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Rubrik leben

Endlich hässlich!

Von Astrid Wehmeyer

oder „Der Mythos vom schönen Mann und der starken Frau“

High Heels

Moderne Folterinstrumente oder ganz schön blöd?

Sie boomen, die Bilder des „Natürlichen“: Was die Kampagne der Unilever-Marke „Dove“ uns in den letzten Jahren vormachte, dass nur „natürliche Schönheit“ wirklich „schön“ sei, dem folgt seit Anfang dieses Jahres auch ein großes Frauenmagazin, die Brigitte. Nur noch „wirkliche“ Frauen statt Modells sollen hier abgebildet werden, statt gesichts- und identitätslosen Kleiderständerinnen nun Frauen aus Fleisch und Blut die Leben in die Klamotten bringen. Und die Nation jubelt: Endlich, endlich!

Die ganz normalen Frauen auf der Straße

So weit, so gut könnte eine mutmaßen, wäre da nicht jenes kleine leise Unbehagen am Rande der Bewusstseinsschicht, welches zumindest so ewige Nörglerinnen wie mich dann doch zum genaueren Hinschaun verpflichtet. Und obwohl ich eigentlich nicht zur Leserinnenschaft der „Frigitte“ gehöre, wie die Volksmündin lästerlich das Hochglanzmagazin für schicke Muttis zu betiteln pflegt, habe ich sie diesmal tatsächlich käuflich erworben. Kein Gynökologinnenbesuch auf der Agenda, also Opfergabe aus dem eigenen Portemonnaie.

So sehen sie also aus, die „ganz normalen Frauen auf der Straße“, die für die begleitende Kampagne in Funk und Fernsehn einen Tag lang auf Berlins Straßen gecastet wurden! Strahlende Schönheiten in schicken und gar nicht mal so teuren Outfits, rank und schlank und kerngesund! Während  sich die Vorzeigeschönheiten und It-Girls der Branche tagtäglich beleuchtet und paparazziert ins Koma saufen strahlen die Damen von Kuhdamm und Kiez im natürlichen Glanze gesunder Ernährung. Kein Wunder also, dass auch im „Ohne-Model-Heft“ die klassische Brigittediät nicht fehlen darf: Nach ganz Vorne hat sie´s sogar geschafft, denn : „Genau das wünschen wir uns natürlich auch für die Frauen, die wir jetzt in unserem Heft zeigen. Ein gutes Körpergefühl, Selbstbewusstsein und Lebensfreude. Wir möchten im Heft jetzt die ganze Bandbreite an Frauen zeigen. Frauen mit Größe 36 genauso wie Frauen mit Größe 46.“ (Brigitte-Online)

Selbstbewusst und lebensfreudig, aber bitte nicht breiter als Konfektionsgröße 46! Ja, eben so normal wie die normalen Frauen eben.

Supersize statt Hungerhaken

Doch scheint´s ist die Brigitte hier Schlusslicht einer Bewegung, die schon längst die großen Laufstege von Paris bis Mailand erreicht hat: Mit dem Trend zum „Supersize-Model“, welches immerhin schon mal Konfektionsgröße 42 haben darf topen Couturiers jeden brav-biederen Ansatz zu mehr normal-weiblicher Kurvität: Crystel Renn, einst magersüchtiger Hungerhaken und heute Rubensschönheit ziert als neuer Maßstab echter Weiblichkeit heute die Ausgabe jedes Trendmagazins, das etwas auf sich hält. Und Tyra Banks, die amerikanische Heidi Klum macht Schluss mit mageren Modells und ruft zum „XXL-Casting“ auf für „Amerikas next Topmodell“. Dünn und androgyn scheint´s war gestern. Heute ist „in“ was reichlich kurvig und lasziv Latte Macchiato trinkt statt stilles Wasser. Mit zwei Stückchen Süßstoff, versteht sich.

Sie sind also angekommen – die „fetten Weiber“ auf den Laufstegen der Welt, aber eben auch die zeit- und alterslos Schönen auf den Straßen von Berlin bis Wanne-Eickel. And the message is?

Nun, der Hammer war etwas hoch gehangen in den letzten Jahrzehnten: Denn trotz fortschreitender Schönheitschirurgie und allerorts verfügbaren Fitness-Programmen wird nun mal nicht aus jeder Cindy aus Mahrzahn eine Kate Moss aus NYC. Brüste lassen sich ja noch verkleinern, doch was macht eine mit breitem Kreuz und Muckies an den falschen Stellen?  Und wenn es die geilsten Klamotten nur noch in Größe 36 zu kaufen gibt – nun, dann wandern ganze Frauscharen ab ins Internet, wo schöne Preise seit neuestem auch mit molligen Mädels winken. In sexy Dessous, denn das Auge – immer klar auf den Anwender gerichtet – kauft mit.

