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Die Freude am Schenken bewahren: Das Ehrenamt als bedrohte Kostbarkeit

Von Dorothee Markert

In der 1999 erschienenen Flugschrift „Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn“ und im Grundeinkommenstext „Sinnvolles Zusammenleben im ausgehenden Patriarchat“ (2004) habe ich mit anderen zusammen betont, dass ehrenamtliche Arbeit nicht dafür da sein sollte, Einsparungen zu kompensieren oder zu ermöglichen, sondern dass sie nur dort ihren Platz haben sollte, wo es um gesellschaftliche Innovation geht. Die Freiheit, die wir brauchen, um Neues auszuprobieren und neue Entwicklungen in Gang zu setzen, verträgt sich meistens schlecht mit den Erwartungen und Ansprüchen, die Institutionen (oder einzelne KundInnen) an uns haben, die uns bezahlen. Aber sobald der Sinn und die Notwendigkeit von Tätigkeiten gesellschaftlich anerkannt sind, kann und sollte darauf gedrängt werden, dass sie auch bezahlt werden, aus Steuergeldern oder durch die NutznießerInnen selbst.[1]

Was wir damals geschrieben haben, finde ich immer noch richtig. Doch in meinem wirklichen Leben halte ich mich in Bezug auf das Ehrenamt überhaupt nicht an meine eigenen Vorgaben. Deshalb möchte ich untersuchen, was es mir (und wahrscheinlich auch vielen anderen) so schwer macht, ehrenamtliche Aufgaben wirklich nur dann anzunehmen oder fortzusetzen, wenn ich mich frei dafür entschieden habe und wenn ich sicher bin, dass mein unbezahlter Arbeitseinsatz nicht direkt oder indirekt der kapitalistischen Wirtschaft zugute kommt oder andere Folgen hat, die nicht meinen Absichten entsprechen. Die Diskrepanz zwischen meinen theoretischen Vorstellungen, wann das Ehrenamt sinnvoll ist, und meiner Unfähigkeit, mein Leben danach einzurichten, weist darauf hin, dass entweder die Vorgaben falsch sind oder dass ein Stück Denkentwicklung, Vermittlung und gesellschaftliche Entwicklung fehlt, um das als richtig Erkannte umsetzen zu können. Mit diesem Denkprozess, der ganz offensichtlich noch zu leisten ist, möchte ich hier beginnen. Ich hoffe, dass ich damit eine Diskussion auslöse, in der auch andere ihre Erfahrungen mit Ehrenamt bzw. Freiwilligenarbeit untersuchen und über Lösungsmöglichkeiten der damit verbundenen Probleme nachdenken.

Meine bisherigen Versuche, über mein Problem mit dem Ehrenamt zu sprechen, vor allem auch mit „Betroffenen“, zuletzt in einem kirchlichen Gremium, führten nicht zu einer konstruktiven Diskussion. Meine Kritik wurde entweder nicht ernst genommen oder mit Vorwürfen und Gekränktsein abgewehrt. Das kann ich inzwischen gut verstehen, da im Gabebereich sehr empfindlich reagiert wird, wenn an einem Geschenk oder an der Art und Weise des eigenen Schenkens herumgemäkelt wird. Ich konnte nicht vermitteln, dass ich die freiwilligen Arbeitsleistungen nicht entwerten, sondern dazu anregen wollte, sorgsamer und bewusster mit diesem kostbaren Gut umzugehen. Denn die Freude am Geben geht nicht nur verloren, wenn einem niemand dankt, sondern auch dann, wenn das Geben nicht mehr freiwillig ist, wenn man dazu durch moralischen Druck genötigt wird. Bisher ist es mir nicht gelungen, mein Anliegen verständlich zu machen.

Gesucht: ein neuer Begriff

Das Unbehagen mit dem „Ehrenamt“ beginnt bei vielen schon mit dem Begriff. Denn dieser bezieht sich auf eine Einrichtung, die Männer in patriarchaler Zeit für ihresgleichen geschaffen haben: ein Amt, für das man nicht angemessen bezahlt wird, das einem aber viel Ehre einbringt. Beispielsweise hatten wir bis vor wenigen Jahren in dem kleinen Dorf, in dem ich wohne, noch einen ehrenamtlich arbeitenden Bürgermeister. Solche Ehrenämter, um die es mir hier nicht geht, sind meistens mit recht ansehnlichen „Aufwandsentschädigungen“ ausgestattet. Mir geht es vor allem um die weitgehend unsichtbare Freiwilligenarbeit, die von mehr Frauen als Männern geleistet wird und die von den Tätigkeiten her oft mit der Haus- und Familienarbeit in Zusammenhang steht. Während die Haus- und Familienarbeit eine Mischung aus Arbeitsteilung, Tausch (Arbeit gegen Lebensunterhalt) und Generationen- oder Partnerschaftsgeschenken ist, ist Freiwilligenarbeit reines Geschenk. Wie die Haus- und Familienarbeit ist die Freiwilligenarbeit an der Grenze zwischen profitorientierter Erwerbswirtschaft und für das Leben in Beziehungen und in Generationen grundlegend wichtiger Gabeebene angesiedelt. Weil die Überschneidung dieser beiden ganz unterschiedlichen Ebenen nicht wahrgenommen und beachtet wird und weil die Gabeebene nicht wertgeschätzt und ausreichend geschützt wird, entstehen in beiden Bereichen Probleme, auf die ich im Laufe dieses Artikels noch zurückkommen werde.

Kuchenbacken: geschenkte Arbeit plus Spende

Foto: Dorothee Markert

Ehrenamtliche, freiwillige Arbeit ist ein kostbares Geschenk für das gute Leben aller. Wir brauchen einen neuen Begriff, der das betont. Er müsste in die Richtung von „geschenkte Arbeit“, „Großzügigkeitsarbeit“, „Gabearbeit“, „Gemeinsinnarbeit“ oder „Guteslebenarbeit“ gehen. Der Begriff „Ehrenamt“ erinnert zu sehr an männliche Ehre und männliche Ämter aus der Untertanenzeit, während mich der Begriff „Freiwilligenarbeit“ an Freiwillige beim Militär erinnert, an Freiwillige, die sich für eine von anderen gestellte Aufgabe melden. „Freiwillig“ heißt für mich nicht „frei“. Sprechen wir von „unbezahlter Arbeit“, ist der Maßstab das Geld und nicht die besondere Qualität dieser Arbeit im Kontext des Schenkens. Geschenkte Arbeit ist nämlich etwas ganz anderes als „unbezahlte Mehrarbeit“.

