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Rubrik handeln

Die unterschwelligen Klischees der organisierten Hilfe

Von Inga Wocker

Ich habe meine beiden Patenschaften bei World Vision und Plan International gekündigt.

Als ich meine erste Arbeitsstelle hatte und erstmalig zur großen Gesellschaftsschicht der „Geldverdiener“ gehörte, wollte ich ein Zeichen setzen. Schließlich ging es mir jetzt gut, ich hatte mein Auskommen, konnte locker davon leben und hatte noch genug übrig. Ich hatte keinen Freund, wollte auch keine eigene Familie gründen, fühlte mich ein wenig als große und reiche Egoistin, die Made im Speck. Was lag also näher, als einem armen, kleinen, hilflosen Kind und seiner Familie in einem unterentwickelten Land mit einem monatlichen Beitrag eine Zukunftsperspektive zu bieten? Oder anders ausgedrückt: Mich bedrückte der Gedanke, dass es mir hier so gut geht, während in anderen Teilen der Welt die Menschen nicht mal sauberes Wasser haben.

Anfangs war es spannend, die Berichte zu lesen, wie sich das Projekt vor Ort entwickelt. Gut fand ich auch, dass die Kinder eigentlich nur Aufhänger waren, um nachhaltige Entwicklung in einer ganzen Region voranzubringen, dass es nicht darum ging, einzelne Familien besonders zu begünstigen oder mit irgendwelchen Geschenken zu bombardieren. Wie so oft jedoch, setzten sich nach und nach immer wieder irgendwelche Widerhaken in meinem Gehirn fest, bis ich sie einfach nicht mehr ignorieren konnte und meine Samaritertätigkeit beendete, um nicht völlig irre zu werden:

Da bekomme ich halbjährlich eine Übersicht zum Patenkind, in der genau Größe, Gewicht, Gesundheitszustand, schulische Leistungen, welche Maßnahmen nötig waren und ähnliches vermerkt sind und noch ein selbstgemaltes Bild dazu, dem man deutlich ansieht, wie doof der Zehnjährige diese „Maßnahme“ findet.

Da wird von Wollteppichen aus Ecuador berichtet, die „Bergfrauen liebevoll mit der Hand“ weben oder Stickerei aus Vietnam und Frauen, die „stolz auf ihre Blumen, Blüten, Schriftzeichen und Ornamente“ sind. Und ich frage mich, ob damit nicht alte Klischees verstärkt und überholte Strukturen kunstvoll aufrechterhalten werden.

Da kann ich in einem Shop eine Puppe mit Schlafaugen und drei Zahnbürsten (Set) für mein Patenkind bestellen, einen Wasserbehälter und Postkarten mit Deutschlandmotiven, ich der „Uncle Sam“ des 21. Jahrhunderts, der mit ein bisschen Taschengeld um sich wirft und Kinderaugen zum Leuchten bringt, und dabei habe ich doch ganz andere Vorstellungen von „Hilfe“.

Wie kann ein Miteinander auf gleicher Augenhöhe entstehen, wenn die Rollen so klar und eindeutig verteilt sind, hier die große Spenderin mit einem Berg von Geld und Wissen, dort der Hilfsbedürftige, dumm, unselbständig und dankbar? Ist dieses „Hilfe zur Selbsthilfe“ nicht nur ein frommer Wunsch, ein Betrug oder ein schönes Fähnchen, das ich vor mir hertragen kann? Wie können Menschen gleichberechtigt miteinander umgehen, wenn festgefahrene Strukturen weiterhin zementiert werden, wenn es unmöglich scheint, dass „Bergfrauen“ eine Softwarefirma gründen und Vietnamesinnen Solaranlagen bauen, wenn wir unsere Art zu leben einfach exportieren ohne zu fragen, was wir selbst von anderen lernen und vielleicht übernehmen können?

Mir liegt es fern, Hilfsorganisationen und ihre Arbeit schlechtzumachen oder anzuprangern, im Gegenteil, sicher ist sie in vielen Ländern unersetzlich und notwendig. Was mich jedoch aufgrund meiner Erfahrungen aus den Patenschaften stört, ist das in meinen Augen überholte Bild vom zurückgebliebenen Dritteweltlandbewohner und die damit verbundenen Ansichten, die eher unterschwellig und versteckt weitergegeben werden. Ähnlich hielt man Frauen auch mal zu dumm zum Wählen, schiebt man Menschen mit Behinderungen in Förderschulen ab oder hält es für Zeitverschwendung, mit Kindern über Klimaschutz und Sexualverbrechen zu sprechen.

Erst wenn sich etwas in unseren eigenen Köpfen ändert, können wir offen und neugierig auf andere Menschen zugehen, den Austausch suchen, die Kooperation, nicht nur geben, weil wir uns für „die Besseren“ halten und spenden, weil wir uns ja vielleicht insgeheim für unseren Reichtum schämen, sondern tatsächlich nachbarschaftlich zusammenleben, geben und nehmen, lehren und lernen, zuhören und miteinander feiern, unterstützen und füreinander dasein und vieles mehr, was für ein gelungenes Miteinander selbstverständlich und notwendig ist.

Autorin: Inga Wocker
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 17.08.2010
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Isabella Nohe sagt:

    Das kann ich nur wörtlich unterstützen – es ging mir ganz genau so, auch wenn ich die patenschaft bei world vision letztlich aus anderem grund beendet habe.

  • Maria Westerhoff sagt:

    Eine Patenschaften für ein Kind der „dritten Welt“ habe ich nie übernommen, weil mir die in den Prospekten gedruckten Beispielberichte und vor allem die Dankesbriefe nur peinlich waren. Stattdessen erhalten Misereor und Adveniat einen größeren Geldbetrag, anonym in der Spendentüte.

