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Das Gespräch nicht den „Religionsvertretern“ überlassen

Von Ina Praetorius

Gespräche zwischen Menschen unterschiedlichen Herkommens sind notwendig und können viel bewegen. Aber was uns als „interreligiöser Dialog“ vorgesetzt wird, ist oft ziemlich langweilig: Da sitzen vorne auf einem Podium sogenannte Religionsvertreter und stellen einander und dem Publikum ihre Religionen vor. Wenn sie damit fertig sind, bleibt oft keine Zeit mehr für den Erfahrungsaustausch. Womöglich gehen wir nach solchen Veranstaltungen ein bisschen angeregt nach Hause, weil wir den anderen wieder einmal zugehört haben. Es kann aber auch sein, dass ich mich ärgere und schlecht fühle, weil die Ausführungen meines „Vertreters“, also des Pfarrers oder der Theologin, zwar der Lehrbuchdefinition des Christentums korrekt entsprochen, nicht aber meine alltäglichen Erfahrungen berührt haben.

Was laut Expertenmeinung „das Judentum“ oder „das Christentum“ ist, hätte ich auch bei Wikipedia nachschauen können…

Religionsvertreter?

Was ist überhaupt ein „Religionsvertreter“? Man versteht darunter einen Fachmann, zuweilen auch eine Fachfrau, die an einer offiziellen Lehranstalt seine oder ihre Religion studiert hat: einen Imam, einen Rabbiner, eine Pfarrerin zum Beispiel. Solche Experten kennen sich aus in den Sprachspielen der offiziellen Religion, in Geschichte, Dogmatik und Liturgik. Sie können gut und flüssig reden, weil sie nicht mühsam und lustvoll Worte suchen, die zu ihren Erfahrungen passen, sondern Worte und Wortverbindungen unverändert aus der Tradition übernehmen.

Marienaltar in den Vogesen

Foto: Dorothee Markert

Wissen sie aber auch, wie sich die offizielle Version der Religion, die sie „vertreten“, für Frauen, Männer und Kinder anfühlt, die vielleicht gar nicht besonders religiös sind? Die zwar getauft oder beschnitten sind, den Religionsunterricht besucht haben, irgendwie an ein höheres Wesen oder positive Energien glauben, aber fast nie in den Gottesdienst gehen? Weiss der Experte aus den akademischen Sphären, wie Frauen sich fühlen, die mit ihrer Religion kämpfen, weil sie einerseits nicht von ihr lassen wollen, andererseits aber vieles nicht akzeptieren können: das Verbot weiblicher Priesterschaft zum Beispiel, die ausschließliche Männlichkeit des Gottesbildes, die festgezurrte Sprache der Tradition, die keinen Raum für die Worte eigener Erfahrung zu lassen scheint?

Kann überhaupt jemand für andere Menschen eine Religion „vertreten“?

Sinnsuche im Alltag als gemeinsamer Ausgangspunkt

Die meisten Menschen, vielleicht sogar alle, sind täglich, und vor allem in Krisensituationen und in Phasen des Übergangs, auf der Suche nach dem Sinn ihres Daseins in der Welt. Manchmal hilft ihnen ihr religiöses Herkommen, zum Beispiel das muslimische Zentrum vor Ort, ein Buch oder ein Glaubenskurs. Manchmal auch nicht. Dann verlassen sie ihre Religionsgemeinschaft oder sie verzweifeln, sie passen sich widerwillig an oder gehen im Esoterikbuchladen stöbern. Die meisten finden irgendwann Antworten, die ihnen mehr oder weniger zusagen. Viele wechseln von einer Antwort zur anderen oder leihen sich Versatzstücke von der Nachbargemeinschaft aus. Die wenigsten Menschen leben genau mit den festgefügten Dogmen, die in den Lehrbüchern ihrer Herkunftsreligion stehen. Und gerade Frauen, die selbst denken, müssen sich eigene Antworten basteln, weil sie mit den patriarchalen Weltbildern, die in fast allen offiziellen Dogmen enthalten sind, nicht weiterkommen. Eigentlich ist längst klar, dass die meisten Menschen mit den Gesprächen der „Religionsvertreter“ nicht viel anfangen können, weil sich die Religionen vervielfältigt, vermischt und individualisiert haben und die offiziellen Versionen mit dem Lebens- und Sprachvollzug der Leute nicht mehr viel zu tun haben oder ihn sogar stören.

Und eigentlich wäre es auch gar nicht so schwierig, anders, diesseits der eingespielten Expertenrunden, miteinander ins Gespräch zu kommen: in einen Austausch, den ich provisorisch als „intervitales Gespräch“ bezeichne.

Intervitale Gespräche

Intervitale Gesprächsprozesse finden längst statt: eine junge Jüdin aus Los Angeles, zum Beispiel, hat einen katholischen Schweizer geheiratet. Die Kinder gehen in die Primarschule und wünschen sich einen Christbaum, aber die amerikanischen Grosseltern kommen zu Besuch und erwarten eine schöne Chanukkafeier. Was ist zu tun?

Labyrinth beim Schloss Beuggen

Foto: Dorothee Markert

Etwas Neues ist zu erfinden, das für alle stimmt und die Mitglieder der Familie – und vielleicht auch noch die Nachbarn – über die Grenzen der Sprachen, der Nationen, der Generationen und der Religionen in lebendige Beziehung zueinander setzt. Ein interreligiös-mehrsprachig-international-intergenerationelles Fest zu gestalten, ist schöpferische Arbeit. Sie wird schon an vielen Orten geleistet: in Schulen und Heimen, Gemeindehäusern und Zentren für Asylbewerberinnen und Asylbewerber. Und sie könnte Ausgangs- und Mittelpunkt der intervitalen Gespräche werden, in denen nicht mehr geschlossene Lehrgebäude gegeneinander abgegrenzt, sondern Antworten auf Sinnfragen und Gestaltungsaufgaben gesucht werden.

Gemeinsam würden wir unsere Traditionen befragen: was wissen wir überhaupt von ihnen?  Welche Bruch- und Versatzstücke der offiziellen Dogmatik helfen uns in konkreten Situationen weiter? Wie geht es uns mit klassischen Ritualen? Sind sie wandelbar und offen für Gastfreundschaft? Wie kann ich die Weisheit meiner Vorfahrinnen und Vorfahren neu beleben, ohne meine Nachbarinnen auszuschließen? Welche Worte passen überhaupt für meine und unsere Erfahrungen? Muss ich vielleicht neue erfinden?

Fachleute des Religiösen könnten in intervitalen Gesprächen durchaus eine wichtige Rolle spielen. Allerdings nicht als „Vertreter“, sondern als Hebammen, die die Geburt postpatriarchaler Sinnbezogenheit kundig und achtsam begleiten.

Autorin: Ina Praetorius
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 20.10.2010
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • lily besilly sagt:

    Danke für den interessanten und anregenden Artikel.
    Nach einer etwas seltsamen Erfahrung mit einem „Vertreter“ der katholischen Kirche ist mir das Thema gerade sehr nah. Wie sprechen wir über Religion? Ist unsere persönliche Religion heute eigentlich eine einzelne? Vielleicht sind wir schon viel verschwisterter als wir denken? Wie wäre es wenn sich zum Beispiel eine Buddhistin mit einer Christin austauschte darüber, was sie besonders in und aus der jeweils anderen Religion Inspirierendes schöpft? Mir fiele da doch Einiges ein. Mit Freude am gemeinsamen Weg, Lily Besilly

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