Die Wirtschaft hat dazugelernt, eine glaubt es kaum. Millionen von Frauen das Gefühl der Unzulänglichkeit zu geben ist nur begrenzt verkaufsfördernd. Leid treibt zwar auch auf den OP-Tisch und in die Parfümerien, aber nur so lange bis eine erkennt: Nein, die Schwangerschaftsstreifen gehen auch mit Lenor nicht mehr raus.
Viel schöner und vor allem langlebiger ist da doch das Lustkaufen: Ja, ich bin schön und damit das auch so bleibt kaufe ich kalorienreduzierte Würstchen und einen neuen Super-Lash-Maskara. Der bringt nämlich meine Schönheit so richtig zum Glänzen – und mein Konterfei vielleicht auch in die nächste Brigitte.

Schon immer im Trend: Schönheit als „Must-have“ selbstbewusster Frauen

Junger Mann

Ein junger Woodabe-Mann aus Nigeria

Denn so neu wie er tut ist dieser Trend gar nicht: Schon seit ihren Anfängen ködert das Frauenmagazin selbige mit Serien vom Type „Vorher-Nachher“. Da werden aus simplen Vorstadtpomeranzen sensationelle Vorzeigefrauen und die Botschaft ist klar: Seht her, mit etwas Mühe könntet ihr auch so aussehen.

Hochglanz-Schönheit also als „must-have“ für alle. Hängebauch nach dem 3. Kind? Muss nicht sein. Müde nach Kinder-Grippe-Kotze-Nacht? Lassen Sie sich nicht gehen! Und mit 60 humpelnd am Rollator? Dann schauen Sie mal her, dass hier könnten Sie sein. Mit ein bisschen mehr Mühe. Und der richtigen Creme.

Was uns da also als anscheinende Entspannung an der „Allzeit-De-Lux-Schönheitsfront“ präsentiert wird ist also in Wahrheit nichts weiter als der ultimative Druck, der nun eben im Gewöhnlichen angekommen ist. Weil alle schön sein können, muss ich es auch sein. Weil das ja heute sooo einfach ist …

Die Diva am Kochtopf

Waren früher „Schönheiten“ Luxusgeschöpfe weit jenseits aller Alltäglichkeit, so ist die Diva heute an den Kochtopf zurück gekehrt und trägt Stillettos von Woolworth. Und überzeugt in der allabendlichen Performance im ehelichen Bett durch theatralische Glanzleistungen die Paris Hilton auf das Niveau einer Debütantin verweisen. Natürlich nicht ohne das entsprechende Outfit.

Heute sind Frauen alltagstauglich stark, schön und fit bis ins hohe Alter. Sie sind das  eigentlich dominierende Geschlecht und trotzen jeder beruflich bedingten Abnutzung heldenhaft. Wie wunderbar, sind wir also angekommen, da, wo wir hinwollten!

Ganz normal eben und deshalb um so gefährlicher

Je „normaler“ Schönheit also wird, umso undeutlicher wird, was sich hinter dem „Mythos Schönheit“ eigentlich verbirgt. Denn diese wird nicht mehr in Frage gestellt, weil sie jetzt ja allen zugänglich scheint. Schönheit, dass ist inzwischen ein allgemein anerkannt menschlicher Wert so wie Ziel und Krönung jeder menschlichen Entwicklung. „Wandle in Schönheit“ sagen die einen, „schönen Tag“ wünschen die anderen und die dritten im Bunde versprechen Schönheit dank „Altershemmern“. Nur schöner Sterben gibt es noch nicht. Ja, Schönheit macht den Menschen erst zu diesem, und mal ehrlich, keinEr von uns will doch hässlich sein – oder?

Da war es schon erfrischend, dass Charlotte Roche in ihren umstrittenen „Feuchtgebieten“ wenigstens die eine oder andere Sumpflandschaft angelegt hatte. Dennoch hat ihr das  Sabbern und Bluten eher zu höherer Telegenität verholfen, was mich zur Vermutung veranlasst, dass wir demnächst Scheidenzäpfchen mit Champagnergeruch präsentiert bekommen: Körperflüssigkeiten ja, aber bitte geschmackvoll!

