beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik denken

Mehr Körperkontakt!

Von Antje Schrupp

Über das Tabu, zärtlich zu sein

Sofa

Sich gemütlich auf einem Sofa zusammenkuscheln und Film schauen? Außerhalb von Liebesbeziehungen ist so etwas kaum möglich. Foto: Antje Schrupp

Kürzlich diskutierte ich mit einem Freund über Mithu M. Sanyals Artikel über die „Pornofizierung der Gesellschaft“ und den Kommentar, den LeV dazu geschrieben hat. Mithu schlägt vor, die Darstellung von Sexualität nicht als solche zu problematisieren, sondern sie an Begriffe wie „Wertschätzung“ und „Liebe“ zu koppeln. LeV hingegen findet diese Verknüpfung letztlich doppelmoralisch, denn sie glaubt, „dass der Wunsch, sich in welcher Form auch immer, mit Sexualität zu konfrontieren, natürlich ist und zum Menschsein dazugehört, und dieser Wunsch wird nicht dadurch unnatürlich, weil er frei und unabhängig von einem anderen menschlichen Wunsch, nämlich dem nach Nähe, Liebe und Wärme, existiert.“

Der Ausgangspunkt unseres Gesprächs war, dass wir zunächst Mithus Argumentation richtig fanden, dann aber gleichzeitig auch LeVs Beobachtung zustimmten. Lässt sich Sexualität auch unabhängig von Liebe positiv sehen?

Der Punkt, der sich herausschälte, war folgender: Das Problem, mit dem wir es angesichts des verkrampften Umgangs mit Sexualität in unserer Kultur zu tun haben, ist eigentlich nicht so sehr, dass der Sexualität die Liebe und Wertschätzung fehlt, sondern andersherum: dass den liebevollen und wertschätzenden Beziehungen jegliche körperliche Ausdrucksmöglichkeit fehlt.

Uns fiel nämlich auf, dass nicht nur Sexualität, sondern jede Art von körperlichem, liebevollem Kontakt zwischen Menschen in unserer Kultur stark tabuisiert ist, sobald sie außerhalb intimer Paarbeziehungen stattfindet. Niemand fasst sich an, niemand kuschelt miteinander, niemand hält sich im Arm, niemand streichelt sich gegenseitig – das alles ist nur unter expliziten Liebespaaren erlaubt. Was im Umkehrschluss heißt: Sobald es zu körperlicher Nähe kommt, steht die Frage nach einer Liebesbeziehung und damit nach expliziter Sexualität im Raum.

Sex im Sinne von Geilheit, Erregung und erotischer Lust ist nicht dasselbe wie körperliche Nähe und zärtlicher Hautkontakt. Trotzdem ist aber beides nicht eindeutig voneinander zu trennen, die Übergänge sind fließend. Ebensowenig ist Liebe, so wie wir sie unter Paaren als „normal“ definieren, dasselbe wie freundschaftliche Nähe und Sich Mögen – und doch sind auch hier die Übergänge fließend, wie wohl alle aus Erfahrung wissen. Beides ist nicht dasselbe und doch kann sich immer und jederzeit das eine aus dem anderen ergeben: aus Freundinnen können Liebespaare werden (und andersherum), aus Kuscheln kann Sex werden (und andersherum).

Die Art und Weise, wie diese Übergänge gestaltet, erlebt, besprochen und dargestellt werden, – kurz: die Kulturtechniken, die eine Gesellschaft bereithält, damit Beziehungen gelingen – ist auf eine sehr schädliche Weise verkürzt: Paare müssen Sex haben oder sich fragen, was mit ihnen nicht „stimmt“, alle anderen dürfen nicht nur keinen Sex haben, sie dürfen sich nicht einmal zärtlich anfassen und berühren.

Die einzige Ausnahme, die uns einfiel, ist die Beziehung zwischen Müttern und Töchtern und zwischen Müttern und kleinen Söhnen: Hier ist Zärtlichkeit noch relativ tabulos erlaubt und kann auch öffentlich gezeigt werden. Mit Müttern und größeren Söhnen ist es schon schwierig, und erst recht zwischen Männern und Kindern, die sich praktisch sofort dem Verdacht der Pädophilie aussetzen.

