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Reisen der Hoffnung

Von Silvana Ferrari

Jessica Hausner nähert sich dem Phänomen „Lourdes“ mit Nüchternheit und Respekt

Lourdes

Christine (Syvie Testud) reiste nach Lourdes. Nicht, weil sie an Wunder glaubt, sondern weil sie mal rauskommen wollte. Foto: Filmverleih

„Lourdes“, das Werk der österreichischen Regisseurin Jessica Hausner, ist ein schwieriger, harter Film. Er ist mit der Nüchternheit eines Dokumentarfilms gedreht, entwickelt aber gleichwohl eine fiktive Handlung.

Der Film ist komplex wegen des Themas, das er behandelt – nämlich die Reisen an traditionelle katholische Pilgerorte, die „Reisen der Hoffnung“ von Millionen Kranken -, aber auch wegen des besonderen Gleichgewichtes, das er zwischen der objektiven Beobachtung und dem Respekt für diese extreme Zusammenballung leidender, aber hoffender Menschheit hält, und wegen seines knallharten Blicks auf die kommerziell-religiösen Inszenierungen des katholischen Glaubens.

Der Film spielt in Lourdes. Er begleitet eine jener Reisegruppen, die von Ehrenamtlichen des Malteserordens organisiert werden. Gezeigt werden die Ankunft und die Unterbringung der Pilger, die ständig von eilfertigen Pflegerinnen beaufsichtigt werden, und die akribisch geplanten Tagesabläufe voller feststehender Rituale und obligatorischer  Besichtigungen: der Besuch der Mariengrotte, das Waschen der Körper mit heiligem Wasser, die Teilnahme an Messen, die kollektiven Segnungen, Fackelzüge, Rosenkränze und Gebete. Auch die Vergnügungen, immer religiöser Natur, sind durchorganisiert, bis hin zum Abschlussfest mit der Wahl (!) des besten Pilgers.

Ein Aufmarsch von Personen, Wagen, Rollstühlen nimmt geordnet an diesem enormen Markt der Hoffnung und des Glaubens teil, der die Zuschauerin peinigt und vom Auge der Regisseurin kühl festgehalten wird. Unter den Reisenden ist auch Christine, eine junge Frau im Rollstuhl, die vom Hals abwärts gelähmt ist. Sie nimmt an der Reise nicht teil, weil sie besonders gläubig wäre. Die Fahrt nach Lourdes ist für sie eher eine Möglichkeit, von zuhause wegzukommen und zu reisen, was sie einem Ehrenamtlichen auch offen eingesteht und dabei anmerkt, dass die Reise nach Rom im Vorjahr definitiv schöner und interessanter gewesen sei.

Um sie herum kranke Körper, aber auch viele gesunde, schöne und lebendige Körper, nämlich die der Ehrenamtlichen und der Pflegerinnen. Christine bewundert sie mit resigniertem Begehren und beobachtet ihre Blicke voller Botschaften, amouröser Einladungen und sexueller Anspielungen. Unter ihren Gefährten und Gefährtinnen der Reisegruppe beobachtet sie skeptisch die eifrig-fromme Hingabe der älteren Dame, mit der sie das Zimmer teilt, die verzweifelte Hoffnung der Mutter auf Heilung ihrer Tochter, den Wunsch nach Gesellschaft des älteren, einsamen Mannes im Rollstuhl, den opportunistischen Glauben zweier anderer Frauen und die rigide Einhaltung der Regeln und der Riten des Gebets seitens der Oberschwester.

Dann geschieht das Wunder, das von all jenen, die nach Lourdes gefahren sind, erhofft und ersehnt wurde. Christine beginnt, die Finger zu bewegen, dann kann sie die Hand heben und den Stein der Grotte berühren, die Beine bewegen sich, und sie steht auf und geht. Die Blicke der anderen verwandeln sich von mitleidigen in neidische, eifersüchtige und böswillige. Skeptisch sind die Blicke der Ärzte und der Priester. Die Fragen, die ihnen allen auf den Nägeln brennen – „Warum ist es ihr geschehen und nicht mir oder einem, der mehr Verdienste oder einen festeren Glauben hat?“ oder „Warum lässt Gott all dieses Leiden und diesen Schmerz zu?“ – finden keine Antworten, auch nicht in den verlegenen Erklärungen des Priesters mit den abgedroschenen und veralteten Floskeln über die unerforschlichen Wege Gottes. Das Wunder bleibt ein zufälliges Ereignis, das keine Gründe hat, fast ein Moment der Unordnung wie viele andere, wie die Krankheit, das Unglück und die Unfälle. Ein Ereignis, dessen Fortgang, dessen Folgen unsicher sind. Aber es ist erwartet, erhofft und still erfleht.

