beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik unterwegs

“Wir haben nichts mit diesem Krieg zu tun”

Von Safeta Obhodjas

15 Jahre nach dem Krieg: Safeta Obhodjas sprach mit Frauenorganisationen und Jugendlichen in Bosnien-Herzegowina

Safeta Lesung

Vor allem junge Menschen kamen zu den Lesungen, hier in der Stadtbibliothek von Kakanj.

Während des Krieges 1992 bis 1995 haben viele Bürger Bosniens das Land verlassen müssen. Jetzt, fast zwei Jahrzehnte danach, schätzt man, dass mehr als eine Million Bosnierinnen und Bosnier außerhalb des Landes leben, weltweit. Deshalb wurde das Ministerium für Menschenrechte, Vertriebene und Ausgewanderte gegründet, dessen Hauptaufgabe es ist, die Verbindungen zwischen den im Ausland lebenden Bosniern, ihren Organisationen und dem Stammland herzustellen. Das Ministerium hat nach und nach eine Datenbank mit den Namen und Kontaktadressen der Künstlerinnen, Akademiker, Wissenschaftlerinnen und Unternehmer bosnischer Abstammung aufgebaut.

Ende April 2010 wurde ich von diesem Ministerium eingeladen, meine Arbeit und mein Engagement als Schriftstellerin in Deutschland auf der Buchmesse in Sarajevo vorzustellen. Diese Reise nach Bosnien habe ich mit meiner Kollegin Sabine Voss, Journalistin in Berlin, unternommen. Ich hatte mehrere Auftritte als Schriftstellerin, sowohl auf der Buchmesse als auch in den Stadtbibliotheken. Außerdem hatten Sabine Voss und ich einen Auftrag eines Rundfunksenders in Deutschland, eine Sendung über Jugendliche in Bosnien zu machen.

Eröffnung der Buchmesse in Sarajevo, in der Sporthalle Skenderija: In zwei Hallen stellen viele Verleger aus dem ganzen bosnisch-kroatisch-serbischen Sprachraum aus. Durch Literatur werden die früheren, kulturellen Brücken erneuert und neue erschaffen zwischen den Nationalitäten, die sich so blutig von dem gemeinsamen Land Ex-Jugoslawien verabschiedet hatten. Bosnisch, Kroatisch oder Serbisch, diese Sprachen sind so ähnlich, dass man sich leicht untereinander verständigen kann.

Die Buchmesse wurde durch Proteste der sozial bedrohten Kriegsveteranen überschattet. Die Regierung der Föderation hat ihnen die Unterstützung gekürzt. Viele von den ehemaligen Kämpfern auf beiden Seiten, der Föderation Bosnien und Herzegowina und der Republika Srpska (das Land Bosnien und Herzegowina besteht seit Kriegsende aus diesen zwei weitgehend autonomen Gliedstaaten), leben in Armut. Sie bekommen keinen Job und haben nicht einmal eine Gesundheitsversicherung. Aber was als eine ruhige Demonstration gegen die untätigen Politiker begann, endete in Vandalismus. Viele der Randalierer, die im Krieg Kinder gewesen waren, haben sich unter die Veteranen gemischt und die Polizei angegriffen. Das Gebäude der Regierung wurde demoliert und über hundert Polizisten und Demonstranten wurden verletzt.

Auf der Buchmesse in Sarajevo treffe ich viele Kollegen. Es fällt sofort auf, dass die Schreibenden, die in Bosnien leben, auf Distanz zu uns „Exilanten“ gehen. Wie immer und überall gibt es viel Konkurrenzgeist. Die bosnische Kulturszene ist sehr eng, und die ohnehin knappen Mittel für Kultur wollen sie mit den Autoren, die im Ausland „gut aufgehoben sind“, nicht teilen. Ihre Vorstellungen sind falsch, weil uns niemand ein Honorar angeboten hat. Ich hatte vier Lesungen in Bosnien, und alle habe ich ehrenamtlich absolviert.

Man spricht nicht so gerne und viel über den Krieg wie früher, aber seine Folgen sind überall spürbar. Noch einmal ist mir klar geworden, wie viele Familien durch die Trennung Bosniens zerstört wurden.

