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Rubrik unterwegs

Liebe und Gerechtigkeit

Von Antje Schrupp

oder: Hat sich Hegel wirklich geirrt?

Herta Nagl-Docekal

Herta Nagl-Docekal bei ihrem Vortrag in der Reihe „Gerechtigkeit, von Philosophinnen gedacht“, die verschiedene Bildungsinstitutionen im Winter 2009/10 in der Frankfurter Stadtbücherei veranstalteten. Foto: Antje Schrupp

Im Januar besuchte ich einen Vortrag der Politikwissenschaftlerin Herta Nagl-Docekal, die in der Frankfurter Stadtbücherei über das Thema „Liebe und Gerechtigkeit“ sprach. Das interessierte mich, weil ich mich seit einiger Zeit mit der Frage beschäftige, wie Liebe und Freiheit zusammenhängen und damit, inwiefern ein „intimes“ Gefühl wie die Liebe möglicherweise mit dem „öffentlichen“ Bereich des Politischen zusammenhängen könnte. Meiner Ansicht nach tut die Liebe das nämlich, allerdings nur gewissermaßen „unterschwellig“. Als relevante Kategorie spielt Liebe im heutigen politischen und öffentlichen Diskurs – bedauerlicherweise, wie ich finde – keine Rolle, ganz anders übrigens als zum Beispiel in der griechischen Antike.

Herta Nagl-Docekal ging von der nun schon alten feministischen Kritik an einer dualistischen Gegenüberstellung von Liebe auf der einen und Gerechtigkeit auf der anderen Seite aus. Die Vorstellung, dass Beziehungen entweder unter dem Aspekt der Gerechtigkeit zu sehen seien, oder aber unter dem der Liebe ist ja klar geschlechtlich konnotiert: Die Männer begegneten sich „als Gleiche“, auf Augenhöhe, schufen dafür Recht und Gesetz, legten also an ihre Beziehungen untereinander den Maßstab der Gerechtigkeit an. Frauen hingegen wurde die familiäre, intime Rolle der „Liebe“ zugewiesen. In frühfeministischen Zeiten wurde entsprechend die weibliche Forderung, auch in Familienbeziehungen und zwischen Männern und Frauen müsse es „gerecht“ zugehen, mit dem Vorwurf gekontert, dann könne es ja mit der Liebe nicht so weit her sein. Liebe und Gerechtigkeit galten in patriarchal-dualistischem Denken als unvereinbar, entweder oder, war die Parole.

Darüber sind wir heute, vierzig Jahre explizit feministisches Philosophietreiben später, längst hinaus. Es gibt wohl kaum noch Stimmen, die von Frauen verlangen würden, sie sollten um der Liebe willen ungerechte Verhältnisse akzeptieren. Aber die Frage, wie genau denn Liebe und Gerechtigkeit zusammenhängen könnten, die ist noch nicht beantwortet. Um eine Antwort zu finden, ist es naheliegend, an den Anfang jener dualistischen Aufspaltung zurück zu gehen und zu verstehen, wie es dazu kam.

Und da landet man, wie Nagl-Docekal in ihrem Vortrag, unweigerlich bei Hegel, jenem Denker also, der am Anfang des 19. Jahrhundert das dualistische Denken kritisierte und weiterentwickelte, indem er die „Dialektik“ erfand: Es gibt nicht, so Hegels Idee, ein bloßes Gegenüber von zwei oppositionellen Dingen, sondern die beiden hängen „dialektisch“ zusammen, indem sie durch ihre Beziehung zueinander auf eine höhere Ebene gehoben werden. Dialektik behauptet gewissermaßen die Identität von Identität und Nicht-Identität, also, etwas salopp gesagt: dass Verschiedensein und Gleichsein letztlich dasselbe ist.

Es ist kein Wunder, dass dieses dialektische Denken auch für die westliche Interpretation des Geschlechterverhältnisses eine große Rolle gespielt hat. Ich selbst war lange Zeit eine begeisterte Hegelianerin, weil dieser Ansatz es ermöglichte, meine weibliche Differenz (die Nicht-Identität also) zu bewahren, ohne aber auf die Gleichheit mit den Männern verzichten zu müssen. Es dauerte eine ganze Weile (und insbesondere brauchte es die von italienischen Feministinnen inspirierte Lektüre von Carla Lonzis Text „Wir pfeifen auf Hegel“), bis ich meine Ansicht revidierte. Heute denke ich, dass die Dialektik letztlich nur ein Trick ist, um den Wunsch nach „Einheit“ auch angesichts offensichtlicher Differenzen weiterträumen zu können. Sie hilft, Differenzen anzuerkennen und gleichzeitig zu behaupten, dass sie auf einer anderen Ebene „aufgehoben“ wären.

