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Der Skandal der Armut – aus einer Perspektive der Fülle betrachtet

Von Antje Schrupp

Perspektiven für eine Politik, die Wege aus der Armut findet

Es reicht! Für alle!Die Diskussionen über Arm und Reich in Deutschland laufen schon länger nicht nur ziemlich schief, sie bewegen sich auch weitgehend innerhalb einer männlichen symbolischen Ordnung. Wenn überhaupt, kommt eine feministische Perspektive nur hinein, wenn auf den besonderen Opferstatus von Frauen verwiesen wird, zum Beispiel auf das höhere Armutsrisiko für Frauen.

Umso schöner ist, dass in ein neues Handbuch zum Thema feministisches Denken eingegangen ist. „Es reicht! Für alle!“ – so haben Michaela Moser, die auch Autorin dieses Forums ist, und Martin Schenk ihr Buch überschrieben, in dem sie „Wege aus der Armut“ (so der Untertitel) vorschlagen.

Der wichtigste Paradigmenwechsel besteht darin, dass nicht die Perspektive des Mangels, sondern die der Fülle die Analysen durchzieht. Das wird schon in dem programmatischen Titel deutlich, der darauf verweist, dass die materiellen Ressourcen, zumal in reichen Ländern wie Deutschland oder Österreich sind, lediglich falsch verteilt sind, dass also Armut künstlich erzeugt ist.

Aber die „Nicht Mangel, sondern Fülle“-Perspektive macht sich auch jenseits statistischer Zahlen bemerkbar. Der Hauptpunkt ist, in Menschen mit Armutserfahrungen nicht Objekte staatlichen Wohlfahrtshandelns zu sehen, sondern Expertinnen und Experten, die bei der Suche nach sozialpolitischen Lösungen gehört und einbezogen werden sollten. Denn wer wüsste besser, welche Maßnahmen erfolgversprechend und wünschenswert wären, als diejenigen, die genau wissen, wovon die Rede ist, wenn wir von „Armut“ sprechen?

Die Handschrift feministischer Denkarbeit zeigt sich ferner darin, dass die soziale Schere nicht abstrakt behandelt wird, sondern kontextuell, multidimensional und von konkreten Beispielen ausgehend. Michaela Moser ist Vizepräsidentin des European Anti Poverty Networks, Martin Schenk Sozialexperte der österreichischen Diakonie. Beide sind schon lange in der österreichischen Armutskonferenz aktiv. Deshalb haben sie reichlich Erfahrungen und kennen viele Menschen mit Armutserfahrungen, die sie mit ihren Beispielen und Geschichten ausführlich zu Wort kommen lassen.

So wird plausibel und anschaulich, dass die auseinander driftende Einkommensschere nicht ein ökonomisches Naturgesetz oder auf individuelle Schuld der Betroffenen zurückzuführen ist, sondern ein Zeichen dafür, dass mit dem Sozialgefüge unserer Gesellschaft etwas nicht in Ordnung ist. Und solange man daran nichts Grundsätzliches verändert, werden all jene Programme, die allein darauf setzen, dass „die Armen“ etwas lernen oder anders machen sollen als bisher, nicht wirklich greifen. Sicher ist es sinnvoll, Menschen zu qualifizieren, ihnen gute Schuldenberatung anzubieten, sie zu gesunder Ernährung und verantwortungsbewusstem Konsum aufzufordern und dergleichen. Aber das allein wird Armut nicht verhindern. Gleichzeitig muss danach gefragt werden, wie gesellschaftlicher Wohlstand insgesamt verteilt werden soll.

Der größte Vorteil des Buches ist aus meiner Sicht, dass es neben den wichtigen und informativen Zahlen zur Verteilung von Geld und Wohlstand die Aufmerksamkeit auch auf die „weichen“ Faktoren der Armut legt. Denn Menschen mit Armutserfahrungen leiden nicht nur unter den materiellen Problemen, die sich ergeben, wenn nicht genug Geld da ist – schlechte Wohnungen, Krankheiten, mangelhafte Kleidung. Sie leiden auch darunter, dass ihnen Schuldgefühle gemacht werden, dass ihr Selbstbewusstsein angeknackst ist, dass sie sich schämen über ihre Situation, dass diese Scham mit jeder Schikane auf Ämtern und Behörden wächst, dass Freundschaften zerbrechen und vor allem daran, dass sie die eigene Lebensplanung nicht mehr in der Hand haben und sich mit ihren Ideen und Vorstellungen gesellschaftlich nur schwer einbringen können.

Und dies alles wird durch einen gesellschaftlichen Diskurs verursacht, der Menschen mit Armutserfahrungen zu Schuldigen erklärt, zu solchen, die „es nicht geschafft“ haben und die deshalb im besten Fall „gefördert“, im schlimmsten Fall aber noch mehr kontrolliert und drangsaliert werden müssen. Das führt zu jener Beschämung, die den Kern des Lebens in Armut bei uns ausmacht – und die abzuschaffen keinen Pfennig kosten würde.

Die neoliberale Vorstellung, dass „Leistung“ und „Einkommen“ miteinander zusammenhängen und also, wer nichts hat, wohl auch nicht genug leistet, wird in dem Buch mit guten Argumenten widerlegt. Ebenso wie die Behauptung, es sei eben nicht genug zum Verteilen da. Beides ist vielfach belegt und berechnet. Warum aber halten sich dieses Vorurteil so hartnäckig in der Bevölkerung? Und zwar nicht nur bei den Eliten, die je immerhin ein persönliches Interesse haben, da diese Diskurs es ihnen ermöglicht, immer mehr Reichtümer anzuhäufen. Warum sind diese Irrtümer im Bezug auf die Ursachen und den Charakter von Armut auch unter denen verbreitet, die eigentlich gar nichts davon haben, sondern vielmehr selbst gefährdet sind?

Die verbreiteten Ressentiments gegen Menschen mit Armutserfahrungen erklären Moser und Schenk unter anderem damit, dass versucht wird, einen sozialen Abstand zu markieren zwischen denen, die „es allein schaffen“ und denen, die „wirklich arm“ sind. An diesem Punkt sind die Befunde dieses Buches auch eine Kritik an der prinzipiellen Richtung, die die rot-grüne Bundesregierung mit den Hartz-Reformen eingeschlagen hat: Soziale Absicherung, so war die Begründung, sollen nicht mehr die bekommen, die ihr Wohlstandsniveau erhalten wollen, sondern nur noch die, die „es wirklich brauchen“. Das klingt zunächst sogar ziemlich „links“, nach dem Motto: Warum sollen die Sozialkassen dem arbeitslos gewordenen höheren Angestellten seinen Lebensstandard absichern? Ist es nicht besser, das Geld nur denen zu geben, die „wirklich arm“ sind?

Genau hier, in dem Versuch, die „wirklich Armen“ zu identifizieren, sehen Moser und Schenk aber den symbolischen Fehler. „Soziale Maßnahmen, die nur auf die Armen zielen, neigen dazu, armselige Maßnahmen zu werden“, schreiben sie (S. 171). Sozialstaatliche Hilfen werden leichter gesellschaftlich akzeptiert, wenn sie für alle gelten, wenn sie schon in ihrer Konzeption zum Ausdruck bringen, dass sie nicht „für die da“ sind, sondern auch für „uns“ selber. Weil wir alle Bedürftige sind, und weil niemand allein von der eigenen Leistung leben kann.

Martin Schenk, Michaela Moser: Es reicht! Für alle! Wege aus der Armut. Deuticke, Wien 2010, 237 S., 19,90 Euro.

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 14.03.2010

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