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Die Krisenhaftigkeit unserer Welt und was daraus folgt

Von Doreen Heide

„Arbeit? Geld? Krise!“ – so lautete der Titel eines „Mitmachkongresses“ vom 20. bis 21. März in Berlin

Kongress

Rund 70 Frauen und Männer diskutierten in Berlin über Arbeit, Geld und Krise.

Der Wort-Dreiklang von Arbeit, Geld und Krise war nicht nur Titel, sondern gleichermaßen Programm. Denn er charakterisiert die Gemengelage, in der die OrganisatorInnen des Kongresses, neun Frauen und ein Mann, sich befinden, und die auch eine Zustandsbeschreibung der Lebens- und Arbeitssituation von heute zu sein scheint.

Das permanente Hangeln von Praktikum zu Praktikum, Projektstelle zu Projektstelle, unterbrochen von Phasen der Arbeitslosigkeit, kulminiert schnell zu einem Gefühl der allgegenwärtigen Krisenexistenz auf persönlicher und gesellschaftlicher Ebene. Wo bleiben da noch Zeit und Geld für Träume, wenn schon die Alltagsbewältigung eine ständige Herausforderung ist?

Die persönliche Krisenerfahrung wird schnell als Ausdruck eigenen Versagens interpretiert und dabei übersehen, dass es einer immer größer werdenden Zahl von Menschen genauso geht. Deshalb ist es notwendig, die Zusammenhänge aufzuzeigen zwischen der Vielzahl von Krisen (Finanzkrise, Klimakrise, Krise des Sozialstaates…) und dem eigenen Lebensradius. Aus der Analyse dieser Zusammenhänge und dem gemeinsamen Ausspinnen von Utopien eines anderen Lebens sollten neue Kraft und Ideen zum Handeln entstehen. Dies war die Intention der OrganisatorInnen und erklärt einen anderen Dreiklang im Programm, der sich in der Abfolge der Blöcke niederschlug: Verstehen, Träumen, Handeln.

Die Ermächtigung des Individuums für die eigenen persönlichen, also politischen Angelegenheiten, sollte auch mit der konsequenten Abkehr vom altbekanntem Fachtagungsformat ermöglicht werden, denn der „Mitmachkongress“ wollte vom Erfahrungswissen aller gleichermaßen profitieren. Deshalb lag der Hauptfokus auf dem Austausch von Wissen und Erfahrungen, auf gemeinsamer Ideenentwicklung und Diskussion.

Für Block 1 (Verstehen) waren drei Referentinnen eingeladen. Tale Meyer sprach über die Schwierigkeiten des Redens über die gegenwärtige Wirtschaftskrise und reflektierte kritisch die dominanten wirtschaftstheoretischen Erklärungsmuster. Gülay Çağlar stellte die feministische Ökonomiekritik von Diane Elson vor, und Alexandra Scheele sprach über „die Krise als verpasste Chance“.

Scheele, Politikwissenschaftlerin an der Uni Potsdam, stellte fest, dass „der wirtschaftliche Wendepunkt ausgeblieben“ ist, obwohl zu Beginn der Krise noch gehofft wurde, dass es ein wirtschaftliches Umdenken geben könnte. Dass dieses Umdenken nicht eingetreten ist, bestätigen die Konjunkturprogramme ebenso wie die Wachstumsbeschleunigungsprogramme der neuen Regierung. Deren Zielrichtung fokussiert alleinig auf den Erhalt von Erwerbsarbeit – männliche Erwerbsarbeit wohlgemerkt. Dies ignoriert nicht nur den Wert von Arbeitsplätzen von Frauen, sondern rüttelt zudem nicht an der Rolle der Erwerbsarbeit als „zentralem gesellschaftlichen Integrationskriterium“.

Hier haben wir sie also wieder: die Arbeitskrise als Zustandsbeschreibung meiner Generation. Nicht nur die Regierungsmannschaften, sondern auch gewerkschaftliche und viele feministische Positionen sehen Erwerbsarbeit häufig als unhintergehbares notwendiges und entscheidendes Merkmal für gesellschaftliche Teilhabe. Denn ebenso wie Prekarisierungsdebatten den Wert von Lohnarbeit bestätigen, gilt bei vielen feministischen Argumentationen das Ausmaß der Erwerbstätigkeit von Frauen als Gradmesser für Emanzipation.

