beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik unterwegs

Erfahrungen mit Tiefenökologie

Von Ina Praetorius

Ein Selbstinterview über die Konferenz „Inseln im Chaos“ vom 7.-12. Juni 2010 in Lindenberg im Allgäu

Du hast letzte Woche an einer fünftägigen Konferenz „Inseln im Chaos“ mit der US-amerikanischen Umweltaktivistin Joanna Macy teilgenommen. Wie war’s?

Alles in allem war es sehr interessant und bereichernd. Ich habe viel gelernt über das, was Joanna Macy „Deep Ecology“ nennt. Zwar habe ich mich als feministische Theologin die ganze Zeit ein bisschen „daneben“ gefühlt zwischen zweihundert hoch engagierten Leuten, die aus Ökodörfern und buddhistischen Meditationszentren, aus Bewegungen mit geheimnisvollen Namen wie „Holon Training“, „Visionssuche“, „Dragon Dreaming“ oder „Initiatorische Naturarbeit“ kamen…

Ein Ausschnitt aus der wachsenden Esoszene also?

Nein, so würde ich das nicht nennen. Der etwas flapsige Ausdruck „Esoszene“ bezeichnet für mich Gruppen mit undeutlicher, schwärmerischer Ausrichtung, bei denen mir nicht klar ist, ob es um Privaterleuchtung, Weltverbesserung oder Geldmacherei geht. Joanna Macy, geboren 1929, hat aber eine ganz klare politische Option. Sie ist seit vielen Jahrzehnten unterwegs zwischen den sozialen und ökologischen Brennpunkten dieser Erde: in Tschernobyl, Harrisburg, Findhorn, in Sri Lanka, Indien, Tibet… Sie hat Systemwissenschaften studiert, spirituelle Impulse aus verschiedenen Religionen aufgenommen und arbeitet daran, ein umfassendes sozial-ökologisches Bewusstsein zu entwickeln, das Körper, Geist und Seele umfasst. Wir haben täglich drei Stunden in der Grossgruppe gearbeitet, und es ist mir nie langweilig geworden bei den Vorträgen, Ritualen, PartnerInnenbefragungen, Kreistänzen, Selbstverpflichtungen und so weiter. Mal ist Joanna Professorin, dann wieder Clown, spielendes Kind, Schamanin, Entertainerin, weise Alte…  Eine faszinierende, Vertrauen erweckende Lehrerin, die es mir leicht macht, auch Gefühle zuzulassen, die normalerweise in politischen Veranstaltungen ebenso wenig akzeptiert sind wie in Gottesdiensten.

Wie bist du überhaupt auf diese Konferenz aufmerksam geworden?

Ich wurde von den VeranstalterInnen eingeladen, an der Konferenz Workshops zum postpatriarchalen Denken anzubieten. Ohne diese Einladung hätte ich wohl kaum davon erfahren. Die Bewegung „Tiefenökologie“ ist zwar gross und international vernetzt, aber dort, wo ich normalerweise verkehre, ist sie kaum bekannt. Das hat mich erstaunt. Denn vieles von dem, was Joanna Macy sagt, kommt mir ganz vertraut vor. Zum Beispiel, dass am Anfang jedes Engagements die Dankbarkeit steht, in einem weiten Sinne: Dankbarkeit für das Leben, für Mütter und Väter, für das natürliche und menschliche Bezugsgewebe, für Traditionen… Oder die Überzeugung, dass intellektuelle Einsicht für eine glaubwürdige Politik nicht ausreicht , und dass es weder mir noch der Welt gut tut, wenn ich immer nur gegen etwas kämpfe, zum Beispiel gegen das Patriarchat oder gegen die neoliberale Globalisierung. Meine Ethik habe ich ja auch „Handeln aus der Fülle“ genannt, und in diesem Titel kommt derselbe beziehungsorientierte Denkansatz zum Ausdruck. Joanna Macys Arbeit nennt sich auch „The Work that Reconnects“. Es geht ihr darum, verschiedene Bewegungen, die eine nachhaltige weltfreundliche Kultur anstreben, zusammenzuführen. Und tatsächlich hatte ich an der Konferenz immer wieder das Gefühl, mich hier mit meiner feministisch-theologischen Arbeit an etwas Grösseres anschliessen zu können.

