barasinska anstellt, dass nämlich Frauen, wenn sie genauso viel Geld hätten wie Männer, sich auch ebenso verhielten.

„Hätten“, im Konditional muss das gesagt werden, denn darüber weiss man eigentlich nichts. Frauen haben nun einmal nicht genauso viel Geld wie Männer und hatten es auch noch nie. Man weiß also nur, dass das mit der Hälfte sehr schwer herstellbar zu sein scheint. Die Rede von den Frauen als der besseren Hälfte der Menschheit bleibt ein Euphemismus – oder ein Wunschtraum?

Aber muss man überhaupt auf den Geschlechtscharakter verfallen, wenn man eine Antwort auf die Frage sucht, was Frauen tun, wenn sie die Hälfte haben?

Auf den Geschlechtscharakter verfällt man auch, wenn man ihn neutralisiert. „Frauen gehen nicht anders mit Geld um wie Männer“, hielt etwa der Psychologe Rolf Haubl fest, der zur Psychologie des Ökonomischen forscht. Maria-Elisabeth Schaeffler könnte als berühmt-berüchtigtes Beispiel stehen. Nach dem Motto „Geld verdirbt den Charakter“: Es wirkt wie ein Droge, stimuliert den Größenwahn, alles unter Kontrolle zu haben, was wiederum eine Kontrollillusion nach sich zieht. Dies sind nach Haubl die Meilensteine der Analyse zur Psychodynamik des Geldes.

Interessant ist, dass das, was bei der Rede über Frauen (zum Glück) sogleich Widerstand auslöst, nämlich die kausale Verbindung von biologischem Geschlecht und Umgang mit Geld, in dieser biopsychischen Analyse als Argumentationslogik kaum unangenehm aufstößt. Erklärungen zur „zwangläufig“ entstehenden Gier stoßen auf großes Interesse. Allerdings: Ebensowenig wie alle Frauen sich gleich verhalten, verfällt auch nicht jeder Mensch, der viel Geld hat, dieser Dynamik der Gier oder hat einen schlechten Charakter. Auch hier ist die Analyse zu monokausal, greift zu kurz.

Der Psychologe flicht in seinem Vortrag auch ein, dass es dort, wo es weniger Geld gibt, eher die Frauen sind, die es verwalten. Und dass Geld aufgrund der Geschlechterbilder eine andere Bedeutung für Frauen und Männer annehmen kann. Das heißt, es gibt nicht „den Unterschied“, sehr wohl aber Unterschiede? Grundsätzlich setzt der psychologische Rat vor allem darauf, über unsere Geldkultur nachzudenken.

Gilt der Rat auch für unsere Geschlechterkultur? Mehrmals steht die Frage im Raum, ob Quotenregelungen helfen könnten. Die üblichen Argumente werden ausgetauscht. Auffällig ist: Wenn es um die Hälfte der Frauen in Positionen geht, scheinen andere Kriterien zu gelten, als wenn es um die Hälfte von Besitz, Erwerb und Vermögen geht. Oder? Seltsam eigentlich. Denn beides liegt doch im selben Argen. Wird die Besitzebene durch die Positionsebene torpediert?

Kann man also öffentlich für eine gleiche Verteilung zwischen den Geschlechtern, etwa für gleichen Lohn sein – was derzeit kaum jemand, der politisch bei Verstande ist und akzeptiert werden will, ablehnen kann -, dies aber zugleich dann doch unterminieren, indem man gegen  klare Strategien wie die Quotierung ist? Auch wenn deutlich ist, dass guter Wille allein nicht ausreicht, die Geschlechterverhältnisse zu verändern? (Fast hätte ich geschrieben: für die gleiche Verteilung der Güter sein, aber Geldverteilung und Güterverteilung, das sind zwei weitere Paar Schuhe. Und für die gleiche Verteilung der Güter tritt kaum jemand ein, obgleich das eine öffentliche Sache ist.)