Selbst bei guten Freunden und Freundinnen sind wir oft verkrampft, sobald es um einen körperlichen Kontakt geht, der über ein flüchtiges Küsschen zur Begrüßung hinausgeht. Sich gemeinsam auf ein Sofa kuscheln und einen Film schauen ist normalerweise nicht möglich. Auch nicht, gemeinsam in einem Bett zu übernachten, sich zu streicheln, Händchen zu halten, sich im Arm zu halten (von Extremsituationen wie großer Verzweiflung vielleicht abgesehen). Noch schlimmer ist es bei Bekannten: Sich bei einem Arbeitskollegen über die Schulter beugen, um auf seinen Bildschirm zu schauen, wird schnell zur heiklen Angelegenheit.

Vor allem Männern gegenüber ist jede Art von zärtlicher Berührung und körperlicher Nähe tabu – einem Mann, der nicht der Liebespartner ist, körperlich nahe zu kommen, das ist ein größerer Skandal als ihn zu schlagen oder zu prügeln. Unter Frauen ist es (noch?) ein wenig besser, aber auch nicht sehr.

Diese Kultur der Körperlosigkeit in Beziehungen läuft den menschlichen Bedürfnissen entgegen. Denn es ist kaum möglich, ohne körperliche Nähe, ohne Angefasst werden, Streicheln, Kuscheln, Umarmt werden, gut zu leben. Deshalb müssen wir alle so verzweifelt auf eine Zweierbeziehung hoffen. Deshalb ist die Einsamkeit alter Menschen so unerträglich. Wir stellten bei unserem Gespräch fest, dass das unsere größte Angst vor einem eventuellen Single-Dasein ist: auf die Möglichkeit körperlicher Nähe verzichten zu müssen. Nicht das Geld macht uns Sorgen, nicht das Ausgelastet sein, nicht das Eingebundensein in Freundschaften und ein soziales Netz, letztlich auch nicht der pure Sex – das alles ist auch außerhalb der klassischen Zweierbeziehung zu haben. Kuscheln, Küssen, Streicheln, sich Körperlich geborgen Fühlen aber nicht.

Eine Gesellschaft, die die menschliche Sehnsucht nach Körperkontakt so extrem einschränkt und mit Tabus gelegt, muss sich eigentlich nicht wundern, wenn sich destruktive und gewalttätige Formen von Sexualität entwickeln. Kinder und Jugendliche, die nirgendwo eine „normale“ Kultur von Körperkontakt unter Erwachsenen vorgelebt bekommen, können natürlich auch kein Repertoire und keine Sprache finden, um sich gegen sexuelle Übergriffe zu wehren.

Um zur Ausgangsfrage zurückzukehren: Vielleicht hat Mithu M. Sanyal mit ihrem Vorschlag Recht, Sexualität mit Liebe und Wertschätzung zu verbinden – aber die Verbindung müsste genau anders herum gezogen werden: Der Anfang liegt nicht darin, dass wir Sex nur tolerieren, wenn er mit Wertschätzung und Liebe verbunden ist. Sondern der Anfang liegt dort, wo wir lernen und dafür kulturelle Formen finden, dass unsere Sympathie und Wertschätzung für andere Menschen (und eben nicht nur die große Liebe zu der oder dem EINEN) auch etwas mit Körperlichkeit und Zärtlichkeit zu tun haben kann.

Möglicherweise würden sich auf dem Hintergrund einer solchen Normalität zusätzlich auch Formen von Sexualität entwickeln, die ohne eine persönliche Beziehung auskommen, von denen LeV schreibt. Doch der Wunsch danach – das ist jedenfalls meine Vermutung – wird bei den meisten Menschen wahrscheinlich nicht sehr groß sein. Denn sie hätten ja eine breite Palette von Möglichkeiten, ihre Zuneigung, Verbundenheit, Freundschaft und Sympathie zu anderen Menschen körperlich ausleben zu können.

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 12.04.2010

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ingo Leschnewsky sagt:

    Und wie steht’s mit der Treue?

    Toll geschrieben und absolut nachvollziehbar. Nur mußt Du meiner Meinung nach dabei (oder in einem weiteren Artikel) auch auf das weitverbreitete Konzept der „Treue“ zu sprechen kommen. Das läßt sich nicht einfach abhaken, indem man es für überholt erklärt. Schließlich stellen sich wohl die meisten Menschen die Frage, welche Auswirkungen es auf ihre Beziehung hat, wenn der Partner (m/w) auch Zärtlichkeiten mit anderen Menschen außerhalb der Beziehung austauscht. Und wer kann schon von sich behaupten, dann völlig frei von Eifersucht zu sein?

  • LeV sagt:

    Mehr Akzeptanz für das ungerichtete, sexuelle Begehren wagen.

