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Die Messlatte wird immer höher

Von Juliane Brumberg

Wie wirkt sich die „Rücktrittskultur“ der vergangenen Monate auf Frauen aus?

Angela Merkel in der Presse

Angela Merkel in der Presse. Foto: Juliane Brumberg

Angela Merkel in der Krise. – Keine Richtung, nirgendwo. – Mutter ohne Courage, wo ist Schröder? – Merkel ist einsam an der Spitze. – Die Kanzlerin muss jetzt tapfer sein. – Führungsstil der Kanzlerin – kann Merkel Krise? – Merkel lächelt die Krise weg. Solche Überschriften füllen seit Wochen und Monaten die Medienlandschaft. Die hämischen Kommentare darunter suggerieren, dass der Rücktritt der Bundeskanzlerin unmittelbar bevorstehen müsse, so schlecht, wie sie regiere. Krise verkauft sich immer gut, insbesondere, wenn man sie einer Frau in die Schuhe schieben kann. Und noch besser verkauft es sich, wenn eine Frau mit Macht und Einfluss zurücktritt. Das haben wir in den vergangenen Monaten ebenfalls erlebt.

Wo bleibt bei so viel Häme und Ironie die Verantwortung der Medien? Nicht nur gegenüber Angela Merkel als Mensch, sondern auch in Bezug auf die politische Gesamtsituation. Es gibt genügend Gründe, ihre Partei und ihre Koalition kritisch zu sehen. Doch was würde eigentlich passieren, wenn Angela Merkel es leid ist, den Laden hinschmeißt und so, wie es gerade einige Führungsmänner vorexerziert haben, sagt: Dann macht euren Kram doch alleine?

Die Medien hätten ihre Sensation. Doch ist es das, was Deutschland angesichts der prekären Gesamtsituation in der Welt gut tut? Wäre stattdessen einen Mann an der Spitze besser, der aus dem Bauch heraus ein Machtwort spricht? Einer, der beratungsresistent ist und sich nicht die Zeit nimmt, seinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen zuzuhören? Oder einer, der sein persönliches Ego und die lukrativen Beraterverträge schon jetzt im Hinterkopf hat? Einer, der mit übelsten Lügen bestehende Gesetze umgeht, nur um die Parteikasse zu füllen? Oder vielleicht einer, der sich in Berlin eine Zweitfrau hält und in Bayern das hohe Ideal eines heilen Familienlebens vortäuscht?Das sind alles Skandale einer Art, wie sie sich bei Angela Merkel nicht finden lassen. Sie präsentiert sich uneitel, intelligent und charakterstark. Ob sie alles richtig macht, sei dahingestellt – regieren ist nicht einfach. Es erfordert Entscheidungen, die weh tun. Auf alle Fälle genießt Bundeskanzlerin, und mit ihr Deutschland, Respekt und Achtung in der Weltpolitik.

Margot Kässmann

Hat Margot Kässmann wirklich Verantwortung übernommen, als sie zurückgetreten ist? Foto: Juliane Brumberg

Aber die deutschen Medien, auch die seriösen, schildern sie als eiskalt und machthungrig, ausgebrannt und unfähig, intrigant und Männer vergraulend. Angela Merkel muss massive Medienschelte aushalten, und es sieht nicht so aus, als ob sie sich dabei auf der Seite des „Guten“ aufhält.

Damit steht sie im Gegensatz zu der Mehrzahl der Frauen. Von Frauen wird erwartet – und sie tendieren selbst dazu – sich vom Bösen fern zu halten und auf der Seite des Guten zu sein. Mit dieser Tendenz haben sich bereits die italienischen Diotima-Denkerinnen auseinandergesetzt, und Diana Sartori hat es eine „Versuchung des Guten“ genannt. Dieser Versuchung ist auch Margot Käßmann erlegen, als sie ihr Bischofsamt und den Ratsvorsitz der Evangelischen Kirche in Deutschland sofort abgegeben hat, als sie sich eine menschliche Verfehlung hat zu Schulden kommen lassen. Sie hat nicht – wie viele Männer – an ihrem Amt geklebt.

Das ist ihr ohne Frage hoch anzurechnen. Es war aber auch ein Weg, auf dem sie ohne Probleme wieder auf die Seite des Guten wechseln konnte, dorthin, wo Frauen sich selbst und die Medien sie gerne sehen. Vermeintlich hat sie die Verantwortung übernommen. Doch heißt Rücktritt wirklich Verantwortung übernehmen?