Auf der Buchmesse lernte ich einen schreibenden Bosniaken aus Belgien und seinen 27jährigen Sohn kennen, die vor dem Krieg in Bijeljina gelebt hatten. Der Vater, Muslim, wurde 1992 von den serbischen Nationalisten bedroht und musste heimlich die Heimatstadt verlassen. Nach der Flucht ist er in Brüssel gelandet. Seine Ehefrau, Serbin, und der Sohn blieben in Bijeljina, das jetzt in der Republika Srpska liegt. Die Frau ließ sich damals sofort, ohne Zustimmung ihres Mannes, scheiden, der im Ausland auf eine Chance wartete, sie und den gemeinsamen Sohn zu sich nach Brüssel zu holen. Die Trennung der Eltern konnte der Junge kaum verkraften. 1997 folgte er seinem Vater ins Exil, weil er seine Mutter und die Stadt nicht mehr ertragen konnte. Aber in Belgien oder in anderen Städten Bosniens konnte er sich nicht einleben. 2005 kehrte er nach Bijeljina zurück. Jetzt ist er erwachsen und versucht, seine Eltern zu verstehen und zu rechtfertigen. Aber er fühlt sich überall fremd.

Abends gibt es eine Lesung in der Stadtbibliothek Kakanj. Es ist mein erstes direktes Treffen mit den Leserinnen und Lesern meiner Werke in Bosnien. Der Direktor Senad Cisija hat alles sehr professionell organisiert. Der Saal ist voll, im Publikum sitzen viele junge Menschen, die meine Bücher als eine Informationsquelle lesen. „Jetzt wissen wir mehr davon, wie unsere Eltern in Ex-Jugoslawien lebten“, sagen sie. Junge Frauen und Mädchen identifizieren sich mit den Heldinnen meiner Bücher, weil Frauenrechte in Bosnien weiterhin nur auf dem Papier existieren. In der Öffentlichkeit, besonders in der Politik, kommen Frauen selten zu Wort. Tradition und Patriarchat halten sie immer noch fest im Griff. Nicht nur Musliminnen.

An den nächsten Tagen führen meine Kollegin Sabine Voss und ich Gespräche mit vielen jungen Menschen in Sarajevo, überall sprechen wir sie an. Sie denken nicht mehr an den Krieg, sie wollen nichts mehr davon wissen. Sie träumen davon, sich frei durch die Welt bewegen zu dürfen. Derzeit müssen sie, wenn sie ihre Verwandten im Ausland besuchen oder etwas von der Welt sehen möchten, monatelang auf ein Visum warten. Sie wünschen sich auch, einen festen Job zu haben. Der Arbeitsmarkt in Bosnien und Herzegowina ist ein Desaster, es herrschen Chaos, Korruption und Vetternwirtschaft. Die Firmen stellen nur befristet ein, und die Bosse verkaufen praktisch die Arbeitsplätze. Eltern sind gezwungen, einen Kredit zu hohen Zinsen bei der Bank aufzunehmen oder Geld von Verwandten und Freunden zu borgen, um eine Arbeitsstelle für ihr Kind zu bezahlen. Jugendliche in der bosnischen Föderation wollen die Nationalparteien im Herbst abwählen. Sie denken, dass das Regieren im Namen der Nationalitäten solche mafiöse Strukturen in der Wirtschaft möglich macht.

Buchmesse

Mit Ruzmira Tihic-Kadric, Stellvertreterin des Ministers für Menschenrechte, Vertriebene und Ausgewanderte, bei der Buchmesse in Sarajevo

Am nächsten Tag habe ich einen Auftritt im Fernsehen, TV Sarajevo, und danach im „Dritten Gymnasium“ in Sarajevo, vor den Schulklassen, die Deutsch als Leistungskurs haben. Dort treffe ich auch Bernd Meisterfeld, der als Koordinator und Fachberater des „Schulmanagements weltweit“ tätig ist. Meisterfeld hat ebenfalls Probleme mit den bosnischen Politikern, die sich wenig dafür interessieren, wie man das Schulwesen verbessern kann. Für sie ist viel wichtiger, dass jede Nationalität eigene Schulen mit angepassten Programmen hat. Die Schülerinnen und Schüler dieses Gymnasiums sind jedoch national gemischt. Sie haben, zusammen mit ihren Deutschlehrerinnen, meine Geschichten auf Deutsch gelesen und analysiert. Ich bekomme viel Anerkennung als Vermittlerin zwischen den Kulturen. Aber das hier ist eine Eliteschule, und ihre Schülerinnen und Schüler haben akademische Zukunftspläne.