    Ich stimme diesem Artikel im Prinzip zu. Wenn wir es zulassen, können sich für uns manigfaltige Formen von zwischenmenschlichen Beziehung ergeben. Denn die Menschen sind alle sehr verschieden und entsprechend unterschiedlich sind unsere Bedürfnisse jedem einzelnen gegenüber. Es ist nicht immer entweder lose Bekanntschaft, platonische Freundschaft, monogame Partnerschaftsbeziehung oder Affaire. Die Arten, wie Beziehungen zwischen Menschen sich ausgestalten und funktionieren könn(t)en, changieren. Sie sind dynamisch von Mensch zu Mensch und mit der Zeit.

    Jedes vorgefertigte Konzept von Beziehung ist eine Form der Beschränkung und Unterdrückung, weil sie den individuellen und den dynamischen Faktor nicht mitdenkt. Durch solche Beschränkung berauben wir uns der Möglichkeit, individuelle und auf die Beteiligten zugeschnittene Konzepte von Beziehung zu leben. Ich möchte mir nicht, nur weil ich einen festen Freund habe, verbieten, mit jemand anderem zu schlafen oder auch nur zu kuscheln, wenn ich das Bedürfnis dazu habe und der andere auch. Ebenso möchte ich meine Geilheit nicht unterdrücken müssen, nur weil mein Freund gerade nicht anwesend ist.

    Und das ist der Punkt, der mir auch bei meinem ersten Kommentar sehr wichtig war und der in diesem Artikel m.E. wieder etwas zu kurz kommt. Ich möchte auch mehr Akzeptanz für das ungerichtete sexuelle Begehren, das manchmal einfach da ist, wagen. Warum soll ich nicht im Falle meiner spontanten Geilheit still für mich irgendwo masturbieren gehen, mir dabei erotische Videos ansehen, austrahlen oder mir einen geeigneten Partner suchen? Geeignet kann in einem solchen Fall auch jemand sein, bei dem ich mir die Frage, ob ich die nächsten vier, acht, sechszehn Wochen oder Jahre mit ihm verbringen möchte, einfach mal nicht gestellt habe. Denn ich möchte vielleicht gerade nur vögeln und nicht lieben oder sonstig emotional verbandeln. Auch dieses Bedürfnis hat m.E. seine Berechtigung. Es erscheint mir selten klug, das eigene Begehren zu unterdrücken, ganz gleich welcher Art es auch immer sein mag. Dass es eben auch mal rein sexueller Natur sein kann, ohne dass das was Schlimmes wäre, findet in unserer Gesellschaft leider noch wenige Befürworter.

    Sich selbst in Sachen zwischenmenschlicher Beziehungen Restriktionen aufzuerlegen, führt zu Verspannung, Unsicherheit, Verklemmtheit, Gewissensbissen, etc. Eben dazu, dass auch unsere Kinder merken, dass körperlicher Kontakt in unserer Gesellschaft irgendwie etwas nicht so recht Akzeptiertes ist, dass man damit nicht frei und ungezwungen umgehen kann und dass man das Kribbeln zwischen den Beinen in den allermeisten Fällen zu unterdrücken hat, weil das was Schlechtes ist. Aber wenn mein sexuelles, emotionales, intimes, intellektuelles, etc. Begehren gegenüber einem bestimmten Menschen auf Gegenseitigkeit beruht, ja warum soll ich das nicht (er-/aus-)leben dürfen?

  • Antje Schrupp sagt:

    Irgendwelche Konventionen gibt es wohl immer

    @LeV – theoretisch bin ich 100pro deiner Meinung, praktisch glaube ich jedoch nicht, dass es jemals eine Gesellschaft geben wird, die überhaupt keine Restriktionen und Konventionen im Umgang mit Freundschaft/Liebe, Sex/Körperlichkeit haben wird. Außerdem ist es ja durchaus auch sinnvoll, dass man sich Gedanken macht, wie gewaltsame Strukturen auch auf diesem Gebiet möglichst verhindert werden – auch dazu können Konventionen dienen. Von daher denke ich, der Weg wird eher darüber gehen, dass wir uns ANDERE Konventionen ausdenken und einüben anstatt einfach nur JEDE Art von Konvention zu bekämpfen..
    @Ingo – das mit der Eifersucht ist vielleicht schon ein Problem, aber aus meiner Sicht eigentlich ein Irrationales. Eifersucht ist eigentlich immer unnütz, denn entweder ist sie berechtigt, dann nützt sie nix, oder sie ist unberechtigt, dann nützt sie auch nix :))

