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Im Nichts befestigt

Von Irmgard Kampmann

Vor 700 Jahre starb Margarete Porete, die Autorin des „Spiegel der einfachen Seelen“

Margarete JungIm Herbst des Jahres 1309 hält der französische Generalinquisitor in Paris eine etwa 50 Jahre alte Frau gefangen. Ihr Name ist Marguerite Porete, sie stammt aus Valenciennes in Nordfrankreich und ist eine „béguine clergesse“, eine theologisch gebildete Begine.

Beginen waren unverheiratete oder verwitwete Frauen, die seit Ende des 12. Jahrhunderts eine neue Lebensform entwickelt hatten: Ohne ewige Gelübde oder überregionale Regeln lebten sie in kleineren bis sehr großen Gemeinschaften in den Städten Mitteleuropas zusammen, verdienten ihren Lebensunterhalt durch Krankenpflege, Unterricht oder Handwerk, beteten, lasen und sprachen zusammen über ihre Beziehung zu Gott. Zunächst als „Büßerinnen“ von der Kirche anerkannt besuchten sie die Gottesdienste der Pfarrkirchen, gewannen aber auch immer mehr eigene Kompetenz in ihrem religiösen Leben.

Marguerite Porete ist als rückfällige Ketzerin angeklagt, denn sie soll nicht aufgehört haben, aus ihrem Buch „Der Spiegel der einfachen Seelen“ vorzutragen, obwohl der Ortsbischof dieses Buch verurteilte und öffentlich verbrennen ließ. Andererseits war es Porete zu Beginn ihres öffentlichen Wirkens gelungen, von namhaften Theologen drei positive Voten über ihr Buch einzuholen. In diesem ersten Verfahren waren auch keine einzelnen Aussagen des Buches verurteilt worden.

Daher musste es nun in Paris auf mögliche Irrtümer hin überprüft werden. Eine prominent besetzte Theologenkommission hatte im April 1309 ihr Gutachten vorgelegt, das 15 einzelne Sätze aus Marguerites Buch als häretisch bezeichnete.

Zu Beginn des Prozesses war Marguerite Porete unter Androhung der Exkommunikation aufgefordert worden, sich dem Urteil der Kirche über ihr Buch, egal wie es ausfallen würde, völlig zu unterwerfen. Marguerite hat aber den Prozessunterlagen zufolge diesen Unterwerfungseid nicht geleistet, die ihr zur Last gelegten Aussagen nicht widerrufen und überhaupt während des Prozesses völlig geschwiegen.

Nachdem sie mehr als ein Jahr offenbar in der Exkommunikation verharrt hat, wird ihre Verurteilung als hartnäckige Häretikerin am 31. Mai 1310 rechtskräftig. Marguerite wird vom Inquisitionsgericht „dem weltlichen Arm“ übergeben und am Pfingstmontag, den 1. Juni 1310, auf der Place de Grève auf dem Scheiterhaufen verbrannt, zusammen mit einem, wie es heißt, „rückfällig gewordenen Juden“.

Was machte diese Frau so gefährlich, dass sie zum Schweigen gebracht werden musste?

Der zeitgeschichtliche Hintergrund

Die Zeit um 1300 war eine Zeit, die der unseren in mancherlei Hinsicht ähnlich ist. Die alten Sicherheiten der Feudalgesellschaft waren brüchig geworden, soziale Gegensätze traten offen zutage. Zugleich wuchsen das Weltwissen, die Belesenheit und das Selbstbewusstsein der Menschen in den Städten. Vielen reichte die Teilnahme an Gottesdiensten, Festen und Prozessionen nicht mehr. Sie suchten nach einer innigeren, persönlicheren Beziehung zu Gott und nach einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten.

