beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik vertrauen

Spiritualität als Nährboden der Politik

Von Juliane Brumberg

Christa Mulack

Christa Mulack. Foto: Juliane Brumberg

Obwohl der Internationale Goddess-Kongress Anfang Juni auf dem Hambacher Schloss sehr gut besucht war und viel Aufmerksamkeit gefunden hat, haben die Inhalte wenig journalistisches Echo gefunden. Dankenswerter Weise liegen alle Vorträge auf DVD vor und es lohnt sich für die, die nicht dabei sein konnten, den ein oder anderen Vortrag im Nachhinein anzuhören.

Politik und Spiritualität sind nicht zu trennen, meint Christa Mulack und erklärt gleich zu Beginn, dass sie es schon vor 27 Jahren nicht verstanden habe, weshalb die politischen den spirituellen Frauen die politische Bedeutung abgesprochen und sie aus dem gemeinsamen Boot hinausgeworfen haben. Damals, so meint sie, wurde das Politikverständnis von der Linken diktiert und habe keinen nicht-materialistischen Ansatz geduldet. „Für sie galt als unpolitisch, was ich als höchst revolutionär empfand“, so Christa Mulack. „Nein, Spiritualität und Politik gingen damals nicht zusammen.“ Die Polit-Frauen wollten sich durchaus nicht am Feuer der „Sprit-Frauen“, wie Mulack sie nennt, wärmen.

Klar ist also, dass, wenn Christa Mulack die Verbindung von Politik und Spiritualität fordert, dass sie dann weibliche Spiritualität meint und weibliche Bilder der „Fiktion des Vatergotts“ gegenüberstellt. Interessant wäre es gewesen, wenn sie den Spiritualitätsbegriff weiter gefasst hätte, wenn sie über den Zusammenhang von Politik und Religiosität ganz allgemein nachgedacht hätte oder z.B. darüber, was es bedeuten könnte, wenn Kontemplation und Meditation die Basis politischen Handelns wären. Da das Thema des Vortrags „Spiritualität und Politik“ hieß, könnten böse Zungen also behaupten „Thema verfehlt“.

Patriarchale Politik – eine Frage der Raumverteilung

Aber Christa Mulack geht es ja auch um etwas Anderes, ihr geht es um weibliche Spiritualität und die Göttin. In ihrem Vortrag rechnet sie – durchaus nicht unbegründet – mit den fatalen Auswirkungen des männlichen Gottesbilds auf die Politik und das Zusammenleben der Menschen ab und fordert stattdessen die Orientierung an dem ganz realen weiblichen mütterlichen Prinzip. Als Beispiel brachte sie den Raum, ein männliches Wort, obwohl doch das Leben seit Jahrmillionen in einem weiblichen Innenraum, der Gebärmutter, beginnt, also „in einem durch und durch weiblichen Milieu“. Die vorpatriarchalen Kulturen wussten ihrer Erfahrung entsprechend, so Mulack, „der Raum ist weiblich und rund“ und hatten dementsprechend ihre Tempel in einem weiblichen Grundriss angelegt. Auch später, bei den Kathedralen, hätten die Menschen dafür gesorgt, dass das Allerheiligste – die Krypta – an die Gebärmutter erinnere. Hier wurde das Weibliche als göttlich verehrt. Das lineare Denken jedoch verhindere eine Ausrichtung am wahren Leben und der Gewissheit, „…dass wir ein Teil des größeren Ganzen sind, eingebettet in das weibliche Runde“.

Auf diesem Wissen laste das wohl stärkste Tabu. Deshalb seien den Menschen Schöpfungsmythen aufgezwungen worden, an deren Beginn ein männlicher Gott die Welt erschaffen hat „und sie seitdem beherrscht mit Hilfe des Mannes an seiner Seite“. Der Mann, dem ein weiblicher Innenraum fehlt, musste so in weibliche Räume vordringen, sie sich aneignen und beherrschen. Dies habe Auswirkungen auch auf die Natur, die zerstückelt und in Eigentumsparzellen aufgeteilt werde. „Patriarchale Politik ist eine Frage der Raumgewinnung, der Raumgestaltung, Raumverwaltung und der Raumverteilung.“ Die Frage der Raumverteilung sei heute bedeutender denn je.

