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Neue Bücher der Diotima-Philosophinnen

Von Dorothee Markert

– und die Frage der Übersetzungen

Bücher

Foto: Maria Brzostowska/fotolia.com

Hätten wir ein bedingungsloses Grundeinkommen, würde ich eine Zeit lang oder für immer darauf verzichten, Kindern mit Lernproblemen zu helfen, obwohl das auch eine schöne und sinnvolle Arbeit ist. Ich würde mich einfach hinsetzen und übersetzen, ohne mich darum kümmern zu müssen, ob sich diese Arbeit auch lohnt. Es wäre mir egal, wie viele Frauen die übersetzten Bücher dann kaufen würden; wahrscheinlich wären es mehr als heute, weil die Frauen etwas mehr Geld und eher die Zeit hätten, um sie zu lesen. Ich würde nicht beim italienischen Verlag betteln müssen, dass er die Lizenzgebühren nicht so hoch ansetzt, mich nicht pro forma bei der Universität Verona anstellen lassen, damit sie einen Teil der Übersetzungskosten übernimmt, ich müsste keinen Antrag bei der Gerda-Weiler-Stiftung stellen, damit sie einen Druckkostenzuschuss bezahlt. Ich müsste mich auch nicht meinem Frauenverlag gegenüber schuldig fühlen, wenn die Frauen das Buch, dessen Übersetzung ich für dringend notwendig gehalten hatte, dann doch nicht kaufen.

Ich käme mit dem Übersetzen schnell voran, denn ich würde nur noch die wichtigsten Anmerkungen übersetzen und die interessantesten Literaturrecherchen machen. Es gäbe bestimmt Frauen, die gern einen Teil dieser spannenden Arbeit übernehmen würden, um etwas zu lernen und um dafür zu sorgen, dass diese wichtigen Bücher so bald wie möglich auf Deutsch vorliegen.

Doch mit welchem der vier Bücher, die jetzt vor mir liegen, würde ich beginnen?  Aus politischen Gründen wahrscheinlich mit dem letzten Buch der Philosophinnengemeinschaft Diotima: „Macht und Politik sind nicht dasselbe“ (Potere e politica non sono la stessa cosa). Das Buch geht von der Feststellung aus, dass – zurzeit besonders in Italien, aber nicht nur dort – Politik und Macht ständig verwechselt werden, dass Unklarheit über die Unterschiede herrscht, und dass die Politik durch diese Verwirrung beschädigt und lächerlich gemacht wird. Die Diotima-Frauen halten es für eine oberflächliche Betrachtungsweise, wenn für das gegenwärtige Elend der Politik nur der Machthunger bestimmter Personen und Einrichtungen verantwortlich gemacht wird. Sie lehnen es ab, eine moralische Frage daraus zu machen.

Stattdessen suchen sie in ihrem Buch nach Möglichkeiten, wie die Politik wieder aus ihrer Ohnmacht herauskommen könnte. Dabei bleiben sie bei ihrer schon immer eingenommenen distanzierten Haltung zu den Mitteln der Macht. Einen wichtigen Grund für das gegenwärtige Elend der Politik sehen sie darin, dass das feministische Denken von den politischen Parteien weitgehend ignoriert worden ist. Das Buch stellt den Gedanken in Frage, wir hätten es gegenwärtig mit einem endgültigen Rückgang der Politik zugunsten einer staatlichen Macht zu tun, die zu einem Instrument der stärksten ökonomischen Kräfte geworden sei. Die Diotoma-Frauen untersuchen das „Körper-an-Körper“ zwischen Politik und Macht, indem sie von sich selbst ausgehend die Widersprüche zwischen beiden Ebenen betrachten. Sie befragen die persönliche Erfahrung, den Sinn des selbst Erlebten, um den symbolischen Zusammenhang und Übergang zwischen Politik und Macht besser zu verstehen. Dabei zeigen sie, wie sich Machtbeziehungen in politische Beziehungen verwandeln lassen können und wie das natürlich auch umgekehrt geschieht.