Das Spiel zwischen theoretischem Biologismus und spekulativem Statistikidealismus steht also minus eins zu minus eins. Was damit gemeint ist? Schon Simone de Beauvoir hielt die Biologie für eine theoretische Wissenschaft. Selbst wenn diese zu allgemeinen Aussagen über Frauen kommt, stellt sich die Frage, was das für die Praxis überhaupt heißt. Denn es sagt nichts darüber aus, was die Einzelne in welcher Situation warum und inwiefern tut.

Unter einem „spekulativen Statistikidealismus“ verstehe ich, dass statistische Erhebungen einen Durchschnitt oder eine Mehrheitsquote aussagen, damit aber nicht geklärt ist, was Einzelne – Frauen, Männer – tun, und auch nicht, warum bestimmte Charaktere – Alphamännchen und -weibchen – und nicht andere an die Schaltstellen der Macht gelangen. Denn es ist doch kein Wunder, dass gutmeinende, sozial verantwortlich handelnde und mit scharfem Gerechtigkeitssinn ausgestattete Frauen nur wenig Erfolg haben, wenn wir sehen, dass auch sozial verantwortliche Männer nur wenig durchschlagenden Erfolg haben. Es ist schade, dass sich niemand unter den Vortragenden grundsätzliche Gedanken darüber gemacht hat, wie man mit der Tagungsfrage in der eigenen Fachdisziplin überhaupt umgehen kann. Aber das lässt sich ja nachholen.

Die politische Ökonomin Barbara Young, die an der Universität Münster einen Studiengang „Globalization and Development, Women’s Institute of Technology, Culture and Development“ aufbaut und in diesen Tagen für die EU den „Policy Brief“ zu einer feministischen Kritik der Finanzkrise vorgestellt hat, setzt anders an. Ihr imponiert der Versuch aus Norwegen, die Finanzwelt zu quotieren. Statt Bio- oder Statistik-Essentialismus wagt Young damit das Vertrauen in eine politische Option.

Und wie wir relativ zügig von den Frauen, die in Skandinavien nach der Krise die Verantwortung für die Banken- und Finanzwelt übertragen bekommen haben, erfahren haben, präsentierten diese ihre Kriterien: keine 25 Prozent-Gewinnmarge, sondern überprüfbare Nachhaltigkeit und Sozialverträglichkeit. Sie wollen sich hieran messen lassen (vgl. auch diesen Artikel).

Die „Männer der Krise“ waren für ihre Aufgabe qualifiziert, die Frauen sind es ebenso, wenn auch anders herum. Eine Art politischer Kreuzstich also: Statt Macho-Männer-Management lasst es jetzt die Frauen machen, und zwar nicht einfach irgendwelche Frauen, sondern solche, die dezidiert für ein anderes Programm stehen, für eines, das den Sinn für Gerechtigkeit formuliert und durchbuchstabiert und daran gemessen werden muss. Die Verdoppelung der Andersheit als Erfolgsrezept, damit die Männer in Zukunft auch „so neu und so anders handeln“ (Beauvoir) müssen wie die Frauen?

Zunehmend deutet sich an: Auch bei der Frage nach dem „anderen“ Handeln der „Lehman-Sisters“ geht es wie üblich nicht um Geschlechtscharaktere, sondern um Geschichte und Kultur. Die Finanzkrise ist eine Kulturkrise. Barbara Young identifizierte als eines der Probleme auch die so genannten „Epistemic Groups“ in den Wirtschaftswissenschaften, die nur bestimmte Erklärungsmodelle akzeptieren, in der Folge für wissenschaftlich deklarieren und alle alternativen Herangehensweisen auslachen – und solche „boy groups“ gibt es leider nicht nur in der Wirtschaftswissenschaft, sondern überall.