    Intuitiv empfand und empfinde ich die Aktion der Patenschaften als unwürdig für Spender und Empfänger. Frau Wockers Ausführungen helfen mir jetzt, sehr reflektiert Stellung beziehen zu können.
    Daraus aber den Schluss zu ziehen, besser kein Geld mehr zu geben und sich vor allem auf die Veränderung des Denkens zu konzentrieren, halte ich für falsch.
    Mit anderen Worten: In dem Beitrag von Frau Wockers fehlt mir der Hinweis, was sie stattdessen mit dem als Spende vorgesehenen Geld macht. Meine Lösung des Problems habe ich genannt.

    Das sich in unseren eigenen Köpfen etwas ändern muss, ist keine Frage. Unterstützen und füreinander da sein muss sich bei materiellen Notlagen auch in Euro und Cent ausdrücken. Wörter können viel bewegen, aber mit Wörtern kann man nichts kochen.

  • Juliane Brumberg sagt:

    Für die, die sich engagieren wollen, kann ich ein Projekt empfehlen, bei dem Unterstützung nicht aus Almosen, sondern aus harter Arbeit für alle Beteiligten besteht – und zwar die ATCK-Landbauschule in Krumhuk in Namibia. Unter folgendem link http://www.bzw-weiterdenken.de/2009/03/mehr-als-nachdenken-uber-ein-gutes-leben/ habe ich letztes Jahr über die Farm Krumhuk in Namibia berichtet. Dort werden sehr bewusst die Möglichkeiten sinnvollen Engagements durchdacht, ausprobiert und gelebt. Mittlerweile ist aus dem im letzten Jahr aus der Farm heraus gegründeten Projekt „Landbauschule“ die erste Generation von Landbauschülern und -schülerinnen mit der Ausbildung fertig und ein neuer Lehrgang hat begonnen. Der Leiter der Landbauschule, Andreas Fellner, berichtet regelmäßig in einem Blog (http://atckrumhuk.org/)über das Geschehen. Und immer wieder gibt es bestimmte Maßnahmen, bei der die Landbauschule und die Schülerinnen und Schüler finanzielle Unterstützung dringend benötigen.

  • A. Onwu sagt:

    Über allem Dort und mit zunehmendem Alter möchte ich das Hier nicht vergessen. Es geht (zu) vieles schief in unserem Land und zahlreiche gute Initiativen leiden unter finanzieller Knappheit. Auch KLEINE bedeutende Projekte verdienen Unterstützung. Mir persönlich liegt der Tierschutz in meiner Stadt am Herzen. Bei der vorhandenen Vielfalt kann jede etwas finden, was sie persönlich besonders berührt. Nur die Exotik fällt halt weg. Dafür wird das unmittelbare Miteinander gestärkt, das brauchts dringend. Dass ich weiß wer meine Nachbarn sind, dass ich aufmerksam bin wie es Frauen, Kindern, Jugendlichen und Alten in meiner nächsten Umgebung geht.

  • Doreen Heide sagt:

    Bereits während meiner Schulzeit bin ich auf die Flyer von Plan International gestoßen. Mit 18 habe ich dann selbst eine Patenschaft übernommen, bei einem monatlichen Einkommen von gerade mal 400 DM. Dies zeigt, dass Patenschaften nicht unbedingt Ausfluss von überbordendem Reichtum sein müssen, wohl aber immer aus dem Gefühl heraus, helfen zu wollen, geboren werden. Ausgesprochene Dankbarkeit habe ich von meinem Patenkind dafür nie erwartet.
    Die Geschenke, die im Plan-Shop erworben werden können, lassen sich durchaus kritisch betrachten, können sie doch dazu dienen, eine westliche Spielzeugkultur zu transportieren. Rosa Rucksäcke und Baby-Püppchen übermitteln dazu auch noch Geschlechterstereotype, die ich schon hierzulande nur allzu dämlich finde. Ich selbst habe von den Geschenkangeboten nur sehr spärlich und überlegt Gebrauch gemacht.
    Offensichtlich spricht diese Form der personalisierten Hilfe aber viele an, und wenn es jene sein sollten, wie ich vermute, die sonst auf keinen Fall regelmäßig spenden würden, so finde ich es dennoch eine gute Sache. Die weltweite Ungleichverteilung wird mit Patenschaften nicht geändert werden – dafür müssen andere Hebel in Bewegung gesetzt werden. Sie können aber sowohl den Empfangenden wie den Gebenden vermitteln, dass Ärmeren selbstverständlich geholfen wird – ein wichtiges Signal in einer immer egoistischer werdenden Welt.
    Niemand sollte sich auf der anderen Seite der Illusion hingeben, dass ohne Patenschaften keine westlichen Werte vermittelt werden. Allein das immense Wohlstandsgefälle, das nahezu jedem Menschen auf dieser Welt bekannt sein dürfte, ist Anreiz genug, dem westlichen Lebensstil nachzueifern. Auch andere Hilfsorganisationen, die nicht mit Patenschaften arbeiten, tragen dazu bei, das Ansehen der nördlichen Wohlstandstaaten zu heben. Zweifelsohne gibt es aber Hilfsorganisationen, die sich stärker um die Stärkung der lokalen Kulturen bemühen. Wenn du deine Spendengelder jetzt diesen gibst, ist dagegen nichts einzuwenden.
    Manchmal würde ich mir sogar mehr westliche Einflussnahme wünschen, etwa wenn es um die grausame Praktik der Genitalverstümmelung in Afrika geht. Ein Verzicht auf diese Praktik ist nämlich nicht Voraussetzung für das Inanspruchnehmen einer Patenschaft, wenngleich Plan International Aufklärungsarbeit dagegen leistet.

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