Weibliches Ehrenamt vor und nach der Frauenbewegung

Ich gehöre zu einer Generation, in der es noch Väter gab, die ihren Ehefrauen die Erwerbstätigkeit und ihren Töchtern das Jobben nicht erlaubten. Aber gegen ehrenamtliche Arbeit konnten sie als gute Bürger oder Kirchgänger nichts haben. Um von zuhause wegzukommen, wo auch ständig Hausarbeit auf einen wartete, und mal andere Erfahrungen zu machen, blieb also nur die Möglichkeit, irgendwo zu „helfen“, natürlich unbezahlt. Die Erfahrungen, die Jugendliche und Studierende heute in ihren ersten bezahlten Jobs machen, waren für Mädchen aus meiner Generation noch mit der Einübung in ehrenamtliches Tätigsein verbunden: Babysitten, Geschirr spülen oder bedienen bei Festen, im Krankenhaus am Wochenende putzen und Essen ausgeben, eine Jugendgruppe leiten, einer Tante in ihrem Schreibwarenladen helfen, einer befreundeten Arztfamilie bei der Abrechnung helfen, in den Ferien auf einem Bauernhof mitarbeiten, bei einer Konfirmandenfreizeit kochen usw. Auf diese Weise vorbereitet, ließ ich mich dann im „Diakonischen Jahr“ in einer Behinderteneinrichtung bei einem 11-Stunden-Tag ausbeuten und empörte mich nur darüber, dass wir zusätzlich zu der Arbeit mit den Kindergruppen auch noch putzen mussten, wenn die Kinder in der Schule waren. Auch während des Studiums arbeitete ich mehr in Freiwilligenprojekten als in bezahlten Jobs, obwohl ich sehr wenig Geld hatte, beispielsweise in einem Verein, der Ferienlager für bedürftige Großstadtkinder veranstaltete und durch Finanzierungsaktionen (Discos, Feste, Bettelbriefe an Firmen usw.) während des Semesters auch noch einen Teil des Geldes dafür selbst aufbringen musste. Nahtlos schloss sich dann das Engagement in den „Bewegungen“ an: in der Freinetbewegung für eine demokratische Schule, wo wir alternatives Unterrichtsmaterial herstellten und Fortbildungen organisierten, in der Studentenbewegung, der Frauenbewegung, in der schwul-lesbischen Bewegung. Auch in den „Bewegungen“ bestand neben dem Verfassen und Veröffentlichen von Texten und der Organisation von Veranstaltungen ein großer Teil der Freiwilligenarbeit in eher unsichtbaren familien- und haushaltsnahen Tätigkeiten: Essen und Getränke für die Feste bereitstellen und ausgeben, Geschirr spülen und putzen, Räume einrichten und sauber halten und vor allem Ansprechpartnerin und Beraterin für andere sein.

Dank der Frauenbewegung ist die Selbstverständlichkeit der Einbindung von Mädchen und Frauen in unsichtbare Freiwilligenarbeit weitgehend vorbei. Institutionen, die weiterhin darauf bauen und nicht bereit sind, ihren unreflektierten Umgang mit der Freiwilligenarbeit von Frauen zu revidieren, wie es vor allem die Kirchen, aber auch Gewerkschaften und viele Vereine immer noch tun, werden weiter schrumpfen und vielleicht sogar ganz verschwinden. Die Nötigung bzw. der Druck, geschenkte Arbeit bereitzustellen, wirkt oft abschreckend, wie folgende Beispiele zeigen:

Als in der Kantorei, in der ich mitsang, obwohl ich wie die meisten dort der Kirche damals eher fern stand, regelmäßig Kuchenbettellisten für verschiedene kirchliche Veranstaltungen durch die Reihen gingen, bestärkte mich dies darin, dass ich mit dieser Kirche nichts mehr zu tun haben wollte. Seit ich dann unter anderem wegen einer Pfarrerin und einem Pfarrer, deren Gottesdienste mich sehr ansprachen, doch wieder in die Kirche eingetreten bin, bin ich ständig mit Situationen konfrontiert, in denen ich wahrnehme, wie abschreckend der kirchliche Umgang mit dem Ehrenamt sich auswirkt. Beispielsweise nahmen an einer professionell geleiteten Zukunftswerkstatt unserer Gemeinde außer mir und noch einem neu Eingetretenen nur Menschen teil, die sich dort bereits auf vielerlei Weise ehrenamtlich engagierten oder die hauptamtliche Mitarbeiter waren. Wie sich herausstellte, waren normale Gemeindemitglieder fern geblieben, weil sie befürchteten, irgendein Pöstchen übernehmen zu müssen. Der größte Teil der Aktionen, die schließlich beschlossen wurden, bedeutete dann auch tatsächlich Mehrarbeit für die Anwesenden. Bei dieser Zukunftswerkstatt wurde zwar von einer Frau beklagt, dass sich das Engagement auf viel zu wenige Schultern verteile, doch die Konsequenz, dann weniger zu machen, beispielsweise auf Gemeindefrühstücke und –mittagessen und auf das Gemeindefest zu verzichten, wurde nicht gezogen. Seit ich nun auch noch in einem Leitungsgremium der Gemeinde ehrenamtlich mitarbeite, kann ich dem permanenten Druck, die eine oder andere zusätzliche „kleine Aufgabe“ zu übernehmen, weil sonst niemand da ist oder alle anderen sowieso schon viel mehr machen, nicht immer standhalten. Obwohl ich beim Eintritt in mein Amt dem Gremium angekündigt hatte, dass ich nicht bereit sei, Kuchen zu backen, habe ich inzwischen auch das getan. Zwar sprach ich die Absurdität mancher Situationen immer wieder an, brachte es aber nicht fertig, die anderen noch viel mehr belasteten KollegInnen hängenzulassen, beispielsweise bei einer Einladung für die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Gemeinde, wobei das Leitungsgremium – also selbst Ehrenamtliche – traditionell für die Bewirtung sorgt. Oder beim Gemeindefest, wo ich den ganzen Tag an der Salattheke schuftete, weil niemand da war, der mich ablösen konnte. Vielleicht auch, um mir selbst wieder in die Augen schauen zu können, deklarierte ich meine Mitarbeit beim Gemeindefest zum Selbstversuch, um meinen KollegInnen meine Probleme mit dem Ehrenamt und einer Festkultur, die auch Mittel zur Geldbeschaffung und Werbeaktion ist, besser erklären zu können.

Zweifellos ist der Druck zur Übernahme von Freiwilligenarbeit in schrumpfenden oder sterbenden Institutionen besonders stark, da hier – ebenso wie in vom Sozialabbau betroffenen staatlichen Institutionen – ein zunehmender Mangel an Geld und Personal herrscht. Da ich nicht der Meinung bin, dass man Institutionen wie die Kirchen, die trotz vieler Ungereimtheiten und Mängel doch immer noch wichtige Gabebereiche sind, ruhig vollends aussterben lassen soll, möchte ich den Versuch noch nicht aufgeben, sie zu einer grundlegenden Auseinandersetzung mit dem Thema Ehrenamt zu bewegen.