Warum hast du dich dann trotzdem „daneben“ gefühlt?

Natürlich hatte ich damit gerechnet, dass ich als eine, die schwerpunktmässig an der Transformation der biblisch-christlichen Tradition arbeitet, eine Art Paradiesvogel sein würde, oder manchmal auch ein Sündenbock. Denn in den Kreisen, die sich in unseren Breiten dem Buddhismus oder schamanischen Traditionen zuwenden, bewegen sich ja logischerweise viele Leute, die von den Kirchen in irgendeiner Weise traumatisiert sind. Wenn dann plötzlich eine dasteht, sogar Workshops anbietet, die sich Christin nennt, dann zieht sie logischerweise Aggressionen auf sich. Dass ich aber auch als bekennende Feministin allein stehen würde, darauf war ich nicht gefasst. Zwar gab es an der Konferenz auffällig viele Männer mit langen Haaren und demonstrativ fürsorgliche Väter, und es war oft von „Mutter Erde“ oder einem „weiblichem Prinzip“ die Rede. Es herrschte eine Stimmung, die man vielleicht „postfeministisch“ nennen könnte: Irgendwie schienen alle  überzeugt, dass Patriarchatskritik und feministische Forderungen natürlich berechtigt und ein Teil der Bewegung sind, dass es uns jetzt aber um mehr gehen muss: um die Rettung der Welt, um das „Great Turning“. Damit, dass Fraueninteressen sich in einen weiteren Zusammenhang einordnen, bin ich im Prinzip ganz einverstanden. Mich hat dann aber befremdet, dass in meinem Workshop plötzlich etwas wie Lesbenfeindlichkeit in der Luft lag, also so eine unausgesprochene Vorstellung, dass das „weibliche Prinzip“, dem die Zukunft gehört, eben doch irgendwie vor allem „mütterlich“ zu sein hat. Eine Lesbe, die am Workshop teilgenommen hat, erzählte mir später, sie sei „wie auf Nadeln gesessen“. Aber gewehrt hat sie sich nicht gegen diese eigenartig verschwommene Vorstellung von weiblicher Zukunft und Mutter Erde. Überhaupt schienen offene Konflikte eher unerwünscht.

Und wie ging es dir damit als Workshopleiterin?

Ich war überfordert und habe mich auch nicht getraut, mein Unbehagen auszusprechen. Aber danach hatte ich ein sehr deutliches Bedürfnis nach „Queerness“. Ich hatte plötzlich Lust, über „Vater Erde“ nachzudenken oder am liebsten gleich diese ganze zweigeschlechtlich-mythologische Sprache abzuschaffen. Postpatriarchales Denken bedeutet ja etwas ganz anderes, als solche alten, meiner Auffassung nach patriarchalen Klischees von nährender und schenkender Weiblichkeit wieder aufzuwärmen, mit umgekehrtem Vorzeichen: also jetzt „Weiblichkeit“ zu beweihräuchern und zum „Höheren Prinzip“ zu erklären. Postpatriarchales Denken bedeutet, erstmal bewusst das Durcheinander und die Verwirrung zuzulassen, die mit dem Ende des Patriarchats entstehen, und dann noch einmal von vorne darüber nachzudenken, was Frauen und Männer, was „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ eigentlich sind und ob es so etwas überhaupt weiterhin geben soll.

Wie verträgt sich solche Lust an der Verwirrung und am denkerischen Neuanfang mit der Spiritualität der „Deep Ecology“?

