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Den eigenen Standpunkt in Bewegung setzen

Von Ina Praetorius

Ina Praetorius über Alice Schwarzers Buch „Die grosse Verschleierung“

Foto: Antje Schrupp

Alice Schwarzers neuestes Buch versammelt zwischen zwei auflagenträchtigen, da mit dem Klischee der bedrohlich schwarzen Burka-Silhouette spielenden Buchdeckeln dreissig Texte. Fast alle sind in den Jahren 1991 bis 2010 in der „Emma“ erschienen, einige in der FAZ oder anderswo. Sie stammen von drei anonymen und zwölf beim Namen genannten Autorinnen, darunter Elisabeth Badinter, Necla Kelek und Rita Breuer. Den Abschluss bildet Schwarzers Bericht über ihre Reise ins Teheran des Ayatollah Khomeini im Jahr 1979. Mit dem Wiederabdruck dieses Textes will sie vermutlich darauf hinweisen, wie lange die „internationale islamische Einflussnahme“ (89) schon andauert und von „Emma“ kritisch kommentiert wird, während „unverbesserliche ‚Gutmenschen’“(34) ihr tatenlos zusehen oder sie sogar in naivem oder „schlechtgewissigem“ (79) Multikulturalismus fördern.

Wir Frauen verdanken Alice Schwarzer viel, das ist unbestritten. Wie kaum eine andere hat sie Jahrzehnte lang den Fokus auf Frauenanliegen (oder was sie dafür hält) gerichtet und sich dabei von linken, rechten oder kulturrelativistischen Einwänden nicht beirren lassen. Dass solche Konzentration nach wie vor notwendig ist, zeigt die soeben in der „Süddeutschen Zeitung“ erschienene Besprechung ihres neuen Buches. Thomas Steinfeld, der Rezensent, kritisiert hier zu Recht, dass Alice Schwarzer und ihre Mitautorinnen den Islam als böse Macht „vorführen“, statt sich geduldig über seine vielen Facetten zu informieren. Das zentrale Anliegen Schwarzers, mühsam erkämpfte weibliche Freiheiten nicht von einer patriarchalen Kultur in Frage stellen zu lassen, scheint dem Rezensenten aber entgangen zu sein – was wiederum Wasser auf die Mühlen männerfeindlicher oder islamophober Frauenrechtlerinnen sein wird, die ihrerseits berechtigte Zweifel daran hegen, dass feministische Anliegen in linksliberalen Diskursen schon angekommen sind.

Ich bin der Emma-Chefin und ihren Mitautorinnen dankbar dafür, dass sie mich und andere daran erinnern, wie verzweifelt die Situation vieler Frauen in Afghanistan, im Iran oder in Gelsenkirchen noch immer ist. Schwarzers Analyse der Unruhen in den französischen Banlieues, (244-250) die gemeinhin als geschlechtsneutrale „Jugendrevolte“ dargestellt werden, in Wahrheit aber meist ausschliesslich von jungen Männern angeführt werden und sich nicht nur gegen die „Hurensöhne“ der französischen Mehrheitsgesellschaft, sondern auch gegen emanzipierte junge Frauen richten, ist bedenkenswert. Und dass die Situation einer Schulleiterin, die sich mit den festgezurrten moralischen Ansprüchen einer soeben zum Islam konvertierten Familie konfrontiert sieht, zermürbend ist, will ich nicht bestreiten.