Freilich, darf man hier von „boy groups“ sprechen, darf man solches Vorgehen den Männern zuweisen? Als historisches Phänomen allemal. Strukturell muss frau im Auge behalten, dass die Trennung von Bereichen wie die von Ökonomie und Politik mit einer Geschlechtertrennung verbunden war – nicht unbedingt in der Praxis, aber im Ideenhimmel des Aristoteles und seiner Nachfolger. Diese Teilung prägt nach wie vor unser Verständnis: Politik habe sich aus der Ökonomie herauszuhalten. Als ob sie das könnte. So etwas kann man nur behaupten, wenn man die Verflochtenheit dieser beiden sowie weiterer Bereiche systematisch ignoriert. Gerade diese Ignoranz gehört aber zum Glaubensbekenntnis der „boy groups“. Die Geschlechterfrage wird genau damit zur Schaltstelle, durch die die Finanzkrise hindurch muss, wenn eine andere Denk- und Handlungskultur entstehen soll. Eine Einsicht, die eigentlich schon Platon hatte und als „das Unglaubliche“ bezeichnete.

Es springt sogleich ins Auge, zu wessen Vorteil diese Bereichsaufteilung war. Kultur- und Politikkrise als Krise der falschen Aufspaltung von Lebensbereichen, die dazu gedient hat, bestimmte Interessen zu schützen: Die Analyse, dass es sich hierbei um die Interessen der herrschenden Männergruppe handelt, ist alt und einfach, aber sie stimmt leider immer noch. In diesem Sinne also: Es ist richtig, von „boy groups“ zu sprechen, selbst dann, wenn „girls“ dabei sind, denn hier werden nicht die Akteure, sondern mit den Akteuren vor allem die Bevorteilten benannt.

Falsch getrennt und neu verbunden: Was sich beinahe wie ein Werbespruch für einen Telefonanbieter anhört, stellt die Grundlage für die Erneuerung der Kultur dar. Friedhelm Hengsbach betitelte seinen Beitrag mit der Steigerung von „Zocken? Schaffen? Heilen?“ und deutete damit eine Art Dreischritt für einen Paradigmenwechsel im Wirtschaften an. Statt einer unbegrenzt möglichen Geldschöpfung und der deutschen Weltmeisterschaft im Export charakterisieren seine Ausführungen neuartige Tauschverhältnisse im weltweiten Transfer der Hilfs- und Gestaltungsmittel entlang des Mitseins des einzelnen Menschen auch in Form von wertgeschätzten Arbeitsplätzen: vor Ort und in der Dauer der Zeit.

Nun stehen kaum mehr Frauen (und Männer) im Mittelpunkt der Analyse, sondern von der Neuverbindung getrennter Bereiche ist die Rede – eigentlich eben von der seit langem vom feministischer Seite beklagten Trennung von Haus- und so genannter Erwerbsarbeit. Verhandelt werden nunmehr auch keine Geschlechtscharaktere, Hormone, Gene oder biopsychische Strukturen mehr, wenn es dabei um Frauen und Männer geht und Analysen im Raum stehen, die besagen, dass Frauen etwas anders und besser machen.

Während Mechthild Janssen zu Anfang der Tagung einen Geschlechtsessentialismus als Deutungslinie der Fragestellung von sich wies, waren es am Schluss dennoch auch sie und ihre Mitveranstalterinnen, die ihren Glauben daran bekundeten, dass es doch anders gelaufen wäre, wenn es mehr Frauen an der Macht hätte. Wie also begründet sich ein solcher Glaube?

Es scheint keinen formulierbaren Satz zu geben, der den Glauben an die Taten von Frauen jenseits eines Geschlechtscharakters richtig besagt. Gehen wir also nochmals zur Ausgangsfrage der Fachtagung zurück und versuchen ein Fazit: Wäre uns diese Krise erspart geblieben, wenn Lehman Brothers Lehman Sisters geheißen hätten? Nein, der Name allein ist es schon gar nicht, siehe das Bankenverantwortungsspiel oben. Vielleicht wäre die Lehmann Sisters Bank gleichwohl eine andere Bank? Ja, wenn die Sisters Bank nicht nur „Finanzalphamädchen“ angezogen und eingestellt hätte. Wenn ihre Kultur und ihr biopsychisches Entscheidungsverhalten zugleich anderen Kriterien gefolgt wäre. Wenn Investorinnen ferner in diese anderen Kriterien investieren, weil sie sich einen Vorteil versprechen, einen anderen Vorteil als die Selbstbestätigung in der Kontrollphantasie über ein irrationales Geschehen oder in der Maximierung von Gewinn. Und das alles hat mit einer bestimmten historischen Konstellation von Ökonomie, Politik, Kultur und Geschlechteridentitäten zu tun.

