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Eine der mächtigsten Frauen der Welt

Von Andrea Günter

Über das Phänomen Angela Merkel und was sich daraus über die Verbindung von „Frau“ und „Macht“ lernen lässt.

Angela Merkel

Foto: Laurence Chaperon/Bundesbildstelle

Zehn Jahre – zehn! eine ganze Dekade! – Angela Merkel: In diesen Wochen wurde das Jubiläum einer Frau gefeiert, die seit zwanzig Jahren Bundestagsabgeordnete, seit zehn Jahren CDU-Vorsitzende, seit fünf Jahren Kanzlerin der Bun­desrepublik Deutschland ist und damit als eine der mächtigsten Personen und Politiker der derzeitigen Welt gilt. The same procedure as every year – and as every man?

Eine der mächtigsten Frauen der Welt! Wenn das unbestreitbar etwas Besonderes ist, was genau ist das Besondere daran? Wo tritt es hervor? Wie lässt sich diese Konstellation abschreiten: „Mächtig“, „Frau“, „Politik“ und „Welt“?

Es gab ja schon andere „mächtigste Frauen der Welt“, Kleopatra, Katharina die Großen, Indira Gandhi, Golda Meira, sogar Hillary Clinton oder Margret Thatcher wären zu nennen. Aber zwischen Indira Gandi oder Margret Thatcher etwa tun sich Welten auf. Es heißt offenbar nicht für jede von ihnen politisch dasselbe, eine der mächtigsten Frauen der Welt zu sein. Gräben zwischen politischen Konzepten tun sich auf.

Inwiefern, in welchem Sinne also, ist Angela Merkel eine der mächtigsten Frauen der Welt? Muss für die Qualifizierung des Handelns der derzeitigen Kanzlerin überhaupt betont werden, dass sie eine Frau ist? Was heißt „Frausein“ hier? Und schließlich: Was zeigt diese Qualifikation im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Positionierung von Frauen in westlichen Kontexten heute an?

Aus Anlass ihrer „Jubiläen“ waren die Zeitungen voll mit Bestandsausnahmen, historischen Erinnerungen, Analysen, Lobreden und Kommentaren zu „der Merkel“. Sie fragten, wie die Merkel an die Macht kam, welche politische Konstellation eine Merkel hervorbringt, und was sie an der Macht erhält.

Ist sie eine Vatertochter, die einen moralisch notwendigen „Vatermord“ begangen hat und somit dessen legitimierte Nachfolgerin wurde? Auch dies ist eine Weise, Frau zu sein, wie wir wissen. Was sagt das über ihren Stil? Welche politischen Ambitionen zeigen sich? Woran scheint sie im Hinblick auf eine Politik für die Zukunft zu glauben? Was heißt es für sie, für die Zukunft zu regieren?

Merkel glaubt an das Ideal des Wachstums, was heute nur noch als Beschönigungs- und Verschleierungspolitik gelten kann. Das Bekenntnis zum Wachstum als Strategie, die Probleme der Zukunft auszusitzen: Auch damit ist Merkel voll und ganz Vatertochter von Helmut Kohl. Vielleicht wäre es an der Zeit, das eine und das andere, das Vatertochtersein, die Vaterpolitikideale, das Vaterversagen und den Vatermord, zusammenzuzählen.

Wie nun erhält die Merkel ihre Macht? Unterläuft sie die Brüderschaft, lässt die Brüder miteinander kämpfen, damit sie im Hintergrund ihr eigenes Süppchen kochen kann? Das würde an Penelope erinnern (aus der „Odyssee“ von Homer), die nachts den Teppich aufzieht, den sie tagsüber gewebt hat, um sich die Hochzeitsanwärter vom Leib zu halten. Auch Penelope wartet, bekanntlich wartet sie auf ihren verschollenen Ehemann, will vor allem aber auf keinen Fall wieder heiraten. Dieses Warten scheint eine Grundbedingung weiblicher Machtgewinnung in Männerbündeleien zu bleiben.