Die Zweischneidigkeit öffentlicher Wertschätzung von Freiwilligenarbeit

Vor der Frauenbewegung der siebziger Jahre war der unbezahlte Beitrag der Frauen zum guten Leben aller, in den Familien und in der Freiwilligenarbeit, kein Thema in der Öffentlichkeit. Ihre Bereitschaft dazu war für alle, auch für die Frauen selbst, eine Selbstverständlichkeit, über die nicht gesprochen wurde.[2] Seit sich das geändert hat, wird öffentlich viel Werbung für „bürgerschaftliches Engagement“ gemacht, wobei natürlich geschlechtsneutral von einem „vielfältigen lokalen Engagement in Vereinen, Verbänden und karitativen Organisationen“ gesprochen wird. In Freiburg gibt es sogar eine „Stabsstelle Bürgerschaftliches Engagement“. Ein „internationaler Freiwilligentag“ (5. Dezember) wird gefeiert, an dem „beispielgebende Projekte“ ausgezeichnet werden, 2011 soll sogar zu einem Jahr der Freiwilligenarbeit ausgerufen werden.[3]

Natürlich ist es erfreulich, wenn ehrenamtliche Arbeit mehr wahrgenommen und gewürdigt wird. An der öffentlich bekundeten Wertschätzung, die wir uns ja als Minimum der Anerkennung gewünscht haben, stört mich aber zweierlei: Zum einen fällt die als eher unbedeutend eingestufte haushaltnahe Freiwilligenarbeit von Frauen bei solchen Ehrungen in der Regel unter den Tisch, zum anderen stört mich ihr instrumenteller Charakter. Solche Ehrungen werden nämlich genutzt, um Werbung für mehr Freiwilligenarbeit zu machen, mit dem Ziel, die öffentlichen Haushalte zu entlasten oder um Sparmaßnahmen in bestimmten Sozial- und Bildungsbereichen zu kompensieren. Appelliert wird an die „Einsicht“, dass der Staat überfordert wäre, wenn er alles bezahlen müsste, was beispielsweise im Care- und Bildungsbereich wünschenswert wäre. Statt dessen wird auf „Nachbarschaftshilfe“ und „bürgerschaftliches Engagement“ gesetzt.

Wie sehr in staatlicher Sparpolitik mit Freiwilligenarbeit „gerechnet“ wird, zeigt der Gesetzentwurf über das Gewähren von Bildungs- und Sachleistungen für Kinder aus von Hartz IV lebenden Familien. Bevor Nachhilfe- und Fördermaßnahmen bezahlt werden, muss geprüft werden, ob es vor Ort kein ehrenamtliches Angebot dafür gibt. Als Lerntherapeutin weiß ich, dass damit das Ziel, über das sich ja schon seit der Pisa-Untersuchung die ganze Gesellschaft einig ist, diese Kinder und besonders Kinder aus Migrantenfamilien besser auszubilden, in vielen Fällen nicht erreicht werden wird. Wo der Einsatz von ehrenamtlich arbeitenden „Lesepaten“ oder schlecht bezahlten „Schulassistenten“ benutzt wird, um dringend notwendige Fördermaßnahmen einzusparen, für die eine spezielle Ausbildung notwendig ist, bleibt unser Bildungssystem so ungerecht, wie es ist. Zudem drückt eine Konkurrenzsituation zwischen ehrenamtlichen und professionellen Angeboten das Honorar im bezahlten Bereich. Schon jetzt arbeite ich ebenso wie meine Kolleginnen für 40% weniger Geld, wenn Familien die Lerntherapie selbst bezahlen müssen, gemessen an dem, was bei vom Jugendamt bezahlten Therapien als Honorar für meine Arbeit festgelegt ist.[4] Also ist eigentlich auch meine berufliche Arbeit zu 40% Freiwilligenarbeit. Schon während meines Diakonischen Jahres (1969) wies mich ein Kollege darauf hin, dass sich mein Einsatz negativ auf seine Arbeitsbedingungen auswirke, sowohl auf die Bezahlung als auch auf den Druck, unbezahlte Mehrarbeit zu leisten. Das Vorhandensein von Freiwilligenarbeit kann sich also in problematischer Weise auf die Erwerbstätigkeit auswirken, die mit ihr in Verbindung gebracht wird. Durch die Nähe zu auch unbezahlt geleisteten Arbeiten werden bezahlte Tätigkeiten geringer bewertet, was mitverantwortlich dafür ist, dass die Bezahlung in überwiegend von Frauen besetzten Erwerbsarbeitsbereichen immer noch skandalös niedrig ist.

Wenn Freiwilligenarbeit in die Logik der Erwerbswirtschaft einbezogen und eingebunden wird, hat dies zudem negative Auswirkungen auf die Qualität dieser Arbeit und auf ihre Freiwilligkeit. Wo ehrenamtliches Tätigsein eingefordert wird, um Einsparungen staatlicher Institutionen auszugleichen oder um Hauptamtliche zu unterstützen, die völlig überfordert sind, nachdem Personal eingespart worden ist, wird aus der Freiwilligenarbeit eine Art Leck, durch das die Geschenke, die Menschen den Gemeinschaften, in denen sie leben, für das gute Leben aller machen, zur kapitalistischen Wirtschaft hinfließen, um dort Einsparungen und Umverteilungen zu ermöglichen und anderswo Gewinne zu erhöhen. Mir fallen dazu beispielsweise die derzeitigen Gewinne von Banken ein, die während der Finanzkrise durch Steuergelder gestützt wurden, was zur Folge hatte, dass in vielen anderen staatlichen Bereichen noch mehr gespart werden musste.

Wie Mütter zu ehrenamtlicher Arbeit genötigt werden

Für jüngere Frauen, die anders in ihre Berufstätigkeit hineingewachsen sind als ich und daher sicher mehr Widerstandskraft gegenüber dem Druck zur Freiwilligenarbeit haben, ist es gerade der Bildungsbereich, in dem sie schließlich doch in die Freiwilligenarbeit hineingezogen werden, ohne sie  wirklich gewählt zu haben. Sie arbeiten kostenlos für die Kindergärten, Schulen und Vereine, in die ihre Kinder gehen. Sie engagieren sich in Fördervereinen, die Gelder beschaffen zur Finanzierung dessen, wozu staatliche Institutionen nicht bereit sind, obwohl es in politischen Reden und Programmen seit Jahren beschworen wird.

Häppchen für Schulveranstaltungen

Foto: Dorothee Markert

Als Lehrerin hat mich schon immer geärgert, wie sehr die Mitarbeit von Eltern, also fast ausschließlich von Müttern, stillschweigend vorausgesetzt wurde, vor allem bei den Hausaufgaben, aber auch bei Schulveranstaltungen, wo mit ihren Kuchen- und Salatspenden von jeher fest gerechnet wird. Auch hierbei handelt es sich um verdeckte Finanzierungsaktionen, nicht nur um einen Beitrag für schönere Feste. Mir scheint, dass in diesem Bereich der Druck, ehrenamtlich zu arbeiten, eher noch zugenommen hat, da die Ansprüche gestiegen sind. Eine Schulveranstaltung ohne die Bereitstellung von Kuchen und Häppchen, die zugunsten der Schulkasse verkauft werden, ist fast undenkbar geworden. In meiner Kirchengemeinde müssen Mütter an einigen Samstagen für die KonfirmandInnen Frühstück und Mittagessen zubereiten. Dass sie dazu bereit sind, wird als selbstverständlich vorausgesetzt, wenn sie ihr Kind konfirmieren lassen wollen.