An den nächsten Tagen führen wir Gespräche für die Rundfunksendung. Unsere erste Gesprächspartnerin ist Dr. Zilka Spahic-Siljak, eine islamische Theologin, Feministin und Wissenschaftlerin. Sie erzählt uns von dem Kampf ihrer Organisation „Die Offene Gesellschaft“ für mehr Frauenpräsenz in der Politik. Im Herbst werden die nächsten Wahlen stattfinden, wobei sehr wenige Frauennamen auf den Listen der Parteien stehen. Und obwohl mehr als 50 Prozent der Wahlberechtigten weiblich sind, bekommen diese Kandidatinnen nur wenige Stimmen. Deshalb arbeitet „Die Offene Gesellschaft“ in der Öffentlichkeit, unterstützt durch das Helsinki Komitee, darauf hin, den Frauen mehr Vertrauen zu schenken. Ihr Projekt läuft unter dem Motto „Hundert Gründe dafür, eine Frau zu wählen“. Aber Zilka Spahic-Siljak sagt, dass ein Umdenken schwer zu bewirken ist, und dass dies als ein langer Prozess betrachtet werden muss. Bei diesen Wahlen erwartet sie nicht viel von ihrer Aktion.

Sie beschreibt Umstände, die ich noch aus sozialistischen Zeiten gut kenne. Ausbildung und Studium sind für Mädchen normal geworden, darin sind sich Familien und Gesellschaft einig. Man akzeptiert das Engagement einer Frau, wenn sie nur ein Ziel hat: die existenzielle Sicherung der Familie. In ihrem Beruf kann eine Frau auch Karriere machen, zwar mühsam, aber das wird toleriert. Nach der Verheiratung haben Frauen aber kaum eine Chance, sich in der Gesellschaft zu engagieren. Sowohl die Männer als auch ihre eigene Familie verweigern ihnen in der Regel die Unterstützung. Sie setzen sie unter Druck, so lange, bis sie aufgeben. Besonders schwer ist es, die Aggressivität der Männer zu ertragen, wenn sie sich in ihrer Männlichkeit bedroht fühlen. Für das Scheitern einer Ehe gibt die Umgebung meist der Frau Schuld. Sie darf nicht mehr wollen, als ihr Mann und ihre Familie ihr erlauben.

Unsere nächste Gesprächspartnerin ist Ruzmira Tihic-Kadric, die Stellvertreterin des Ministers im Ministerium für Menschenrechte, Vertriebene und Ausgewanderte. Sie berichtet uns über Hilfe, die Bosnien und Herzegowina jeden Monat von seinen im Ausland lebenden Bürgern erhält. Sie senden eine Menge Geld an ihre Freunde und Verwandte, finanzieren und organisieren den Austausch der bosnischen Universitäten mit denen im Ausland, entwickeln Projekte, die frisches Blut und neue Kenntnisse ins Land bringen. Viele Schulen und Kliniken haben durch solche Kooperationen neue, moderne Ausrüstungen bekommen. Auch viele junge Akademiker aus Amerika, Deutschland und anderen Ländern arbeiten ehrenamtlich in Bosnien und Herzegowina. Sie versuchen, im Land ihrer Eltern Fuß zu fassen, weil sie dieses Land als ihre Heimat empfinden. Aber die wirtschaftliche Lage hindert sie daran, dort eine Existenz zu gründen.

Schließlich sprechen wir noch mit Rubeena Esmail-Arndt. Sie ist Projektmanagerin in der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und bestätigt den Eindruck unserer früheren Gesprächspartner, dass man täglich gegen die verkrustete Bürokratie kämpfen muss, um etwas für Jugendliche zu erreichen. Viele Jugendliche, besonders in der Provinz oder in ländlichen Gebieten, sind orientierungslos, sie wissen nicht, was sie nach der achten Klasse anfangen sollen. Über zwei Jahre leistete die GTZ Überzeugungsarbeit, um einigen Kommunalpolitikern beizubringen, dass junge Menschen, wenn sie ihre Zukunftschancen erkennen, die treibende Kraft der wirtschaftliche Entwicklung in den Gemeinden sind. In einigen Kommunen, wie zum Beispiel in Gradacac, sind Mitarbeiter eingestellt worden, die für die Arbeit mit den Jugendlichen zuständig sind. Man nennt sie Jugendpfleger. Gradacac ist eine Kommune, der es wirtschaftlich relativ gut geht. Die GTZ hat hier eine Ausbildungsmesse organisiert, auf der die Berufsschulen aus den umliegenden Ortschaften ihre Angebote für weitere Ausbildung präsentiert haben. Sie organisiert auch Kurse für junge Existenzgründer und Angestellte in den Betrieben und Firmen, deren Schwerpunkt „Buchhaltung nur mit den echten Belegen“ heißt. Sie versuchen den Jugendlichen beizubringen, wie eine ordentliche Buchhaltung dazu dient, die Korruption zu bekämpfen. Sie lernen auch, wie die Korruption die gesunde wirtschaftliche Entwicklung hindert und zunichte macht. Aber kaum haben diese Projekte erste Ergebnisse gezeigt, will die GTZ diese Projekte einstellen, was für Frau Esmail-Arndt total kontraproduktiv ist.