Dem Individualisierungsschub in der Frömmigkeit um 1300 waren mehrere Wellen eines religiösen Aufbruchs vorangegangen, der auch eine kirchenkritische Komponente hatte: Zum ersten Mal in der Geschichte sah sich die Hierarchie der Kirche herausgefordert von frommen Laien, die sie an der Erfüllung ihrer eigenen Heiligkeitsansprüche maßen: Die Humiliaten lebten in bescheidenen Gemeinschaftshäusern nach dem Vorbild der Urkirche, die Waldenser zogen als freiwillig arme Wanderprediger umher und warben für die Rückkehr zum „apostolischen Leben“ mit Gütergemeinschaft und Laien-, ja sogar Frauenpredigt. Mit den Katharern entstand eine Gegenkirche, die die Mehrheit des südfranzösischen Adels auf ihrer Seite hatte.

Seit dem 13. Jahrhundert hatten dann die rasch anwachsenden Orden der Franziskaner und Dominikaner, die mitten in den Städten von Almosen lebten und theologisch-philosophisch gebildet waren, sich darum bemüht, die religiösen Bedürfnisse der Stadtbevölkerung zu stillen und der kirchenkritischen Armutsbewegung eine überzeugende papsttreue Alternative entgegen zu setzen. Die Katharer wurden ausgerottet, doch die Suche der Laien nach einem unmittelbaren Zugang zu Gott kam nicht zur Ruhe.

Zu Beginn des 14. Jahrhunderts bekamen die Dominikaner vom Papst den Auftrag, die kirchlichen Inquisitionstribunale zu leiten. Systematische Ketzerverfolgungen setzten ein.

Ein spiritueller und zeitkritischer Bestseller

Margarete Porete

Margarete Porete nach einem Gemälde von Hans Memling, ca. 1470

„Der Spiegel der einfachen vernichtigten Seelen und jener, die einzig im Wollen und Verlangen der Liebe verbleiben“ – so der vollständige Titel – ist das erste geistliche Lehrbuch in französischer Volkssprache. Darin spricht Margarete Porete von einer „Heiligen Kirche die Kleine“, die unschwer als die offizielle Kirche zu erkennen ist, und einer „Heiligen Kirche die Große“, zu der die „einfachen Seelen“ gehören, die sich wirklich völlig der göttlichen Liebe überlassen haben.

Damit rückt sie in die Nähe der damals verfolgten Spiritualen, radikale Franziskaner, die eine „Geistkirche“ erwarteten, die die bestehende Kirche überbieten werde. Der Franziskanertheologe Petrus Johannes Olivi, der ebenfalls als Häretiker verurteilt wurde, lehrte, dass es eine Kirche in der Kirche gebe, gebildet von Menschen, die durch die Zeiten hindurch tatsächlich ein evangeliumsgemäßes Leben lebten.

Allein schon die Andeutung, dass die institutionelle Kirche möglicherweise nicht deckungsgleich sei mit der Kirche Jesu Christi, wurde als Häresie eingestuft.

Marguerite schildert den Weg einer Befreiung von kirchlich propagierten Normen hin zu einer unmittelbaren, innigen Gottesbeziehung. Ihr Freiheitspathos erinnert an das Selbstverständnis der „Brüder und Schwestern vom Freien Geist“, einer heute nur noch schwer zu fassenden Bewegung mit anarchischen Zügen, die zwischen 1270 und 1350, vor allem in den Städten entlang des Rheins, blutig verfolgt wurde. Diese Bewegung hätte durch Marguerites Buch Unterstützung bekommen können. Dasselbe fürchtete man einige Jahre später von den Predigten Meister Eckharts.

Trotz seiner lehramtlichen Verurteilung ist Marguerite Poretes „Spiegel“ so etwas wie ein internationaler Bestseller der spirituellen Literatur geworden. Übersetzungen in die lateinische, englische und italienische Sprache entstanden bereits im 14. Jahrhundert. Nach der Hinrichtung seiner Autorin wurde das Buch Jahrhunderte lang anonym verbreitet, mit Glossen versehen, als orthodox verteidigt oder als häretisch abgelehnt.

Es wurde im Laufe der Jahrhunderte verschiedenen, hochangesehenen religiösen Autoritäten zugeschrieben und zuweilen „eine Perle der Mystik“ genannt. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wird es auch mit katholischer Druckerlaubnis verlegt. Und erst im Jahr 1946 identifizierte die Historikerin Romana Guarnieri wieder Marguerite Porete als die Autorin des Spiegels, nachdem sie einige Sätze aus den Akten des Prozesses gegen Porete in dem Buch wiederentdeckte.

