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Lilith Vision. Begegnung in Tanz- und Philosophie

Von Bettina Schmitz

Lilith

Das Burney-Relief - ca. 1800 v.u.Z - zeigt vermutlich eine Abbildung von Lilith. Zu besichtigen ist es im British Museum in London.

Was wollen wir mit Lilith? Oder andersherum: was will sie mit uns? Wenn ich in der Dunkelheit am Wasser entlang gehe, wenn ich ganz in mich versunken die Straße überquere, ist Lilith dann bei mir? Ist sie bei uns? Sind wir – ohne sie – nicht ganz bei uns? Nicht ganz bei Trost? Ist Lilith Trost, ist sie genau das Gegenteil von Trost? Ist sie eine Herausforderung, eine Anklage, eine Störung, ein Töten in wilder Wut? Die Vision, die uns – Lisa und Bettina – zusammengeführt hat, um mit Lilith Kontakt aufzunehmen, ist sie in die Zukunft gerichtet oder in die Vergangenheit? Müssen wir über den Anfang der Zeiten hinaus gelangen, um Lilith zu begegnen?

Zuerst war da die Ahnung, es müsse doch mehr geben. Ein Meer von dem wir abgeschnitten sind. Eine Frauengestalt, deren weit ausgebreitete Arme über das biblische Paradies hinausreichen. Wenn ich sehen kann, wie sie den Arm streckt, wenn ich den Anfang ihrer Bewegung erhasche, dann kann ich über den willkürlich gesetzten Anfang hinaussehen. Lilith, jenseits von Anfang und Ende. Von Lilith zu hören weckte eine große Sehnsucht. Sie verband sich mit einer Sehnsucht, die bereits da war. Von Lilith zu hören war sofort zum Wissen geworden. Immer schon wussten wir, wissen wir, werden wir von ihr wissen.

Das Lilith-Wissen führt uns jenseits der Polaritäten, Lilith wohnt jenseits der Pole. Das Netzwerk Erde. Kosmos sehen. Kosmus, koch Mus … Was ist Lilith für eine Köchin? Lilith ist die dunkle und die helle Schwester zugleich. Lilith, wie finden wir Dich, wie findest Du uns? Wie können wir uns den Punkt vergegenwärtigen, der logisch gesprochen existiert und gleichzeitig unbesetzt ist in der Konstellation von Erde und Mond. Die elliptische Bahn im Kreisen von Erde und Mond umeinander. Der unbesetzte Platz ist Lilith. Lilith, der dunkle Mond. [Zur astrologischen Lilith: Lilith-Fibel von Alexandra Klinghammer und Claude Weiss, Edition Astrodata, Wettswil 2008] Gäbe es eine kosmische Berechnung in der ihr Platz besetzt ist oder bleibt er auf immer leer? In unserer Sprache schon. Die Leere und die Lehre, das Meer und das Mehr.

Wenn es Lilith je gegeben hat / geben wird, dann tragen wir das Wissen um sie in jeder Zelle. Wir müssen und dürfen es nur dekodieren. „Bringt eure Zellerinnerungen mit, mehr braucht ihr nicht“, sagen wir den Teilnehmerinnen unseres Kurses. „Dürfen wir wirklich all unsere Zellerinnerungen mitbringen“, fragen einige ungläubig. Ja, auch das, was wir immer verschweigen mussten, was wir glaubten verschweigen zu müssen oder was wir uns selbst nicht eingestehen, zu Schreckliches, für das wir uns auch noch verantwortlich fühlen. Als ob unsere Tränen die Tragödie erst machen würden.

Lilith kann uns behilflich sein, Zugang zu unserer weiblichen Stärke zu finden. Lilith ist so alt, sie weiß noch nichts davon, dass Weiblichkeit in Abhängigkeit vom Mann gedacht werden kann. Deshalb musste sie auch verbannt werden. Deshalb ist sie zum Monster gemacht worden. Vom Daimon zur Dämonin. Wir haben uns gefreut, dass unser Thema „Lilith – Kraft der Weiblichkeit“ auch junge Frauen angezogen hat.

Tanz und Philosophie, auch hier ist eine Spaltung zu überwinden

Lilith, jenseits der Spaltungen und oder im Spalt zwischen den Unterschieden, in der Leere zwischen dem Sinn wohnend. Auf dem Weg zu Lilith müssen wir die für uns ungültig gewordenen Trennungen zwischen den Disziplinen überwinden, müssen sie außer Kraft setzen. Philosophie und Tanz sind zwei Wege, Erkenntnis über sich selbst und die Welt zu erlangen. Sie ergänzen und inspirieren einander. Das haben wir in den letzten Jahren immer wieder erfahren.  Diese Erfahrung wollten wir im Workshop mit anderen teilen. Ein Überwinden der Grenzen der Disziplinen und ein Überwinden der gespaltenen Weiblichkeit.

