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Über die Beziehung zum Anderen

Von Marit Rullmann

In ihren Büchern geht es Luce Irigaray um nichts weniger als um die Schaffung neuer Werte und einer erstmals gemeinsamen Welt für Männer und Frauen. Ihr Ziel ist eine neue Epoche, in der sich die Menschen frei von Machtstrukturen begegnen können. Dies ist aber nur möglich, wenn sich Männer und Frauen ihrer Differenz, und damit ihres unterschiedlichen Begehrens, bewusst werden. Dem entgegen steht ein männlich dominiertes Repräsentations- und Symbolsystem – eine Welt, die als Entwurf einer Totalität charakteristisch ist für die westliche Kultur und Philosophie. Es ist keine menschliche Welt, weil Frauen nicht ihre eigene Sprache entwickeln und ihre eigenen Symbolsysteme in Religion, Kultur oder Politik entwerfen können. Die bisherige Welt stellt also nur einen Ausschnitt der Welt dar, sie ist einseitig durch den männlichen Blick geprägt.

In ihrem aktuellen Buch „Welt teilen“ fokussiert Luce Irigaray ihre Kernthese nun in zweifacher Hinsicht neu: Sie stellt die Frage nach dem Anderen als solchen und hinterfragt die Möglichkeit der Erfahrung von wirklicher Transzendenz.

In der „patriarchalen“ Welt sind wir daran gewöhnt, das „Andere“ als individuelle Erscheinung zu betrachten, ohne der besonderen Welt, dem je eigenen Ort der Erscheinung, genügend Aufmerksamkeit zu schenken. Das Andere bleibt so denselben Werten unterstellt, die unsere Kultur bestimmen und uns in einer „Logik des Selben“ gefangen halten. Gerade die heutige multikulturelle Epoche macht jedoch deutlich, wie relativ eine solche Kultur ist. Und noch wichtiger: Im Hinblick auf unser menschliches Miteinander stellt sie eine einseitige Entwicklung dar. „Welt teilen“ bedeutet zunächst, die Grenze, die „Schwelle“ der Existenz einer anderen Subjektivität anzuerkennen und den „Verzicht auf Macht“, als einzige/r den Dingen einen Namen zuzuweisen. Erst in dieser Bejahung unserer Grenzen eröffnet sich ein Zugang zum Anderen.

Irigaray erinnert daran, dass das Andere in unserer Tradition vor allem die Frau ist: die Frau als Mutter, deren Welt sich ausgehend vom Respekt gegenüber dem Anderen ‒ auch gegenüber dem Anderen, das sie in sich trägt ‒ konstituiert. Erst wenn es uns gelingt, vor der Annäherung an den Anderen uns selbst zu befragen, wo unser Ort ist, was uns eigen ist, kann eine Nähe zum anderen sich eröffnen: eine gemeinsame Welt, ohne die je eigene zu zerstören. Dazu braucht es ein neues Zuhören – und wechselseitiges Vertrauen. Und immer wieder auch die Rückkehr in das eigene Wohnen. Es bleibt stets ein Risiko, die eigene Welt zu öffnen, „um in der Begegnung mit einer anderen Welt voran zu kommen“ (S. 31).

„Worte können in jedem und zwischen dem einen und dem anderen Erde und Himmel, Menschliches und Göttliches verbinden, unter der Bedingung, dass sie nicht eine einzige Wahrheit äußern und nicht die Welt und die Dinge von einem einzigen Gesichtspunkt ausgehend bezeichnen.“ (S. 34)
Dieser Respekt vor dem anderen und seiner Welt erweist sich als der Keim wirklicher Transzendenzerfahrung. Bislang war Transzendenz verbunden mit Besitzergreifung, Aneignung, Herrschaft und fand somit auf Kosten der Anderen statt. Irigaray will „eine neue Welt aufbauen“, in der es gelingt, mit dem anderen da zu sein und „eine dritte Welt zwischen uns existent sein lassen“. (S. 43) Dieser Prozess, diese Erfahrung, ließe sich als ein wahrhaft menschliches Bedürfnis kultivieren, nämlich als eine Beziehung zum Anderen, die als unreduzierbar anerkannt wird: die Erfahrung einer horizontalen statt vertikalen Transzendenz.

Luce Irigaray beschreibt ihr Lebenswerk als Suche nach einer wahren, gerechteren und glücklicheren Zukunft für die Menschheit. Die Geschlechterdifferenz ist für sie die unmittelbarste und am meisten universale Differenz, die daher die Basis für das menschliche Zusammenleben darstellt. Diese beginnt immer konkret bei zwei Menschen, eröffnet aber den Weg für eine Globalisierung, die weder durch subjektive noch kulturelle Individualitäten zerstört werden kann.
Um sich auf die Gedanken Luce Irigarays einzulassen, ihren spannenden Denkweg zu verfolgen, braucht es Zeit und vor allem die Offenheit, eine andere „Welt zu teilen“.
Ein Lesetipp: Für manche könnte die Einleitung zu abstrakt philosophisch formuliert sein – einfach zum Schluss lesen.

Luce Irigaray: Welt teilen. Aus dem Französischen von Angelika Dickmann. Alber Verlag Freiburg/München 2010. 160 S., Preis 15,00 €

Autorin: Marit Rullmann
Redakteurin: Bettina Bremer
Eingestellt am: 30.09.2010
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