Während in Privatschulen die ehrenamtliche Mitarbeit der Eltern schon immer eingefordert wurde, – hier ging es ja schließlich ursprünglich um Innovation – hörte ich neulich von der voll berufstätigen Mutter eines Grundschulkindes, dass man ihr bei der Anmeldung an einer staatlichen Schule eine Reihe von Tätigkeiten genannt hatte, die von ihr erwartet wurden, worauf sie ihr Kind an einer Privatschule anmeldete, wo sie wenigstens zwischen ehrenamtlicher Mitarbeit oder einem höheren Beitrag wählen konnte.

Die Perspektive der Gabe

Trotz all meiner Beispiele dafür, dass die Existenz von kostenlosen Angeboten sich negativ auf angrenzende Erwerbsarbeitsplätze auswirken und zu lebensfeindlichen Einsparungen benutzt werden kann, habe ich inzwischen verstanden, dass der Aufruf zur totalen Verweigerung von ehrenamtlichen Tätigkeiten in nicht-innovativen Bereichen keine wünschenswerte Lösung ist. Ich werde also damit aufhören, mich selbst und andere zu tadeln, wenn wir weiterhin umsonst arbeiten, wo die Gemeinschaft eigentlich Geld für eine Bezahlung zur Verfügung stellen müsste. Denn bis es uns gelungen ist, durch politische Veränderungsarbeit eine sinnvollere Verteilung unserer Steuergelder durchzusetzen, wollen wir weder damit aufhören, etwas für das gute Leben zu tun – schließlich ist Schenken ein menschliches Grundbedürfnis – , noch wollen wir auf Feste, gute Bewirtung, geschmückte Räume, Aufmerksamkeit und freundliche Gespräche verzichten. Und das ist gut so. Denn es zeigt, dass der Maßstab des Geldes nicht der einzige ist, der zählt. Es ist wichtig, dass wir uns die Probleme bewusst machen, die durch ehrenamtliche Arbeit in der angrenzenden Erwerbsarbeit und im ehrenamtlichen Bereich durch den Einfluss von erwerbswirtschaftlichem Denken entstehen, doch es ist noch wichtiger, dem guten Leben und damit immer wieder auch der Welt des Schenkens Vorrang zu geben vor geld-wirtschaftlichen Überlegungen.

Das wurde mir besonders deutlich bei dem Gespräch mit einer Frau, die in der mobilen Altenpflege arbeitet. Auf meine Frage, wie es ihr in ihrem Beruf mit dem Zeitdruck gehe, unter dem ja seit der Einführung betriebswirtschaftlicher Organisationsformen in immer mehr Care-Bereichen die dort Tätigen und die Betreuten gleichermaßen leiden, überraschte sie mich mit der Antwort, dass sie persönlich damit kein Problem mehr habe. Wenn sie beispielsweise das Bedürfnis habe, ein längeres Gespräch mit einer Klientin zu führen, unterbreche sie einfach ihre Zeitmessung und nehme sich die Zeit, die sie brauche. Auch wenn sie diese Zeit dann nicht bezahlt bekomme, gehe es ihr auf diese Weise viel besser in ihrer Arbeit, sie sei zufriedener und überhaupt nicht mehr gestresst.

Ich habe große Achtung vor dieser Entscheidung. Wichtig finde ich aber, dass so etwas nicht stillschweigend geschieht – zum Glück spricht diese Altenpflegerin ja auch mit anderen darüber. Denn dann wird es zu einem politischen Verhalten, aus dem ein Widerstand gegen die Kommerzialisierung von Care-Bereichen erwachsen kann. Dann wird nämlich deutlich, dass diese kein Naturprozess ist, sondern auf politischen Entscheidungen beruht, die veränderbar sind, die also auch wieder zurückgenommen werden können.

Geschenkte Arbeit kann eine wichtige politische Rolle spielen, wenn wir verstanden haben, dass wir uns, beziehungsweise dem „guten Leben für alle“, nicht noch mehr Lebensbereiche mit Gabe-Priorität wegnehmen lassen dürfen, sondern diese wieder ausbauen und manche auch zurückgewinnen können. Das heißt aber nicht, dass wir jede Art von ehrenamtlicher Arbeit, die uns nahegelegt wird, akzeptieren müssen. Um die Freude am Schenken zu bewahren und den Gabebereich zu stärken, kann es auch notwendig sein, eine Freiwilligenarbeit zu verweigern oder abzubrechen. Auch das kann ein politischer Einsatz des Ehrenamtes sein. Dabei ist es allerdings wichtig, dies im politischen Kontext verständlich zu erklären. In meinem kirchlichen Gremium werde ich in Zukunft meine Bereitschaft, bei Bewirtungen mitzuhelfen, davon abhängig machen, ob es sich um echte Feste handelt oder um Finanzierungsaktionen, an denen ich mich nicht beteiligen will, auch wenn sie „für einen guten Zweck“ sind. Denn es ist mir wichtig, dass bei der Planung und Gestaltung von Festen Gewinnorientierung keine Rolle spielt.

Eine geschenkte Arbeit kann auch befristet und mit Veränderungsforderungen verbunden werden. In einem Gesprächskreis, den ich ein Jahr lang ehrenamtlich geleitet habe, obwohl ich das nie vorhatte, erklärten sich die Teilnehmenden erst dann bereit, ebenfalls Leitungsaufgaben zu übernehmen, als ich mich entschlossen hatte, ganz damit aufzuhören. Nun leite ich nur noch jedes zweite Mal, was für mich in Ordnung ist.

Ein neuer großer Lebensbereich mit Gabe-Priorität, in dem bis jetzt noch mehr Männer als Frauen aktiv sind, ist übrigens das Internet, vor allem die Bloggerszene und der Bereich der sozialen Netzwerke. Wenn wir unsere Online-Zeitung beziehungsweise-weiterdenken im Rahmen dieses Gabebereichs wahrnehmen, ist es auch stimmig, dass wir sie umsonst anbieten, abgesehen von der Bitte um Spenden, die ja zum Gabebereich gehören.