„Der Spiegel der einfachen Seelen“

Im „Spiegel der einfachen Seelen“ ist fast auf jeder Seite von der Vernunft die Rede. Scharf geht Porete mit ihr ins Gericht: Die Vernunft begreife nur das Grobe und lasse das Subtile beiseite, wer ihr gehorche, lebe in Sklaverei (S. 25). Die Vernunft sei unfrei und von sich selbst eingenommen. Mit dem, was ihre Anhänger lehren, wisse selbst ein Esel nichts anzufangen (S. 129f).

Hier spricht keine fromme Frau, die einfach Zeugnis gibt von ihrem unmittelbaren mystischen Erleben, sondern eine Autorin, die reflektiert, humorvoll und außerordentlich gebildet ist. Das Buch ist in der Form eines lebhaften Streitgespräches zwischen der Vernunft, der Seele, der Liebe und einigen Nebenfiguren geschrieben, enthält aber auch Gedichte, längere theologische Ausführungen und biographische Andeutungen.

Durch den Titel reiht die Autorin ihr Buch ein in die reiche „Spiegel-Literatur“ ihrer Zeit. Sie will zeigen, welchen Weg eine exemplarische „Seele“ gegangen ist von der Gefangenschaft im Reich der Tugenden hin zum „Land der Freiheit“ (S. 203). Damit will sie den Hörerinnen und Lesern ein Vorbild vor Augen stellen, mit dem sie sich vergleichen und das sie nachahmen können.

Der „Spiegel“ ist ein kunstvoll komponiertes Lehrbuch, dessen Ziel es ist, Einsichten zu vermitteln. Daher verwundert es nicht, wenn seine Autorin das „Licht der geistigen Einsicht“ für unverzichtbar hält: „Ich bitte euch um der Liebe willen, spricht die Liebe, merket auf mit großer Begierde der scharfen Verstandeskraft und mit großer Sorgfalt von innen heraus! Denn sonst werden alle, die nun zuhören – wenn sie dies nicht schon verwirklichen -, es fehldeuten.“ (S. 17). „Keiner (kommt) zu einem tiefen Fundament noch auch zu einem hohen Gebäude…, wenn er nicht mit der Schärfe des kraftvollen natürlichen Sinnes und durch die Feinheit des Lichtes der geistigen Einsicht dazu gelangt.“ (S. 42).

Im 6. Kapitel singt Marguerite ein Lied der Befreiung aus der Knechtschaft religiösen Leistungsdenkens (S. 23). Im 96. Kapitel berichtet sie, was sie dazu bewogen hat, sich vom allgemein empfohlenen Weg zu Gott abzukehren: „Es war einmal eine bedürftige Kreatur, die Gott über lange Zeit hin in der Kreatur suchte, um festzustellen, ob sie ihn vorfinde, wie sie ihn sich wünschte. Und auch um zu sehen, wie er selbst wäre, ließ ihn die Kreatur seine göttlichen Werke in ihr verrichten, ohne ihn daran zu hindern. Sie fand aber davon nichts, sie blieb vielmehr ungestillt im Bezug auf das, wonach sie verlangte. Und als sie sah, dass sie nichts gefunden hatte, dachte sie darüber nach. Und ihr Denken gab ihr ein, sie solle nach ihm suchen, so wie sie nach ihm verlangte: am Grund des Kerns des Verstehens ihres hohen Gedankens. Und darin nun ging diese Kreatur ihn suchen. Und sie nahm sich vor, Gott so zu beschreiben, wie sie ihn in den anderen Kreaturen auch aufzufinden wünschte. Und daher schrieb diese Kreatur das, was ihr nun hört. Und sie wollte, dass ihre Nächsten Gott durch Wort und Schrift in sich fänden. (…) Wisset aber, währenddessen sie in diesem Willen verharrte, blieb sie eine mit sich selbst beladene Bettlerin. Und eben darum bettelte sie, weil sie den Willen zu diesem Vorhaben hatte.“ (S. 144).

