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La Nana – die Perle

Von Antje Schrupp

La nanaSeit 23 Jahren arbeitet Raquel als Haushälterin bei der Familie Valdez, einer liberalen Oberschichtsfamilie in Chile. Sie hat die vier Kinder großgezogen, hält das riesige Haus in Ordnung und fühlt sich inzwischen als selbstverständlicher Teil der Familie. Sie kennt kein anderes Leben, hat keine anderen Beziehungen.

Doch inzwischen ist sie Anfang vierzig, hat gesundheitliche Probleme und schafft die Arbeit nicht mehr so leicht. Ihre Arbeitgeberin Pilar möchte sie entlasten und eine zweite Kraft einstellen. Doch das stößt bei Raquel auf heftigen Widerstand. Sie fühlt ihren Platz im Haushalt bedroht. Intrigant, heimtückisch und geradezu bösartig mobbt sie eine Konkurrentin nach der anderen beiseite.

In Chile war der Film von Sebastián Silva ein Kassenschlager und er hat auch mehrere Filmpreise gewonnen. Aber es gibt auch vernichtende Kritiken, die den Film für unerträglich halten. Und tatsächlich ist er streckenweise nur schwer anzuschauen. Aber das finde ich dem Gegenstand durchaus angemessen.

Denn das, was hier thematisiert wird, sind die Schwierigkeiten, die sich aus unsozialen gesellschaftlichen Verhältnissen für menschliche Beziehungen ergeben. Und wir müssen dabei zusehen, wie sie sich mit gutem Willen alleine nicht lösen lassen, und zwar schon gar nicht von denen, die scheinbar das Zepter in der Hand halten: In dem Fall von Pilar, der Hausherrin. Sie möchte ein gutes Verhältnis zu Raquel haben, sie möchte sie nicht ausbeuten, sie baut ihr eine Brücke nach der anderen. Aber sie kann das Dilemma nicht auflösen: Denn bei aller Zuneigung und sozialen Verantwortung der Valdez’ – Raquel ist ganz einfach nicht das Familienmitglied, das sie gerne sein möchte. Sie ist und bleibt eine Angestellte.

Während Pilar eine vernünftige Idee nach der anderen hervorbringt, um den Konflikt zu lösen, ohne dass das jedoch etwas nützen würde, ist Raquel diejenige, die tatsächlich handelt. Sie bestimmt das Geschehen, allerdings wird sie selbst dabei auch nicht froh. Die Figur wird hervorragend gespielt von Catalina Saavedra, die die Zuschauerin emotional herausfordert: Soll man diese Person bedauern oder hassen? Alles, was sie tut, ist falsch, aber irgendwie auch folgerichtig: Der einzige Ausweg wäre nämlich, sich einzugestehen, dass sie nicht wirklich einen Platz in der Familie Valdez hat. Dass sie eigentlich niemanden hat auf der Welt.

„Haushaltsnahe Dienstleistungen“ gewinnen auch in Deutschland an Bedeutung. Wenn Menschen innerhalb von Familien füreinander arbeiten – Kinder betreuen, Alte pflegen – dann vermischen sich automatisch die Ebenen zwischen Lohnarbeit und Fürsorgearbeit. Bisher werden aber meistens nur die materiellen Seiten des Themas diskutiert: die Frage der Entlohnung, der sozialen Absicherung, der Arbeitsbedingungen.

Dieser Film zeigt jedoch, wie problematisch gerade diese Seite der Beziehungen ist. Er treibt das Dilemma auf die Spitze. Und führt vor Augen, dass guter Wille, Geld und Gerechtigkeitsempfinden nicht ausreichen, um es aufzulösen.

Der Film kommt in Deutschland am 17. Juni ins Kino.

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 16.06.2010

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Klier Sabine sagt:

    Mir ist der Film auch unter die Haut gegangen. Ich fand Raquel nur bedauernswert u konnte sie immer verstehen. Ihre Familie ist ihr ein und alles-sie hat sich 21 jahre für sie aufgeopfert u fühlte sich rausgedrängt durch eine neue Haushälterin. Womöglich würden die Familie die Neue lieber mögen??
    Warum hat die Familie soviel Aufopferung angenommen??? Dieser vorwurf ist der Familie zu machen

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