Als wir uns als Tänzerin und ‚Wortfrau‘ vor einigen Jahren begegneten, kamen uns diese beiden Bereiche auf den ersten Blick sehr fremd vor. Wir wollten keine Vorurteile haben und sind doch immer wieder darüber gestolpert, dass unsere Tradition Kopf und Körper, Denken und Tanzen trennt.  In unserem Erleben sind die Liebe zum Körper und die Liebe zur Weisheit eng miteinander verbunden. Auch zum Workshop kamen Frauen, die unzufrieden waren, dass Ihr Beruf sie zwang, so sehr im Kopf zu sein und sie ihre andere Seite so wenig leben können.

Lisa zeigt, wie eine mit dem Körper denken, sich mit Wissen tatsächlich über die Bewegung verbinden kann. Vieles was Bettina über Lektüre und Nachdenken gelernt hat, wusste Lisa aus der Weisheit ihres Körpers. Das geht weder fürs Denken noch fürs Tanzen ohne ein permanentes Üben – des  Denkens, der Bewegung. Das Erlernen einer neuen Bewegung kann auch die Möglichkeiten des Denkens erweitern. In Verbindung mit dem Körper kann etwas viel tiefer reichend begriffen werden. Die Gefahr bloß Wissen anzuhäufen ist weniger groß. Bewegungen können sehr intensiv sein und der Körper erinnert sich freilich. Aber Bewegungen sind flüchtig. Die Arbeit mit Worten, das  Aufschreiben kann die Erkenntnis noch einmal anders ‚haltbar‘ und ‚wieder abrufbar‘ machen. Die aufgeschriebenen Worte wollen immer wieder neu zum Leben erweckt werden.

Lilith verkörpert eine urtümliche Weiblichkeit, die noch nicht in Abhängigkeit von  einem  Vatergott,  Ehemann oder Kindern definiert worden ist. Sie weiß noch nichts davon, dass starke Frauen später verteufelt werden. Auf der Suche nach der  inneren Lilith können Schicht für Schicht all die Vorschriften übers Frausein  wie unpassend gewordene Kleidungsstücke abgelegt werden. Forschende Bewegungsreisen helfen, die Zellerinnerung zu aktivieren.  Das bewusste Denken unterstützt dabei, bestärkt die  Intuition und hilft, die eigene Lilith zu wecken.

Tanzanleitung „Lilith“

Lilith WorkshopUm uns den Zugang zu unseren Zellerinnerungen zu erleichtern, beginnen wir mit einer Übung zu zweit. Eine Partnerin liegt in Rückenlage auf einer Gymnastikmatte und gibt sich dem Nachspüren hin. Die andere bringt den Körper der Partnerin durch feine Schüttelbewegungen zum Schaukeln und Schwingen. Schon nach wenigen Augenblicken verändert sich unser Körpergefühl. So kann sich ein durchlässiger Körper anfühlen…

Selbst kennen gelernt habe ich diese Art der Tanzvorbereitung  bei einer Tänzerin, die gleichzeitig BMC® (Body-Mind-Centering) – Practicioner ist. Der Name lässt es bereits ahnen: es geht darum, sich in Körper und Geist/Bewusstsein zu zentrieren und beides in Einklang zu bringen. Bonnie Bainbridge-Cohen hat diese Methode entwickelt und forscht noch weiterhin. Sie geht davon aus, dass jede unserer Köperstrukturen Bewusstsein hat und wir damit über Bewegung und/oder Berührung in Resonanz gehen können. Wir können uns einschwingen in unser Zellbewusstsein und uns daran erinnern, wie wir als Billionen von Zellen in Zellflüssigkeit schwimmen.