Marguerite Poretes Suche nach Gott

Marguerite hat sich jahrelang darum bemüht, Gott zu finden „wie sie ihn sich wünschte“. Sie wollte „sehen, wie er selbst wäre“. Damit hebt sie hervor, dass sie von ihrem Verlangen nach Gotteserkenntnis bewegt wurde, einen geistlichen Weg einzuschlagen. Sie hat Gott „in der Kreatur“, gemeint ist: in der äußeren Welt und in religiösen Handlungen, gesucht, hat die Sakramente empfangen und sich asketischen Übungen unterzogen, damit Gott an ihr etwas bewirken könnte. Schließlich gesteht sie sich ein, dass sie Gott so nicht gefunden hat. Sie wendet sich nach innen, wie Augustin vorgeschlagen hatte, zurück auf ihr Denken, mit dem sie nach Gott verlangt, und dies gibt ihr ein, Gott zu suchen im Verstehen der Reinheit des Gottesgedankens.

Dass sie um einen angemessenen Gottesbegriff gerungen hat, zeigen auch andere Stellen des Spiegels: Sie nennt Gott das „vollkommene Sein“ (S. 18), dem alle begrenzenden Bestimmungen abgesprochen werden müssen, den Heiligen Geist das „Sein ohne Sein, welches das Sein selbst ist“ (S. 165). Dieses Verständnis von Gott impliziert, dass Gott dem Menschen nicht äußerlich, sondern allen Menschen innerlich ist.

Die Autorin beschloss, ihre Gedanken ihr nahestehenden Personen vermitteln, damit auch diese Gott in sich fänden. Offensichtlich schrieb sie eine erste Version ihres Buches und trug daraus vor. Aber sie erkannte: Solange sie unbedingt lehren und verstanden werden wollte, blieb sie abhängig von ihrer eigenen Leistung und deren Erfolg, eine „mit sich selbst beladene Bettlerin“, die immer noch von einem Abstand zwischen sich und dem Ziel ihrer Suche ausging.

Das folgende Kapitel 97 (S. 144f) spricht vom nächsten Schritt auf Marguerites Erkenntnisweg: „Das Paradies ist nichts anderes, als Gott schauen. Und in Wahrheit befindet jeder sich da, so oft er von sich selbst befreit ist. Zwar befindet er sich da noch nicht in verklärter Weise, denn der Leib einer solchen Kreatur ist zu grobstofflich. Doch befindet er sich göttlicherweise dort, weil das Innere frei ist von allem Kreatürlichen. Und darum lebt ein solcher Mensch – ohne ein Vermittelndes – aus der Herrlichkeit, und er befindet sich im Paradies, ohne dort zu sein.“ (S. 145).

Wann immer ein Mensch von sich selbst befreit ist, schaut er Gott. Dies ist immer wieder möglich, weil sein Inneres grundsätzlich völlig frei ist von allen Kreaturen, ebenso wie Gott „rein“ von allen Bestimmungen ist. Wo der Mensch frei wird von der Sorge um sich selbst und in seinem Inneren zu Hause ist, lebt er unmittelbar aus der göttlichen Fülle, auf göttliche Weise, auch schon in diesem Leben. Wer mit der Intellekttheorie der deutschen Dominikanerschule und den Predigten Meister Eckharts vertraut ist, wird hier Parallelen erkennen. Wie Eckhart verknüpft Marguerite den Gedanken der Bestimmungslosigkeit Gottes mit dem der Freiheit des inneren Menschen und zwar so, dass sie wie Eckhart der Auffassung ist, das Innere des Menschen sei auf göttliche Weise in Gott, wo es unmittelbar aus dem göttlichen Leben lebe.