  • LeV sagt:

    Konventionen

    @Antje:

    Im Sinne von Übereinkünften wird es immer gesellschaftliche Konventionen geben. Das ist schon allein deshalb nötig, damit wir uns von Mensch zu Mensch verstehen. Wir müssen uns einigen, wie wir einander verstehen wollen, was mir meinen und uns vorstellen, wenn wir Begriffe verwenden, bspw. den Begriff „Beziehung“. Wenn jemand sagt, „ich habe eine Beziehung mit X“, dann meint er meist eine im Zweifelsfalle monogame Liebesbeziehung. All die anderen Varianten von Beziehung werden dann nicht mitgedacht und übergangen. Es ist ein zentrales Problem der Sprache, das sie die Sachverhalte in der Realität entindividualisiert. Sie macht gleich, was u.U. ungleich ist und viel besser begriffen und gehandhabt werden könnte, wenn man es auch mal in seiner Ungleichheit betrachten würde.

    Ich fordere in gewisser Hinsicht, Aspekte wie Sexualität und Beziehung differenzierter zu betrachten, als das heute allgemein gemacht wird. Dazu gehört natürlich auch über Macht- und Gewaltkonzepte nachzudenken und Restriktionen auszusprechen, wo sie sinnvoll erscheinen. Darüber was sinnvoll ist, muß aber genau nachgedacht werden und zwar möglichst unabhängig von moralischen Aspekten.

    Es ist sicherlich sinnvoll, den Sex zwischen einem erwachsenen Menschen und einem Kind zu verbieten. Aber ist es sinnvoll, einem 17-Jährigen den Sex mit einer 16-Jährigen zu verbieten oder diesen einzusperren, weil er seine Freundin beim Sex mit dem Handy aufgenommen hat? Es scheint sinnvoll, unfreiwillig gewaltsamen Sex zwischen Erwachsenen zu verbieten. Aber ist es auch sinnvoll, den freiwillig gewaltsamen Sex (BDSM) unter Strafe zu stellen?

    Abgesehen von juristischer Restriktion gibt es aber auch gesellschaftliche. Viele, die Sexualität erwachsener Menschen betreffende Aspekte haben trotz ihrer Legalität keine gesellschaftliche Legitimation. Homosexualität war bspw. noch lange nach der Legalisierung verpönt, ebenso ist es Prostitution. Zu Onanie oder dem Ansehen von Pornos oder dem Besuch eines Bordells kann sich heute noch kaum jemand schamfrei bekennen, obwohl dies wirklich keine Verbrechen sind.

    @Ingo:

    Wie du den Begriff „Treue“ benutzt, gehst du davon aus, das er für alle Menschen bedeutet, dass man nicht mit einem anderen Menschen als dem eigenen Partner schläft. Für mich, die ich in einer festen offenen Beziehung lebe, bedeutet „Treue“ etwas ganz anderes, nämlich dass ich hinter meinem Partner stehe, diesen unterstütze und nicht belüge. Wenn ich Sex mit anderen Menschen habe, heißt das nicht, dass ich untreu bin. Auch „Treue“ ist also eine Frage der individuellen Übereinkunft von zwei Menschen, die eine wie auch immer geartete Beziehung zueinander haben.

    Man muß nicht einmal frei von Eifersucht sein, um dieses Konzept zu leben. Man muß nur bereit sein, mit solchen Gefühlen anders und verantwortungsvoller umzugehen. Wenn mein Partner mit einem anderen Menschen schläft oder diesen sogar liebt, heißt das nicht, dass seine Liebe zu mir automatisch aufhört. Das Herz ist groß genug, mehr als einen Menschen zu lieben. Auch eine Mutter kann alle ihre Kindern lieben und muß sich dabei nicht auf ein einzelnes beschränken.

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Unendlich viel

    Diese großen, scheinbar so freizügigen Worte bzgl. „des Themas“ sind mir als eine der Älteren so nicht gegeben. Vielleicht ist gerade das der Grund, warum ich hierzu etwas mir Eigenes, mir elementar Wichtiges sagen möchte: Zärtlichkeit… beginnt mit einem langen, warmen und vor allem offenen Lächeln. Und selbst wenn es „nur“ dabei bleibt, ist es unendlich viel!