Kurz vorher ist ein weiteres Diotima-Buch erschienen: „Imagination und Politik. Die riskante Nähe zwischen Realem und Irrealem“ (Immaginazione e politica. La rischiosa vicinanza fra reale e irreale), das ich noch gar nicht gelesen habe, das aber dem Umschlagtext nach auch viele Erkenntnisse enthält, die wir für unsere politische Arbeit dringend brauchen: „In der riskanten Nähe zwischen Realem und Irrealem setzen wir unsere Hoffnung auf das Irreale als einer Ressource, die einen Durchgang eröffnen kann, durch den etwas anderes einfließen kann als das schon Gegebene, Normalisierte und Vorgeschriebene. Wenn wir im Sinne der Gebürtigkeit und der Öffnung für das Andere handeln wollten, können wir von unserer Fähigkeit profitieren, uns etwas ganz anderes vorzustellen, um das Reale aus seiner todbringenden Festgelegtheit herauszubewegen, in der das subjektive Begehren nicht mehr zu ihm durchdringen kann.“

PotereWürde ich dem Anliegen Vorrang einräumen, die Politik der Beziehungen unter Frauen und das Selbstwertgefühl der feministischen Bewegung zu stärken, würde ich mit Chiara Zambonis Buch „Denken in Präsenz. Gespräche, Orte, Improvisation“ (Pensare in presenza. Conversazioni, luoghi, improvvisazioni) beginnen. Dieses Buch könnte zu so etwas wie einem Grundlagen-Lehrbuch werden für ein Denken und eine Politik, die nicht von irgendwelchen erfundenen Denkgebäuden ausgehen, sondern von der gemeinsamen Suche nach Wahrheit aus dem konkret Erlebten der am Gespräch beteiligten Menschen. Chiara Zamboni gibt mit ihrem Buch einer im Rahmen der Frauenbewegung erfundenen und besonders von den Diotima-Frauen immer weiter verbesserten Praxis des gemeinsamen Denkens die Wertschätzung, die ihr zusteht, indem sie sehr genau untersucht, welche Aspekte und Elemente wichtig sind, damit das gemeinsame „Von-sich-selbst-Ausgehen“ zu wahren Erkenntnissen und zu sinnvollen politischen Veränderungen führt: Warum Improvisation wichtig ist, welche Argumentationsmöglichkeiten wann gewählt werden, wie unwichtig manchmal das Ausgangsthema ist, wie persönliche Erfahrungen erzählt und interpretiert werden, was der Unterschied ist zwischen einem Paradox, einem Widerspruch und existentiellen Widersprüchen, dass manchmal das miteinander Gedachte in der Stille „wiedergekäut“ werden muss, welche rhetorischen Figuren eingesetzt werden, um andere zu überzeugen, was nötig ist, damit der Funke überspringt, der alle anregt, tiefer in ein Thema einzudringen, und vieles mehr. Während der erste Teil des umfangreichen Buches sich auf diese Weise nur mit dem gemeinsamen Denken beschäftigt, geht es im zweiten Teil um die ebenso gründliche Untersuchung dessen, was Präsenz bedeutet, und inwiefern sich das Denken verändert, wenn es in gegenseitiger Gegenwärtigkeit stattfindet.

Würde ich jedoch nicht dem, was gerade politisch „dran“ ist, was ich der (deutschsprachigen) Welt der Frauen oder Welt als Ganzes gern zur Verfügung stellen würde, den Vorrang geben, sondern dem, worauf ich am meisten Lust habe, würde ich mit Luisa Muraros Buch „Auf dem Markt des Glücklichseins. Die unverzichtbare Kraft des Begehrens“ (Al mercato della felicità. La forza irrinunciabile del desiderio) beginnen. Es ist ein wunderschönes Buch. Ich habe jede Minute genossen, in der ich es gelesen habe, und hätte am liebsten wieder von vorne begonnen, als ich damit fertig war. Ich habe Luisa Muraros Texte schon immer gern gelesen, auch wenn sie nicht immer so leicht verständlich geschrieben waren wie dieses Buch, sondern im Hinblick auf meine armselige philosophische Vorbildung manches schwer verdauliche klassisch-philosophische Wissen voraussetzten. Am meisten schätzte ich Muraro wegen der immer wieder völlig überraschenden Aussagen, die mein Denken in Bewegung brachten und eine Fülle von neuen Möglichkeiten eröffneten, und wegen ihrem feinen Humor.