Aber Marguerite denkt noch weiter. Zunächst rechtfertigt sie, dass sie andere zu denselben Einsichten führen wollte: Von anderen Menschen zu lernen sei nötig, „bevor man in allen Punkten in den Stand der Freiheit gelangt“ (Spiegel S. 145). Aber dann fährt sie fort: „Ich war sehr töricht zur Zeit, da ich es tat…. Ich legte Wert auf Dinge, die man nicht ausführen, nicht ausdenken, nicht aussprechen konnte. Ich tat wie einer, der … die Sonne durch eine Stocklaterne oder eine Fackel heller machen wollte!“ (S. 146).

Marguerite betont, dass sie selbst erst lernen musste zu verstehen, dass das, was sie lehrte, keine Sache ist, über die man sprechen könnte. Sie fährt nämlich fort: „Ich war töricht, als ich es auf mich nahm, diese Worte aufzuschreiben. Doch damit nahm ich meinen Lauf, und leistete mir Beistand, um zum letzten Ende zu gelangen, in die Seinsweise, von der wir reden, die in Vollkommenheit besteht, wenn die Seele ohne Gedanken im reinen Nichts verweilt.“ (S. 146).

Die Autorin gesteht: Mit ihrem Buch die Hingabe an die göttliche Liebe lehren zu wollen, war ein törichtes Unterfangen. Es zu versuchen aber hat ihr selbst geholfen, in die Seinsweise hineinzuwachsen, die sie lehren wollte.

Grenzenlose Liebe als „Mutter der Erkenntnis“

Marguerites entscheidende Einsicht ist die, dass durch die Intention selbst, das Wollen, das sich auf Gott richtet, der Abstand zu Gott entsteht: „…soviel mehr bringt dieses Nichtwollen in Gott als das Gutwollen um Gottes willen ein.“ (S. 84). „Denn solange ich nichts will, spricht diese Seele, bin ich allein in ihm, ohne mich, ganz ledig. Doch wenn ich etwas will, bin ich bei mir [und nicht bei ihm]“ (S. 86). Solange ich Gott zum Objekt meines Vorstellens, Denkens und Wollens mache, kann ich nicht eingehen in die göttliche Liebe. Gott ist kein Etwas und kann daher nie zum Objekt werden: „Diese Seele, spricht die Liebe, ist eingetreten in die Fülle und in den Überfluss der göttlichen Liebe, und zwar nicht, spricht die Liebe, weil sie ein Wissen vom Göttlichen erlangt hat. Denn es kann nicht sein, dass irgendein Begriffsvermögen (entendement, intellectus, Mirouer S. 152f), und wäre es noch so erleuchtet, etwas vom Überströmen der göttlichen Liebe zu erfassen vermöchte.“ (S. 87).

Einen einzigen Begriff gibt es, der zu Recht mit Gott verbunden wird: Liebe:. „Ich bin Gott, spricht die Liebe. Denn die Liebe ist Gott und Gott ist die Liebe (1Joh 4, 16).“ (S. 51). Daher kann die Seele Gott nicht erkennen wie einen Gegenstand. Aber sie wird in Gott eins mit Gott sein, wenn sie sich ganz dem Lieben überlässt. Marguerite fährt fort: „und diese Seele ist Gott durch Liebesübereinkunft (par condicion d’amour), …durch die Gerechtigkeit der Liebe (droicture d’amour).“ (Mirouer p. 82).

Der unendliche Abstand zwischen Gott und der Seele, von dem alle überzeugt sind, verdankt sich einer bestimmten Perspektive, schreibt Porete, aber in anderer Perspektive besteht er nicht. Er verschwindet, wenn die Seele „zunichte wird“. Dieser Terminus, der eine religiöse Praxis strengster Askese bis zur Selbstvernichtung suggeriert, hat bei Marguerite Porete einen zugleich philosophisch-theologischen und existenziellen Sinn: „Zunichte“ wird die Seele, wenn sie in ihrem Denken alle Abgrenzung von Gott unterlässt und sich ganz dem Überfließen der göttlichen Liebe überlässt: „Ich übergebe alles vollkommen dem göttlichen Willen, spricht diese im Nichts Befestigte.“ (S. 125). Alle Gebundenheit an Gegenstände und äußere Bedingungen, an eigenes Wissen und eigenes Gottesverhältnis löst die im Nichts Befestigte auf: „Nun hat diese Seele ihren richtigen Namen, spricht die Liebe, vom Nichts, in dem sie verbleibt. (…) Und dieses Nichts (…) schenkt ihr alles.“ (S. 125).