Wir können durch unsere Vorstellungskraft erleben, wie unser Zentralnervensystem in Liquor, unserem inneren Urmeer, schwimmt, und jede feinste Nervenfaser von dieser Flüssigkeit umgeben ist. Wir können uns mit der Struktur der Knochen verbinden und spüren, wie sie unser Gewicht tragen und uns Aus-Richtung geben.  Wir können das Bindegewebsnetz in unserem Köper imaginieren und uns darin bewegen. Wir können wahrnehmen, wie wir auf unseren Füßen stehen und uns gleichzeitig mit einer Partnerin verbinden und auf ihre Strukturen einschwingen. Ein Tanzen in Fülle kann beginnen. Mit Erstaunen werden wir erleben, welche Bilder, Gedanken und Assoziationen während einer solchen Tanzreise auftauchen, die uns wiederum zu neuen Bewegungen hinführen. Unsere Körperweisheit eröffnet uns Türen zu einem lebendigen Mikrokosmos. Wie innen so außen. Wenn wir uns einmal auf den Weg gemacht haben,  werden wir immer wieder Neues entdecken und daran weiter forschen können. Und wir werden feststellen, dass mit einem durchlässigen Körper auch die Verbindung zu unseren Gehirnzellen lebendiger wird. So wecken wir unsere Kreativität, indem wir das Denken mit dem körperlichen Prozess verbinden. Indem wir ganz in unserem Körper sind, erfahren wir auch von unseren eigenen Gedanken.

Die Überlieferung

Das Burney-Relief – ca. 1800 v.u.Z – zeigt vermutlich eine Abbildung von Lilith. Zu besichtigen ist es im British Museum in London. Wir sehen eine Frau mit Flügeln, deren Vogelkrallen auf zwei Löwen stehen. Daneben sind zwei Eulen zu sehen. Symbole für Macht und Weisheit oder auch für Tag und Nacht – der Löwe als Sonnentier und die Eule der Nacht zugeordnet. Diese Frau hält in beiden Händen je einen horizontalen Stab mit einem Kreis darüber. Es handelt sich um das ägyptische Schen-Zeichen, das den Kreislauf des Lebens symbolisiert. Ihre Hand und ihr Unterarm sind wie der vertikale Stab dazu, mit dem zusammen es zum Venuszeichen wird (das biologische Zeichen für weiblich sieht ganz ähnlich aus).

Liliths Name setzt sich zusammen aus dem sumerischen lil für Luft und dem babylonischen itu für Nacht. Vera Zingsem, die ausführlich über Lilith geforscht hat, erwähnt noch das arabische Wort laila, das Nacht bedeutet. [Vera Zingsem, Lilith, Adams erste Frau, Reclam, Stuttgart 2009; die große Forscherin über die Göttinnen alter Kulturen hat hier altes und neues Wissen über Lilith aus Mythos und Kunst zusammengetragen]. In Das geheime Wissen der Frauen stellt Barbara Walker einen Zusammenhang her mit Lotus, der nicht nur für Weisheit und Erleuchtung steht sondern auch die Vulva bezeichnet. Dies alles sind für Lilith sicher keine widersprüchlichen Fähigkeiten gewesen.

Die zwei mythologischen Erzählungen, in denen sie erwähnt wird, beschreiben sie als Verbannte. Im Sumerischen Mythos bewohnt sie mit dem Himmelsvogel Anzu und einer Schlange den Lebensbaum. Die Göttin Innana, die sich in der Stadt Uruk einen Thron aus dem Holz dieses Baumes errichten möchte, wird Lilith mit männlicher Hilfe vertreiben. Besonders berührte uns, dass sich die Große Göttin nach Liliths Zeit geteilt hat in Inanna, die Himmelskönigin, und Ereschkigal, die Herrin des Großen Unten. Die Vertreibung Liliths erzählt bereits von der Umgestaltung der Göttinnenwelt und der Entstehung patriarchaler Strukturen etwa ab dem 3. Jahrtausend v.u.Z.

Auch in der Bibel wird Lilith erwähnt und gleichzeitig werden ihre Spuren schon verwischt. In der bekannten Fassung ist sie eine Dämonin, die am Grund des Meeres wohnt, Kinder tötet und Männern den Samen raubt. Mehr noch als Eva wird sie als eine gefährliche Verführerin dargestellt.  Der Talmud berichtet, Lilith sei die erste Frau Adams gewesen. Weil sie sich ihrem Mann nicht unterordnen wollte, auch und gerade nicht in der Sexualität, bat Adam Gott um eine andere Frau. Dass sie den geheimen Namen Gottes kannte, lässt sie jedoch eher als Göttin erscheinen. Dieses Wissen ist auch noch zu finden im Sohar, dem Heiligen Buch der Kabbala, das im 12. Jahrhundert entstanden ist, und Lilith als den weiblichen Anteil Gottes darstellt.

Vera Zingsem ordnet Lilith dem weißen Aspekt der der Göttin zu. Sie ist eine Jungfrau, kämpferisch und unabhängig. Das heißt nicht, dass sie ihre Sexualität nicht lebt. Sie wählt sich ihre Partner selbst und lässt nicht zu, dass einer sie an sich bindet. Oder besser: es ist gar nicht möglich, die Lilithkraft zu bändigen.

