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Rubrik denken

Postkonventionalität – oder: Ist Feminismus entwicklungsfähig? PostFeminismus revisited

Von Andrea Günter

1. Post Feminismus: Worüber gesprochen werden könnte

Ich selbst verstehe mich nicht als Postfeministin, ich verstehe mich als Feministin. Ich halte das „post“ zum Feminismus erst einmal für eine Schwächung – außer die Verbindung von „post“ und Feminismus bekommt einen Sinn, der Feminismus zu einer neuen starken Markierung macht!

Ich hoffe, dass ich mich mit meinen Überlegungen auf den Weg dorthin machen kann. Denn ist ein „post“ erst einmal in der Welt, dann scheint der Zwang zu entstehen, es aufzugreifen, und dieser wirkt auch dann, wenn es von allen Seiten kritisiert wird (das haben wir ja auch an der Inszenierung von Butlers vermeintlichem Konstruktivismus im deutschsprachigen Raum gemerkt) – weil, und das ist wohl die politische Dynamik, die die Kennzeichnung “post“ auslöst, weil mit dem Erscheinen von „post“ das, was mit diesem ominösen post verknüpft wird, rückschrittlich zu sein scheint, und folglich überholt ist.

Treppensteigen in postmoderner Architektur: alt und neu werden wild kombiniert

Ich verstehe mich im Falle des Feminismus also nur ungern als eine „post“. Zugleich aber sehe ich mich als postmoderne Philosophin. Hier ist das „post“ für mich eine starke Markierung. Ein offenkundiger Widerspruch also? Gerade weil ich eine postmoderne Philosophin bin, stehe ich der Bezeichnung „Postfeminismus“ kritisch gegenüber? Warum in dem einen Fall ein Ja zu post, und im anderen das Nein?

Dass ich zu dieser Haltung neige, hat zum einen damit zu tun, dass ich die Inflation von ständig neuen Namen und Bindestrichbezeichnungen nicht für produktiv halte. Aber das halte ich zum anderen zugleich nur für ein Problem an der Oberfläche. Was ist das tiefergehende Problem? Was bringt das post in dem einen Fall, so dass es im anderen zu seiner Dekonstruktion führt?

Ich werde also im Folgenden nicht nach dem richtigen Feminismus fragen. Genauso wenig werde ich im Einzelnen die theoretischen Strömungen sichten, die sich „Postfeminismus“ nennen, ihre richtigen Einteilungen behaupten und ihre einzig angemessene und richtige Bewertung durchsetzen. Da ich eine Leidenschaft für das Denken habe, langweilt mich Besserwisserei.

Feministische Ansätze sind manchmal wild geordnet

Natürlich verfolge ich, was unter postfeministischen Theorien gehandelt wird. Dabei habe ich festgestellt, dass sich hier sehr verschiedene Denkerinnen rezipiert finden, unterschiedliche feministische Ansätze aufgegriffen und verschieden kombiniert werden. Aufgegriffen hierfür werden dabei Ansätze, die schon mit „post“ gekennzeichnet sind. Denkerinnen wie Helene Cixous, Luce Irigaray, Julia Kristeva kommen aus postmodernen Denkbewegungen, haben diese aber auch kritisiert. Die rezipierten Denkerinnen werden in Verbindung mit dem Poststrukturalismus, der Postmoderne oder der Dekonstruktion gebracht. Dabei werden auch diese Zuordnungen sehr unterschiedlich vorgenommen. „Post“ im freien Spiel, multipliziert mit „post“ also.

Die Denkerinnen, die hier aufgegriffen werden und mit dem Etikett „Postfeminismus“ gelesen werden, kenne ich allerdings unter einer ganz anderen Bezeichnung. Ich kenne sie als Denkerinnen der Geschlechterdifferenz. Diese Denkerinnen setzten sich einerseits von feministischen oder allgemeiner gesagt frauenbewegten Strömungen ab, die schon in den 60er Jahren präsent waren: vom Gleichheitsfeminismus, der die Emanzipation der Frau im Blick hat und hiermit die Frauen über einen Mangel – nicht so emanzipiert wie die Männer – definiert. Sie dagegen fragten, wie die Entwicklung der Subjektivität von Frauen neu konzipiert und gestärkt werden kann und was es nunmehr heißt, frauenbewegt Politik zu machen ohne zum Beispiel von einem Subjekt der Rationalität auszugehen, das der Herr im Hause ist.[1]

Zu fragen wäre damit, ob unter dem Postfeminismus der Differenzfeminismus eine neue signifikante Qualität erhält. Diesen Eindruck gewinne ich allerdings nicht. Nach meinem Kenntnisstand wird übersehen, dass und inwiefern gerade diese Denkerinnen den Poststrukturalismus, die Postmoderne oder Dekonstruktion kritisiert hatten.