Die ans Lieben hingegebene Seele ist im göttlichen Lieben vollkommen geborgen wie ein Ungeborenes im Leib seiner Mutter: „Diese Seele, spricht die Liebe, ist umfangen und gehalten im Lande des vollständigen Friedens. Denn sie befindet sich stets in voller Befriedigung, in der sie in göttlichem Frieden schwimmt und schaukelt und schwebt und taucht, ohne sich in ihrem Innern zu bewegen und ohne Einwirkung von außen.“ (S. 125). Die göttliche Liebe ist nicht in der Seele, quasi eingeschlossen wie ein innerer Schatz, sondern die Seele und ihr Leib leben in der Liebe, können sich weiten und darin ergehen. Diese andere räumliche Vorstellung ist nicht unerheblich: Innerhalb des göttlichen Lebens gewinnt die Seele zusammen mit ihrem Leib wohltuende Freiheit: „Eine solche Kreatur, spricht die Liebe, ist mit dem göttlichen Leben besser gekleidet, als sie es mit dem eigenen Geist ist, der bei der Erschaffung in ihren Leib gegeben wurde. … Denn die Grobstofflichkeit des Leibes ist nun ausgezogen, und er ist verfeinert durch göttliches Einwirken. So fühlt sich eine solche Seele wohler in der milden, nicht bekannten Gegend, da, wo sie liebt, als sie sich in ihrem eigenen Leib fühlt, dem sie doch Lebendigkeit verleiht. Eine solche Wirkung hat die Freiheit der Liebe.“ (S. 104).

In der Liebe erkennt die Seele nichts Einzelnes mehr an der Liebe, weil sie die verobjektivierende Distanz zur Liebe aufgegeben hat. Sie erkennt allerdings von der Liebe her, was sich außerhalb der Liebe befindet. Ihr Ort ist „auf dem Berge …über den Winden und über den Regengüssen“, so dass sie „weder Schmach noch Ehre noch Furcht“ erreicht. Sie befindet sich „in Sicherheit“ (S. 103) vor jeder Sorge um sich selbst, die ihr den Blick verstellen könnte. Von ihrer hohen Warte aus kann sie erkennen, dass diejenigen zugrunde gehen, die sich durch Tugendwerke einen festen Stand sichern wollen: „Wie wollen die Tugenden ihren Untergebenen beibringen, was sie selbst nicht begriffen haben und niemals begreifen werden? Wer aber hören und vernehmen will, wie jene, die bei den Tugenden ausharren, zugrunde gehen, der frage bei der Liebe an, bei jener Liebe, welche die Mutter der Erkenntnis und des göttlichen Lichtes ist. Sie nämlich kennt davon das Ganze aufgrund des Mehr des Ganzen, wo diese Seele sich aufhält und verweilt, da sie nur im Ganzen ihren Wohnsitz haben kann.“ (S. 92).

Kritik an der Tugendlehre und der Scholastik

„Mutter der Erkenntnis“ kann nicht die Tugendlehre sein, auch nicht das rationale Vorgehen der scholastischen Theologie, weil beide durch ein jeweils bestimmtes Interesse eingeschränkt sind, sondern nur die eine, göttliche Liebe, die das Ganze erkennt und in der die Seele zu Hause ist. Lieben reicht weiter als das Erkennen eines bestimmten Inhaltes, es umfasst auch noch das Unerkennbare am Geliebten. Indem die liebende Seele um das Unerkennbare weiß und es besonders liebt, wahrt sie die Nichtgegenständlichkeit, das personale Gegenüber der Geliebten. Würden wir die göttliche Liebe vollständig erkennen, wäre sie als unser Erkenntnisinhalt mit unserem Erkennen identisch. So aber ist sie der liebenden Seele innig in der einen Liebe verbunden und bleibt doch ein anderer Ursprung: „Und darum, spricht die Seele, liebe ich sein Mehr, das ich nie erkennen werde, mehr, als ich das Wenige liebe, das ich erkennen werde. Wegen dieses Mehr meiner Liebe gehört das Bessere mir. Darin besteht die Vollendung meines Geistes.“ (S. 64; siehe auch S. 62f).