Die eklatante Problematik des Buches beginnt nun aber dort, wo die Autorinnen die elementare politische Tugend, gegebene Situationen immer auch mit den Augen der ANDEREN zu sehen, zwar von denen einfordern, die nicht ihrer Meinung sind, selbst aber nicht üben. Alice Schwarzer schreibt: „Die Kluft zwischen Frauen und Männern ist, im Islamismus wie im Faschismus, die erste und tiefste Einübung in ein Wir und ein Ihr: Ihr, das sind immer die Anderen, die Minderen; Wir, das sind die Einen …, die im Namen ihrer gerechten Sache alles tun dürfen. Dieses hermetische, selbstgerechte Wir steht am Anfang von totalitären Entwicklungen (wie wir auch schon von Hannah Arendt wissen.) (153)

Und eben zu einem solchen hermetischen selbstgerechten „Wir“, das sich von niemandem mehr in Frage stellen lassen will, und das Alice Schwarzer einseitig dem Islamismus und je länger je mehr auch dem Islam selbst zuschreibt, stilisiert sie nun ihrerseits die westlich-säkularistische Kultur mit ihrem Emanzipationskonzept, das sich an einer möglichst vollständigen Angleichung der Geschlechter orientiert. Im Namen dieser gerechten Sache will sie Kopftücher in Schulen verbieten, Demokratiekurse verordnen, und bewundert sie die repressive Migrationspolitik eines Nicolas Sarkozy.

Wie fragwürdig die Universalisierung ihres eindimensionalen Verständnisses von Freiheit ist, zeigt sich aber schon an der schlichten, von Schwarzer und ihren Mitautorinnen tunlichst umgangenen Frage, wie denn die „neutrale“ Kleidung, die Mädchen in westlichen Schulen tragen sollen, eigentlich auszusehen hätte. Schuluniformen fordert Schwarzer nicht, vielleicht aus der weisen Einsicht heraus, dass Uniformität nicht die Lösung sein kann. Sind aber Jeans, bauchfreie T-Shirts oder Highheels neutral? Oder nicht vielmehr ihrerseits ein „politisches Symbol“ (104), nämlich für eine Gesellschaft, die traditionelle Männlichkeit zur Norm erhebt und Mädchen damit in die schizophrene Situation bringt, gleichzeitig „männlich“ werden und Objekte männlichen Begehrens bleiben zu sollen?

Laut Birgit Rommelsbacher und Rifa’at Lenzin („Der andere Blick: Die Genderfrage aus islamischer Sicht, In: Wider die Instrumentalisierung von Frauenrechten. Burkaverbot: Feministische Positionen und Analysen, Olympe, Feministische Arbeitshefte zur Politik 31/2010, 14-20) weist die weibliche Verhüllung der Muslimas unmissverständlich auf diese und andere Schwachstellen des westlichen Emanzipationskonzepts hin, indem sie an die befreiende Möglichkeit anderer möglicher Massstäbe, in diesem Fall des Koran, erinnert. Das schliesst die Eigenschaft des Kopftuchs oder der Burka, Symbol patriarchaler Unterdrückung zu sein, nicht aus, entlässt das scheinbar eindeutige Symbol aber in die Uneindeutigkeit. Und eben daran führt kein Weg vorbei: Eine Gesellschaft, die sich demokratisch nennt, muss sich auf Vielfalt und Ambiguitäten einlassen und das gute Zusammenleben als ein nie endendes Aushandeln von revidierbaren Massstäben des Guten verstehen. Freiheit ist in diesem Sinne nicht zu reduzieren auf eine kulturspezifische Norm, sondern bedeutet, dass jede Frau von sich selbst ausgehend eine ihr entsprechende Daseinsform wählt, und sei es ein „Leben in Hingabe und Demut“ (312) wie Teresa von Avila, Hildegard von Bingen oder die Iranerin Farideh, der selbst Alice Schwarzer ihren Respekt nicht versagt. (312f)

Auch ich selbst bin, weil ich es für verfehlt halte, das gute Zusammenleben der derzeit sechseinhalb Milliarden menschlichen Würdeträgerinnen und Würdeträger im Lebensraum Welt an einen kulturspezifischen Massstab zu binden, religiös. Nicht als Muslima, sondern als protestantische Christin. Damit bringe ich, wie alle wirklich religiösen Menschen, zum Ausdruck, dass die Wahrheit nicht Besitz von Menschen sein kann, nicht von westlichen Feministinnen, nicht von Muslimen, die mir ihren Glauben als den einzig wahren vermitteln wollen, und auch nicht von mir selbst. Als postpatriarchale Theologin arbeite ich seit Jahren daran, dem schwer belasteten Wort „Gott“ diese befreiende Bedeutung eines gemeinsamen unverfügbaren Horizonts zurückzugeben, vor dem wir alle eingestehen müssen, dass wir es nicht genau wissen.