Wenn ich diese historische Dimension ernst nehme, macht das „post“ als zeitliche Klassifizierung für die Strömung „Postfeminismus“ nur wenig Sinn! Es wird zum Zeichen dafür, dass die „Differenz“- und die „Gleichheits“feministinnen gleichermaßen als Feministinnen gelten, der alte Streit zwischen Differenz- und Gleichheitsfeministinnen hierbei unbekannt zu sein scheint. Stattdessen wird den Differenzfeministinnen nun das neue Kleid des Postfeminismus übergezogen. Der alte Streit wird zum neuen Streit zwischen Differenz- und Emanzipationsfeministinnen.

Dennoch, das Etikett „post“ hat eingeschlagen. Irgendetwas muss dran sein. Statt also auf Definitionen von Feminismus und Postfeminismus zu starren, interessieren mich daher die Varianten der Bewegung, die die Markierung „post“ bedeuten kann. Ich hoffe, wenn ich dem „post“ selbst statt den einzelnen theoretischen Kombinationen nachgehe, dass ich dann vielleicht etwas über den Feminismus als politische Bewegung lernen kann.

Mich interessiert folglich nicht, ob „der“ Postfeminismus eine gelungene Entwicklung des Feminismus ist, ob diese Kennzeichnung Sinn macht. Dieser Frage nachzugehen halte ich in Anbetracht der Bedeutung, die die Signifikation „post“ für die Einschätzung von politischen Strömungen und theoretischen Positionen hat, für sekundär, regelrecht für eine Ablenkung, die in den Elfenbeinturm der Selbstverstrickung verschickt.

So wird dem Postfeminismus vorgeworfen, er sei zu theoretisch, mache unpolitisch, übergehe das sozialpolitische Moment konkret zu realisierender Gerechtigkeit.[2] Der postfeministische Elfenbeinturm hat jedoch weniger damit zu tun, dass der PostFeminismus theoretischer zu sein scheint als der Feminismus. Als sei irgendein politischer oder praktischer Raum theoriefrei. Vielmehr müsste es darum gehen: Welche Theorie leuchtet ein, stützt die eigene Position, macht Ereignisse verstehbar. Und welcher anderen Theorie gelingt das und an welchem Punkt vielleicht besser?

Mich interessiert, was eigentlich gefragt werden muss, wenn es um eine Einschätzung des „Postfeminismus“ geht. Und im Augenblick denke ich, wir könnten in Anbetracht der Erscheinung des „Postfeminismus“ danach fragen, was eine gute Weiterentwicklung des Feminismus ist.

Um damit die Erwartungen an meine Ausführungen auch hier in die richtige Richtung zu lenken: Ich werde kein Programm zur richtigen Weiterentwicklung des Feminismus liefern. Ich habe mit meinem Beitrag vielmehr vor, die Möglichkeit einer Weiterentwicklung einzukreisen. Dazu lädt die Wirkung der Kennzeichnung „Postfeminismus“ ein. Daher werde ich fragen: Welche Bewegung ist das „post“?

2. Was ist „post“? Eine philosophische Analyse

Das Wort „post“ kommt bekanntlich aus dem Lateinischen und meint „nach“, „nachher“, „hintennach“. Dabei ist die Zeiteinteilung der westlichen, christlichen Gesellschaft wesentlich durch das „post“ strukturiert: Wir leben in einem Jahr x „post Christum natum“ – „nach Christi Geburt“. Post-„x“ bezeichnet also ein zeitliches Verhältnis. Es gibt einen Zeitpunkt oder eine Episode x, zu dem es ein Nachher gibt. Damit ist „x“ der Bezugspunkt, der einen Zeitverlauf strukturiert. Zu diesem x gibt es ein Nachher.

Welche Bedeutung nun bringt das „Nachher“ ins Spiel? Es kann transportieren: Das Danach „überschreitet“, „überholt“, „ersetzt“, ist ein „Fortschritt“. Es qualifiziert einen zeitlichen Ablauf, markiert eine neue Zeitrechnung.

Post Christum natum: die Erlösung der Menschheit – die Herrschaft einer neuen Religion beginnt.

Ist die angedeutete Bewertung durch „post“ eindeutig? Gerade das Beispiel „nach Christi Geburt“ zeigt, dass das Nachher y im Vergleich zum Vorher x aufgewertet zu sein scheint.

post*: kritische Denkbewegung, die sich gegen Grundannahmen von seinem Bezugspunkt x wendet und Alternativen aufzeigt, z.B. undoing (gender).

Aber: Wenn das y ein x abwertet, kann dies allerdings auch beinhalten, dass auch y abgewertet ist. Wenn y x aufwertet, ist auch y aufgewertet. Die Bedeutung des Postfeminismus hängt also damit zusammen, ob er den Feminismus auf- oder aber abwertet.