Aus der personalen Differenz zwischen liebend-geliebter Seele und liebend-geliebter göttlicher Liebe entsteht ein Beziehungsraum, in dem die Liebe immer neu zu überraschen vermag. Sobald er sich entfaltet, wird jede Belehrung von außen, die doch nur in vergegenständlichendem Wissen bestehen könnte, überflüssig: „Und mehr brauche ich von ihm [dem göttlichen Bräutigam] nicht reden hören, außer man versichere mir denn, mein Freund sei unfasslich. Darum kommt meine Liebe an kein Ende mit der Liebe: andauernd empfängt sie neue Liebe von dem, der ganz Liebe ist. Dies ist der Schluss, spricht die Seele, von dem, was man mir sagen kann.“ (S. 63). Die Seele, die „einzig in der Liebe besteht, will nichts mehr, das ihr durch Vermittlung zukäme. … Ach, bei Gott! Welch großer Unterschied besteht doch zwischen dem Geschenk eines Freundes an seine Freundin durch Vermittlung und einem Geschenk unmittelbar vom Freund zur Freundin!“ (S. 21).

Marguerite beschreibt in poetischen Bildern der spirituellen Tradition, die sie selbst als präzise Gedanken auslegt, wie unsere Beziehung zum Göttlichen gedacht und gelebt werden kann. Eine vergegenständlichende Annäherung, ein begrifflicher Zugriff, führt zu keiner Erkenntnis des göttlichen Lebens, ebenso wenig die Arbeit an der eigenen Tugendhaftigkeit. Nur wirkliches, das heißt selbstvergessenes „beim-Anderen-Sein“ öffnet für die Liebe, die sich schenkt. Die „einfache Seele“ hat Abschied genommen von „Vernunft“ und ihren Anweisungen, etwas für Gott zu tun oder zu unterlassen, von ihrem Anspruch, etwas von Gott zu erkennen. Sie weiß nichts Bestimmtes mehr über Gott noch über sich selbst. Stattdessen erkennt die Seele, wie Gott auf sie wirkt. Sie selbst wird im Laufe ihres konkreten Lebens das Buch, in das der Heilige Geist sich einschreibt: „Es ist der Heilige Geist, der diese Lektion wunderbar aufschrieb, und die Seele dient ihm als kostbares Pergament: da wird der göttliche Unterricht abgehalten, bei geschlossenem Mund.“ (S. 105).

Marguerite ist am Ziel ihrer denkenden, liebenden Suche angelangt: nichts mehr wollend, wissend, besitzend, nichts mehr fürchtend hält sie sich der Liebe hin, die sich schenken will. In dieser Absichtslosigkeit endet Religion, insofern diese das Bemühen ist, der Gottheit zu gefallen und den Normen der Institution zu genügen: „Solche Seelen vermögen sich nicht als gut oder schlecht zu beurteilen, sie haben von sich keinerlei Erkenntnis, noch wüssten sie zu entscheiden, ob sie bekehrt oder verkehrt sind.“ (S. 27). Es beginnt das freie Leben in der Zwiesprache mit der göttlichen Liebe, die uns umgibt, durchfließt und uns in allem begegnen will.

Zum Weiterlesen

Margareta Porete, Der Spiegel der einfachen Seelen. Wege der Frauenmystik. Aus dem Altfranzösischen übertragen und mit einem Nachwort und Anmerkungen von Louise Gnädinger, Zürich und München 1987 (auf dieses Buch beziehen sich die im Artikel genannten Seitenangaben, die Übersetzung wurde aber teilweise nach dem altfranzösischen Original korrigiert).