Gerade die gegenwärtige Wirtschaftskrise zeigt aber, dass es notwendig ist, weiter zu denken und sich kritisch mit der Zentralität von Erwerbsarbeit zu befassen. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat damit bestenfalls „die Grundprobleme unserer gegenwärtigen Wirtschaftsordnung noch einmal deutlich gemacht“, so Alexandra Scheele. Von einer Lösung dieser sind wir aber noch weit entfernt. Scheele gab zu,  dass auch sie keine Patentlösung parat hat, denn obwohl die Ausklammerung der häuslichen Reproduktionsarbeit ein Problem ist, das weit über die Geschlechterproblematik hinaus weist, könne Gesellschaft nicht allein auf Care-Arbeit basieren, sondern es brauche weiterhin die Erwerbsarbeit als Mittel der „sozialen Kohäsion“. Sie befürwortete daher eine Arbeitszeitverkürzung für alle, „damit alle von der Anerkennung durch Erwerbsarbeit profitieren“.

Friederike Habermann, Analytikerin und Verfechterin von Gemeingütern und solidarischer Ökonomie, setzte in Block 2 (Träumen) anstelle von individualistischem Erwerbs- und Glücksstreben auf Kooperation und die Befreiung von Selbstvermarktungszwängen. Dies könne ermöglicht oder erleichtert werden durch eine gemeinsame Infrastruktur, die kostenfrei und ohne Tauschzwang genutzt werden kann. Damit wird könnten auch jene gesellschaftlich beteiligt und anerkannt werden, die keine Erwerbsarbeit finden oder finden wollen.

Doch auch wenn in den verschiedensten Projekten solidarischer Ökonomie die Früchte der Erwerbsarbeit einiger anders verteilt werden mögen als normalerweise, kann damit nicht beantwortet werden, ob dieses System sich völlig ohne Erwerbstätigkeit und Geld (etwa über staatliche Transferleistungen), tragen könnte. Friederike Habermann würde wohl dazu ermutigen, das Experiment zu wagen – wenn es denn möglich wäre, einen von der Geldgesellschaft völlig abgeschlossenen Kosmos zu errichten. Ihre These ist, dass so wie die solidarische Ökonomie das kapitalistische System stabilisiere, sie  auch in der Lage wäre, sich selbst zu stabilisieren.

Der sehr große Andrang zu ihrem Workshop mit dem Titel „Die Utopie im hier und heute finden – gelebte Alternativen kennen lernen“ könnte als Ausdruck des Bedürfnisses verstanden werden, es nicht beim theoretischen Ausspinnen ferner Zukunftsutopien zu belassen, sondern hier und jetzt ein besseres Leben zu finden. Vielleicht zog aber auch nur die gewisse Prominenz Friederike Habermanns so viele TeilnehmerInnen in den Workshop. Bedauerlich war die Gruppengröße allemal, da es so schwierig war, verschiedene Meinungen und Positionen auszutauschen und zu diskutieren.

Wie wichtig das „zu Wort kommen“ – vor allem jenes von Frauen – ist, zeigt sich immer wieder. Die Diskurse über Finanzthemen werden, abgesehen von einigen Ausnahmen, ausschließlich von „weißen, nicht-migrantischen, Übervollzeit arbeitenden, hetero-sexuellen Männern“ geführt (Zitat Julia Roßhart). Nur selten melden sich Frauen zu Finanzthemen, erst recht den großen, laut zu Wort. Sogar die eingeladene Referentin Tale Meyer, Ökonomin und Mitarbeiterin bei „Wildwasser e.V.“, sprach von einem „Gefühl der Verwirrung“, wenn sie über die Finanzkrise sprechen soll, da gleiche Begrifflichkeiten mit unterschiedlichen Bedeutungen gefüllt sein können und Handlungsalternativen nicht so leicht abzuleiten sind – und dies „selbst nach sieben Jahren VWL-Studium“. Viel Wissen alleine scheint also nicht unbedingt den Raum zu öffnen für die Einmischung von Frauen in die großen Finanzthemen.

Dennoch ist es gerade das Gefühl des Nicht-genug-Wissens, welches viele Frauen von der lauten Einmischung in Finanz- und Wirtschaftsthemen abhält. So äußerte im Workshop „Warum sind in den gegenwärtigen Diskussionen und Analysen über die Finanz- und Wirtschaftskrise so wenige Frauen vertreten?“ eine Teilnehmerin ihre innere Verpflichtung, sie müsste erst „fünf Bände von Marx und Keynes“ lesen, bevor sie sich befähigt fühle, ihre Meinung dazu kund zu tun. Frauen, die im Alltag immer an mehrere Sachen gleichzeitig denken müssen, wüssten eher, dass es keine schnellen Lösungen gibt. Fragen seien ihnen oft wichtiger als Antworten und Argumente. Während Frauen also meist überzogene Ansprüche an ihr Wissen anlegen, reicht Männern oft schon ungesichertes Halbwissen, um sich zu äußern und als Experten zu präsentieren. (Siehe dazu auch den Artikel „Der Mythos vom Wirtschaftsversteher von Andrea Günter)