Die eiserne Jungfrau „Schönheit“

In Ihrem 1993 auf Deutsch erschienenem Buch „Der Mythos Schönheit“ vergleicht Naomi Wolf „Schönheit“ mit der „Eisernen Jungfrau“, einem mittelalterlichen Folterinstrument bevorzugt für Frauen. Innen mit Stahldornen gespickt, äußerlich liebreizend und lächelnd wurden Frauen für diverse Vergehen gegen Sitte und guten Anstand in die Dame hineingezwängt, aufgespiesst und dem Verrotten durch Verhungern oder Verbluten anheim gegeben. Aber die Fassade stimmte: Der äußeren Schönheit wurde weitreichend zur Geltung verholfen. Also falsch, meine vorrangig getroffene Annahme: Schön starb man schon damals.

Doch nicht nur die modernen Foltergeräte wie Highheels und Korsagen oder die Missetaten der Plastischen Chirurgie reihen sich nahtlos in diesen Vergleich ein. Tatsächlich entspricht das Bild der innerlich durchbohrten und gemarterten Frau in glänzendem Gewande wohl dem Selbstgefühl vieler moderner Frauen. Ob man die Entwürfe von Gucci und Prada wohl in Zukunft ausstellen wird mit dem Hinweis: „Moderne Torturen: Perfide Instrumente der Selbstfolterung, einst unbezahlbar und dennoch heiss begehrt“?

Schöne Feministinnen und starke Frauen

Wahrscheinlich gehört diese Befähigung zur Selbstkasteiung, die schon kleinen Mädchen antrainiert wird zum neuen Rollenverständnis der „starken Frau“. Selbst Feministinnen der frühen Stunde plädieren heute für eine „Emanzipation in Stöckelschuhen“ sozusagen als Analogie für eine Frauenbewegung die beim echten Begehren der Frauen angekommen scheint: Wir wollen sexy UND unabhängig sein. Wir wollen begehrt werden UND zwar von richtigen Männer. Dafür wollen wir uns ganz als Frau fühlen UND trotzdem machen, was wir wollen. Wir wollen „schöne“ Feministinnen sein. Denn nichts trifft auch uns härter als der Vorwurf der Hässlichkeit. Nicht umsonst wurden die ersten frauenbewegten Frauen als „Emanzen“ verschrieen, „hässliche Weiber mit Haaren auf den Zähnen“, So eine wollte keinEr geschenkt haben, nein Danke!

Um den Feminismus alltagstauglicher zu machen wurden wir attraktiver. Und sitzen jetzt in der klassischen „Brigitte-Falle“: Emanzipiert, dass heisst schön und stark. Schön stark.

Jetzt haben sie ihr Fett weg! Schöne Männer und starke Frauen

Den Männern hingegen droht der Zusammenbruch ihres Schönheits-freien Ghettos. War es bis vorgestern noch durchaus üblich, dass sich Schmerbauch-Glatzen-Opa mit aufgestylter Jungblondine sein Stück vom verlorenen gegangenen Paradies zurückholen konnte, so färbt inzwischen auch Mr. Nespresso-what-else? seine ergrauten Haare. Und in Magazinen wie „Q“ oder „MensHealth“ kriegen jetzt auch diejenigen ihr Bauchfett weg, die sich bisher vor Zwangsattraktivität sicher wähnten. Nein, Joschka Fischer ist ein kein aussterbendes Rollenmodell sondern ein erstes prominent-männliches Opfer des Jojo-Effekts auf Körper und Seele, den die Verinnerlichung unhaltbarer Maßstäbe zur Folge hat. Dass er auch dick noch eine junge Frau ergattern und halten konnte hat wohl eher mit dem angenacksten Anachronismus des „Macht-macht-fett“-Glaubens zu tun oder einer weiteren typisch-weiblichen Deformation: Dem Mitleid für diejenige, denen nun der eigene Wind um die Ohren weht.

Es sind die letzten Reste einer aussterbenden Spezies und eines untergehenden Jahrhunderts, die sich da in den Chefsesseln der oberen Zehntausender-Etagen fläzen und hoffen, dass der Umfang ihrer Aktienfonds über den ihrer Körpermitte hinwegtäuschen kann. Heute gibt es Milliardäre mit Six-Pack-Bäuchen und faltenfreier Haut. Vor allem, weil sie immer jünger werden. Warum also sollten die zukünftigen Naomi Cambells und Claudia Schiffers sich mit weniger zufrieden geben als dem, was jeder Durchschnittsmann von seiner Herzallerliebsten erwartet? Schließlich haben sie hart geschuftet um so auszusehen. Ihre Makulatur ist ihr Kapital, und das will in Sicherheit gebracht sein beizeiten. In schöne Sicherheit.

