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Rubrik erinnern

Das Gelächter der Häxen

Von Eveline Ratzel

Eine Erinnerung an Begegnungen mit Mary Daly

Mary Daly

Mary Daly, 1988. Foto: Gail Bryan

„Nichts gleicht dem Klang, wenn Frauen richtig lachen. Das tosende Gelächter von Frauen ist wie das Tosen der ewigen See. Häxen können über sich selbst gackern und lachen, doch immer unüberhörbarer wird ihr schallendes Gelächter über jene Verkehrung, die das Patriarchat darstellt, diesen monströsen Zipfel-Witz…“ schreibt Mary Daly in „Gyn/ökologie“ und war das Schlusswort meiner Diplomarbeit in Soziologie, die ich 1987 unter dem Titel „Reine Lust – Elemental-feministische Philosophie. Eine Auseinandersetzung mit Mary Daly“ in Frankfurt einreichte.

Ein langer Weg bis dahin. Er begann 1981, im Erscheinungsjahr der von Erika Wisselinck kreierten deutschen Übersetzung von Gyn/ökologie. Ich treffe in der Badischen Landesbibliothek nach vielen Jahren eine alte Schulfreundin, die dort als Bibliothekarin arbeitet, und nach dem ersten üblichen Gegacker über alte Lehrerinnen und Mitschülerinnen (wir waren auf dem Fichte-Gymnasium, einem von Anita Augspurg eingeweihtes Mädchengymnasium) erwähnt sie eine Neuerwerbung, in die sie bereits hineingelesen hatte. Hast Du schon was von Mary Daly gehört? fragt Christine mich. Nein. Sie hat ein Buch geschrieben, Gyn/ökologie, nein, nicht Gynäkologie, das Buch hat was zu tun mit Frauen und Natur oder mit der Natur der Frauen. Ich kann das nicht lesen, ich verstehe das nicht, aber ich weiß, dass es ein wichtiges Buch ist, und ich meine, das ist was für dich, du solltest es unbedingt lesen.

Christine wusste, dass ich den Karlsruher Notruf mitgegründet hatte und überhaupt, die Sache der Frauen… So wurde ich eine der allerersten Leserinnen des Exemplars aus der Bibliothek. Dass ich es fertig las, war einer Mischung aus furchtloser Neugierde und trotzigem Durchhaltevermögen zuzuschreiben. Anfänglich konnte ich nämlich die vielen seltsamen Worte nicht zu einem sinnstiftenden Zusammenhang bewegen, ich, die schlaue und intellektuelle Rebellin, die im Alter von vierzehn Jahren während des Unterrichts unter der Schulbank in Sartre-Büchern las, mit Fünfzehn Beauvoirs Das andere Geschlecht verschlang (und darin erstmals dem Wort Lesbierin begegnete), mich mit Achtzehn mit Marcuses eindimensionalem Menschen befasste – das war 1968, wir schwänzten den Unterricht und rannten im Schulgebäude die Treppen rauf und runter, weil uns nichts Gescheiteres als Protest gegen die Notstandsgesetze einfiel – uswusf…

Ich las also stur weiter, bis ich plötzlich, ich weiß nicht wie, dabei war. Unbeschreiblich weiblich. Mädels, haltet euch fest, es geht wieder rund! sprach die atheistische Sünderin zu ihrem Rosenkranz. Schnell las ich „Kirche Frau und Sexus“ und „Jenseits von Gottvater und Co.“ nach, war begeistert von ihrer solidarischen Selbstkritik, in der sie mit der Illusion, in der Kirche zu verbleiben, um sie feministisch zu reformieren, abrechnete.

Die nächsten endlos vielen Jahre, also ab 1981, waren stürmisch und voller Gelächter, wo immer ich spiralig hinreiste. Unmöglich, all die Treffen, Diskussionen, Tagungen, staunenden Erlebnisse aus meinem Gedächtnis zu fischen. Aber das. 1986, ein heißer Julitag in Frankfurts Uni. Am nächsten Tag erscheint in der Frankfurter Rundschau ein ganzseitiger Artikel mit der Überschrift „Hexenkessel“. Feministische Theologiestudentinnen hatten Mary Daly zum Vortrag geladen, wollten keine Anwesenheit von Männern. Die „knilchigen“ Theologieprofessoren befanden das als Angriff auf die demokratische Freiheit der Wissenschaft und stimmten dann dem Kompromiss zu: Vortrag auch für Männer, die anschließende Diskussion ausschließlich unter Frauen und an einem anderen Ort, im „Soziologenturm“. Dort schoben am Eingang Frauen vorsorglich Wache, die angekündigte Randale männlicher Theologiestudenten blieb aus.

