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Rubrik vertrauen

Großes Glück und tiefe Trauer

Von Hanna Strack

Der diesjährige Nobelpreis für Medizin geht an Robert Edwards, der die Forschung zur künstlichen Befruchtung (In-Vitro-Fertilisation IVF) mit großem Engagement betrieben und zusammen mit dem Gynäkologen Patrick Steptoe zum Erfolg geführt hat. Vier Millionen Kindern hat er seither ein Leben ermöglicht.

Foto: Photocase.com

Edwards Motiv war: „Es gibt nichts Wichtigeres im Leben als ein eigenes Kind.“ War das gesellschaftlicher Konsens in den sechziger Jahren, als er zu forschen begann? Oder war es noch der biblische Einfluss von 1. Tim 2,15, wo es heißt: „Die Frau wird gerettet werden dadurch, dass sie Kinder zur Welt bringt“? Die Kirche kannte ja in der Tat nur zwei Frauenleitbilder: Familienmutter oder Nonne beziehungsweise evangelische Diakonisse.

„Wir sind einfach nur dankbar“, sagt die Mutter, die durch künstliche Befruchtung schwanger wurde. Ebenso wie die aus Leidenschaft und Liebe, wie die aus Gewalt und Rücksichtslosigkeit, so sind auch die durch IVF gezeugten Kinder Gottes Schöpfung. Auch für sie gilt Psalm 139, 13, wo es heißt: „Du hast mich im Schoß meiner Mutter gewoben.“ Nur wenn die befruchtete Eizelle die Einladung der Gebärmutter gefolgt ist und sich in die Schleimhaut eingenistet hat, wächst das Kind heran – in einem stetigen leib-seelischen Dialog mit der Mutter heran.

Die große Freude, die Eltern empfinden, die durch künstliche Befruchtung ein Kind bekommen, ist nachvollziehbar. Die Frage nach der ganzen Wahrheit und der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung ist aber eine andere.

So soll Edwards eigentliches Interesse der Herstellung von „Material“, das sind die befruchteten Eizellen, gegolten haben. „Welt-Online“ informierte über die Anfänge von Edwards Forschung: „Eine Gynäkologin konnte er so weit von seiner Idee begeistern, dass sie ihm Eizellen und Teile von Eierstöcken ihrer Patientinnen lieferte, die er dann im Labor zu kultivieren und zu befruchten versuchte. … 1965 reiften drei Eizellen heran, und er befruchtete sie – mit seinem eigenen Sperma. Im nächsten Schritt … mussten diese befruchteten Eizellen in die Gebärmutter einer Frau übertragen werden.“ Haben die Patientinnen gewusst, wofür ihr Unterleib benutzt wurde und dass es sein eigener Same ist, mit dem ihre Eizelle befruchtet ist und die in ihre Gebärmutter eingespritzt wurde? Taten sie es freiwillig? Bekamen sie Geld?

Um die ganze Wahrheit zu erfahren, müssen wir den Schleier der Sprache aufdecken. So werden Eizellen nicht „gewonnen“, sondern nach monatelangem Hormonspritzen aus den Eierstöcken vaginal (vor kurzem noch durch die Bauchdecke) unter Ultraschallkontrollen herausgesaugt. Samenspenden sind auch keine „Spenden“. Der Mann masturbiert und übergibt sein Sperma dem Arzt, oder er verkauft es einer Samenbank, also einem profitorientierten Unternehmen. Die Werbeseiten im Internet für IVF mit Samen- und Eizellen aus Spanien und Tschechien zeigen, dass große Wirtschaftsinteressen hinter diesem Vorgehen stehen.

Die medizinischen Angebote werden oft wie Heilsverheißungen formuliert. Sie lassen die seelische Belastungen der Paare während der Prozeduren, die seelischen Leiden derer, die gescheitert sind, sowie die körperlichen Schäden bei den Frauen im Dunkeln. Nur 15 bis 30 Prozent der IVF-Frauen kommen nach einer Behandlung ein Baby, so niedrig ist die sogenannte „Baby-take-home-Rate“.

Viele versuchen es mehrmals. Viele Beziehungen sind dem damit verbundenem seelischen und körperlichen Stress nicht gewachsenen. Lebensberatungsstellen helfen dann den Frauen, die über lange Zeit nur auf dieses eine Ziel hin gelebt haben: ein Kind zu bekommen. Sie stehen dann vor dem Nichts stehen.

Ein wichtiger Grund für die große Nachfrage nach künstlicher Befruchtung ist, dass viele Frauen ihren Kinderwunsch aufgrund von kulturellen Gegebenheiten und Notwendigkeiten immer weiter aufschieben: Die Suche nach dem „richtigen“ Mann, der Aufbau einer beruflichen Karriere haben lange Vorrang. Frauen müssten ausreichend darüber informiert werden, dass die Fruchtbarkeit nach dem 35. Lebensjahr rapide abnimmt. Und jüngere Frauen müssen noch stärker darin unterstützt werden, früher Kinder einplanen zu können.

Ohnehin ist Edwards Wahlspruch „Es gibt nichts Wichtigeres im Leben als ein eigenes Kind“ eine Lüge. Frauen ohne Kinder haben ein großes Potential an Kreativität und Mütterlichkeit, das ihr Leben erfüllen kann. Mütterlichkeit ist eine Tugend, die alle leben können, auch Männer, auch Frauen, die keine leiblichen Kinder zur Welt bringen.