Was das Zustandekommen der Merkelschen Macht betrifft, so lassen sich aber auch Strategien finden, die von frauenbewegten Orientierungen zeugen. Merkel hat Frauenbeziehungen und die CDU-Frauen-Netzwerke systematisch nicht außer Acht gelassen, sondern aktiv genutzt. Sogar die ZEIT erlaubte sich zu dem Thema ein Schwerpunktdossier, in dem der vereinsamten emanzipierten Frau im Männerapparat Frauennetzwerke und Unterstützerinnen empfohlen wurden. Es gibt aber auch machtengagierte Frauen, die sich der parteinahen Frauennetzwerke nicht bedienen – was schließen wir daraus über das Machtbewusstsein dieser Frauen? Oder über die Kontur der Netzwerke der Organisationen, in denen sie sich bewegen?

Ein weiterer Punkt, an denen der Faktor „Frau“ bei einer der mächtigsten Frauen der Welt Bedeutung erhält, zeigt sich darin, dass Merkel sich zunehmend den Stimmungen der Bevölkerung anzupassen scheint: Das ist einerseits weibliche Anpassungsleistung, andererseits gelingt ihr das ohne hysterischen Effekt. Auch wenn immer wieder gefragt wird, für welche Politik sie steht: Sie wirkz nicht getrieben oder besinnungslos, vielmehr ruhig, sicher, souverän. Weiblichkeit käme demnach mehr als Organisationsprinzip denn als repräsentierendes verkörperlichtes Programm zum Tragen. Weiblichkeit ohne großartige Transvestie und Schminke, nur mit dezenter Farbvarianz in der immergleichen Jackenform?

Bei meiner Suche über die Bedeutung der Formel „eine der mächtigsten Frauen der Welt“ ließ mich jedoch vor allem eine Aussage der französischen Sprachphilosophin und politischen Theoretikerin Julia Kristeva aufmerken, auf die ich bei der Recherche zu einem Lesebuch-Projekt „Paradigma Geschlechterdifferenz“ wieder gestoßen bin. Julia Kristeva stellt die Frage nach der Veränderung der Macht in den Vordergrund, wenn sie überlegt, was es heißt, dass Frauen in Machtpositionen vordringen: „Der Aufstieg der Frauen zu exekutiver, industrieller, kultureller Macht hat die Natur dieser Macht nicht modifiziert. Der Osten zeigt das deutlich. Die an die Leitstellen beförderten Frauen, die plötzlich ökonomische wie narzißtische Vorteile erhalten, die ihnen jahrtausendelang verwehrt worden sind, werden zu Säulen des Regimes, zu Hüterinnen des Status quo, zu eifrigsten Verteidigerinnen der etablierten Ordnung.“ (in: Die Zeit der Frauen, Frankfurt 1994, Seite 241-243)

Kristeva kritisiert, dass die Identifikation der Frauen mit vorhandenen Machtpositionen systematisch ausgenutzt wird. Als Verhalten findet sie die Nivellierung von anderem, die Behauptung von Stabilität, letztlich Konformismus. Was dabei verloren geht, ist die verändernde Bedeutung von Ausnahmen, Experimenten, Zufällen. Dass der Feminismus in der Konsolidierung des Kon­formismus mündet, daraus lässt sich für die Etablierten also Profit schlagen.

Alte Träume werden wach. Frauen sollen Sinnbild für eine Art Gegengesellschaft bleiben, eine „Schleuse der Utopie“. Doch auch diese scheinbare Gegenposition zum weiblichen Machtkonformismus folgt letztlich derselben Logik: „Wie jede Gesellschaft gründet die Gegengesellschaft auf der Ausweisung von Ausgeschlossenen. Der mit dem Bösen beladene Sündenbock reinigt die so begründete Gesellschaft, die sich nicht mehr in Frage stellt“ und sich für die Hälfte des Himmels hält.

