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„Hier habt Ihr euren Chefsessel!“

Von Inga Wocker

Manager

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  • Frau Meyer, ich muss Sie leider in eine andere Abteilung versetzen und zur Stellenleiterin befördern. Selbstverständlich erhalten Sie ein höheres Gehalt, ein Dienstfahrzeug und Freiflugmeilen bei Lufthansa.
  • Aber wieso denn bloß, was hab ich denn falsch gemacht? Ich fühl mich hier doch so wohl.
  • Tja, tut mir leid, die Frauenquote…

Frauenquote – für mich ist dieses Schlagwort mit Zwang, nackten Zahlen, stumpfsinniger Gesetzmäßigkeit verbunden, bei der das einzelne Individuum mit den eigenen Fähigkeiten und Talenten nichts mehr zählt und reduziert wird auf das Geschlecht.

  • Und in welche Richtung soll es dann beruflich mal gehen?
  • Physiotherapeutin würde ich gerne werden, oder vielleicht auch Zahnarzthelferin.
  • Guter Gott, nein, das kannst du dir aus dem Kopf schlagen, mein Kind.
  • Aber wieso denn? Ich hab gute Noten in Naturwissenschaften und meine Lehrerin meint, ich kann gut mit Menschen umgehen!
  • Ja weißt du denn nicht, dass das nicht zählt? Was zählt, ist die Frauenquote!

Ihr wollt in die Chefetagen, bitte, wir führen sogar eine Quote ein, kein Problem. Aber dann bitte kein Gejammer wegen der Kinder oder weil ihr keine Zeit mehr habt für irgendetwas anderes, oder weil ihr es euch anders vorgestellt habt, das ist vorbei, ihr habt euren Chefsessel.

  • Nein, ich will nicht, Hilfe, lasst mich los, Hiiiiiilfe, au, das tut mir weh.
  • Schluss jetzt, Sie wissen genau, dass Sie dazu vertraglich verpflichtet sind, also machen Sie jetzt hier nicht so ein Theater.
  • Bin ich nicht, wo sind wir denn hier, gibt es kein Recht mehr auf freie Arbeitsplatzwahl?
  • Nein, es gibt die Pflicht zur Quotierung, und da muss jede Frau ihren Teil dazu beitragen.

In Kriegen – damals wie heute – klingt das ähnlich. Die Männer müssen losziehen und Leute totschießen, die Arbeit in den Fabriken muss weitergehen, also ist es plötzlich „patriotische Pflicht“ für die Frauen, nicht mehr auf treu sorgende Ehefrau und Mutter zu machen, sondern in der Produktion ihren Mann zu stehen. Klar dass sie anschließend wieder zurück hinter den Herd müssen, was soll man denn sonst mit den Männern machen…

  • Sie sind doch nur in dieser Position, weil die Quote erfüllt werden musste.
  • Seien Sie froh, dass Sie eine Frau sind, denn Ihre Qualifikationen für diese Stelle…, na ja.
  • Wo man hinschaut, lauter unqualifizierte Quotenfrauen, die die Unternehmen in den Ruin treiben.
  • Das ist der Untergang.

Gibt es keine sinnvolleren Alternativen? Sollen wir tatsächlich genauso beschränkt und machthungrig werden, wie wir das so oft in den höheren Unternehmensetagen unter Männern sehen? Was ist denn anders, wenn eine Frau endlich ganz oben angekommen ist? Von dem „anderen“, das sie möglicherweise zu bieten gehabt hätte, ist längst nichts mehr übrig, zu sehr muss sie sich verbiegen und alles abschleifen, was auf dem Weg nach oben hinderlich ist. Oft hat sie ihre Familie dafür geopfert oder erst gar keine gegründet. Ich frage mich, ob es tatsächlich das ist, was wir mit soviel Aufwand und Energie „erkämpfen“ sollen?

  • Versteh einer die Frauen, da gibt man ihnen doch wirklich alle Möglichkeiten…
  • Wem sagst du das, Undank ist der Welt Lohn.
  • …und sie wollen nicht in die Bundeswehr, nicht in die Atomindustrie.
  • Vor der Börse versuchen sie sich auch zu drücken.
  • Und Pfarrer werden und zölibatär leben ist ihnen auch nicht recht.

