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Frauenliebe mit Autismus

Von Britta Erlemann

Über Carolin Schairers Roman „Marie anderswie“

Marie anderswieMarie ist irgendwie anders: „Mal ist sie scheu und zickig, dann wieder fällt sie mit der Tür ins Haus. Oder schweigt die ganze Zeit und findet hinterher das Gespräch ungeheuer anregend“…(Pressetext)

Treffend und griffig heißt der neue Roman von Carolin Schairer „Marie anderswie“. „Anfangs tut die junge Studentin Sarah bloß ihrem Vater einen Gefallen, als sie dessen wichtige neue Mitarbeiterin durch Wien führt – doch mehr und mehr erfasst sie eine rätselhafte Zuneigung zu der verschlossenen Marie. Die lebensfrohe, kontaktfreudige Sarah gibt sich alle Mühe mit der Wissenschaftlerin, doch Marie bleibt unzugänglich und introvertiert – allerdings macht sie ihrer jungen Begleiterin überraschende erotische Avancen. Und offenbart Sarah schließlich, dass sie unter dem Asperger Syndrom, einer Sonderform des Autismus leidet. Tastend lässt sich Sarah auf ihre erste Frauenbeziehung ein und erlebt aufregende Momente mit ihrer oft schwierigen Partnerin. Doch bald wachsen Zweifel: Ist Marie überhaupt fähig, sie zu lieben, so wie sie Marie liebt? Welche Bedeutung hat eine Liebesbeziehung für eine Frau mit emotionaler und sozialer Beeinträchtigung? Nicht nur Marie muss noch viel an sich arbeiten – auch Sarah wächst daran, eine lesbische Beziehung zu einer Behinderten zu leben und damit doppelt von der Norm abzuweichen.“ So informiert der Ulrike Helmer Verlag, der das Buch herausgegeben hat.

Es beginnt bereits mit einem „Knaller“ – einem Autounfall – und lässt erahnen, dass es der Leserin auf den kommenden rund 300 Seiten nicht langweilig werden wird. Der erste Eindruck bestätigt sich:

Sensibel und spannend verarbeitet die Autorin die sozialen und emotionalen Problematiken, mit denen das Buch aufwartet – das Coming Out als Lesbe, die Beziehung des Vaters mit der Tante und der frühe Tod von Sarahs Mutter. Und schließlich das Leben und Lieben mit dem Asperger Syndrom, bei dem laut Wikipedia vor allem die Fähigkeit, nonverbale und parasprachliche Signale bei anderen Personen intuitiv zu erkennen und intuitiv selbst auszusenden, beeinträchtigt ist.

Die Geschichte mit ihren scharf gezeichneten Charakteren wirkt insgesamt sehr glaubwürdig, die Entwicklung der Liebesbeziehung ist nachvollziehbar, aber keinesfalls vorhersehbar. Der Plot ist reich, aber nicht überfrachtet an dramatischen Höhepunkten. Das Buch lässt sich flüssig lesen und bietet dabei bewegenden wie verdaubaren Tiefgang. Der Roman geht trotz aller Schwierigkeiten gut aus und bietet am Ende ein Sinn-Bild der Liebesbeziehung von Sarah und Marie: Zwei schwebende Bälle umkreisen sich, tanzen oft um sich selbst herum, driften in ihre eigenen Richtungen – und finden doch immer wieder zusammen, verschmelzen, werden ein großes Ganzes (vergleiche Seite 303). Sehr lesenswert!

Die Autorin des im April 2010 erschienen Romans, Carolin Schairer, wuchs in Niederbayern auf. Bereits vor und während ihres Studiums arbeitete sie für verschiedene Medien im Print- und Rundfunkbereich. Die Diplom-Journalistin hat einige Jahre als Freie für verschiedene Zeitungen und Magazine geschrieben, in der Medienbeobachtung sowie in der Markt- und Meinungsforschung gearbeitet. Neben Ihrer Autorentätigkeit ist sie PR-Mitarbeiterin eines Großunternehmens und lebt in Wien. (Verlagsinfo)

Carolin Schairer: Marie anderswie, Ulrike Helmer Verlag, 300 Seiten, 19,95 Euro

Autorin: Britta Erlemann
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 19.07.2010

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Marion sagt:

    Hallo
    ich bin selbst „lesbische Aspie“ und eigentlich suche ich mich gerade durch die Liste der Autorinnen um eben eine Beziehung zu „Beziehungsweise“ herzustellen. Momentan kriege ich schon wieder einen Hals, obwohl das Buch vielleicht gut ist..wieso nennt ihr „Neurotypischen“ uns „behindert“ ? Was glaubt ihr was wir ueber euch denken ?
    Seid ihr etwa nicht behindert, wenn ihr Euer emotionales Chaos nicht ueberblicken kønnt, wenn ihr darauf angewiesen seid, mit irgendwem per (sorry) affenartiger Kørpersprache erstmal Machtverhæltnisse abzuklæren, bevor ihr etwas denken oder sagen duerft oder euch zugehørt wird ?
    Frueher, oder in anderen Kulturen, waren Leute wie wir SchamanInnen, die Menschen, die magische Beziehungen zwischen Ereignissen ueberblicken kønnen, ganz genau wissen wo man in seinem Tun længs muss um etwas Bestimmtes zu erreichen , wir verstehen das Wesen der Zeit und die Muster des Universums in unserer ræumlichen und zeitlichen Umgebung, weil wir sie einfach lesen koennen, in einer Ueberblick-Dimension. Wir sehen das und sagen das zum Teil auch, selbst dann wenn es dem umgebenden emotionalen Chaos gerade ungelegen kommt..aber es hilft auch raus!!!
    Auch wenn ihr nicht nachvollziehen kønnt, dass wir solche Dinge wie „Karriere“ evtl. nicht attraktiv finden, weil uns das Lustgefuehl der Ueberlegenheit oder huendischen Unterordnung fremd ist,weil wir keinen Sinn in Smalltalk o.æ. sehen, sind wir deswegen behinderter Bodensatz der Gesellschaft ? Oder ist das nur ,weil ihr den Ueberblick nicht haben wollt , weil ihr glaubt, die moderne Welt braucht keine echten SchamanInnen mehr, sondern nur solche, die in Kursen ein bisschen Hokuspokus lernen und dafuer teuer bezahlen, ohne je wirklich was zu erreichen?

    Gruss Marion
    (die gerade uebehaupt keine Lust hat, herauszufinden, wie frau deutsche Umlaute „machen“ kann, sorry also fuer die dænischen…)

  • Llewellyn sagt:

    hallo britta, hallo marion,

    ich musswill marion zustimmen vom herzen: auch ich kann das wort „behinderung“ nur in der hinsicht akzeptieren, dass ich oder alle, die anders sind, euch (scheinbar) unandere behindern in euren genormten ansichten und wortgebräuchen. und es gab ja schon vor jahrzehnten, vor meiner zeit, den versuch, „behinderung“ als wertenden begriff zu streichen und als andersfähigkeit zu begreifen…

    viele grüße
    llewellyn

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