Kristevas Analyse führt eine Alternative zur Macht um der Macht willen vor Augen: das Veränderungspotential der Ausnahmen, Experimente, Zufälle zu kultivieren. Genau das: Ausnahmen, Experimente, Zufälle zu kultivieren, war das große Potential der so genannten sozialen Bewegungen. Dieses Potential erscheint aber vor der Folie „Politik verlangt Konformismus“ nunmehr als Rückzug ins Private.

Damit also wieder zur „mächtigsten Frau“. Ändern wir dafür einmal den Vergleichspunkt. Eine der mächtigsten Frauen: Deutschlands? Was ist über die Mächtigkeit von Angela Merkel im Vergleich zu anderen derzeit möglichen „mächtigsten“ deutschen Politikerinnen zu sagen? Der Vergleich mit Andrea Ypsilanti und Hannelore Kraft drängt sich auf. Sie eröffnen eine mögliche alternative Bedeutung der Figur der „mächtigsten Frau Deutschlands“, denn ihre Namen stehen für eine Alternative, die gerade die so genannte und häufig verschmähte „Linke“ darstellt.

Was genau bedeutet „links“ als machtverändernde politische Option? Das kommt darauf an. Versteht sich die Linke vor allem als Gegengesellschaft, die man daran erkennt, dass sie dogmatisch, vereinheitlicht, funktionalisiert ist? Dann ist es richtig, sie abzulehnen. Oder steht „links“ für tatsächliche Ausnahmen, Experimente, (historische) kulturelle Zufälle? Ist „links“ bloß das Sinnbild für eine zwar andere, aber ebenso hermetische und verschlossene Politik, oder steht es gerade für das Gegenteil davon: nämlich für die Fähigkeit zur Politik, zur Öffnung hin zu Experimenten und neuen Zufällen? Deutlich ist: Wer in alte politische, wirtschaftspolitische Erklärungsmuster zurückfällt, orientiert sich nicht an den  Zufällen der Entwicklung.

Und wenn das das Kriterium ist: Wie müsste eine Alternative dann auftreten? Vor allem aber: Wie müsste sie entsprechend angesprochen werden? Wenn sie auf diese Ansprache nicht reagieren könnte, dann verspielt sie das Hoffnungspotential, für das sie steht – stehen will.

Es gibt solche und solche „mächtigsten Frauen“. Und es gibt Kriterien dafür, wie sie zu beurteilen sind. Unabhängig davon, auf welcher inhaltlichen Seite sie im klassischen parteipolitischen Spektrum stehen, lässt sich an sie die Anfrage stellen, wie sie sich zu Ausnahmen, Experimenten, (historischen) kulturellen Zufällen stellen. Denn dass sie als Frau nicht automatisch die Alternative, sondern gerade die Stabilisierung geronnener Verhältnisse darstellen können, verlangt, dass sie sich entsprechend bewähren. Zur entscheidenden Frage wird, ob sie eine politische Form dafür haben, dem Zufälligen einen Platz zu geben – und zwar, ohne es zu vereinnahmen oder gar der Selbstüberschätzung anheimzufallen, dass gerade sie selbst (und nur sie selbst) dafür stehen.

Autorin: Andrea Günter
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 15.05.2010

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Fritz sagt:

    Machtfülle der Frauen

    Meine bescheidene Meinung: Für den Aufstieg Merkels waren 3 Punkte entscheidend. 1.) Erstens hat sie Taktieren von der Pieke auf gelernt – im Alltag der DDR. Dort lernte man das „Hinter-den-Berg-halten“ mit der eigenen Meinung, das Gespür für verdeckte Machtverhältnisse und Seilschaften – das war sicherlich eine gute Vorbereitung für eine Karriere in der CDU unter Kohl. 2.) sieht sie politische Probleme bis hin zu Programmfragen analog zu naturwissenschaftlichen Lösungsaufgaben. Sie bastelt sich ihre Politik zurecht, je nach aktueller Lage. Dabei ist sie hoch intelligent, fiel zuerst durch ihre enorme Fähigkeit auf, Probleme sauber zu strukturieren und sich „auf die Sache“ zu konzentrieren. 3.) Sie gelangte als eine Art „Zwischenlösung“ an die Macht (mehr war vermutlich nicht geplant), und zwar nach dem Parteispendenskandal, sprich nach Aufdeckung einer weit verbreiteten Bereitschaft zur Korruption in der CDU. Ältere Ausprägungen waren Strauß, Lambsdorff, Möllemann. Die jüngsten Ausprägungen dieser Art gab es bei der FDP und bei der NRW-CDU zu sehen. Männern geht es oft sehr schnell um eigene Vorteile. Macht haben und Macht ausnutzen liegen da dicht beieinander. Und das ist eventuell der Punkt, wo Frauen an der Macht meistens (nicht immer) „seelisch“ anders strukturiert sind als Männer – für sie ist Machtgefühl nicht persönlich wichtig und sie sind seltener anfällig für Korruption und „Over-Confidence“, also für die Hybris der Macht. Männer an der Macht (auch in Unternehmen) neigen mit der Zeit immer mehr zu Überheblichkeit, Selbstüberschätzung, auch Raffgier und Überschreiten von Machtgrenzen. (Wahrscheinlich ist die männliche Neigung zum städigen Ausbau der eigenen Macht auch der Grund, warum in vielen Demokratien seit Athener Zeiten ein zeitliches Limit eingebaut wurde – wobei einer wie Putin natürlich gleich durch die Hintertür wieder hereinkommt.) Nicht dass bei Frauen Machtmissbrauch unbekannt wäre. Weiß Gott nicht. Aber diese Anfälligkeit für Korruption und Selbstüberhöhung scheint da doch seltener vorzukommen. Zumal bei Merkel fällt der Mangel an Egomanie auf – gerade im Vergleich mit solchen Typen wie Berlusconi, Sarkozy, Schröder, Clinton, Putin etc ad infinitum. FRauen in der Politik werden daher nicht ganz zurecht oft für „glaubwürdiger“ gehalten als die typischen politischen Karrieristen und Kampfhunde. Könnte übrigens gut sein, dass man von ihr nach dem Abschied aus dem Amt nicht als erstes die Autobiographie vorgesetzt bekommt. Und das spräche dann Bände.

  • Ursula Knecht sagt:

    zufälle kultivieren und die weibliche Freiheit

    Danke, liebe Andrea, für diesen tiefsinnigen und weitsichtigen Beitrag. Er nährt, hoffentlich nicht nur mich. Ausnahmen, Experimente und v.a. Zufälle zu kultivieren, ist/wäre eine wirkmächtige, die Realität verändernde Kraft im Politischen Denken und Handeln. Zufälle passieren, sie geschehen uns, wir können sie nicht machen, auch nicht in den Griff bekommen. Wir können „nur“ offen sein, sie wahr-nehmen und, eben, kultivieren. Ich habe bei deinem Beitrag (du beziehst dich auf Kristeva) an Muraros „Der Gott der Frauen“ gedacht. Vgl. http://www.bzw-weiterdenken.de/2009/11/der-gott-der-frauen. Wenn ich Muraro richtig verstehe, ent-deckt sie (die Nicht-Gottgläubige) in der Gotteserfahrung der Mystikerinnen den Ort, wo weibliche Freiheit wirkt, indem sich diese Frauen zu dem in Beziehung setzen, was ihnen geschieht, was sie nicht machen und nicht festhalten können, was ihnen aber auch niemand (nicht einmal die kirchliche und/oder staatliche Obrigkeit) nehmen kann, es sei denn, man tötet sie. Das Zufällige kultivieren bedeutet m.E. auch, weibliche Freiheit wirken lassen, wirkmächtig werden lassen. Unvorhergesehenes und Unvorhersehbares kann zur Welt kommen. Was meinst du?
    Und: Könnten wir zu Andrea Ypsilanti und Hannelore Kraft auch Margot Kässmann gesellen?

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