Das ist eine zwiespältige Sache. Einerseits habe ich die Rituale, bei denen Lachen und Weinen, Wut und Verzweiflung wirklich zum Ausdruck kommen und Zeit in Anspruch nehmen durften, sehr genossen. Ich glaube, da entsteht wirklich etwas gutes Neues jenseits – oder besser: diesseits – verknöcherter und verklemmter institutioneller Religion und Politik. Andererseits bin ich innerlich auch immer wieder auf Distanz gegangen. Ein Beispiel: Während einer Einheit, die „Storytelling“ hiess, erzählte Joanna Macy von einem tibetischen Mönch, der über ein Massaker berichtete, das chinesische Soldaten in seinem Kloster begangen hatten. Die Geschichte gipfelte darin, dass dieser junge Mann endlich weinen konnte. Nach seinen eigenen Aussagen weinte er aber nicht über den Tod seiner Mitbrüder, sondern darüber, dass die chinesischen Mörder sich durch diese Untat ein schlechtes Karma aufgebaut hätten. Es gab tosenden Applaus für das „unendliche Mitleid“ des Buddhisten. Ich fragte mich dann, was wohl passiert wäre, wenn Joanna von einem Christen erzählt hätte, der über mordende SS-Leute erzählt und dann geweint hätte, und zwar nicht über den Tod der Opfer, sondern darüber, dass Nazis wahrscheinlich nicht in den Himmel kommen. Der Applaus wäre wohl weniger enthusiastisch gewesen, aber die Struktur der Geschichte ist doch dieselbe, oder? Ich habe mich gewundert, wie unkritisch Leute werden können, die die eigene Herkunftsreligion ablehnen und das Heil in unbekannter Ferne suchen. In solchen Situationen fehlt mir die kritische Distanz zur eigenen Szene.

Würdest du mir trotzdem empfehlen, an einer tiefenökologischen Konferenz teilzunehmen?

Ja, wenn du dort nicht ultimative Erlösung, sondern einfach Anregungen, interessante neue Arbeitsmethoden und nette Leute suchst. Und du solltest dich nicht irritieren lassen, wenn du plötzlich das Gefühl bekommst, in einem Hug- and-Cry-Contest gelandet zu sein. Aus unserer Wettbewerbskultur auszusteigen, in der es um nichts als Profit geht, also darum, besser, schneller und fitter zu sein als die anderen, ist unbestritten wichtig. Aber das geht nicht von heute auf morgen. Wahrscheinlich reicht nicht einmal ein ganzes Leben aus, um Konkurrenz- in Kooperationsverhalten zu verwandeln. Und da ist es manchmal einfach lustig zu sehen, wie Leute um die Wette weinen, einander um den Hals fallen, die Erde streicheln und spontane Tänze aufführen in dem redlichen Bemühen, möglichst noch besser als die anderen die egoistische Wettbewerbs-Unkultur hinter sich zu lassen. Vielleicht täusche ich mich aber auch, und die unzähligen langen Umarmungen unter Tränen waren wirklich alle tief und echt empfunden.

Autorin: Ina Praetorius
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 19.06.2010

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Antonella sagt:

    Liebe Ina

    Danke für deinen Bericht. Erst seit kurzem weiss ich, dass diese Bewegung existiert und freute mich deinen – auch kritischen – Standpunkt darüber zu erfahren.

    Herzlich

    Antonella

  • Matthias sagt:

    Sehr interessanter Artikel. An einigen Stellen musste ich sehr schmunzeln, zB wo Sie aus Protest (?) anfangen, über Vater Erde nach zu denken…

    LG
    Matthias Jung

  • @Matthias Jung: Das Fragezeichen hinter „Protest“ freut mich. Ich weiss auch nicht genau, ob dieser Gedanke vom „Vater Erde“ ein Protestgedanke ist, oder ob er über den Reflex des Dagegenseins hinaus weist. Mich stört die Selbstverständlichkeit, mit der man und frau immer wieder davon ausgeht, dass die Erde eine „Mutter“ ist. Das schliesst allzu deutlich an den „Vater im Himmel“ an und lässt die gängige Symbolik, der zufolge das Männliche luftig-geistig-oben und das Weibliche erdig-körperlich-unten ist, unberührt. Ich meine, für die dringend notwendige Transformation der symbolischen Ordnung wäre es wichtig, Männlichkeit auch einmal als das Tragende, Verlässliche zu denken, auf dem man (?) auch mal herumtrampelt, weil es fest in Notwendigkeiten ruht und sich nicht jederzeit geistig-luftig verflüchtigen kann. Diese Umkehrung wäre dann selbstverständlich nicht das Ende der Geschichte…

Weiterdenken