Indem sie Lebensbereiche mit Gabe-Priorität stärkt und ausbaut, ist also jede geschenkte Arbeit eine politische Handlung in Richtung „Gutes Leben für alle“. Sie wird wirkungsvoller, wenn wir im Bewusstsein ihres Politischseins über sie sprechen. Daraus kann sich auch eine veränderte Kommunikation zwischen Erwerbstätigen und Ehrenamtlichen im selben Bereich ergeben, die vielleicht sogar in gemeinsame politische Aktionen mündet. Voraussetzung dafür ist es, dass an einem Bewusstsein der unterschiedlichen Logiken von Erwerbswirtschafts- und Gabebereich gearbeitet wird, dass die Gegebenheiten der jeweils anderen Situation respektiert werden. Beispielsweise erfordert die Freiwilligkeit im Gabebereich einen anderen Umgang mit Kritik, als er im Erwerbsarbeitsbereich üblich ist, hier muss man auch mit Unzuverlässigkeit, weniger Kontinuität, vielleicht sogar schlechterer Qualität leben können, muss lernen, großzügiger über Fehler hinwegzusehen.

Wie die Großzügigkeit im Gabebereich positive und negative Aspekte hat, gibt es auch im Erwerbsarbeitsbereich keine Werte, die eindeutig nur positiv oder nur negativ sind. Sicher ist jedoch, dass die derzeitige Verdrängung oder Vereinnahmung von Lebensbereichen mit Gabe-Priorität durch gewinn- oder einsparungsorientiertes Denken negative Auswirkungen auf unser Leben hat. Ein bewusst politisches Ehrenamt kann dem entgegenarbeiten und gleichzeitig schon jetzt unsere Lebensqualität verbessern. Doch dafür muss es frei gewählt sein.

[1] Die ehrenamtliche Arbeit als Redakteurin und Autorin dieser Onlinezeitung entsprach zumindest zu Beginn des Projekts diesen Kriterien. Doch schon damals verloren wir zwei potenzielle Mitarbeiterinnen, weil sie es nicht richtig fanden, wenn Frauen unbezahlt arbeiten. Seit sich die Zeitung etabliert hat, müssten wir eigentlich aufgrund unserer Vorgaben für das Ehrenamt dafür sorgen, dass wir bezahlt werden. Doch keine von uns hat Lust, Energie in Maßnahmen zu stecken, die dieses Ziel haben. Dass Geldbeschaffung für Frauen oft nicht oberste Priorität hat, ist sicher auch ein Grund, warum sie (wie wir) „anfällig“ für das Beibehalten von Ehrenamtlichkeit sind, auch wenn eine Arbeit durchaus bezahlt werden könnte. Doch dies stimmt nur, wenn wir in der Erwerbsarbeit-Logik denken. Dass es noch eine andere Perspektive gibt, in der es eine einleuchtende Erklärung für die Lustlosigkeit zum Geldeintreiben gibt, habe ich begriffen, während ich diesen Artikel schrieb.

[2] Dies steht im Einklang mit den Regeln, die für den Gabebereich gelten: Es passt nicht zum Schenken, dass Geschenke zur positiven Selbstdarstellung genutzt werden. Das Geben wird eher verborgen, um die Freiwilligkeit der Gabe (oder einer potenziellen Gegengabe) zu betonen. Mehr über die unterschiedlichen „Regeln“ von Gabe- und Tauschbereich in: Dorothee Markert, Fülle und Freiheit in der Welt der Gabe, Rüsselsheim 2006

[3] Vgl. Badische Zeitung, 22.10.2010

[4] Obwohl es einen Rechtsanspruch auf Einzelförderung gibt, erschweren die Jugendämter aus Einspargründen die Gewährung von Lerntherapien immer mehr, mit dem Argument, dies sei doch eigentlich Aufgabe der Schulen. Einige meiner Kolleginnen unterstützen Eltern dabei, ihr Recht einzuklagen, oder arbeiten in Elternverbänden mit, die das tun. Ehrenamtlich natürlich.

Autorin: Dorothee Markert
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 12.11.2010
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Liebe Dorothee,
    Dein Text regt an, die eigene Tätigkeitslandschaft wieder einmal bewusst anzuschauen. (Ich sage jetzt mal nicht: „Bilanz zu ziehen.“): Was mache ich wo für wen und vor allem: mit welchen Gefühlen? Ganz logisch finde ich, dass ich innovative Texte – zur Zeit vor allem im Bereich Scheiss-Theorie – fast immer gratis schreibe, ganz im Sinne Deiner Vorgabe, dass „Ehrenamt“ eigentlich erneuernd wirken sollte. Die bezahlten Anfragen zum „neuen“ Thema kommen dann erfahrungsgemäss nach und nach, womit das Geschenk sich allmählich in bezahlte Arbeit und die Innovation in Routine wandelt. Was das Kuchenbacken angeht, empfinde ich tatsächlich doppelte Freude, wenn ich es nicht für einen eingespielten Verein (Kirche, Schule…) mache, sondern für ein innovatives Projekt, zum Beispiel diese Woche für eine Party unseres interkontinentalen Dialogprojekts „Tsena Malalaka“. In der Kirchgemeinde lade ich dafür – gratis – zur Advents-Schweige-und-Sing-Oase ein, was wiederum ein innovatives Projekt ist… und so weiter. Interessante Selbstbefragung, die ich jedem und jeder empfehlen kann! Danke für den Denkanstoss!

  • yvonne sagt:

    Das ist alles durchaus richtig, was Du schreibst, dennoch wäre ich dafür, dass jeder für sich entscheidet, wozu er bereit ist und wieviel er in dem Bereich Ehrenamt einbringen möchte.
    Nachdem mich diese Kuchen und Salatbüffetorgien bis zum Überdruss begleitet haben, mache ich jetzt nichts mehr in der Richtung. Den Kirchenvorstand habe ich eine Legislaturperiode gemacht, danach wusste ich, das brauche ich nicht ewig. Ich bringe mich in kirchennahen Vereinen im Rahmen meines Berufes ein, also etwas, was ich kann, was mir nicht schwerfällt, und womit ich der Gruppe den meisten Nährwert biete. Das wird akzeptiert und mit dieser Variante kann ich gut leben.
    Das Aufopfern war noch nie meine Strecke und wenn jemand das macht, muss man schon genau hinschauen, was dieser Mensch bedient. Kirche und die Ehrenämter drum herum bieten Ehrenamtlern, die sich aufopfern wollen ein Stück Sicherheit und Familienersatz.
    Ich staune, wieviel emotionaler Einsatz die Arbeit dort zuweilen begleitet.
    Die Institution wird sich nicht ändern, solange die Menschen sich anbieten und für sich aus dem Ehrenamt einen Nutzen ziehen, auch wenn es von außen wie Ausbeutung aussieht. Will sagen, es gehören zwei dazu. Derjenige, der das Ehrenamt anbietet und derjenige, der sich dort bis zur Selbstaufgabe aufopfert (und ausnutzen lässt).