Eigentlich müsste es Ziel sein, solche einfachen Biologismen zu überwinden, dennoch haben sie sich gerade auch auf dem Mitmachkongress immer wieder aufgedrängt. Obwohl der Kongress dies in seinem Titel nicht deutlich machte, richtete er sich vor allem an Frauen. So waren ausschließlich Referentinnen eingeladen worden, um dem bekannten Mann-erklärt-Frau-Schema etwas entgegen zu setzen. Dennoch waren Männer als Teilnehmer nicht ausgeschlossen, sondern willkommen.

Leider fiel schnell ins Auge, dass die cirka ein Viertel der Anwesenden ausmachenden Männer soviel Raum einnahmen, dass sie für die Hälfte der Redebeiträge verantwortlich zeichneten. Schnell wurde von einzelnen Frauen der Wunsch nach einer reinen Frauenveranstaltung geäußert, da gewisse Männer das Ganze in einer unangenehmen Weise dominierten. Allgemeine Grundregeln der Kommunikation wurden ignoriert: fehlende Bezugnahme auf die Redebeiträge anderer, nicht enden wollende Redebeiträge,  kein Blickkontakt…

Das altbekannte feministische Dilemma schlug wieder zu: geschützte Kommunikationsräume für Frauen oder die Sensibilisierung von Männern für feministische Themen? Da ich nach dem ersten Kongresstag wieder fast soweit war, mich für ersteres zu entscheiden, muss ich sagen: Zum Glück kamen die meisten aus dieser unangenehmen Spezies – denn es betraf wohlgemerkt nur einige Männer – am zweiten Kongresstag nicht mehr, und die verbleibenden männlichen Artgenossen fügten sich nahezu reibungslos und unauffällig in den kooperativ-kommunikativen Austausch ein.

Warum mag es überhaupt so wichtig sein, dass Frauen sich einmischen? Hätten sie die Finanzkrise abwenden können? Hätten sie irgendetwas besser gemacht? Oder wie Alexandra Scheele provokant fragte: Wären wir glücklicher, wenn das Geld der Konjunkturprogramme in andere Bereiche gesteckt worden wäre?

Diese Fragen sind natürlich rein spekulativ, denn wir wissen es nicht, was passiert wäre, wenn… Bisher ist nicht belegt, dass mit mehr Frauen an der Börse sich das globale Kasino weniger schnell gedreht hätte. Bekannt ist nur, dass Frauen als Anlageberaterinnen vorsichtiger und langfristig erfolgreicher agieren. Kommen sie aber auf eine höhere Macht- und Entscheidungsebene, operieren sie genauso risikobereit wie ihre männlichen Kollegen. Möglicherweise liegt das daran, dass sie sich an die Regeln der hegemonialen Männlichkeit anpassen, dies kennt man ja auch aus anderen Bereichen. (siehe dazu auch „Die Krise und die Lehmann-Sisters“ von Andrea Günter)

Von enormer Wichtigkeit ist die stärkere politische Einmischung von Frauen dennoch. Sie stellen nicht nur die Hälfte der Gesellschaft, und diese Hälfte hat ein Recht darauf, gehört zu werden. Sie qualifiziert auch eine andere Form von Lebens- und Berufserfahrung, und damit eine andere Form von Wissen.

Obwohl Frauen im Alltag sehr viel mit Geld zu tun haben, vor allem mit der Verwaltung der Knappheit desselben, bewegen sie sich nur selten von dieser Alltagsebene weg. Das Zurückziehen in den Privatbereich aber ist gefährlich, denn die Folgen fehlgeleiteter Finanz- und Wirtschaftspolitik treffen alle. Die Einschätzung, die Finanzkrise gefährde nur Männerarbeitsplätze, trifft nur zu, wenn zwei Augen komplett zugehalten werden. Würden sie das nicht, so würde das eine Auge sehen, dass Frauen in den Exportfabriken so genannter Entwicklungsländer die Folgen des Konjunktureinbruchs in den USA sofort schmerzhaft zu spüren bekamen. Das andere Auge würde wahrnehmen, dass es auch hierzulande vor allem Frauen sind, die unter Einsparungen im sozialen Bereich zu leiden haben.