Und so verändern sich die Zeiten. Dem schönen Mann stehen die starken Frauen zur Seite – Madonna liebt einen 23-jährigen Jesus, Ashton heisst zwar noch nicht Moore, aber mal ehrlich, welche könnte sich sonst diesen Namen merken, und auch in Deutschland hat Simone Thomalla den ewig biertrinkenden Gaffer Rudi Assauer gegen ein jüngeres Modell eingetauscht. Willste anfassen, musste was zum Anfassen sein – so die Devise der schönen Frauen!

Beautiful is beautiful und Sex sells

Aber was wie ausgleichende Gerechtigkeit erscheint ist nichts weiter als der unaufhaltsame Werbefeldzug der „Schönheit“ mitten hinein in den Common Sense. „Schönheit“ und mit ihr gleichziehend „sexuelle Attraktivität“ sind die ultimativen Maßstäbe dieser spätindustriellen Zivilisation, in der Image alles und Inhalte ersetzbar sind. Ganz dicht gefolgt von „Gleichheit“, in der Frauen wie Männer zu sein und Männer sich wie diese Frauen anzufühlen haben.

Herrlich hässlich!

2005 erschien im Eichborn ein Buch mit dem Titel: “ Herrlich hässlich! Warum die Welt nicht den Schönen gehört“. Die AutorInnen, eine Frau und ein Mann, „outen“ sich darin als hässlich und bestehen auch genau auf dieser Formulierung. Die „Hässlichen“, dass sind für sie all diejenigen, die im täglichen Kampf um Schönheit scheitern und das dennoch nicht zugeben dürfen. Also ungefähr 99,99 % von uns allen. Denn sogar die ausgewiesen Schönen unter uns empfinden sich ja in aller Regel selbst nicht so. „Hässlich-sein“, das ist das letzte Tabu.

Aber auch der letzte Freiraum. Denn wie das Bekenntnis zum Schwangerschaftsabbruch, zur offenen Homosexualität oder zum Feminismus hat die erklärte Hässlichkeit befreiende Wirkung: Plötzlich können all die in aussichtslose Anstrengungen verpulverten Energien wieder frei fließen und sich anderen Aktivitäten zuwenden. Statt frühmorgendlichem Stylingprogramm nebst Anti-Aging-Pilates kann einEr länger liegen bleiben und sogar ausgiebig und üppig frühstücken. Denn welche Bedeutung haben schon ein paar Kilos mehr auf der Waage, wenn einEr sowieso hässlich ist? Ganz nach dem Motto „Und ist der Ruf erst ruiniert …“ kann das wilde und ungenormte Leben nebst dazu passender Lebendigkeit Einzug halten. Zwei Accessoires, die jeder und jedem gut stehn.

Wir sollten also ein bisschen hellhöriger werden wenn uns mal wieder der Siegeszug des „Normalen“ verkauft werden soll. Vielleicht verbirgt sich dahinter nur die Normierung, die alltagstauglich geworden ist. „Schöne, neue Welt“ benannte 1932 Aldous Huxley sein Werk, indem Menschen geklont werden um besser in die diversen gesellschaftlichen Kasten zu passen. Die Schönsten von ihnen wurden als „Idole“ verehrt, Kontrolleure und Drogenlieferanten, den Rest bei Stange zu halten. „Schönheit“ – ob nun exklusiv oder als Massenware – ist eine starke Droge, die uns glauben macht, alles sei möglich. Wie eine Autosuggestion macht sie uns zu Hans und Gretel im Glück, denen nur dann etwas im Wege steht, wenn sie sich nicht ausreichend anstrengen der allgegenwärtigen Schönheit teilhaftig zu werden. Weil sie eben zu jung oder zu alt, zu dick oder zu dünn, zu groß oder zu klein, zu blond, zu schwarz … oder eben einfach nur zu anders sind.

Autorin: Astrid Wehmeyer
Redakteurin: Astrid Wehmeyer
Eingestellt am: 24.02.2010

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Nicole Schmidt sagt:

    Durchblick

    Ein wunderbarer Artikel, vielen Dank!

  • Insa Püplichhuisen sagt:

    Zum Abschnitt: „Herrlich Hässlich“:
    Wenn frau/man sich als „hässlich“ bezeichnet, zeigt das doch nur, dass er, sie, es den gängigen Schönheitsbegriff/das gängige Schönheitsideal verinnerlicht hat – das ist doch traurig oder nicht?!
    Eine wirkliche Befreiung scheint mir das nicht zu sein! Eher eine von der kollektiven Norm übernommene Selbstablehnung, die für sich selbst „schön“ geredet wird, was aber das Leiden unter dem kollektiven Druck nicht wirklich heilt.
    Das erinnert mich an Menschen, die an extremen Übergewicht mit all den einhergehenden Krankheiten leiden, aber allen erzählen, sie würden sich pudelwohl fühlen.

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