Zwar werden wir uns trotzdem weiterhin leidenschaftlich für das einsetzen, was wir hier und jetzt für gut und gerecht erkannt haben. Aber zwischen all dem Engagement halten wir, Christinnen in der Kirche, JüdInnen in der Synagoge, Muslime in der Moschee und andere hoffentlich anderswo, immer wieder inne vor dem und den ANDEREN, die den eigenen Standpunkt in Bewegung setzen auf ETWAS zu, das wir alle miteinander noch nicht sehen können. Solche Freiheit, den eigenen Standpunkt nicht mit dem Allgemeingültigen zu verwechseln, wünsche ich Alice Schwarzer und ihren Mitkämpferinnen. Sie könnten es zum Beispiel von Muslimas lernen, denen das Kopftuch nicht von ihren Vätern aufgezwungen wird, sondern die es aus bezogen-freiem Willen tragen. Doch. Die gibt es.

Hätten Alice Schwarzer und ihre Mitautorinnen Recht, so müsste ich auf deutschen oder Schweizer Strassen schon ein bisschen Angst haben, wenn ich kein Kopftuch trage. Schliesslich ist der „fanatische Männerislam“ längst dabei, „alles das, was uns in unserer Welt wichtig ist, zu zerstören“ (284) und ist „auch der deutsche Rechtsstaat“ womöglich „schon konvertiert.“ (224) – In Wirklichkeit aber beneide ich zuweilen die christliche Ordensfrau, die mich im Supermarkt freundlich begrüsst, weil sie sich weder um die neue Herbstmode noch um Friseurtermine Gedanken machen muss, sich stattdessen immer wieder in heilsames Schweigen zurückzieht. Zwar würde mich ihr langes Habit beim Fahrradfahren stören, zwar möchte ich sie fragen, ob sie es nicht eigenartig findet, dass der Papst Frauen partout nicht zum Priesteramt zulassen will. Aber ich teile ihre Überzeugung, dass es jenseits meiner mühsam errungenen Freiheit, mein stolz selbstverdientes Geld wahlweise für Highheels, Gesundheitssandalen, Bomberstiefel oder alles zusammen auszugeben, noch MEHR gibt: die menschliche Freiheit, das GUTE zu wollen, ohne genau darüber Bescheid zu wissen.

Alice Schwarzer (Hrsg.), Die grosse Verschleierung. Für Integration, gegen Islamismus, Köln (Kiepenheuer & Witsch) 2010, 9,95 Euro.

Autorin: Ina Praetorius
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 29.09.2010
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Karen sagt:

    oh vielen Dank für diese anregenden Worte

  • Jens sagt:

    Befreiende Zeilen – Merci.

  • Piratenweib sagt:

    Sehr angenehme Auseinandersetzung mit diesem schwierigen Thema. Ich finde es ebenfalls wichtig, mit den Augen der anderen zu sehen und deren Welt wahrzunehmen. Wir können nicht allem und jeder unsere Denkweise überstülpen. Und was ist letztlich Wahrheit? Was ist richtig?

  • oachkatz sagt:

    Wohltuende Worte im Schwarz und Weiß der gegenwärtigen Diskussionen.

  • charlotte klaue sagt:

    Ich habe schwer für mein Recht als Frau kämpfen müssen zusammen mit Millionen anderen Frauen.
    Daher empfinde ich die Kopftuch-Frauen fast als Affront, sie können sich noch so ‚emanzipiert‘ gebärden, mit diesem Zeichen ist alles absurd.