Geschlechterbilder, gesellschaftliche Rollen von Frauen, biopsychische Dynamiken, Verhaltens-, Entscheidungskultur und Politikerneuerung bilden eine Konstellation, die als Ganzes zu befragen ist. Und vielleicht ist es tatsächlich sinnvoll, einen gesellschaftlich notwendigen Veränderungsschritt als Geschlechterversuch zu wagen und Frauen die Verantwortung zu übertragen.

Warum das besser sein soll? Auch wenn einiges dafür spricht, kann das keine Analyse mit voller Gewissheit vorhersagen. Wie bekannte Professor Häubl so schön, als er um Ratschläge für Veränderung gebeten wurde: „Ich mache nur Wissenschaft“. Dennoch, das wäre eine armselige Wissenschaft, die sich darauf zurückzieht. Wissenschaft kann ebenso wie alle anderen Bürger und Bürgerinnen die Bewegungen der Gegenwart begleiten. Wir können neue Rahmenbedingungen dafür aufstellen. Eine neue Kombination ist auf jeden Fall notwendig.

Abschließend: Frauen haben deutlich weniger Einkommen und Geldvermögen als Männer, wie die Politikwissen- und Volkswirtschaftlerin Sabine Reiners anhand verschiedener Untersuchungen belegte. Sie haben nur halb so viel, um zu investieren, dokumentiert die Finanzfachwelt. Damit beginnt das Konditional doch seine Rolle zu spielen: Was wäre, wenn genau das anders wäre, wenn Frauen tatsächlich die Hälfte des Geldes hätten? Um das zu erreichen kommt man mit Geschlechtscharakteren und Psychobiologie nicht weiter. Um Geldverteilung anders zu organisieren, dazu braucht es Politik. Vielleicht hat diese Umverteilung damit begonnen, dass Frauen ökonomiemündig wurden und folglich auch gleichberechtigt erben dürfen. Seit schon fünfzig Jahren, zugleich eine nur kurze Zeitspanne, müssen wir heute kommentieren. Es gibt sehr viele reiche Frauen. Welches Experiment könnten sie wagen? Wie können wir sie mit Rahmenbedingungen begleiten, sodass ihre Kultur die Maxime aller sein kann und sollte?

Es gibt keine andere Wirtschaft ohne andere Positionierung von Frauen, und keine andere Positionierung von Frauen ohne andere Wirtschaft. Eine andere Geldverteilung, andere Banken, eine andere Ökonomiekultur, eine andere Gesellschaft – das alles meint, braucht und bewirkt andere Positionen von Frauen. Solche oder solche.

Auf welches „solche“ aber wollen wir uns ausrichten? Es wird auf jeden Fall eines sein, in dem Frauen eine Rolle spielen (müssen). Dabei ist die „Andersheit“, mit der Frauen in unserer Denktradition zwar symbolisch verknüpft sind, doch das entbindet uns nicht von der Aufgabe, nach der inhaltlichen Füllung und Qualität dieses „anderen“ zu fragen. Daher: Welche Rolle wollen wir sie wie und inwiefern spielen lassen?

Alles spricht dafür, es mit den „Lehman-Sisters“ zu versuchen, in der Hoffnung, dass sie wirklich einen Unterschied zu den „Brothers“ darstellen und anderes tun werden. Diesen Unterschied aber müssen und können wir von ihnen verlangen.

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Autorin: Andrea Günter
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 20.02.2010

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