Der größte Hörsaal, voll besetzt, im Besitz weiblicher Körper, die kleine Frau da vorne lädt die Vorschwestern ein, beschwört die Elemente, und die vielen Frauen im Hörsaal lassen es richtig krachen. Da waren die Häxen mit ihrem Gezische, Gejodel, da war die Häxe Erika Wisselinck, die mit ihrem Gelächter ihre Übersetzung dauernd unterbrach. (Noch 2000 anlässlich der Ausrufung des Jahrtausends der Frau sagte Erika während ihres Vortrags dort, wenn sie etwas vermisse, so vor allem das Gelächter innerhalb der Frauenbewegung heute.)

„Jumping off the clock“ – das war einer der moments of be-ing in Frankfurt, und ihnen folgten andere. Im gleichen Jahr (1986) eine Tagung über feministische Utopie in Bielefeld, wo Mary Daly sprach, auch Christina Thürmer-Rohr… Und dann – war es 1988? – organisierte Doris Gunn in Riehen bei Basel eine Woche Workshops mit Mary Daly. Zum Anlass konnte ich eine fast ganzseitige Darstellung von Dalys elementaler Philosophie in der Basler Zeitung unterbringen. Wer hat Angst vor Virginia Woolf? Wer hat Angst vor Mary Daly? Fast ausschließlich Schweizerinnen waren in dieser Woche zugegen.

Zum ersten Mal erlebte ich etwas, das mir in den folgenden Jahren dann auch bei Lesungen eigener Schriften in der Schweiz auffiel: Die Frauen hievten keine, auch nicht Mary Daly, auf einen Thron, und so gab es dann auch keine Entthronung. Und das war ich aus Deutschland gewohnt: Auf naive Inthronisation folgt hässlicher Thronsturz. Es ging entspannt zu, würden wir heute sagen. Keine verbissen puritanische Ethik der Freudlosigkeit, wir amüsierten uns über Marys Sprache, lachten darüber, wie sie mit lautem Knall ihre Bücher auf den Vortragstisch pfefferte und aus dem Stegreif mit uns sprach. Und abends wurde getrommelt und getanzt.

Einige der anwesenden Frauen hatten vor der Tagung meine Diplomarbeit gelesen, um auf die Schnelle ihre Daly-Kenntnisse aufzufrischen, wie sie sagten. Ich bekam durchweg freundliche Resonanz und wurde damit ein wenig getröstet. Denn nie hätte ich gedacht, dass mir feministische Dozentinnen an der Frankfurter Uni, die zahlreich vertreten waren, derartige Knüppel in den Weg legen würden, sodass ich nur unter allergrößten Schwierigkeiten die Diplomarbeit unterbringen konnte. Jedoch habe ich sie untergebracht, und ich wollte damit verdeutlichen, dass Mary Dalys Philosophie nicht nur als Münze in theologisch-feministischen Räumen gehandelt wird. Ich habe sie in die soziologische Fakultät einer deutschen Uni gebracht, wo wir über sexuelle Gewalt gegen Frauen, über ungleiche Chancen und Bezahlung und vieles andere studiert haben.

Während der Schweizer Woche habe ich Mary Daly als lustig, sachlich und unprätentiös erlebt. Nein, sie wollte auf keinem Thron sitzen, dort wär´s ihr zu eng gewesen und zu unbeweglich. Die Göttin ist ein Verb. Das habe ich erstmals mit dreißig bei Mary Daly gelesen. Heute bin ich sechzig, und ich meine, das ist mein Lieblingssatz, wenn auch sofort viele andere Erkenntnisse auftauchen und sich schubsend und kitzelnd vordrängen wollen. Weder einen Lattenschorsch anbeten noch der traurigen Gestalt eines Nirvana anhängen, auch keine Frauen durch Erhöhung verhohnepiepeln. Lieber als böses (altes) Mädchen überall hin reisen, bloß nicht im Himmel geparkt werden.

Eigentlich habe ich diesen Text nur geschrieben, um meiner Trauer einen nicht körperlichen Ausdruck zu verleihen. Denn in der Magengegend tut es arg weh. Dir, Astrid Wehmeyer, gönne ich weiterhin Botschaften von Mary aus anderen Dimensionen. Sie glaubt(e) an so was, und euch beiden zuliebe wünsche ich, es sei so. Auch wenn ich nicht daran glaube. Macht nix. Mir bleibt das Gelächter.

Siehe auch Barbara Linnenbrüggers Rezension zu „The BiG SiN – Die Lust zum Sündigen. Mary Daly und ihr Werk“ von Eveline Ratzel, Rüsselsheim 2011.

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Autorin: Eveline Ratzel
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 08.03.2010

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