Verantwortungsbewusst kann es auch sein, in angeschlagenem Zustand in einer Führungsposition durchzuhalten und mit den dadurch entstehenden Schwierigkeiten fertig zu werden. Margot Käßmann hat mit ihrem Rücktritt signalisiert, Frauen dürfen nur an der Macht bleiben wenn sie perfekt sind. Die Messlatte für alle potentiellen Nachfolgerinnen ist nun noch höher. Konnte die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen in der aktuellen Krise überhaupt etwas anderes tun als ebenfalls zurückzutreten nach einem so hochgelobten Vorbild? Um ebenfalls auf der Seite des Gute zu bleiben? Für qualifizierte Frauen, die sich nicht sicher sind, ob diese oder jene Führungsposition für sie in Frage kommt, sind diese Vorbilder verhängnisvoll.

Der Sache, nämlich der Aufklärung und Verhinderung von sexuellen Übergriffen, hätte es möglicherweise besser getan, wenn Bischöfin Jepsen im Amt geblieben wäre und dort ab sofort für einen besseren Umgang mit dem Thema gesorgt hätte. Die Alternative muss nicht sein: Fehler leugnen und im Amt bleiben oder Fehler zugeben und zurücktreten. Denkbar ist auch: Fehler zugeben und im Amt bleiben – und dort glaubwürdig vorleben, wie die Umstände verbessert werden können. Das würde allerdings, gerade mit dem Wissen um die eigene Fehlbarkeit, sehr viel Kraft kosten. Eine persönliche Entscheidung, diese Kraft nicht zu haben, müsste akzeptiert werden. Zu wünschen wäre, dass dies dann auch als Grund genannt wird, damit die wahren Ursachen nicht verschleiert werden.

Angela Merkel nun scheint dieser Versuchung des Guten nicht zu erliegen. Sie bleibt sich selber und ihrem abwartenden, manchmal auch aussitzenden, Regierungsstil treu. Sie widersteht dem Druck der Medien und denkt nicht daran, sich zu einem Rücktritt drängen zu lassen. Sie hält es aus, auf die Seite des Bösen gestellt zu werden und übernimmt Verantwortung, indem sie in schwierigen Zeiten nicht zurücktritt. Bei allen Vorbehalten ihren politischen Idealen gegenüber ist sie damit ein Vorbild, von dem Frauen profitieren können.

Autorin: Juliane Brumberg
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 26.07.2010

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Birgit Kübler sagt:

    Rücktritte sind kein konstruktiver Umgang mit Bagatellen

    Ich möchte mich den Überlegungen von Juliane Brumberg anschließen, denn die Lobhudelei der Medien über das „Gewissen der Bischöfin“ (so die taz am 17./18. Juli 2010) finde ich schlicht unerträglich. Ich bin über den Rücktritt von Maria Jespen richtig erschrocken. Käßmann und Maria Jepsen ist gemein, dass sie kein Verbrechen begangen, sondern ihren Schwächen nachgeben haben – ein Relaxen mittels Alkohol, das den Sinn für die Verkehrssicherheit vernebelte und das Schleifenlassen einer Sache, die entweder zehn oder dreißig Jahre zurücklag. Ehrlich gesagt, erschüttert mich das nicht, schließlich sind Bischöfinnen auch Menschen.
    Das scheinen aber nicht nur die Kommentatoren, sondern auch die Bischöfinnen selbst vergessen zu haben. Ein Menschenbild der Unfehlbarkeit, verinnerlicht als schlechtes Gewissen, verhindert, dass diese beiden großartigen Frauen weiterhin ihren äußerst verantwortungsvollen und sozial engagierten Berufen nachgehen.
    Hier wird die Anforderung eines idealen Menschenbildes vorgegeben, dem KEIN Mensch entsprechen kann. Es ist fast schon eine Anmaßung. Und vor allem: Wenig hilfreich! Der Mensch ist kein Ebenbild Gottes. Aber wenn er dem schon ziemlich nahe kommt, dann sollte er, beziehungsweise sie, nicht kneifen, respektive ein schlechtes Gewissen zelebrieren, wenn es doch mal nicht ganz klappt. Rücktritte sind kein konstruktiver Umgang mit Bagatellen. Und gemessen an dem, was auf der Welt wirklich schlecht läuft, kommt es mir so vor, als würde es sich hier um solche handeln. Immerhin treten diese beiden Frauen nicht aus Eitelkeit oder Überdruss zurück, wie es seit einigen Jahren von männlichen Politikern praktizert wird. Aber vielleicht spiegelt sich hier nur die Geschlechterdifferenz wieder? – Frauen machen sich halt „gerne“ nieder, während Männer sich oft besser wähnen als sie sind.

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