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Liebi Lüüt,Erstens:Danke für Deine Spurarbeit und Beharrlichkeit.Dorothee Du hast vieles zusammen gebracht was im Lauf der Jahre sich so abgespielt hat mit der Freiwilligenarbeit/Ehrenamt.Dank Deinem Lebenseinsatz,Lebensalter und Erfahrungen kannst Du uns darüber erzählen. Mit dieser Ausrichtung,da gibt es nicht viel an Unterschieden von Land zu Land,mehrheitlich kommt es auf das Gleiche hinaus. „Denn alles kann man schön herbeirufen, organisieren,lockend verpacken“,aber Fragen bleiben offen. Viele Frauen werden sich in diesem Artikel wiederfinden und sich bestätigt fühlen.Wir stehen jetzt in einem Uebergang,spüren Ungereimtes in der Gesellschaft und müssen wohl zum Schluss kommen,dass sich etwas ändern muss.Neue Fragen und Antworten,die mit der Freiwilligenarbeit zu tun haben,sind vonnöten.Persönlich habe ich meine Freiwilligenarbeit geleistet und auch Unkonventionelles mit der Musik gemacht.Ich bin andere Wege gegangen als üblich,z.B.in der Kirche.Jetzt sieht alles wieder anders aus,nachdem ich gezügelt bin.Wichtig ist:wir suchen nach neuen Wegen,gelingt es? Sonst wäre es besser, wir hielten uns daraus,und zögen so unsere Konsequenzen.Wir hüten ja gerne unser Freiwilligen-Testatheft.

  • susanna sagt:

    Das ist ein spannender Artikel, der mich dazu gebracht hat, meine eigenen Erfahrungen in Bezug auf unbezahlte Arbeit noch einmal zu reflektieren und sie wahrscheinlich heute Abend noch einmal aufzuschreiben… Praktisch alles, was ich bisher getan habe, wurde hier angesprochen: Kuchen für Gemeindefeste, Lesepatin, Ehrenamtliche in einem sehr unstrukturierten Bereic.

    lg, Susanna

  • Antje Schrupp sagt:

    Dass deine Kritik abgewehrt wird ist ein Hinweis darauf, dass du ein Tabu ansprichst. Dein Gedanke, Ehrenamt als Geschenk zu interpretieren, ist eben neu. Denn wie Juliane in ihrem Artikel auch schreibt, war/ist ja die unbezahlte Arbeit der Frauen ursprünglich eher eine Verpflichtung – und somit kein Geschenk. Diese „Verpflichtung“ ergab sich auch durch den Ernährerlohn: Ehefrauen mussten nicht für Geld arbeiten und hatten also Zeit für so etwas, es war in gewisser Weise ihre Pflicht, auch der Gemeinschaft (und nicht nur der Kernfamilie) etwas davon zurückzugeben. (Die Gemeinschaft verzichtet ja z.B. durch das Ehegattensplitting auf Steuereinnahmen, finanziert also den Lebensunterhalt der Ehefrau mit).

    Heute aber würde ich deiner Interpretation zuzustimmen, dass freiwillige Arbeit eigentlich ein Geschenk ist, und zwar deshalb, weil die Ernährerlohnlogik ja durch die Individuallohnlogik ersetzt wurde: Ich habe keine überschüssige „Freizeit“ mehr, denn ich habe keinen Mann, durch dessen Einkommen ich materiell versorgt bin. Wozu ich verpflichtet bin, das ist die Erwerbsarbeit. Und wenn ich dann trotzdem noch Gratisarbeit leiste (wie findest du übrigens dieses Wort?), dann ist es in der Tat ein „Geschenk“ und etwas anderes als die Gratisarbeit von Frauen in „Ernährerlogik“.

    Diese Entwicklung führt natürlich zu Engpässen bei Organisationen, die noch immer auf die „verpflichtende“ Gratisarbeit von Frauen setzen. Denn die Folge ist, dass die „Gesamtmenge“ von potenziellen Ehrenamtlichen (Frauen) sinkt, was den Druck auf die Schultern der wenigen verbleibenden verteilt. Dadurch wird der Druck „moralischer“, weil eine Verweigerung des Kuchenbackens immer gleich das Aus für die Initiative bedeutet. Das wird aber meiner Meinung nach früher oder später auf „Aussterben“ rauslaufen. Organisationen, die sich auf diese neue Situation nicht einstellen, werden ganz einfach nicht überleben. Denn es ist ja auch eine Frage der verweigerten Anerkennung dieser Arbeit – wie ich auch im Kommentar zu Julianes Artikel schreibe: Wenn die Kirchengemeinde neue Fenster bekommt, verlangt sie vom Schreiner ja auch nicht, dass er umsonst für sie arbeitet.

    Damit wären wir bei der Frage: Wie viel Betriebswirtschaft brauchen Initiativen, Projekte, Organisationen? Da sind doch viele unterbelichtet. Die bisherigen Alternativen waren: Die einen richten alles auf das Geldverdienen aus (Sachen werden ausschließlich zu dem Zweck erfunden, dass man damit Geld verdienen will /die „freie Wirtschaft“). Und die andere haben betriebswirtschaftliche Aspekte völlig außen vor gelassen und sich darauf verlassen, dass der Staat, ihre Ehemänner oder sonst wer ihnen Geld gibt. (Kirchengemeinden, Frauenzentren, aber auch einzelne Frauen). Beides ist für mich keine Alternative. Im Bezug auf Punkt 1 fehlt mir der Sinn der Sache, in Bezug auf Punkt 2 stört mich die Abhängigkeit von eben jenen „Geldgebern“. Dass ich mit meiner Tätigkeit mich selbst (oder mein Projekt) „finanzieren“ kann, fällt also in meinen Verantwortungsbereich.

    Vielleicht wird es, wenn ich deine Idee weiterdenke, darauf hinauslaufen, dass wir die Sphären mehr vermischen? Dass wir nicht mehr säuberlich zwischen „Erwerbsarbeit“ und „Gratisarbeit“ unterscheiden (übrigens: Wie findest du das Wort „Gratisarbeit“?) – sondern dass es mehr Zwischenformen gibt? Dann würden sich diese Probleme vielleicht ganz anders stellen. Hilfreich wäre dafür natürlich auch so was wie ein Grundeinkommen, kostenlose Infrastruktur usw. – also materielle Ressourcen, die allen Menschen unabhängig von „Leistung“ zur Verfügung stehen, denn dann wären wir alle ein bisschen in der Lage der Ehefrau, die vom Geld ihres Mannes lebt. Also frei, auch ohne Bezahlung „gratiszuarbeiten“. Und gleichzeitig schauen wir auch darauf, Geld zu verdienen bzw. dass unsere Initiativen auch eine ökonomische, betriebswirtschaftliche Seite haben. Also mehr Mischmasch in den Arbeitsformen, was dann natürlich die Unterscheidung zwischen „Gabe“ und „Tausch“ nicht einfacher macht, aber die Unterscheidung ist ja eh nicht einfach, weil auch in der „Gratisarbeit“ Tauschaspekte drin sind und in der „Erwerbsarbeit“ Gratisaspekte.