Herta Nagl-Docekal erläuterte in ihrem Vortrag ausführlich, welche Funktion die Liebe in Hegels Denken einnimmt – nämlich eine enorm wichtige. In der „Idee der Liebe“ sieht Hegel eine Art Leitfaden für die Art und Weise, wie Menschen eine intime Beziehung zueinander eingehen. Und dies hat bei ihm sehr viel mit Gleichheit zu tun: Liebe, meint Hegel, impliziere, dass man den oder die andere als wesensgleich ansieht. Zwei Liebende mögen sich in „äußerlicher“ Hinsicht auf vielfältige Weise voneinander unterscheiden, also etwa Mann und Frau sein, verschiedenen Standes oder unterschiedlicher Hautfarbe oder kultureller Herkunft – aber indem sie sich lieben heben sie diese Unterschiede auf eine „höhere“ Ebene, die sie zu Gleichen macht. Es ist die „Gleichheit von Geist zu Geist“, die Hegel in der Liebe sieht.

Nagl-Docekal hob vor allem die Stärken dieses Konzepts hervor, die nämlich darin liegen, das alte dualistische Denken tatsächlich zu transformieren. Hegel denkt die Liebe egalitär. Hierarchische Subjekt-Objekt-Beziehungen, in denen eins das andere instrumentalisiert oder ausnutzt, sind also für Hegel keine Liebe, denn „in der Liebe ist man eins mit dem Objekt, es herrscht und beherrscht nicht“. Die Liebe ist auch nicht ein Begehren, das sich an bestimmten Eigenschaften der geliebten Person entzündet (denn damit würde sie in den Ruch des Eigennutzes geraten), sondern sie richtet sich auf die ganze Person. „An Liebenden ist keine Materie“ schreibt Hegel folgerichtig, und damit meint er nicht so sehr sexuelle Prüderie als vielmehr die Betonung, dass alle materiellen Ausformungen der Liebe (auch, aber nicht nur die Sexualität, sondern der gesamte gemeinsame Lebensalltag) nicht unabhängig vom Geist existieren. Da aber die konkreten Unterschiede zwischen zwei Personen sämtlich auf dieser äußerlichen, materiellen Ebene angesiedelt sind, bedeutet das logischerweise, dass die Liebe aus den zweien Eins macht. Oder, in Hegels eigenen knapp-skurrilen Worten: „Ich, das Wir, und Wir, das Ich ist.“

Man muss Hegel mit Nagl-Docekal wirklich zugute halten, dass er hier weitsichtiger und „frauenfreundlicher“ argumentiert als viele seiner Zeitgenossen. Er entwirft ein positives Bild der Geschlechterbeziehung, und sein Liebeskonzept ist ein echter Fortschritt gegenüber Denkern wie Fichte oder Rousseau, die die Liebe feminisierten und die Motivation der Männer, sich mit Frauen überhaupt abzugeben, auf Nützlichkeitserwägungen oder das Ausleben ihrer Triebe reduzierten.

Nagl-Docekals These war nun folgende: Wer die Liebe so egalitär definiert und beschreibt wie Hegel, der müsste doch eigentlich auch für eine Gleichheit der Geschlechter im Alltagsleben eintreten – also für „Gerechtigkeit“. Doch verlässt man Hegels Vorlesungen zur Ästhetik, in denen ein Großteil jener Liebes-Betrachtungen untergebracht sind, und wendet sich der Rechtsphilosophie zu, wo er die Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft ausarbeitet, zeigt sich, dass Hegel dieses egalitäre Modell gerade nicht auf die Institutionen überträgt. In seiner Ausarbeitung der bürgerlichen Ehe beschreibt auch er ein klar hierarchisches Geschlechtermodell, das den Frauen den privaten und den Männern den öffentlichen Bereich zuweist. Das heißt: In der Theorie der Liebe ist Hegel zwar egalitär, in der Praxis, den von ihm entworfenen bürgerlichen Institutionen hingegen, kommt er aber zu denselben frauendiskriminierenden Ergebnissen wie Rousseau, Fichte und Konsorten.

Wie ist das zu erklären? Herta Nagl-Docekal glaubt, dass Hegel sich an dieser Stelle einfach geirrt habe und quasi in die Falle der eigenen Konventionalität geraten sei, also den eigenen egalitären Ansatz nicht wirklich zu Ende gedacht habe. Sie sieht einen Bruch zwischen dem, was er über die Liebe, und dem, was er über die Ehe schreibt. Hier liege ein Widerspruch, eine Unlogik in seinem System. Nagl-Docekals Vorschlag war daher, Hegel als Kronzeugen gegen sich selbst ins Feld zu führen und sein egalitäres Liebeskonzept als Argument für die Kritik der bürgerlich-patriarchalen Institutionen heranzuziehen.

