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“Oder ihr Ersatz”

Von Juliane Brumberg

Der Roman „Accabadora“ von Michela Murgia erzählt in einer lebendigen, nachdenklichen Geschichte von einer Mutter-Tochter-Beziehung auf Sardinien. Juliane Brumberg hat das Buch an Luisa Muraros Denkkonzept der symbolischen Ordnung der Mutter erinnert.

Meiner Mutter.
Allen beiden.

AccabadoraSo lautet die Widmung zu Beginn des Buches. Dieser scheinbare Widerspruch war auf Sardinien viele Jahrhunderte gelebte Praxis. Fillus de anima, Kinder des Herzens nämlich nannte man dort Kinder, die zweimal geboren werden, aus der Armut einer Frau und der Unfruchtbarkeit einer anderen. Das Dorf gab dafür zwar kein stillschweigendes, aber doch ein Einverständnis, zumal das Kind nach wie vor freien Zugang zur Herkunftsfamilie hatte. Im Roman von Michela Murgia ist es die sechsjährige Maria Listru, der nicht die leibliche Mutter, sondern die Pflegemutter Bonaria Urrai zur symbolischen Mutter wird. Denn Letztere ist es, die dem Mädchen die Welt erklärt, ihr Freude am Lernen vermittelt und die Maßstäbe für ihr Verhalten setzt. Bonaria Urrai ist genau das, was Luisa Muraro meint, wenn sie in ihrem Buch „Die symbolische Ordnung der Mutter“ von der Mutter „oder ihrem Ersatz“ spricht. Wichtig ist für sie nicht in erster Linie die leibliche Mutterschaft, sondern vor allem die symbolische Mutterschaft derjenigen, die ein Kind in die Welt einführt.

Und genau daran, dass die symbolische Mutter in dieser Geschichte gegen die symbolische Ordnung verstößt, die sie dem Kind Maria mitgegeben hat, scheint die Beziehung zu zerbrechen. Bonaria Urrai hat nämlich ein Geheimnis, was dazu führt, dass sie ab und an nächtens das Haus verlassen muss. Maria darf auf keinen Fall etwas davon wissen – zu ihrem eigenen Schutz. Durch Zufall erfährt sie es, nun schon herangewachsen, doch und ist darüber so verstört, dass sie das Dorf verlässt und mit dem Schiff übers Meer fährt, um sich in Genua als Hausangestellte zu verdingen. Für sie ist es unmöglich, weiter in dieser nun zerbrochenen symbolischen Ordnung zu leben – obwohl sie ihre Pflegemutter liebt.

Doch die symbolische Ordnung der Bonaria Urrai wirkt offensichtlich umfassender, als Maria zunächst verstehen kann. Einige Jahre später erfährt sie, dass Bonaria Urrai einen Schlaganfall hatte. Daraufhin kehrt sie sofort zurück in ihr Dorf, um sich um sie zu kümmern. Und in dieser Situation begreift sie, ohne dass je darüber gesprochen wird, dass Bonaria Urrai eine „Accabadora“ war und warum sie das getan hat, was sie getan hat.

Am Ende kristallisiert sich heraus, dass Michela Murgia neben der Schilderung einer ungewöhnlichen Mutter-Tochter-Beziehung noch ein zweites Thema verfolgt, ein Thema, das mehr denn je aktuell ist und heute unter juristischen Aspekten diskutiert wird, während es auf Sardinien ein in Tabus eingebettetes Geheimnis war. „Glaubst Du wirklich, dass die Dinge, die geschehen sollen, im richtigen Moment von allein geschehen?“ fragt Bonaria Urrai – die Frau, der das Schicksal nicht erlaubt hat, eigenen Kindern mit der Geburt den Eintritt ins Leben zu ermöglichen, die aber von Zeit zu Zeit dem Schicksal am Ende des Lebens nachhilft.

Die Autorin ist 38 Jahre alt, hat Theologie studiert und als Religionslehrerin gearbeitet. Sie hat die Handlung gradlinig und ganz ohne Schnörkel strukturiert und erzählt sie in einer kargen, rauen und trotzdem zärtlichen Sprache. Ein Buch, das das Herz berührt und das offenbart, dass sich zwischen Gut und Böse manchmal ein Mysterium versteckt.

Michela Murgia, Accabadora, Verlag Klaus Wagenbach 2010, 173 S., € 17,90

Autorin: Juliane Brumberg
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 03.08.2010

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