  • Lisa sagt:

    Free Hugs

    Kennt ihr diese Bewegung schon: http://www.freehugscampaign.org/

    Die laufen weltweit durch die Städte. Vor allem, die Begründung, wie es zur Kampagne kam, fand ich sehr schön.
    Wenn ich mich recht erinnere, gibt es doch auch hin und wieder mal Berichte über sogenannte Kuschelparties, bei denen tatsächlich einfach nur gekuschelt wird. Bedarf ist da, nur wird er nicht im ähnlichen Maße gedeckt, wie das Bedürfnis nur Sex zu haben ohne Beziehung und Zärtlichkeit.

  • Johannes sagt:

    Hab’s ausprobiert und es tut gut …

    … andererseits stimmt es auch nachdenklich.

    Ich verkehre oft in einem Millieu, in dem unverbindlicher unverfänglicher Körperkontakt durchaus vorkommt. Aneinanderkuscheln, Streicheln auch mal Knutschen. Es tut so gut, Menschen, die man mag, einfach mal so in den Arm nehmen zu können oder einfach mal so von ihnen in den Arm genommen zu werden.

    Wenn ich dann außerhalb dieses Milleus bin, beispielsweise an meinem Arbeitsplatz, dann vermisse ich das. Manchmal vergesse ich es auch fast, dass Anfassen da vielleicht falsch interpretiert wird. Und das frustet mich. Besonders, weil ich es kenne, wie es ist, wenn man es einfach so tun kann. Wenn man einfach so mit netten Menschen auf einem Matrazenlager liegt und kuschelnd einem Konzert zuhört. Ohne, dass man sich Gedanken machen muss, wie es wohl interpretiert wird, wenn man streichelt, sich ankuschelt oder küsst, sondern es einfach tun kann.

  • S.Peters sagt:

    Körperkontakt – natürlich!

    Es wird schwierig sein, mich auf Deutsch zu auessern, aber ich versuche es. Ich bin eine Amerikanerin libanesischer Herkunft (all meine Grosseltern waren von Libanon nach den USA ausgewandert).

    In meiner Familie war es (und ist immer noch) ganz normal/ueblich Liebe,
    Waerme, Zaertlichkeit zu zeigen – Eltern, Geschwister, Tanten, Onkeln,
    Kindern usw. Das Sofa war immer ein gemuetlicher Platz beisammen zu sein
    fuer Gespraeche, Fernsehen zu schauen, sich auszuruhen… Es ist immer
    noch so bei meinen Verwandten. z.B. wenn ich bei meiner Schwester Zuhause
    bin, ist es immer noch ’normal‘, dass ihre (erwachsenen) Kinder (4
    Maedchen, 3 Juengen) ganz nahe bei mir am Sofa sitzen. Alle sieben sind verheiratet, und vier davon haben schon eigene Kinder. Die Enkelkinder sind genauso ‚affectionate‘ (zaertlich, anhaenglich, liebevoll) untereinander und mit uns allen. Wir/sie haben nie etwas anders erlebt.
    Ich bin eine katholische Ordensfrau. Als ich vor ueber 30 Jahre her nach Europa versetzt wuerde, fand ich manches fremd – besonders der ‚gewisse Distanz‘, den die Menschen hier so bewusst verwahren – auch unter Verwandten und Freunden. Ich habe mich immer wieder fragen muessen, „Warum?“ „Wovor haben die Leute Angst?“ „Verwechseln sie ‚affection‘ mit Sex?“ „Verstehen sie nicht den Unterschied?“ Koennte es auch sein, dass Menschen den Unterschied zwischen LIEBEN und VERLIEBEN nicht verstehen?

    Als Ordensfrau bin ich nicht ‚asexual‘. Ich bin eine Frau und freue mich sehr ueber mein Frausein. Fuer mich ist Sexualitaet nicht beschraenkt auf Sex (Genitality). Sie hat vielmehr mit meiner Identitaet/mein Mich-sein, mein Selbst-sein zu tun. Alles, was ich bin und tue, ist durchdrungen von(permeated by and expressed through) meinem Frausein. Ich geniesse und schaetze sehr, dass meine Identitaet, von meinem Frausein ganz gepraegt ist!
    Die Tatsache, dass ich ein Zolibatsgelubde ablegt habe, nimmt gar nichts von meiner Liebesfaehigkeit weg. Im Gegenteil! Ich weiss ganz genau worauf ich freiwillig verzichtet habe – was ich hingegeben habe – und taeglich erneuert hingebe. Ich habe weder die Liebe noch meine Liebesfahigkeiten
    aufgegeben. Ich habe nur auf eine (einige?) Weise sie zu auessern
    verzichtet – ganz bewusst und freiwillig.
    Es ist mir wichtig und klar, dass die Liebe (und ‚affection‘) in meinem
    Leben gar nicht fehlt – auch nicht nach ueber 40 Jahren der Gott-geweihte
    Jungfrauelichkeit! Fuer mich als Frau und Ordensfrau sind meine
    Sexualitaet und meine Liebenskraefte etwas umfassendes und ganzheitliches
    – viel mehr als Sex. Fuer mich kommt Genitalitaetsakten nicht in Frage, aber das hindert mich nicht, mein Frausein, mein Sexual-identitaet richtig zu leben (und erleben).
    S. Peters