Ich glaube nicht, dass das funktioniert, und ich glaube auch nicht, dass die Analyse stimmt. Man kann vieles über Hegel sagen, aber ein Dummkopf war er ganz sicher nicht. Er hat sich nicht geirrt, sondern es gibt einen logischen inneren Zusammenhang zwischen seinen Ausführungen über die Liebe auf der einen und die Ehe auf der anderen Seite, und meiner Ansicht nach liegen sie genau in dem Konzept der „Einheit“, das ich – anders als Nagl-Docekal – keineswegs für befreiend, sondern im Gegenteil für gefährlich und den Kern des Problems halte.

Denn: Wenn es tatsächlich so wäre, dass Frau und Mann, indem sie sich lieben, zwar ihre materiellen Unterschiede beibehalten, aber dennoch in geistiger Hinsicht „Eins“ werden – dann wäre es tatsächlich möglich, dass sie nach außen hin auch als „Eins“ auftreten. Konkret: dass also einer in der Öffentlichkeit für beide spricht. Wer das ist, wäre dann letztlich egal, da es zwischen beiden ja keine Differenz mehr gibt, das heißt, es kann aus konventionellen Gründen auch einfach der Mann sein. Genauso denkt sich das Hegel meiner Ansicht nach: Der Mann, der sich draußen in der Öffentlichkeit bewegt, ist für ihn (und eine ganze lange Tradition von „Familienidealisierung“ ist ihm hierin nachgefolgt) nicht einfach ein Individuum, sondern der „Familienvater“, der Repräsentant einer Gruppe. Er spricht nicht nur für sich, sondern auch für seine Ehefrau und Kinder, jene „unmittelbare Einheit“ also, die durch die Liebe konstituiert wurde. Das heißt: Hegels egalitäres Liebeskonzept hinterfragt nicht etwa, sondern stabilisiert geradezu bürgerliche Familienstrukturen, weil es eine Theorie entfaltet, die die offensichtlichen Ungerechtigkeiten gegenüber den Frauen (ihr Ausschluss aus der politischen Partizipation) als gerecht erscheinen lassen.

Sicher ist damit ein moralischer Anspruch gegen die Ehemänner verbunden, nämlich der, beim öffentlichen Handeln tatsächlich die Interessen der ganzen Familie und nicht nur ihre eigenen zu vertreten. Damit ist das Modell gleichzeitig eine klare Kritik an jenen, die eine prinzipielle Höherwertigkeit des Männlichen behaupten und die Frau eher in der Rolle eines Haustieres sehen. Aber gleichzeitig hat Hegel damit eben auch den Geschlechterdualismus erst recht zementiert. Und sein Ideal der „Einheit“ ist meiner Ansicht nach bis heute eine Illusion, die das Aushandeln von Differenzen in konkreten Beziehungen behindert.

Meine Gegenthese zu Hegel und Nagl-Docekal gleichzeitig wäre also die, dass Liebe etwas anderes sein muss. Dass ihr Wesen nicht etwa darin liegt, aus zweien Eins zu machen, aus Differenz Egalität, sondern darin, eine Beziehung zwischen zweien zu ermöglichen, obwohl sie gerade nicht Eins sind und das auch niemals werden können. Auch nicht auf einer idealen, geistigen Ebene.

Liebe kann es überhaupt nur geben, wenn zwei zwei bleiben, denn zwischen Einem gibt es keinen Zwischenraum, in dem die Liebe einen Platz finden könnte. Unter Gleichen ist Liebe auch überflüssig, denn sie haben, insofern sie gleich sind, notwendigerweise auch gemeinsame Interessen, die sie verbinden. Das heißt: Der ganz normale Eigennutz würde genügen, um sich zusammenzutun, es muss keine Liebe im Spiel sein. Unter Ungleichen hingegen ist nur die Liebe diejenige Kraft, die es ermöglicht, auch in der Differenz einen gemeinsamen Weg zu gehen, sich also zu verbinden, obwohl man gerade keine gleichen Interessen hat.

Diesen gemeinsamen Weg müssen aber immer beide gehen, jede und jeder in eigener Verantwortung. In Bezogenheit mit anderen, aber niemals durch andere repräsentierbar.

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 17.02.2010

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Günter Landsberger sagt:

    Spontanreaktion

    Vielen Dank für den zum weiteren Nachdenken ermunternden Beitrag!