Diese „Zweitrundeneffekte der Krise“ werden in den kommenden Jahren weiter zunehmen, denn die gegenwärtige Regierung wird die Verschuldung zugunsten der Konjunkturprogramme bevorzugt durch Kürzung bei der sozialen Infrastruktur ausgleichen. Arbeitslosigkeit und prekäre Beschäftigung, besonders von Frauen, waren schon vorher präsent, durch die Krise werden diese Symptome allerdings noch zunehmen – so auch das Ergebnis des Workshops zum Thema „Folgen der Krise für die Geschlechterverhältnisse in Deutschland und weltweit“.

Ein wesentliches Ziel des Kongresses war es, nicht bei solchen ernüchternden Analysen stehen zu bleiben und die TeilnehmerInnen völlig frustriert wieder ins Leben zu entlassen. Der Bogen hin zu Ideen, wie die Gesellschaft anders und besser organisiert werden könnte, wurde vor allem in Teil 2 (Träumen) etwas weiter aufgespannt. Hier stellte nicht nur Friederike Habermann ihre Erfahrungen mit solidarischer Ökonomie vor, sondern auch Marlene Werfl lud dazu ein, das eigene Wunsch-Leben mit der Vier-in-einem-Perspektive von Frigga Haug zu phantasieren. Die Ergebnisse wurden in einer „Vernissage der Utopien“ präsentiert.

Da die Nützlichkeit von Utopien begrenzt ist, wenn daraus keine konkreten Handlungsschritte erfolgen, stellten sich am zweiten Tag des Kongresses verschiedene Projekte in einem World-Café vor. Da gab es mit der Kampagne gegen Public Privat Partnership, der AG Finanzmärkte von Attac und dem Berliner Wassertisch klassische politische AG-Arbeit (neu) zu entdecken. Giuliana Giorgi lieferte mit Beispielen von der Übernahme italienischer Krisenbetrieben in Belegschaftshand eine Alternative zum herkömmlichen ArbeitnehmerInnenstatus. Food Coops und Interkulturelle Gärten können der Abhängigkeit von der kommerzialisierten Essensindustrie etwas entgegen setzen. Und schließlich hatten wir mit dem Attac Bankentribunal und der Maiden Monsters Army spezifische Kunstprojekte mit politischem Anspruch vor Ort. All diese Projekte sollten auf ihre Geschlechterimplikationen kritisch hinterfragt werden, denn wie oft ist es so, dass im Eifer der politischen Aktion die Geschlechterperspektive dann doch wieder unter den Tisch fällt.

Kritische Geister könnten anmerken, die Auswahl der Projekte sei doch etwas einseitig und politisch voraussetzungsreich. Das ist richtig und wir hätten noch sehr viele mehr einladen können, denn an konkreten Alternativen mangelt es bei genauerem Hinsehen zum Glück nicht. Doch wir mussten die Projekte zahlenmäßig beschränken, um keine leeren Tische zu produzieren. Auch so schon war es schwierig, sich in den drei Café-Runden auf insgesamt drei Projekte zu beschränken.

Wenn der Erfolg eines Kongresses daran zu messen ist, welche neuen Impulse am Ende entstanden sind, fällt es schwer, ein eindeutiges Fazit zu ziehen. Das Angebot eines „Mitmachkongresses“ hätte noch stärker in Anspruch genommen werden können. Während die TeilnehmerInnen sich einerseits ermächtigt genug fühlten, in Teil 1 (Denken) einen neuen Workshop zu „Mein Part im (kapitalistischen) System“ ins Leben zu rufen, blieben die an anderer Stelle angebotenen „offenen Räume“ ungenutzt.

Einfache Auswege aus prekärer Beschäftigungssituation und der Vielzahl der Krisen sind weiterhin nicht in Sicht. Aber wer hätte das schon erwartet? Auch in Zukunft wird es darum gehen müssen, sich Plätze zum gemeinsamen Träumen zu erschaffen und zu verteidigen. Die vorgestellten Projekte bieten immerhin viele Ansatzpunkte, um der jetzigen Finanz- und Wirtschaftspolitik konkrete feministische Alternativen im Großen und im Kleinen entgegen zu setzen. Eine weitere Finanzkrise, sollte sie denn kommen, können wir womöglich zwar (noch) nicht abwenden, aber wir haben nun zumindest mehr Argumente und mehr Mut, laut auf politische Fehlentwicklungen hinzuweisen.

Autorin: Doreen Heide
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 07.04.2010

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