Am 29. April fahren wir nach Tuzla. Zuerst besuchen wir die Organisation „IPAK“ (Trotzdem), „Jugend baut die Zukunft auf“. Das ist eine Organisation, die trotz aller Schwierigkeiten versucht, Jugendlichen eine lebenswerte Perspektive zu vermitteln, sie zu motivieren, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Ihr Engagement wird durch den deutschen Verein „Schüler helfen Leben“ unterstützt. Einige Projekte finanziert „Renovabis“, eine Organisation der katholischen Kirche. „IPAK“ bekommt auch Unterstützung der Europäischen Gemeinschaft. Die Direktorin, Lahora Sejdia, und ihre jungen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zeigen uns die Dokumentation über ihr großes Projekt Krizevici. In dieser Ortschaft nahe Tuzla haben sie ein Jugendhaus aufgebaut, das ein Sammelpunkt für viele Jugendliche aus der Umgebung geworden ist. Das Jugendhaus bietet ihnen die Möglichkeit zur eigenen persönlichen Entwicklung, einen Raum zur gesellschaftlichen Mitarbeit für junge Menschen aller Nationalitäten. IPAK hat sie animiert, gemeinsam einige Landstraßen und Brücken zu bauen, ihre Freizeit zu organisieren und ins Ausland zu reisen und auch dieselbe Schule zu besuchen. In der Umgebung gibt es viel Landwirtschaft. Die Organisation hat den Jugendlichen beigebracht, wie man Gewächshäuser baut und betreibt.

Auch in Tuzla lese ich, in der Bibliothek „Dervis Susic“, aus meinen Büchern. Wieder sind viele junge Menschen im Publikum. Ich berichte über mein Engagement in Deutschland, über Probleme der Integration der Zugewanderten in Europa, über meine Bemühungen, wieder einen Platz in der bosnischen Kulturszene zu finden. Darüber befragen mich auch die anwesenden Journalisten vor und nach der Veranstaltung. In dieser Bibliothek sind meine Werke sehr gefragt, gehören zu den meist gelesenen Büchern.

Wir fahren weiter nach Bijeljina. Das ist eine Stadt an der Grenze zu Serbien, in der Republika Srpska. Die Stadt wurde schon im April 1992 von paramilitärischen Einheiten aus Serbien besetzt und „ethnisch gesäubert“. Die Muslime wurden vertrieben oder umgebracht. Aber einige, niemand weiß wie viele, sind in der Stadt geblieben. Nach dem Dayton-Abkommen 1995 hat sich die Situation komplett verändert. Bijeljina ist der Zufluchtsort von vielen Serben aus Sarajevo und aus anderen Städten der bosnischen Föderation geworden. Es ist unklar, wie viele Einwohner und Einwohnerinnen die Stadt jetzt hat. Der Ort hat eine sehr schlechte Infrastruktur und schlechte Zugangswege. Die Straßenverbindungen zu den größeren Städten wie Tuzla, Doboj, Banja-Luka oder Sarajevo sind eng, kurvenreich, gefährlich, und die Fahrt dauert stundenlang. Arbeitsplätze sind rar, fast 90 Prozent der Jugendlichen sind arbeitslos.

Meine Kollegin und ich verbringen viel Zeit auf den Straßen Bijeljinas, die sehr laut und chaotisch sind. Wir reden mit den Menschen, die sich ihre Zeit einfach auf den Straßen und in den Cafes vertreiben. Drei Frauen mittleren Alters, die in einem Imbiss arbeiten, fühlen sich nicht wohl in dieser Stadt. Sie äußern Reue, ihre Häuser 1995 in Sarajevo und Umgebung verlassen zu haben. Damals wurden sie von den serbischen Einheiten gezwungen, die Flucht aus der Föderation zu ergreifen, weil serbische Führer eine „ethnisch saubere“ Republika Srpska wollten. Jetzt bedauern sie es, sich nicht gegen diesen Wahnsinn gewehrt zu haben. „Wenn wir das alle getan hätten, hätten wir zuhause bleiben können“, sagt Gordana. „Aber jetzt ist es zu spät.“ Sie lebt in einer Flüchtlingssiedlung nah Bijeljina. Sie musste drei Jahre lang arbeiten, um das Geld für einen Stromanschluss aufzubringen. Sie alle fühlen sich verloren und fremd in dieser Stadt.