  • ursula knecht sagt:

    In der Schweiz gibt es eine interessante Sprachregelung. Mit Ehrenamt wird i.d.R. die Vorstandsarbeit in Vereinen, Verbänden, Insitutionen bezeichnet (Sport, Politik, Kirche). Hier sind vorwiegend Männer am Werk. Mit dem Amt ist Ehre verbunden, wie Dorothee ausführt.
    Im Sozialbereich wird fast generell von Freiwilligenarbeit gesprochen (Besuche in Altenheimen, Aufgabenhilfe, Fahrdienst für Betagte und Behinderte etc.) Wir vom Labyrinthplatz z.B. können und sollen – es wird erwartet – in der Jahresrechnung gegenüber dem Sozialdepartement die Arbeitsstunden der Freiwilligen mit Fr 36.-/Std als EIGENLEISTUNG ausweisen. Das ergibt einen namhaften Betrag. In meiner Jahresrechnung ist auf der Ausgabenseite jeweils ein Posten „Projektfrauen und Freiwillige: Spesen, Weiterbildung, Verpflegung während der Gartenarbeit“, gedeckt durch die Beiträge des Soz.Departement und Spenden.
    In der Sozialarbeit wird unterschieden zwischen „Freiwilligen“ und „Professionellen“. Freiwillige sind jene, die gratis arbeiten, Professionelle jene, die bezahlt werden. Über die Qualifaikation, die „Professionalität“ sagt das nichts aus, wurde uns mehrfach erläuteret. Freiwillige können besser qualifiziert(ausgebildet, erfahren) sein als Professionelle. Logisch, oder? Ich denke, in der Schweiz wird „Freiwillige“ kaum mit dem Militär assoziiert, eher mit Einsaätzen in sog. Drittweltländer. Hier gibt (oder gab) es offiziell die Kategorie der „Volonteers“ bei diversen Hilfsorganisationen.
    Ja, und dann gibt es auch noch das UNBEZAHLBARE, jenes Kostbare, das sich nicht rechnen will, mit dem wir aber dennoch rechnen, damit das Leben lebenswert bleibt und die Welt geliebt…

  • Juliane Brumberg sagt:

    Gratisarbeit – ein Begriff aus der Wirtschaftlichkeitslogik

    1. Den Begriff „Gratisarbeit“ finde ich sehr treffend für Tätigkeiten, zu denen wir von der Kirchengemeinde, einem Projekt oder von uns selbst „verpflichtet“ werden, denn in der Tat tun wir dort Dinge, die eigentlich bezahlt werden müssten, gratis.
    Bei freiwillige Engagement möchte ich mich dem Begriff „Gratisarbeit“ jedoch nicht anschließen, da er sich an die „Geldlogik: gratis oder bezahlt“ anbindet. Das stört mich sowieso, dass die Bemessungseinheit dafür, wie gut oder erfolgreich jemand oder ein Projekt ist, fast überall das Geld ist, das verdient oder erwirtschaftet wird.
    2. In der Fortführung dieses Gedankens heißt das auch, neue Formen der Anerkennung zu finden (ich meine damit keine Orden oder Staatsmedaillen für ehrenamtliche Arbeit etc.). Denn wie Antje richtig schreibt, bekommt der Handwerker, der ein Kirchenfenster repariert Anerkennung für das was er gemacht hat, in Form von Bezahlung (es gibt allerdings auch Handwerksbetriebe die ihre Arbeit für Kirchengemeinden oder soziale Projekte „spenden“ und kostenlos durchführen), während die Frauen, die Kuchen backen oder an der Salattheke stehen, mit einem netten Dankeschön abgespeist werden. Und das Dankeschön gilt meistens der Tatsache, dass sie diese Arbeit unbezahlt, also gratis gemacht haben, nicht aber dem konkreten Inhalt dessen, was sie getan haben, also der Qualität des Kuchens oder der Freundlichkeit und dem Humor, mit dem sie die Menschen am Buffet bedient haben. Ich finde es sehr wichtig, hier neue Formen der Anerkennung zu entwickeln.
    3. Ich möchte noch einmal an meinen Vorschlag des Perspektivenwechsels erinnern. Wenn ich mich und mein Begehren und das, was ich gerne tun möchte, bei „freiwilligem Engagement“ in den Mittelpunkt stelle, dann ist das zwar ein Geschenk an die Gesellschaft, aber nicht eines, das eingefordert werden kann. Ich möchte damit mir eine Freude machen, weil ich dieses Engagement sinnvoll finde oder es mir Spaß macht. Ob die Gesellschaft sich über dieses Geschenk freut, ist mir dabei zunächst egal.
    So halte ich es übrigens auch mit materiellen Dingen, die ich verschenke. Sehr oft verschenke ich etwas an jemand, weil es mir Spaß macht, dieses bestimmte Teil diesem bestimmten Menschen zu schenken, es für ihn auszusuchen oder auch selbst anzufertigen. Dann bemühe ich mich loszulassen. Was der oder die Beschenkte damit macht, ist ihre Sache. Allerdings: Merke ich, dass die Beschenkte nichts mit dem Geschenk anfangen kann, überdenke ich mein Tun und überlege, ob es sinnvoll ist, noch mehr in dieser Richtung zu machen. Etwas Anderes ist es mit Geschenken an Verwandte, Kolleginnen etc. zu bestimmten Anlässen. Sie werden entsprechend unserer gesellschaftlichen Gepflogenheiten erwartet und sind eigentlich Verpflichtungen und keine Geschenke.
    4. Ich kann Dorothee und Antje gut folgen, wie sie ehrenamtliche Arbeit in der wirtschaftlichen Logik einer Gesellschaft mit dem Ernährermodell verorten und die Ausbeutung von Frauen, die dabei geschieht, ablehnen. Ich wehre mich aber dagegen, jedes freiwilliges Engagement einer wirtschaftlichen Logik zu unterwerfen. Es sind schon genug Bereiche unseres Lebens dem wirtschaftlichen Prinzip untergeordnet. Ich plädiere deshalb dafür, solche Gratisarbeit, die als Geschenk an die Gesellschaft gedacht ist, zunächst daraufhin zu überprüfen, ob ich mir selber damit etwas schenke. Und umgekehrt, wenn ich Lust zu ehrenamtlicher Arbeit oder freiwilligem Engagement habe, nicht von der Gesellschaft als Empfängerin auszugehen, sondern von mir selbst und meinem Begehren. Bei allen Vorbehalten, die ich ja auch in meinem Artikel schon formuliert habe, möchte ich mir die Möglichkeit, meinem Begehren in freiwilligem Engagement nachzukommen, nicht nehmen lassen, nur weil unsere Gesellschaft nach der Wirtschaftslogik tickt.
    5. Die Vermischung der Sphären zwischen Erwerbsarbeit und freiwilligem Engagement, die Antje anspricht, halte ich für sinnvoll – und problematisch. Dazu habe ich in meiner Antwort auf Antjes Kommentar unter meinem Artikel Perspektivenwechsel etwas geschrieben. Und ich stimme zu, ein Grundeinkommen für alle würde Manches erleichtern.