Auch wenn es so scheint, dass für Christine die Möglichkeit zurückgegeben ist, ein „normales“ Leben zu führen, vielleicht sich zu verlieben und Kinder zu haben, mischt die Schlussszene erneut die Karten und lässt uns in großer Unsicherheit zurück, in einem Meer voller Zweifel.

Der Film wurde am Originalschauplatz gedreht. Er setzt vorwiegend weibliche Figuren in Szene – bewundernswert ist unter anderem die Interpretation von Sylvie Testud als Christine. Ihre Blickwechsel, Gesichtsausdrücke, kleine Gesten und körperliche Unbeweglichkeit werden gewissenhaft und im Detail von der Kamera eingefangen und sind ebenso wirkungsvoll und bedeutsam wie die Dialoge.

Übersetzt von Antje Schrupp.

Dieser Text erschien zuerst in Via Dogana Nr. 92, März 2010

„Lourdes“ kommt in Deutschland am 1. April in die Kinos.

Autorin: Silvana Ferrari
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 24.03.2010

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Wunder

    Ich bin heilfroh,
    dass in dem Film das Wunder an Christine völlig irreal dargestellt war!
    Jede, die einen entsprechenden Verlauf von MS mit diesen Bewegungs/Geheinschränkungen
    kennt, weiss, dass damit Muskelschwund und Sehnenverkürzungen etc. einhergehen;
    die müssen, wenn es überhaupt möglich ist, langsam -wie auch nach sonstigen Verletzungen- wieder aufgebaut werden. Ja, dann geht´s im Vergleich zu vorher früher oder später irgendwie wieder,
    -jedenfalls wenn ein Wunder das ermöglicht hat. Und ja, Wunder gibt es immer und überall!
    Ich schreibe das als erstes, weil ich somit froh bin, dass durch diese überzogene Darstellung sich jetzt nicht die halbe MS-Gemeinde auf den Weg nach Lourdes macht, -so hoffe ich wenigstens. Denn kaum etwas wäre schlimmer für den Verlauf dieser Krankheit als solch eine vorprogrammierte Enttäuschung.

    Ich bin heilfroh,
    dass ich für mich das Wunder anders miterleben durfte:
    für mich ist das eigentliche Wunder dieses, als sie sich letztendlich frei-willig wieder in ihren Rollstuhl setzt
    und es offensichtlich dann für sie so gut ist, wie es ist.
    In dem Moment erschien sie mir so froh und frei zu sein von allem und allen, was sie eingeschränkt hatte, -von der gesamten PfegeBetreuung und ihrer Ergebenheit darin. Plötzlich war sie frei in und mit sich.
    Und was mir etwas vom Schönsten daran war:
    diese komisch fromme, alte Dame aus ihrem Zimmer hat bei dem ganzen Prozess eine wunderbare Rolle gespielt, indem sie einfach da war; auch am Schluß als sie den Rollstuhl nur hinstellte… Da war es wortlos aufgehoben dieses hier-ist-die Kranke und dort-ist-die-Gesunde.

    Ich hatte den Film gesehen, in einem Zustand, als ich selbst nicht „gut drauf“ war.
    Da hat mir der Film erstmal sehr zugesetzt: diese ungeheuerliche EinOrdnung in Kranke und Gesunde,
    bzw. noch krasser in Kranke und Pflegende etc.; und zwar so, als ob das unumstößliche Ordnung und sogar der Wille Gottes sei. Das hat mir in meiner Verfassung schier den Lebensnerv geraubt.
    Glücklicherweise erholte ich mich nach 2 Tagen wieder.
    Ich weiss, ich bin zwar noch krank, aber nicht mehr eine Kranke; ich bin Fidi!

    Nun bin ich heilfroh,
    dass ich den Film gesehen habe, denn ich weiss von neuem:
    Wunder sind nicht dafür da, geglaubt zu werden, sondern angenommen zu werden,
    als das, was ich darin sehe und erfahre und was meinem Leben dienlich ist.

    So ist es auch mir möglich, den Eisbecher in froher Dankbarkeit zu genießen!
    Fidi Bogdahn

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