  • Antje Schrupp sagt:

    @Charlotte – dass das eine sehr subjektive Sicht ist, die ganz von dir und deinen eigenen Erlebnissen ausgeht, ist dir schon klar, oder? Also: Als „Gefühl“ deinerseits, das einen historischen Grund hat, kann ich das verstehen. Man kann daraus aber kein politische Programm machen bzw. von anderen erwarten, dass sie dieselben „Empfindungen“ haben.

  • charlotte klaue sagt:

    Hallo Antje,
    wenn Du das als Gefühl verstehst, dann sehe ich das anders. Es geht um die Rechte der Frau, also ist dieser Ausdruck, den Schleier zu tragen, politisch.
    Zum besseren Verständnis:
    Das Christentum ist für mich genauso diskriminierend wie der Islam.
    Wenn bestritten wird, dass die Frau hier wie dort sich unterordnen muss, und daher das Kopftuch ‚irgendwie dazugehört‘
    dann ein Auszug aus einem Vers des Koran:
    „Im Vers 4:34 heißt es: „Die Männer sind den Frauen überlegen wegen dessen, was Allah den einen vor den andern gegeben hat, und weil sie von ihrem Vermögen (für die Frauen) auslegen. Die rechtschaffenen Frauen sind gehorsam und sorgsam in der Abwesenheit (ihrer Gatten), wie Allah für sie sorgte. Diejenigen aber, für deren Widerspenstigkeit ihr fürchtet, warnet sie, verbannt sie aus den Schlafgemächern und schlagt sie. Und so sie euch gehorchen, so suchet keinen Weg wider sie; siehe, Allah ist hoch und groß.“

    Und was den Schleier angeht, da gibt es so vielfältige Ausführungen, dass es den Raum hier sprengen würde, alles was es an Erläuterungen gibt, zu zitieren.
    Nur soviel: Mit dem Schleier drückt die Frau aus, dass sie für den muslimischen Mann nur als Sexualobjekt fungiert, und darüber sind sich die meisten ganz jungen Mädchen, die sich auch modisch mit Schleier verkleiden, vermutlich überhaupt nicht im Klaren.
    Zitat:
    „Die Sexualisierung der Frau erreicht einen Höhepunkt mit dem Begriff al-fitna. Al-fitna bedeutet Unruhe stiften. Das geschieht, wenn die Frau etwas zeigt, was im Prinzip nicht ausdrücklich verboten ist, aber denselben Effekt wie das Verbotene hat, z.B. das Gesicht. Die Verschleierung des Gesichtes ist umstritten, alle Gelehrten sind sich aber darüber einig, dass das Gesicht, wenn es hübsch ist, verschleiert werden muss, um die fitna zu vermeiden.“

    Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung

  • Antje Schrupp sagt:

    @Charlotte – Da sind wir dann wohl unterschiedlicher Ansicht 🙂 – was die Frau ausdrückt, wenn sie ein Kopftuch trägt, entscheidet sie selbst (auch wenn ich mit ihr dann darüber kontrovers diskutieren kann), und nicht die Bundeszentrale für politische Bildung, finde ich.

  • charlotte klaue sagt:

    Hallo Antje,
    dass die Frauen mit Kopftuch die Entscheidung nicht alle selbst treffen, muss nicht mehr diskutiert werden.
    Das Zitat aus der BPB hat nichts mit Entscheidungen zu tun, sondern soll zur Aufklärung der Bedeutung des Kopftuchs beitragen. Dass die Abwertung der Frau so deutlich damit zum Ausdruck gebracht wird, habe ich vorher auch nicht gewusst.
    In den 66er Jahren hatte ich durch meine Tätigkeit im Hotelempfang viele Kontakte mit türkischen Frauen, sie trugen alle kein Kopftuch und es war sowieso absolut verpönt.

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