Ich will nicht aufgrund irgendeiner Quote Unternehmensleiterin werden, hingeschubst von Männern, die die Stelle vielleicht selbst gerne gehabt hätten, die jeden meiner Schritte mit Argusaugen bewachen und bei jedem noch so kleinen Fehler freudig aufjauchzen „typisch, Frau eben“. Und für diese „Gnade“ soll ich mich natürlich entsprechend wohlverhalten, keinen Ärger mit irgendwelchen Kindern oder pflegebedürftigen Eltern, keine Krankheitsausfälle und jederzeit rund um die Uhr absolut untadeliges Auftreten. Meine Fähigkeiten? Fehlanzeige, ein formales Kriterium ist an die Stelle von Anerkennung und objektiver Leistungsbewertung getreten.

  • Frauenquote? Noch viel zu lasch, da müssen ganz andere Maßnahmen ergriffen werden.
  • Genau, wir lassen uns doch nicht auf der Nase herumtanzen.
  • Schon gar nicht von diesen „Emanzen“.
  • Sie werden noch nach ihren altbewährten Frauenrollen winseln.

Ich glaube, unabhängig und selbstbestimmt kann man nur außerhalb dieser Strukturen sein, auch wenn das Risiko entsprechend größer ist: sich selbständig machen, als Freiberuflerin arbeiten oder im künstlerischen Bereich tätig sein. Eine weitere Möglichkeit wären reine Frauenunternehmen, wo Alternativen zum traditionellen „Hauen und Stechen“ erarbeitet und gelebt werden. Dann könnten Frauen ihre Fähigkeiten entdecken und einsetzen, ohne ständig beobachtet zu werden und unter Erfolgsdruck zu stehen.

Autorin: Inga Wocker
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 30.04.2010

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Quoten-Chefsessel

    Liebe Lüüt,
    Was soll ich auf einem Quoten-Chefsessel?
    Das ist doch so, wie Sie es beschreiben, gar nicht interessant!
    Sind wir denn bald nicht mehr fähig,
    die Vielfalt des Lebens zu entdecken,
    oder/und zu leben? Wenn etwas nicht geht, weniger gut geht,so
    können wir doch improvisierend wirksam sein und eine Sache verlagern, umlagern und Freude daran haben?! Vielleicht noch nach einer anderen, bestmöglichen Lösung suchen!Oder auf eine Kombination von verschiedenen Anforderungen reagieren,wo Frust dann mehr zur Lust wird, mehr als man/Frau gedacht und gemeint hat.Das ist auch eine Leistung, nicht wahr?
    Wenn der Spielraum zu eng wird, so überlassen wir doch lieber dasjenige, was wir nicht wollen, anderen. Angepasstes Verhalten ist auch ein Problem auf diesen Chefetagen.Ein Schiff geht nicht unter, wenn die verschiedenen Fähigkeiten
    eingesetzt werden.Und so gibt es am wenigsten Nebenwirkungen.

  • Juliane Brumberg sagt:

    Ganz so einfach ist es nicht

    Eine Frauenquote ist sicher kein Allheilmittel und wenig hilfreich bezüglich der Freiheit der Frauen. Trotzdem glaube ich, dass sie in der derzeitigen Situation unserer Gesellschaft für eine Übergangsphase ein hilfreiches Instrument sein kann. Nicht jede Frau muss nach oben kommen wollen, doch jede Frau, die es will, muss es können. Leider sind einmal implementierte Machtsysteme nicht bereit, sich selber aufzulösen. Da die Verharrungsmechanismen bezüglich der herkömmlichen Geschlechterrollen immer noch allzu gut funktionieren, sehe ich fast keine andere Möglichkeit, als eine „verordnete“ Frauenquote, hier Bewegung sowohl ins berufliche und politische Leben, als auch ins öffentliche Bewusstsein zu bringen. Und wer weiß, was sich dadurch dann verändern kann…

  • Bettie Green sagt:

    Sehr komplex.
    Die Idee einer Quote ist mittragenswert – und zwar schlicht deshalb, weil weibliche Realitäten (andere Körper) in der Arbeitswelt nicht in adäquatem Maße integriert sind.

    Besser wird die Arbeitswelt dadurch nicht; Frauen sind keine besseren Menschen.

    So oder so:
    Der Wille zur Macht verhindert das freie, prämissenskeptische Denken.
    Und promovierte „Philosophen“ verzichten auf die kritische Denkfähigkeit ihrer Zunft, wenn sie bei McKinsey & Co Karriere machen dürfen …

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