Ritual – aus den Tiefen der Vergangenheit

Zur  Bestärkung all der neuen Eindrücke schlug ich vor, ein Ritual „wieder ganz werden“ – in Anlehnung an eine Übung nach Kay Hoffman – zu gestalten.

Auf der einen Seite des TANZRAUMs ließen wir alle abgespaltenen Persönlichkeitsaspekte der Teilnehmerinnen auftauchen. Sie schauten sich alle(s) noch einmal genau an und entfernten sich dann rückwärts gehend. Den Zeitpunkt dafür bestimmten sie selbst. Nach einem Blick in den Spiegel gingen sie zum Ausgangspunkt zurück und entschieden sich, einen der Persönlichkeitsanteile wieder anzunehmen.  Wieder gehen sie rückwärts… – nach der Tanztherapie-Pionierin Trudi Schoop ist Rückwärtsgehen eine einfache Übung, sich zu sammeln – und schauen sich im Spiegel an. Jede konnte mindestens dreimal den Weg gehen.

Danach war Zeit, sich im freien Tanzen mit den neuen-alten Anteilen wieder anzufreunden und sie mit der Bewegung einzuverleiben.

Diese Vision von Ganzheit weckte bei den einen Trauer über all das, was sie nicht leben. Andere freuten sich daran, zumindest einige Eigenschaften zu integrieren. Wir können Lilith ins uns spüren. Wir können ihr Wissen übersetzen. Und wie ein Boot übersetzt über den Fluss des Vergessens, so können wir unsere Gegenwart für Lilith öffnen. Mit Lilith können wir jenseits der Polaritäten und der Spaltung gelangen. So wurde die tanztherapeutische Übung zum Ritual, in dem nicht nur für die Teilnehmerinnen Liliths Feuerkraft bestärkt wurde. Was wir heute nicht integrieren konnten, das konnten wir zumindest sehen. Was wir nicht einmal sehen konnten, das haben wir gespürt. Eine Seh(n)sucht, die Freude weckt anstatt Frust über all das, was wir noch nicht geschafft haben und vielleicht in diesem Leben auch nicht mehr schaffen werden. Wir endeten mit der indischen Göttin Aditi – einer Schwester Liliths? -, in  deren leuchtender Leere alles möglich ist: „Du kannst deinen Schmerz in mir loslassen, oder ihn nähren und füttern. Deine Wahl. Da draußen ist eine ganze Menge Leben. Richte deinen Fokus auf das, was du suchst. Nicht auf das was Dir fehlt. … Ich bin die Ungeborene, die der Welt Leben gibt. Größer als groß. Du kennst mich. Alle deine Sehnsüchte und zukünftigen Möglichkeiten liegen in mir.“ [Beth Beurkens, in WeMoon 2009]

Weitere Informationen

Gerne halten wir den Lilith Workshop auf Anfrage noch weitere Male [Hinweis zum Lilith-Workshop im September unter Terminen auf bzw-weiterdenken]

Eine Gedichte-Tanzperformance zu Lilith ist gerade im Entstehen, die Performance „heimat-labyrinth“ zeigen wir noch einmal auf dem Goddess-Kongress auf dem Hambacher Schloss im Mai 2010.

Unsere  Zusammenarbeit  dokumentiert auch das Buch Die Religion der Kirschen. Gedichte und Tanz im Jahreskreis, das 2010 erscheinen wird.

Lisa Kuttner & Bettina Schmitz

Autorin: Bettina Schmitz
Redakteurin: Ursula Pöppinghaus
Eingestellt am: 18.03.2010

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Nene sagt:

    weibliches Urprinzip

    „Als Gott den ersten Menschen erschaffen hatte, sagte er :>> Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei < < und schuf ihm eine Frau – gleich ihm – aus Erde und nannte sie Lilith. Lilith: Aus Erde erschaffen, mit der Luft durch Flügel verbunden. Bald begannen sie zu streiten.... Sie sagte zu ihm: >> Wir sind beide gleich, wir sind aus Erde geschaffen.<< Adam aber wollte ihr übergeordnet sein, und so kam es, dass Lilith sich in die Lüfte schwang und entschwand.“ so steht es im Talmud. Wir sind mit Lilith immer schon verbunden, Sie ist das weibliche Urprinzip. Wir können uns dieser Verbindung bewusst werden und dann können wir damit anfangen das, was Tolle den kollektiven weiblichen Schmerzkörper nennt, abzubauen.

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