    Andererseits:
    a) Ich dachte immer, die Definition von Liebe sei bei Hegel vor allem „das Bei-sich-selbst-Sein im Anderen“ (und zwar wechselseitig)
    b) Wie zwingend sind „Einheiten“ unterhalb der höchsten, der „konkreten“, der umfassendsten „Einheit“ als verkappt oder offen einseitige Einheit zu denken? Und: Welche Rolle spielen hierbei „Geist“, „konkrete Vernunft“, „absolute Vernunft“, „Totalitätsvernunft“,
    „konkrete Freiheit“, kurz: der philosophische Gottesbegriff Hegels?
    c) Wäre zur Bestimmung des Verhältnisses von „Gerechtigkeit und Liebe“ (diakosyne und eros bzw. agape) nicht vielleicht auch ein Blick auf Shakespeares „König Lear“, insbesondere auf den Anfang dieses Dramas, hilfreich?

  • Antje Schrupp sagt:

    Mal ganz verkürzt jetzt…

    Wie gesagt, meine Beschäftigung mit Hegel liegt schon etwas zurück, in dem Artikel beziehe ich mich darauf, wie Nagl-Docekal es in ihrem Vortrag dargestellt hat. Ob man Hegels Liebeskonzept noch ganz anders interpretieren kann als sie das tut, das kann ich so aus dem Stand nicht sagen. Das wäre sicher noch mal eine Relektüre wert. Allerdings kommt mir – spontan – auch das „Bei sich selbst sein im Anderen“ als ein Versuch vor, die reale Differenz „aufzuheben“ statt sie zum Ausgangspunkt für ein Beziehungsgeschehen zu nehmen. Und das führt gleich zum Thema „Vernunft“ oder „Gott“, also die alleroberste „Einheit“… Ich sehe die Entwicklung der Welt als eine offene Angelegenheit, deren Ende (im Sinne von „richtigem“ oder „gutem“ Ende) nicht vorhersehbar ist und schon gar nicht von Vornherein feststeht. Meine These wäre: Wenn „Liebe“ das Movens dieses Beziehungsgeschehens ist, dann hat das ganze was mit „Gott/Geist/Vernunft“ zu tun, aber eher im Sinne einer höchsten Qualität und nicht im Sinne eines identifizierbaren Inhalts – offener Ausgang eben. Es kann mehrere mögliche „gute“ Enden geben, und zwar sowohl für eine konkrete Entwicklung (eine Liebesgeschichte) als auch für die Welt insgesamt. Ohne Liebe aber führt Beziehungsgeschehen zu Krieg oder Herrschaft, zeitweise vielleicht etwas eingehegt von der Vernunft. Mal ganz verkürzt jetzt. Also ich würde es umdrehen: Nicht wenn Gott/Geist/Vernunft dabei ist, ist Liebe auch wirklich Liebe, sondern wenn Liebe dabei ist, dann ist das Ganze, tja, unter Gottes Segen und geistreich. Vernunft braucht man hingegen nur, wenn das nicht klappt, zur Schadensbegrenzung gewissermaßen.

  • Günter Landsberger sagt:

    Offenheit ja

    Nur ganz kurz: In skeptischer Zuversicht neige auch ich ganz entschieden zum Vorrang der Offenheit; möchte allerdings an der Hegelschen Differenz von Verstand und Vernunft festhalten und nicht beides einfach in „ratio“ auflösen.

  • Fidi Bogdahn sagt:

    kennt Hegel nicht

    Ich kenn mich nicht mit Hegel´Denken aus; weiss aber für mich einiges über dieses in-Liebe-mit-einem-anderen-Menschen-verbunden-sein und der damit einhergehenden (oder voarausgehenden?) Einheit mit mir selbst,
    wie ich sie ansonsten bisher so noch nicht (mangels Erleuchtung?) wahrgenommen habe – und diese Einheit mit/in mir „bewahrt“ mich weitgehenst vor (dem Wunsch nach?) doppeltem Einssein.

  • Mechthild Gräf sagt:

    Wesensgleich

    Liebe sieht den anderen als wesensgleich an. Das ist der entscheidende Satz. Vom Körper her anders, vom Ausdruck her anders , aber das, was Liebe in uns anspricht, wie sie unsere Gefühle berührt und uns bewegt, das ist gleich. Gleichheit von Geist zu Geist ist so nicht richtig ausgedrückt. Die praktizierende Liebe belebt und beflügelt den Geist und darin liegt eine große Ähnlichkeit bei Mann und Frau, wie sie es vollbringt. Das WIE ist die eigentliche Gleichheit. Und da sie sich auf die gleiche Basis stellen und denselben Zugang zum Leben haben, werden Mann und Frau in den Grundzügen dasselbe nach außen vetreten. Aber da sie verschiedene Körper, Sprachen und Erfahrungen haben, werden sie immer nach außen am Ende etwas eigenes, anderes vertreten. Und das ist gut so. Die männliche und weibliche Sicht auf die Dinge werden zusammen ein Gutes ergeben. Die Wesensgleichheit gibt die Möglichkeit das zu tolerieren.

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