Der göttliche Funken ist nicht abrufbar

Göttin

Die Göttin symbolisiert das Eingebettet-Sein allen Lebens in den weiblichen Raum. Foto: Juliane Brumberg

Interessant auch, wie Christa Mulack berichtete, dass ein Vortrag von ihr zu dem Thema des „Raums“ zweimal völlig unterschiedlich rezipiert wurde. Beim ersten Mal konnten die Zuhörerinnen und Zuhörer wenig damit anfangen und es kam keine Diskussion zu Stande. Beim zweiten Mal, wenige Tage später, ebenfalls in den neunziger Jahren in den sogenannten neuen Bundesländern, hatte der Kairos, der göttliche Funke, gezündet. Die Zuhörerinnen waren Frauenbeauftragte, die kurz vorher für die Abschaffung spezieller Sozialräume für Frauen in den Betrieben gestimmt hatten, da diese nach Ende des Sozialismus im Zuge der Gleichberechtigung nicht mehr nötig seien. Durch das zeitliche Zusammenspiel zwischen dieser Entscheidung und dem Vortrag fiel es den Frauen wie Schuppen von den Augen und sie erkannten, wie die patriarchale Politik sie dazu gebracht hatte, sich ihre eigenen Räume zu nehmen.

Saat der Spaltung

Nach Christa Mulack ist die spirituelle Dimension unerlässlich für eine frauengerechte Politik. Spiritualität lebe von der Wahrnehmung und Wertschätzung des Weiblichen. Leider wende sich genau dagegen das Politikverständnis vieler Frauen. In diesem Zusammenhang rechnete sie mit Simone de Beauvoir ab. Diese habe sich kategorisch gegen eine Verwirklichung der Frau außerhalb von patriarchalen Vorstellungen gewehrt und damit die Saat der Spaltung gesät. Mit der Forderung, die Frau solle sich im männlich-rationalen Denken üben und ihre naturhafte Körperlichkeit überwinden, habe de Beauvoir für eine einseitige Anpassung der Frauen an männliche Vorbilder plädiert.

Orientierung an dem, was ist

Wichtig ist Christa Mulack auch die Unvergleichbarkeit von Gott und Göttin. Das Weltbild der Göttin habe sich aus der Wirklichkeit des Lebens heraus entwickelt und beginne mit einer Schwangerschaft auf die ein Akt des Gebärens folge. Der patriarchale Gott hingegen stelle sich der Wirklichkeit des Lebens entgegen und ersetze sie durch männlich-hierarchisches Herrschaftsdenken. Am Beginn stehe ein göttlicher Befehl, der Gehorsam verlange. Was mit einem Befehl beginne, entspreche einer patriarchalen Vorstellungswelt und habe mit einem Anfang nichts zu tun. Gott werde in einem patriarchalen Jenseits angesiedelt und das Weltbild beruhe somit auf einer Fiktion. Dies mache die Menschen anfällig für Herrschaftsstrukturen.

Einen solchen Akt der Weltflucht kenne das Matriarchat nicht. Das Bild der Göttin sei vielmehr ein Tribut an unsere Begrenztheit und verankere diese in unserem Bewusstsein. Es verweise auf ein „mehr“, das das Wahrnehmbare übersteige und symbolisiere somit das, was wirklich ist. Deshalb ist für Christa Mulack eine symbolische Vielfalt das oberste Gebot, um Wahrnehmungsbeschränkungen entgegen zu wirken. Das steht im Gegensatz zum männlichen Gott, der Bilder verbietet.

Der Mann stelle sich im Patriarchat über die Wirklichkeit, die er beherrschen will, ignoriere sein Eingebettet-Sein in den weiblichen Raum und verliere damit den Kontakt zur Wirklichkeit. Die Göttlichkeit wurde aus der Natur herausgezogen.

In der Konsequenz nannte Christa Mulack den patriarchalen Gott den Energiefresser Nr. 1. Die Tatsache, dass diese fiktive Gestalt über Jahrtausende so viel Verehrung auf sich gezogen habe, bedeute einen enormen Energieverlust für die Natur und die Frauen.

Ihre Abschlussthese lautet folgendermaßen: „Die Göttin bezieht ihre Bedeutung nicht nur aus ihrer Veranschaulichung dessen was ist, sondern erinnert daran, die vorrangige Bedeutung des Weiblichen zur Messlatte unseres politischen Handelns zu machen.“

Die Ausführungen von Christa Mulack erscheinen plausibel und einleuchtend. Es gibt wenig zu widersprechen. Wer sich schon immer für die Idee des Matriarchats begeistert hat, findet sich hier bestätigt. Nicht geeignet ist der Vortrag allerdings, um Fernerstehende für das Thema zu interessieren. Dazu ist er zu sehr zu einer Abrechnung geraten und lebt zu sehr von der Gegenüberstellung. Wer das Weibliche glorifiziert, gibt Männern oder Skeptikerinnen wenig Raum, sich wiederzufinden und ihren Platz in der Schöpfung zu erkennen.

Nichtsdestotrotz stimme ich Christa Mulack zu: Spiritualität und Politik hängen eng miteinander zusammen. Die Politik einer Gesellschaft hängt von dem Gottesbild ab, das sie hat. Und ein weibliches Gottesbild, das am Leben orientiert ist, bietet guten Nährboden für eine Politik, die das Wohlergehen aller Menschen und der Natur ins Zentrum stellt.