  • lesekater sagt:

    Zu dieser Diskussion kann ich folgendes ergänzen:
    Gefangen im eigenen Körper sind unsere Gefühle und unser Verlangen nur allzu oft. Sie drängen nach außen, doch die Schleuse im Kopf öffnet sich nicht. Und dafür gibt es viele Gründe: Erziehungsfehler, Zwänge, Scham, Angst vor Ablehnung, schlechtes Gewissen, etc.
    Ich wünsche mir in dieser Angelegenheit sehr viel mehr Unbefangenheit und Mut, meine Gefühle für andere und das was ich über sie denke, ihnen gegenüber frei aussprechen zu können. Doch es ist (leider) nicht möglich. Gründe s. oben.
    Könnten Gefühle und der Ausdruck von Lust offen ausgedrückt werden, ich könnte mir nicht vorstellen wie ein einigermaßen sortiertes Zusammenleben dann noch möglich wäre. Wünschenswert ist diese Offenheit allemal.

  • Lucia sagt:

    “ Sondern der Anfang liegt dort, wo wir lernen und dafür kulturelle Formen finden, dass unsere Sympathie und Wertschätzung für andere Menschen (und eben nicht nur die große Liebe zu der oder dem EINEN) auch etwas mit Körperlichkeit und Zärtlichkeit zu tun haben kann.“

    Oja, vielen Dank dafür, sehr gut beschrieben.
    Auch ich möchte Menschen umarmen etc. können ohne dass da gleich ein sexueller Kontext unterstellt würde.
    Da geht m.E. ein ganz wichtiger Teil Mit-Menschlichkeit verloren – einer Mehrheit der Menschen wäre dies wohl auch vollkommen unverständlich.

    Und so kann frau sich zumindest einmal monatlich von der Kosmetikerin im Gesicht massieren lassen und/oder sich eine entspannende Körpermassage gönnen.
    Das sind dann für mich Solo-Frau die einzigen menschlichen Berührungen, die ich (gesellschaftlich akzeptiert) erleben darf.

  • angsthase sagt:

    ich lebe seit fünf jahren als unfreiwilliger single, bin allgemein introvertiert, leide seit mehreren jahren unter sozialer phobie und meine engeren freunde, die fast alle in einer festen beziehung sind, fühlen sich entweder unwohl bei dem gedanken körperlichen kontakt mit mir zu haben, der über eine flüchtige umarmung hinausgeht (eifersucht der parterninnen), oder interpretieren viel zu viel in so eine annährung hinein, so dass es mir wiederum unangenehm wird. und wenn es nicht die eifersüchtigen freundinnen sind, oder ihr eigener wunsch nach mehr, dann ist es, wie ihr hier schon geschrieben habt, die unbeholfenheit, weil man es eben gar nicht anders kennt. kann jedenfalls nur bestätigen, dass es kaum möglich ist ohne körperliche nähe gut zu leben. gibt es für die art vernachlässigung bereits ein wort? oder spricht man auch hier von hospitalismus? ich weiß es nicht, aber ich bin froh, dass dieses thema hier aufgegriffen wird.

  • claudia sagt:

    An Johannes und Lisa : leider stoße ich erst jetzt auf eure Beiträge. Vielleicht könnt ihr mir weiterhelfen. Ich suche eine Gruppe oder Therapie bei der Streicheleinheiten ausgetauschr werden, weil dies im Leben viel, viel zu kurz kommt. Gibt es Gruppen, Therapien, freie Treffen oder ähnliches zum Austausch von Streicheleinheiten ?

  • Timo Ollech sagt:

    @claudia und alle: Kuschelparties sind inzwischen weit verbreitet, in Deutschland und anderswo, eine Liste gibt es hier http://www.alle-kuschelpartys.de/
    Bestätigt auf jeden Fall das, was Antje schreibt. 🙂

Verweise auf diesen Beitrag

Weiterdenken