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Alle mitmachen, Fußball forever?

Von Inga Wocker

© Michael Flippo - Fotolia.com

Fußballprojekte sind „in“: In Bangladesh wird mit Straßenkindern gekickt, Profifußballer spielen gegen Behinderte, Mädchen sollen auf diese Weise mehr Selbstbewusstsein entwickeln. Ich halte das alles für Humbug, um es mal krass auszudrücken. Besonders die bedeutungsvollen Kommentare dazu, in denen es nur so von hehren Idealen und Tugenden wie Respekt, Teamfähigkeit, Selbstbewusstsein, Durchsetzungskraft, Toleranz und ähnlichem wimmelt, die durch das Fußballspielen gefördert werden sollen. Fast könnte man meinen, unsere Gesellschaft sei nur deshalb so solide, stark und sicher, weil wir uns wenigstens im gemeinsamen Fußballspielen einig sind.

Ich kann mich genau an meine Schulzeit und den Sportunterricht erinnern, auch da gab es Mannschaftsspiele, doch ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, dass unsere Klasse oder auch nur die Mannschaft dadurch zu einem glücklichen Team zusammengewachsen wäre. Im Gegenteil, schon die Zusammensetzung der Mannschaft mit „Tip-Top“ und Auswählen der besten Spieler und Spielerinnen war für die weniger begabten Mitschüler und Mitschülerinnen eine Tortur. Die Langsamen und Ungeschickten wollte doch keiner, und spätestens, wenn man sich den Ball hatte abluchsen lassen oder versehentlich mal in die falsche Richtung gekickt hatte, war man abgeschrieben, wurde wüst beschimpft und hatte im Extremfall die gesamte Mannschaft gegen sich. Selbstbewusstsein entwickelte ich dabei eher nicht.

Ich kann mich auch gut erinnern, wie viel Polizei in einer Großstadt wie zum Beispiel Stuttgart oder Hannover oft nötig ist, um randalierende Fans in Schach zu halten und unbeteiligte Menschen in U-Bahnen, Innenstädten und rund ums Stadion vor ihnen und ihren Pöbeleien oder sogar Gewalttätigkeiten zu schützen. Schön, wenn zur Weltmeisterschaft beim Public-Viewing alle ausnahmsweise mal friedlich sind und keine besonderen Vorkommnisse zu vermelden sind, das wird dann besonders betont. Aber ist es nicht eher die Ausnahme als die Regel? Was ist mit den rassistischen Rufen im Stadion? Mit den Jugendlichen, die sich bei solchen Gelegenheiten regelmäßig die Kante geben und die „Sau rauslassen“? Dem ganzen Müll, der anschließend überall herumliegt? Feiern stelle ich mir anders vor.

Ich kann mich auch noch gut erinnern, wie ungerecht und fies es sein kann, wenn die deutsche Rollschuh-Formation Weltmeister wird und das bestenfalls im Lokalblättchen als Dreizeiler erscheint, während über ein Trainingslager der 3. Jugendliga des örtlichen Fussballvereins großformatig und mit Bild berichtet wird. Wenn Firmen diesen 5-jährigen Möchtegern-Klinsmännern locker mal die Trainingsanzüge sponsern und darüber natürlich ebenfalls groß berichtet wird, während andere Athleten und Athletinnen, die das Pech haben, weniger populäre Sportarten zu betreiben, zusehen können, wie sie zu ihren Wettkämpfen im Ausland überhaupt hinkommen. Gerechtigkeit und Fairness lernt man so nicht.

Es soll mir keiner erzählen, Sport und speziell Fußball wäre das Allheilmittel für Frieden, Gemeinschaft und eine bessere Welt, und alle sind glücklich, nur weil sie endlich auch kicken dürfen. Was sollen denn die Straßenkinder sonst machen, die Behinderten und Mädchen, wenn ihnen einfallsloserweise nur ein Fußball angeboten wird? Klar, Fußball ist besser als nichts, und allein die Tatsache, dass sich jemand für sie interessiert und versucht, ein bisschen Freude und Spiel in ihr Leben zu bringen, ist wahrscheinlich schon viel für sie. Aber ist es nicht viel wichtiger, sie auf Augenhöhe ernst zu nehmen? Zu fragen, was sie wirklich möchten? Ihnen die Möglichkeit zu geben, selbst herauszufinden, was ihnen Spaß macht? Vielleicht wollen sie ja viel lieber den Schmetterlingen zuschauen, ihr Zimmer renovieren oder jonglieren? Was spricht dagegen, wenn sie Lust haben einen Second-Hand-Laden aufzubauen, sich im Umweltschutz zu engagieren, zu tanzen, Tennis zu spielen oder zusammen zu singen?