Dies sagen auch zwei Gymnasiastinnen, Vedrana und Bojana. Sie sind als Babys nach Bijeljina gekommen, aber heimisch sind sie nie geworden. „Wir sind Städter, Bijeljinas Einwohner sind Bauern“, behaupten die Mädchen. „Nach dem Abitur werden wir diese Stadt verlassen.“

Am Abend treffen wir einen Bekannten und seine Freundin. Beide haben ein Studium abgeschlossen, aber nie einen richtigen Job gefunden. Er hilft seiner Schwester, die eine Touristikagentur betreibt. Meist organisiert er Klassenfahrten durch Bosnien, Serbien oder ins Ausland. Wieder schildern sie eine widersprüchliche Situation. Die Jugendlichen wollen von dem Krieg nichts mehr wissen, diesen Teil der Geschichte wollen sie verdrängen. Aber die Älteren vermitteln den Kindern immer noch, das die Serben im Krieg für hehre Ideale gekämpft hätten. Berüchtigte Kriegsverbrecher sollen ihre Helden sein, obwohl der Nachwuchs nicht einmal weiß, wer diese Männer waren. Auf dem Bildschirm ihrer Handys haben die Kinder Bilder und die Filme von brennenden muslimischen Dörfern und Moscheen. Wozu, wissen sie nicht. In Bijeljina sehen wir eine kürzlich gebaute Moschee.

Ideologie und falsch verstandener Patriotismus schaffen keine neuen Arbeitsplätze oder eine bessere Zukunft. Borislava, die Freundin unseres Bekannten, stammt aus Osijek in Kroatien. Sie ist mit ihren Eltern 1990, also noch vor dem Krieg zwischen Kroaten und Serben, nach Bijeljina gekommen. Sie sagt, Bijeljina sei ihre Stadt, aber auch sie ist arbeitslos. Im nächsten Monat wird sie bei einer Firma mit einem Praktikum anfangen. Das wurde durch gute Beziehungen ihres Vater eingeleitet, gibt aber keine Garantie für einen unbefristeten Job danach. Ihr Vater arbeitet bei einer Baufirma, die viele Aufträge hat, weil die Regierung der Republika Srpska den Aufbau von mehreren Landstraßen rings um Bijeljina finanziert. Er würde ohne zu zögern einen Kredit aufnehmen, um eine Arbeitsstelle für seine Tochter zu sichern. Leute passen sich einfach an und versuchen nicht einmal, sich zu organisieren, um den Teufelskreis der Korruption zu brechen. Das ist das das Erbe des Sozialismus, das sich nicht ausrotten lässt, besonders nicht in einem geteilten Land, wo die nationalistische Rhetorik immer noch Konjunktur hat. Und junge Menschen wünschen sich, dass endlich eine Autorität aus dem Ausland kommt und den Politikern sagt: Es reicht jetzt! Wie so oft in der Geschichte Balkans. Unser Bekannter und seine Freundin erzählen, dass junge Menschen unterschiedlicher Nationalitäten sich ineinander verlieben und heiraten.

Die Rückfahrt nach Sarajevo dauert länger als fünf Stunden mit dem Bus über das Romanija-Gebirge. Die Landschaft ist atemberaubend, aber man merkt, dass die Wirtschaft überall in der Republika Srpska lahm liegt. Man sieht viel im Rohbau und wenig Lebendigkeit.

Sarajevo hingegen ist voll mit Touristinnen und Touristen. Man begegnet Deutschen, Schweden, Engländern und auch den Bosniern, die jetzt Englisch, Slowenisch, Deutsch, Holländisch und viele andere Sprachen sprechen. Für alle ist diese Stadt aufregend.

Ich treffe noch einige Journalisten und gebe ein Interview für das Bosnische islamische Radio. Ich spreche offen von den Integrationsproblemen der Muslime in Europa, über die Lage der muslimischen Frauen zwischen den Kulturen. Ich will mich selbst nicht zensieren, aber das versuchen meine Gesprächspartner auch nicht. Sie wollen Information aus erster Hand. Und ich habe das Gefühl, von ihnen so akzeptiert zu werden, wie ich bin. Ich hoffe sehr, dass der islamische Fundamentalismus keine Chance in Bosnien und Herzegowina hat. Im Ausland, auch in Deutschland, wurde darüber viel geredet. Aber jetzt sieht man auf den Straßen weniger Kopfstücher als früher, viel weniger als in Deutschland. Junge Leute sind religiös, gehen in die Moscheen beten, aber sie reden nicht von dem Glauben. Sie wünschen sich Arbeitsplätze, ein Visum, andere Politiker, mehr Zuwendung seitens der Europäischen Union.

Autorin: Safeta Obhodjas
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 21.05.2010

Weiterdenken