Die DVDs vom Internationalen Goddess-Kongress 2010 können online bezogen werden.

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Siegrun Laurent sagt:

    GoddessKongress 2010

    Als Mitveranstalterin des GoddessKongress 2010 fräue (kommt von Frau)ich mich über den Artikel von Juliane Blumberg. Ja, für alle Frauen und Männer die nicht bei dem Ereignis dabei sein konnten oder die bei dem starken Andrang auf den Vortragssaal keinen Platz mehr bekommen haben, sind die DVDs eine kostbare Schatzkiste, die nicht nur die Vorträge hörbar machen sondern auch visuell ganz lebendig die Inhalte vermitteln. Lehrmaterial für eine neue Zivilisation!
    AVRecord, Dorfstr. 12, 23270 Roge http://www.avrecord.de

  • Ina Praetorius sagt:

    Ich bin nicht rund.

    Und wieder dieses Gefühl, das mich nach jeder Lektüre eines matriarchal orientierten Textes ankommt: ich falle aus einer Norm in die andere. Statt männlich zu werden (Beauvoir u.a.), soll ich jetzt ein rundes Prinzip verkörpern und der Welt zu heilsamer Rundheit verhelfen…
    Ich bin aber nicht rund, sondern frei. Ich rette nicht die Welt durch weibliche Vollkommenheit, sondern gehe befreit und neugierig und kritisch und zuversichtlich einer unbekannten Zukunft entgegen.
    Das matriarchal orientierte Denken bleibt in Anti-Dualismus stecken. Ich habe Lust, das dualistische Wahrnehmen und Bewerten als solches zu überschreiten, indem ich es erstmal aus Liebe zur Freiheit durcheinander werfe. Vielleicht, wer weiss, entsteht aus dem fröhlichen Durcheinander dann irgendwann eine neue Ordnung, die nicht ich mache, sondern…

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Echo

    Liebi Lüüt,
    Ja,dort wo andere eine Möglichkeit hatten,sich auf konventionelle Art und Weise Wissen anzueignen,Weltreisen zu unternehmen,sich mit der Elite und dem Stoff auseinanderzusetzen und zu reflektieren,da habe ich es ganz anders angepackt.Natürlich auch aus der Notlage heraus.Ich habe Sachen gemacht und erarbeitet:freiheitlich,die auch eine Anstrengung brauchten und zu einem Ergebnis führten.Von vorneherein war es niemals rund.Umgekehrt von der Norm also,kreativ,willensstark, mit vielen starken Inhalten.Damit bin ich weitergekommen.Andere,die studiert haben,wollen vielleicht jetzt die Flügel ausbreiten und sich die Freiheit nehmen,das Leben kommen zu lassen und einmal sich nicht festlegen zu müssen.
    Denn da liegt auch wieder neuer Stoff drin,nicht wahr!
    Im Raum leben „können“,wird dann wichtig.Bei meinen Aktivitäten ist die Spiritualität,so wie sie heute aussehen könnte,nicht verlorengegangen.

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Feindbild ade!

    Ja, ich gehöre auch zu diesen Frauen, die vor über 30 Jahren „den spirituellen Frauen die politische Bedeutung absprachen“; aber meiner Erinnerung zufolge verließen uns die Spritfrauen. Doch es ist müßig, das heute richtig stellen zu wollen; das geht nicht. Mir ist viel Neues in der Zwischenzeit sichtbar und wichtig geworden. Vor allem jegliche SchwarzWeißMalerei taugt nicht mehr; mein Denken ist bunt geworden!- Beim lesen dieses Vortragsbericht hat mich wirklich erschrocken, dass die Argumentation und auch die Sprache von C.M., -jedenfalls so wie es hier wiedergegeben wird, sich offensichtlich seit damals nicht wesentlich(!) verändert hat. Aber ich glaube sagen zu können, für die meisten von uns damals aktiv klassisch frauenpolitisch Agierenden hat sich seitdem viel verändert. Wir sind freier geworden, weiter, bleiben immer neu auf der Suche mit offenem Blick und Herzen danach, wie Leben (auch Sterben) für alllle gut gestaltet werden kann; gut bis in alle Poren des je eigenen Seins und somit auch des Geistes! Drum sage ich: das (Feind)Bild von damals, wie es hier wieder aufgezeichnet wird, taugt heute nicht mehr; es verpuffft, ohne mich z.B. mehr zu berühren. Und mein Gott ist seitdem auch nicht ewig gleich -bärtig oder rund- geblieben, sondern macht genau wie ich chaotische, also zutiefst ordnende Entwicklungen. Das ist spannend!

Verweise auf diesen Beitrag

Weiterdenken