Marguerite Porete, Le Mirouer des simples ames, édité par R. Guarnieri – Margaretae Porete, Speculum simplicium animarum, Turnhout 1986 (auf dieses Buch beziehen sich die Seitenangaben der französischen Textvarianten im Artikel)

Irene Leicht:  Marguerite Porete – eine fromme Intellektuelle und die Inquisition, Freiburg i. B., Basel, Wien 1999

Autorin: Irmgard Kampmann
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 23.04.2010
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Danke!

    An und mit und in diesen „Gedanken“ war ich -wie auf geheimnisvolle Weise mitgenommen- in
    den beiden letzten Tagen. Immer wieder hatte ich den Text vor mich hingestellt;
    und jedes Mal erlebte ich Neues. Es wurde immer mehr, -mehr als der ganze Text,
    und doch wurde es in mir immer einfacher,-um nicht zu sagen „nichtiger“!
    (Ähnliches habe ich bisher nur erlebt beim Studium von Texten von Luisa Muraro.)
    Führwahr beglückende, unendliche Momente!
    Ich danke der Autorin dieses bzw-Beitrages!

  • Klaus Nepple sagt:

    Schönen guten Tag,

    ich freue mich, auf Ihre Seite gestossen zu sein.
    Auf das Weitere bin ich gespannt.
    Für den Beitrag von Irmgard Kampmann bin ich dankbar.

    Mit den besten Wünschen
    klaus nepple

  • Teresa T, sagt:

    Dankeschön. Das ist eine recht gute Zusammenfassung.

    Ich beschäftige mich gerade in einem Seminar an der Uni mit dem Thema „Ketzer“ mit Marguerite Porete. Es ist doch erstaunlich, dass es eine Begine des 13./14. Jahrhunderts schafft, den Gottesbegriff recht verständlich in Worte zu fassen, während es der Kirche heute noch nicht gelingen will.
    Persönlich interessiert mich die Frage, ob die Lehre Poretes nicht buddhistisch anmutet. Sicher gibt es grundlegende Unterschiede, wie z.B. die Vorstellung, dass es nur ein Leben gibt und damit die ‚verlorenen‘ oder ‚verirrten‘ Seelen Gott nicht schauen können. Im Buddhismus haben sie dann eben in den nächsten Leben die Chance zu erkennen, dass reine Rationalität oder Askese nicht zurück zum Göttlichen führt.

    Interessant finde ich, dass ich Marguerites Ausführungen verstehe und nachvollziehbar finde, während mich viele andere christliche Glaubensbeschreibungen abschrecken. Geht das noch anderen so – bzw. gibt es Buddhisten, die diesen Text ähnlich lesen? 🙂

    Beste Grüße
    Teresa

  • Karin Lindner sagt:

    Sehr geehrte Frau Kampmann, eigentlich wollte ich nur mehr über Meister Eckehart lesen (Ihr Brevier liegt auf meinem
    Tisch) und finde eine neue bewundernswerte Persönlichkeit
    des mystischen, geistigen Lebens aus dem Mittelalter in Ihrem Beitrag.
    Und werde mich vertieft mit ihr befassen, eine echtes Geschenk.
    Danke!!
    Mit freundlichem Gruß
    Karin Lindner

  • Taeubert Herbert sagt:

    Sehr geehrte Frau Kampmann,
    ich bin von Ihrem Beitrag sehr beeindruckt. Gestossen bin ich auf Marguerite Porete über einen Artikel durch einen Artikel von Lethra Böhringer in der Zeit-Geschichte: Die Kirche und ihre Ketzer. Dort wird allerdings erwähnt das es kein Bild von ihr gibt. Sind die Bilder die Sie veröffentlichen authentisch? Wo sind sie her?
    Was mich besonders fasziniert ist die Logik des Zusammenfalls von Gegensätzen in Gott. Das ist 100 Jahre früher als Nikolaus von Kues, den ich gerade studiere.
    Vielleicht können Sie mir ja etwas über die Bilder sagen.
    Mit freundlichen Grüssen,
    H.Taeubert

  • Bruni Krüger sagt:

    Der Link auf „Margarete Porete / Wissen von A – Z“ ist leider nicht mehr „available“.
    Herzlicher Gruß
    B. Krüger

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