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Mit Schwester Tod in Beziehung sein

Von Juliane Brumberg

Schwester TodTrauern Frauen anders? Auf jeden Fall gibt es einerseits viele Frauen, die sich dem Thema Sterben und Tod auf neuen Wegen nähern – und gleichzeitig alte Traditionen, an die wir heute anknüpfen können. Davon erzählt Erni Kutter in ihrem neuen Buch.

Die Autorin verfolgt mehrere Stränge: Erstens ist sie zutiefst davon überzeugt, dass Leben und Sterben zusammengehören und nicht getrennt voneinander zu denken sind; zweitens beschreibt sie vielfältige Möglichkeiten, Menschen, deren Lebenszeit zu Ende geht, vor, während und nach dem Sterben zu begleiten; drittens regt sie dazu an, den eigenen Tod nicht zu verdrängen, sondern sich frühzeitig Gedanken dazu zu machen; und viertens schildert sie eine Erinnerungs- und Gedenkkultur, die Türen öffnet, um mit Verstorbenen in Beziehung zu bleiben.

Die Autorin, bekannt auch durch ihr Buch „Der Kult der drei Jungfrauen“, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Frauengeschichte, Kulturanthropologie, Mythologie und spirituellen Frauentraditionen und schöpft aus ihren Erfahrungen in der Erwachsenen- und Frauenbildung. Mit diesem Hintergrund ist „Schwester Tod“ zu einem Buch geworden, das mit seinen meditativen Texten und konkreten Fragen zum Weiterdenken die Qualitäten einer ganz praktischen Ratgeberin hat und gleichzeitig einen Schatz an altem Frauenwissen ausbreitet und in die Mysterien des Sterbens einführt.

Mit Schwester Tod in Beziehung sein

Erni Kutter zeigt Wege zu einer neuen Sterbekultur. Foto: Juliane Brumberg

Das Buch beginnt mit einer Einführung zu dem Symbol der Spirale, das für den Zyklus von Leben und Tod steht, erzählt von den weißen Frauen als Totenmüttern und stellt die heilige Notburga mit Ährengarbe und Sichel als ein Bild für die Schnitterin Tod vor: Damit etwas Neues entstehen kann, muss Altes abgeschnitten werden, ebenso wie ein Weizenkorn nur neues Leben hervorbringen kann, wenn es in die Erde fällt und stirbt.

Ausführlich widmet sich die Autorin weiblichen Sterbebegleiterinnen aus Sagen, Märchen und Heiligenlegenden und hilft, deren tröstliche Aspekte zu entdecken. Dann geht sie auf die Übergangszeit zwischen Tod und Beerdigung ein und schließlich auf Trauerrituale für den konkreten Abschied. Obwohl sie uns oft weit weg in andere Welten und Kulturen führt, bleibt sie doch immer ganz konkret an den Prozessen vor, während und nach dem Sterben. Sie lässt Trauerbegleiterinnen zu Wort kommen und Freundinnen von Abschiedsritualen erzählen. Besonders berührend ist die Passage, in der sie beschreibt, wie sie und ihre Familie am offenen Sarg von ihrer Mutter Abschied genommen haben und was ihnen dabei geholfen hat.

Es geht aber auch ganz praktisch um von Frauen geführte Bestattungsunternehmen, um das Zimmern und Bemalen eines Sarges oder um das Nähen eines Totenhemds – mit vielen Taschen für sichtbare und unsichtbare Grabbeigaben. Wir erfahren dabei, wie hilfreich es ist, wenn wir Verstorbene nicht so schnell wie möglich „entsorgen“, sondern uns die Zeit für ein „Wochenbett der Trauer“ zugestehen und eine Ars moriendi, eine Kunst des Sterbens, entwickeln, so wie es sie im Mittelalter in unserem Kulturraum schon gegeben hat.

Obwohl es ein Buch voller praktischer Tipps ist, ist es kein Nachschlagewerk, sondern ein „Lesebuch“ mit einem roten Faden. Nachdem ich es fertig gelesen hatte, war ich trotz des schweren Themas nicht bedrückt, sondern eher befreit und beschenkt. Der Tod hatte etwas von seiner Düsternis verloren und ich fühlte mich in einer ganz warmen Beziehung tatsächlich wie zu einer „Schwester Tod“.

Erni Kutter: Schwester Tod. Weibliche Trauerkultur, Abschiedsrituale, Gedenkbräuche, Erinnerungsfeste. Kösel Verlag München 2010, 208 Seiten, € 17,95.

Autorin: Juliane Brumberg
Redakteurin: Bettina Bremer
Eingestellt am: 26.05.2010

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