Bei diesem Buch hatte ich fast keine Aha-Erlebnisse. Es enthält nicht wie die anderen Bücher, die ich hier aufgeführt habe, ganz neue Erkenntnisse, von denen ich denke, dass wir sie für unsere politische Arbeit nötig haben, dass wir sie am besten sofort zur Verfügung haben sollten. Die wichtigsten Gedanken dieses Buches finden wir auch in anderen Texten, die schon übersetzt sind. Angesichts äußerst begrenzter Übersetzungsressourcen würde ich also eher sagen, dass dieses Buch nicht unbedingt übersetzt werden muss. Und doch würde ich am liebsten gleich damit anfangen. In ihrem Vorwort schreibt Luisa Muraro: „Ich habe ‚Auf dem Markt des Glücklichseins’ geschrieben, um etwas bekannt zu machen, was eigentlich nicht neu ist, sondern sehr alt, was aber in den letzten Jahren in unser Bewusstsein gerückt ist. Ich habe es in den Zusammenhängen dargestellt, die meiner Kultur und meiner Lebensgeschichte entsprechen, jedoch so, dass es von vielen wiedererkannt werden kann. Es sind Dinge, die ich für bedeutsam halte, bei denen ich befürchte, sie könnten verloren gehen, denn sie sind aus äußert feinem Material“ (S.3).

Dieses Buch vermittelt noch einmal die Gedanken, die Luisa Muraro in ihren vorhergehenden Texten entwickelt hat. Auf neue Art, leicht zu lesen und mit neuen Bildern für die Kraft des Begehrens, wie der Geschichte von der alten Wollspinnerin, die den schönen Joseph, der von seinen Brüdern in die Sklaverei verkauft worden ist und nun auf dem Sklavenmarkt angeboten wird, unbedingt haben will, obwohl sie nur ein paar Knäuel gefärbte Wolle zu bieten hat. Als sie angesichts der Schätze, die für Joseph geboten werden, ausgelacht wird, schämt sie sich nicht, sondern findet es wichtig, dass alle sehen, dass sie es wenigstens versucht hat.

Hätten wir ein Grundeinkommen, dann würden die Frauen, die Bücher aus Italien lesen wollen, ihre neu gewonnene Zeit vielleicht nutzen, um Italienisch zu lernen. Die hier vorgestellten Bücher müssten dann gar nicht mehr übersetzt werden. Luisa Muraros „Vermächtnis“ würde ich wahrscheinlich trotzdem übersetzen, aus Freude an diesem Meisterwerk der Vermittlung von Gedanken, die mich in den vergangenen dreißig Jahren gestärkt und verändert haben.

Literatur

  • Diotima: Potere e politica non sono la stessa cosa. Liguori editore, Napoli 2009, 127 S., € 14,90
  • Diotima: Immaginazione e politica. Liguori editore, Napoli 2009, 127 S., € 13,50
  • Chiara Zamboni: Pensare in presenza. Liguori editore, Napoli 2009, 185 S., € 18,50
  • Luisa Muraro: Al mercato della felicità. Edizione Mondadori, Milano 2009, 171 S., € 17,50

Autorin: Dorothee Markert
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 27.02.2010

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Das tut schon gut.

    Liebe Dorothee, danke allein schon für dieses reinschnuppern dürfen dank einer wundervollen Beschreibung -vor allem mittels deines Empfindens!-Ich war vor Jahren mal bei einem Seminar bei/mit Luisa Muraro. Während der Abschlußmeditation (-besinnung/gebet?) stand ich neben ihr und hatte gleichsam das Gefühl, auch sie steht neben mir…
    Du schriebst oben: So fühlte ich mich damals auch – vertraut.
    Und so lese ich sie noch heute, und ich verstehe, was sie schreibt, auf eine geheimnisvolle Weise.
    Das tut gut.

  • Karoline Möbus-Woll sagt:

    Ach…
    könnten wir denn nicht genug zusammen bringen…die, die Luisa Muraros „Vermächtnis“ so sehr gerne lesen möchten?
    Ach…das Grundeinkommen…ich denke…es wird dauern…leider.
    Lasst uns uns zusammensammeln!
    Gruß
    Karoline Möbus-Woll

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