  • Antje Schrupp sagt:

    @Juliane – ich finde, du hast hier eine sehr enge Definition von „wirtschaftliches Prinzip“. Kapitalistische WIrtschaft in dem Sinn, dass nur der Profit zählt, ist ja nicht die einzige Form von Wirtschaft. Es ist auch eine Art von Wirtschaft vorstellbar, die sowohl auf den Sinn der Arbeit, als auch auf die Freude, als auch auf die Betriebswirtschaftlichkeit schaut (so war sogar der Kapitalismus ursprünglich angelehnt). Ich sehe es daher nicht negativ, wenn bei Projekten auf ihre materiell-finanzierbare Realisierbarkeit geschaut wird – und das muss nicht bedeuten, alles in Geld umzurechnen. Es kann auch bedeuten, dass man die Kosten niedrig hält, um sich nicht selbst auszubeuten oder sich von Geldgebern abhängig zu machen. Das ist auch „betriebswirtschaftliches“ Denken, und das finde ich gut.

  • Dorothee Markert sagt:

    Mir gefällt der Begriff „Gratisarbeit“ gut, denn „gratis“ bedeutet nicht nur „ohne Geld“, sondern auch „geschenkt“, verweist also durchaus auf die Gabeebene. Und in „gratis“ steckt auch die Grazie und die Großzügigkeit. Ich finde nicht, dass es heute – nach dem Ende des Patriarchats – außerhalb der Erwerbsarbeit noch die Pflicht zu bestimmten Tätigkeiten gibt oder geben sollte, außer in einem freiwilligen Tausch, beispielsweise wenn ich im Haushalt dauerhaft bestimmte Arbeiten übernehme und meine Partnerin dafür entsprechende andere. Wo Gratisarbeit eingefordert wird, hat jemand etwas Wichtiges über das Schenken noch nicht verstanden. Und ebenso ist es, wenn jemand solche Forderungen erfüllt, als gäbe es dazu eine Verpflichtung. Mein Anliegen ist mehr Klarheit in der Unterscheidung zwischen Schenken und Tauschen, da durch die Vermischung die Freiheit des Schenkens und die Freude daran verloren gehen. Wenn ich etwas gratis mache und mich dann darüber ärgere, ist das ein Hinweis, dass mit dem Schenken etwas nicht gestimmt hat oder schief gelaufen ist.

  • Juliane Brumberg sagt:

    Ich versuche zu verstehen: Euch, Dorothee und Antje, geht es nicht, wie ich zunächst gedacht hatte, darum, wie die einzelne Frau mit ihrem Frust am Ehrenamt oder ihrem Bedürfnis nach einem sinnvollen freiwilligen Engagement umgehen könnte, oder? Vielmehr überlegt Ihr, was uns auf der politisch denkenden Ebene weiterbringt, damit der Staat oder andere Institutionen dieses Engagement nicht vereinnahmen oder sogar erwarten, um damit die eigenen Aufgaben kostengünstig zu erledigen. Um das Bewusstsein für den Unterschied zur Erwerbsarbeit zu schärfen, bezeichnet Ihr unbezahlte Arbeit als Gabe oder Geschenk. Habe ich das so richtig verstanden? Und Dorothee, Dich ärgert besonders, dass das Kostbare dieser Geschenke entwertet wird und verloren geht, wenn sie als selbstverständlich eingefordert werden. Und gleichzeitig möchtest Du dem guten Leben, dem Engagement dafür und der Welt des Schenkens den Vorrang geben? Deshalb ist es so wichtig, dass wir immer wieder auf diese Unterschiede aufmerksam machen, die geschenkte Arbeit als solche benennen und das Schenken verweigern, wenn man uns dazu verpflichten will. Was wir ja mit dieser Diskussion ganz heftig tun.
    Mir gefällt die Bezeichnung freiwilligen Engagements als ein Geschenk eigentlich nicht so gut, weil für mich ein Geschenk immer etwas ist, was ganz zielgerichtet für einen bestimmten Menschen gedacht und von liebevollen Gefühlen begleitet ist. Aber wenn sie dazu dient, uns und unserer Umgebung bewusst zu machen, dass dieses Engagement etwas ganz Kostbares ist, so kostbar und nicht auf eine Gegenleistung angelegt, wie ein Geschenk, und dass die liebevollen Gefühle, mit denen es verbunden sein könnte, verloren gehen, wenn nicht ganz achtsam damit umgegangen wird, dann ist es vielleicht doch ein passender Begriff. Mit dem wir unsere Liebe zur Welt und unsere politischen Bemühungen für ein gutes Leben aller deutlich machen können. Darüber habt Ihr ja schon viel länger nachgedacht und geschrieben. Es ist wichtig, dies immer wieder ins Gedächtnis zu rufen.

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Liebi Lüüt,
    Herrlich, diese Diskussionen.Trotzdem, ich bin für gesetzlich festgelegte Einsätze von 1-2 Jahren im Leben jedes Bürgers und jeder Bürgerin. Auszuwählen innert einem bestimmten Zeitraum. Natürlich braucht es hier zusätzliche Massstäbe für die Beurteilung von z.B. Gesundheitszustand, Kost und Logis, Verdienstmöglichkeiten, zumutbaren Einsätzen. Das Zusammenbringen von verschiedene Haltungen von früher und jetzt scheint mir nicht fruchtbar abzulaufen, eher mündet dies in einen Leerlauf. Man/Frau ist kritisch. Also eher ein Wunschdenken von OrganisatorenInnen der Freiwilligenarbeit, die etwas künstlich aufplustern wollen.

  • Antonia Federer-Aepli sagt:

    Liebe Frauen,
    Nach dem ich die Kommentare gelesen habe und die dazugehörigen Artikel, möchte ich ergänzend hinzufügen: Im Kanton St. Gallen kennen wir bei Pro Senectute eine seit 40 Jahren bewährte Form der bezahlten Freiwilligenarbeit – das Sozialzeitengagement. Versierte Frauen machen bei uns Haushilfeeinsätze, vorallem bei hochbetagten Menschen. Sie werden durch Profis begleitet. Wir reden von den Austauschfaktoren: Das Nehmen und Geben muss stimmen, spannende Aufgaben, persönliche Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten, Kontakt in und über die Generationen, Sie kann entscheiden ob sie den Einsatz annimmt oder nicht, geregelte Rahmenbedingungen, Sozialversicherungen und Entgelt. Dafür gibt sie ihre Zeit, ihre Kraft, um Senioren und Seniorinnen in ihrem Wohnen daheim zu unterstützen. Zurzeit sind es ca. 800 Personen, die zusammen viele 1000 Stunden jährlich so leisten. Ich bin überzeugt, dass dieses Model, da es an kein Alter gebunden ist (25 % sind selber im AHV Alter), auch auf andere Bereiche angewendet werden könnte.

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