Der Forschungsdrang eines einzelnen Mannes hat große ethische Konflikte gebracht: Etwa die Frage, ob Embryonen vor der Einspritzung in die Gebärmutter nach erbbedingten Krankheiten untersucht und gegebenenfalls verworfen werden dürfen (Präimplantationsdiagnostik). Der Bundesgerichtshof hat kürzlich entschieden: Ja, aber nur wenn Erbkrankheiten befürchtet werden. Eine generelle Vorselektion darf nicht sein. Doch auf diese Weise entsteht Druck auf Eltern, die ein behindertes Kind haben: „Konntet Ihr es nicht verwerfen, also abtreiben?“ Der soziale Druck zu einem medizinisch durchgecheckten Kind wird sich erhöhen.

Ein Gegenentwurf zum Glauben an die Machbarkeit der Medizin ist die Spiritualität. Das ist zurzeit ein Modewort. Es meint eine Frömmigkeit, die kein fest gelegtes Gottesbild hat, aber eine tiefe Verbundenheit mit den tragenden Kräften des Lebens. Spiritualität in der Phase der Familiengründung umfasst heute mehr als Schwangerschaft und Geburt. Sie fragt: Welche Macht lassen wir über uns herrschen? Die Hochleistungsmedizin? Die Werbung der Kinderwunsch-Zentren mit ihren wirtschaftlichen Interessen? Den gesellschaftlichen Druck?

Die Bibel enthält viele Texte zu Themen der Familiengründung, die aber auch Probleme ansprechen: Hagar wurde Leihmutter für Sara und Abraham. Nach dem Streit der Frauen wird sie mit ihrem Sohn Ismael in die Wüste geschickt (1. Mose 16 und 21). Rahel stirbt bei der Geburt ihres zweiten heiß erbeteten Kindes, Benjamin (1. Mose 37,15). Rebekka ist verunsichert durch die heftigen Kindesbewegungen ihrer Zwillinge und holt bei Gott ein Orakel ein (1. Mose 25, 24ff). Elisa reinigt das Brunnenwasser mit Salz und verhindert so weitere Fehlgeburten (2. Könige 2,19). Die Erzählung der beiden Frauen Elisabet spürt Kindsbewegungen ihres Sohnes, des späteren Johannes des Täufer, als die mit Jesus schwangere Maria sie besucht (Lukas 1,41).

Für die so genannte Unfruchtbarkeit kennt die Bibel mehrere Ausdrücke: entwurzelt, einsam, verwelkt. Oft ist es eine Kinderlosigkeit auf Zeit. Die Unverfügbarkeit wird Gott zugeschrieben, er öffnet oder verschließt den Muttermund. Die Ambivalenz von Scheitern und Gelingen ist bei künstlicher Befruchtung viel größer als bei ‚natürlichen’ Schwangerschaften.

Die Medizin kann das seelische Erleben nicht wahrnehmen. Doch alle Eltern spüren beim Blickkontakt mit einem Neugeborenen, dass hier mehr ist als das „Machbare“. Woher kommt diese Seele des Kindes? Ist sie ein Symbol für die vorsprachlichen Gefühle? Ist sie selbst „voller Transzendenzerfahrung“, so eine Formulierung von Franz Renggli? Ist sie die Gottesgeburt in jedem Menschen?

Die großen Erfolge der Hochleistungsmedizin führen uns nicht nur hin zum Glauben an die Wissenschaft, sondern auch zu den Grenzen der Machbarkeit, zur Offenheit gegenüber dem Wandel im persönlichen Leben, zur Dankbarkeit für die Wunder des Lebens, zu neuem Vertrauen, wenn alles in Frage steht. Unerfüllter Kinder- und Enkelkinderwunsch, künstliche Befruchtung, vertrauensvolle Begleitung von Schwangerschaft und Geburt, Seelsorge bei Wochenbettdepressionen – diese und andere Themen der Familiengründungsphase gehören nicht nur in die Krankenhäuser und in professionelle Beratungsstellen. Sie gehören in die Mitte der Gesellschaft, sie brauchen soziale Begleitung und Rituale.

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Fidi Bogdahn sagt:

    …nur paar Randbemerkungen zum „Wichtigsten“:
    „Es gibt nichts Wichtigeres in Leben als ein eigenes Kind!“
    Dieser Satz mit all seinen Facetten begegnet mir noch immer und wohl meist unhinterfragt,
    und er wiederholt sich dann in „zweiter Generation“ in meist epischer Breite als Aussagen von Großmüttern bzgl. den Enkelkindern. Wenn damit „nur“ die persönlich erlebte Freude ausgedrückt wird, find ich es richtig schön zu hören. Aber wenn damit letztlich die obige Wertung Allgemeingültigkeit zu haben scheint, wundert es doch nicht, dass der Wunsch nach einem „eigenen“ Kind nicht Wunsch bleibt, sondern nach Erfüllung verlangt, um auch in diesen wichtigen WertBesitz zu kommen.
    Ein eigenes Kind zu haben, das mag für viele ein LebensWeg sein, auf dem es nichts Wichtigeres gibt. Doch es gibt genügend Wege ohne eigene Kinder, und diese LebensWege haben anderes Wichtigstes! Dieses Wichtigste verändert sich im Laufe des Lebens – wahrscheinlich sogar mehrfach, eben so bunt, wie Leben ist, wenn es „mehr“ ist als ein eigenes Kind.

  • Als ich in diesem Jahr von der Nobelpreisvergabe hörte, berührte mich das sehr seltsam. Vielen Dank für diesen Artikel, der einige Hintergrundinformationen bietet und das Thema differenziert beleuchtet, in seiner Ambivalenz zeigt und über die medizinische Bedeutung hinausdenkt. Den Schleier der Sprache aufdecken, das ist schön. Und etwas mehr Wahrheit ist damit auch gesagt!

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