Ich wünsche mir, dass Hilfsorganisationen, Firmen, Politik und Gesellschaft nicht so eindimensional sind und annehmen, Fußball sei so etwas wie ein Universal-Wundermittel oder auch nur eine elementare Gemeinsamkeit aller Menschen. Wenn Fußball nämlich für Werte wie Respekt, Gemeinschaft, Teamgeist und Selbstbewusstsein stehen soll, ist das für mich bedenklich, sind diese Werte doch die Grundlage, die Basis unseres Handelns – unabhängig davon, ob wir kicken oder kunstturnen, tapezieren oder Tuba spielen, uns freuen oder Frieden stiften. Nehmen wir daher endlich unsere Mitmenschen ernst, mit all ihren wundervollen Gaben, Interessen und Talenten, und helfen wir ihnen dabei, sich und ihr Umfeld und uns weiterzuentwickeln.

Fußball ist nur ein Spiel. Für einige sicher ein schöner Zeitvertreib, aber mehr nicht.

Autorin: Inga Wocker
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 16.09.2010
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Liebi Lüüt,
    Fussball ist schön und kann schön sein, aber es gibt noch soviel anderes.Fussball kann auch in eine Manie verfallen, es wird endlich Zeit darüber nachzudenken wie es auch noch sein kann.

  • A. Onwu sagt:

    Wir können an allem und jedem lernen, worum es im Kern aller Dinge geht. Daher können wir im Zeitalter des Projektdenkens auch Fussball zum Projekt (v)erklären, wie jegliches andere auch. Nur normal können wir nicht mehr so einfach sein: Fussball ist Fussball, Kaffeekränzchen ist Kaffeekränzchen. Nicht mehr und nicht weniger. Es ist was es ist. Projekt kann, muss aber nicht.

    „Fussbälle sind die Häkeldeckchen der Männer.“

  • Christiana Puschak sagt:

    Liebe Frauen,
    Kicken macht Spaß!
    Wie habe ich früher die Jungs beneidet, dass sie die Möglichkeit jederzeit hatten.
    Nationaldenken war mir schon als Kind fremd.
    Eine Differenzierung ist notwendig zwischen dem altherhgebrachten Männerfußball und den lebendigen Frauen, die am Fußball Freude haben.
    Hört doch auf mit diesem moralinsauren und abfälligen Gerede! Anerkennt lieber, dass Frauen auch in diesem Bereich sich ihren Platz erkämpft haben.
    Der Autorin wie allen anderen empfehle ich folgendes Buch zur Lektüre:
    Fatmire Bajramaj: Mein Tor ins Leben: Vom Flüchtling zur Weltmeisterin. Südwest Verlag, München 2009

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Liebi Lüüt,
    Wir hatten früher mit den „Strassenjungs“ jederzeit die Gelegenheit Fussball zu spielen,da war überhaupt kein Neid und Unterschied da.Wir waren uns ebenbürtig und wurden nicht auf die Seite gestellt.Die Sache anpacken darf kein Fremdwort sein.

  • Mirage sagt:

    Hallo,

    aber es geht beim Fußball doch nicht nur um Gewinnen oder Verlieren, sondern um einen Zusammenhalt im Team und dadurch entstehendes Selbstbewusstsein. Natürlich kann dieser Zusammenhalt auch in allen anderen Möglichen Teamsportarten gefördert werden.
    Aber viele andere Sportarten sind gerade in ärmeren Gegenden finanziell nicht machbar, Turnen oder andere Sportarten benötigen viel mehr als einach nur einen ball…

    Was die Berichte und Sponsoren angeht: Man muss sich als Mannschaft eben darum kümmern. Bei uns im Ort gibt es beispielsweise eine Mannschaft im Kunstradfahren (kennt sonst auch kaum jemand), deren Trainingsanzüge werden gesponsert von Gerolsteiner und in so gut wie jeder Ausgabe der Lokalzeitung stehen die Turnierergebnisse häufig auch mit Fotos. Das liegt daran, dass die Trainerin sehr engagiert ist und auch immer die Prese informiert oder selbst Pressemitteilungen rausgibt.
    Das kann jede Mannschaft und nicht nur Fußballer.

    Ein bischen erinnert mich der Artikel an eine Aussage einer Studentin bei uns an der Uni, die sich darüber aufregte, dass wir eine Firmenkontaktmesse haben, die nur Ingenieursstudenten anspricht und diese so bevorzugt und dass für Geisteswissenschaftler so gut wie nichts gemacht wird. Aber warum organisiert sie und ein paar andere Geisteswissenschaftler dann nicht mal was statt nur zu meckern?! Wir haben als Studenten unsere Kontaktmesse auch in Eigenarbert organisiert. Durch Reden kommt man eben nicht weiter, sondern nur durch machen!

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