Doch wie genau trifft diese Charakterisierung überhaupt zu? Zeigt „post“ als Zeitstruktur tatsächlich an: x und nachher? y als Gegenbewegung zu x?

Genau genommen ist die zeitliche Struktur komplexer. „post“ benennt genau genommen die Struktur: ante – x – post : vor – x – nachher. Vor Christi Geburt gab es etwas, nach Christi Geburt auch, Christi Geburt ist das x, von dem her sich das davor und danach definiert. Auf Feminismus übertragen gilt demnach: Vor dem Feminismus gab es etwas, nach dem Feminismus gibt es etwas, der Feminismus ist das x, von dem her sich das Davor und Danach definiert. Der komplexere 3-Schritt des post beinhaltet eine wesentliche Unterscheidung für die Bewertung des Postfeminismus!

In der Vorher-Nachher-2er-Struktur ist Feminismus das Ante, also das Vorher zum Nachher, das Post würde das Ante überschreiten, außer Kraft setzen.

Worauf blickt feministisches Denken?

In der Vorher-Definitionspunkt-Nachher-3er-Struktur ist der Feminismus das Zwischenglied zwischen einem Ante und einem Post? Dann ist das Nachher eine sekundäre Erscheinung und Eigenschaft zum Feminismus. „Der Feminismus“ bleibt das Zentrum. PostFeminismus ist Feminismus: Es kann und muss in der Folge zwischen Feminismen unterschieden werden. Außerdem muss und kann gefragt werden: Was war eigentlich vorher, vor dem Feminismus?, um die Relevanz des Feminismus und in der Folge die des Postfeminismus einzuschätzen.

Das post als 3er-Struktur eröffnet die Möglichkeit, Zeit und Zeitlichkeit zu denken. Es besagt eine Alternative zur linearen Abfolge im Zweier- oder Dreierschritt. Es handelt sich um eine Art genealogisch-kreisförmigen Denkens: In einem Kreis hat jeder Punkt ein Vorher und ein Nachher. Der Punkt „x“ ist das Scharnier, um den das Vorher und Nachher kreist! In unserem Fall wäre der Feminismus das Scharnier, um den herum Situationen des Vorher und des Nachher herausgeschält werden könn(t)en.

Feminismus ist nun denkbar: als ein Bewohnen des Zwischens, als ein Bewegen aus der Mitte eines Vorher und Nachher heraus. Es geht um eine Theorie der Entwicklung, um eine Theorie der Entwicklung von feministischem Gedankengut.

Auch für Menschen gibt es nur ein Denken und Tun von der Mitte, vom Zwischen her. Sie stehen immer in der Mitte der Zeit, zwischen Vorher und Nachher, können daher grundsätzlich nur ein Vorher und ein Nachher, eine Vergangenheit und eine Zukunft annehmen. D.h., auf die Mitte wirken die Kräfte des Vorher und die des Nachher ein. Und die Mitte wirkt als eine Kraft, die die Zukunft orientieren vermag, indem sie die Vergangenheit strukturiert: deutet und bewertet.

Hannah Arendt, von der diese Analyse menschlichen Tuns und politischer Entwicklungen stammt, sagt: Es gilt, dieses Zwischen zu bewohnen, sich von diesem Zwischen her zu verstehen, entwerfen, urteilen.[3]

Ist Feminismus entwicklungsfähig? Eine seltsame Frage. Die meisten haben wohl bemerkt, dass der Feminismus nicht einer ist, dass es schon immer verschiedene Strömungen gibt, Differenzierungen, Entwicklungen, neue Verdichtungen. Nach dem update-trendsetting von politischen Leitbegriffen entlang von unterschiedlichen theoretischen Entwicklungen unterschiedlicher Fachbereiche und verschiedenster politischer Anliegen scheint die sich selbst überholende Neubenennung nach einer Metatheorie zu verlangen.

Eine starre Einteilung und Beurteilung von Vorher und Nachher ist daher nicht sehr produktiv. Sie verfällt der Entweder-Oder-Logik, denkt das Zwischen als Möglichkeit nicht, fixiert Positionen. Spontaneität und Verarbeitungsschritte werden als Durchgangsmöglichkeit verspielt.[4]
Der Feminismus muss in seinem Entwicklungspotential Respekt erwerben.

[1] Vgl. Andrea Günter, Anke Drygala (Hg.): Paradigma Geschlechterdifferenz. Ein philosophisches Lesebuch, Sulzbach/Ts. 2010, v.a. Einleitung.

[2] Einen ähnlichen Versuch, feministische Theoreme als Ausdruck der Geschichte und nicht als idealistische Konzepte zu begreifen, unternimmt Brigitte Rauschenbach: Gleichheit, Differenz, Freiheit? Bewusstseinswenden im Feminismus nach 1968“, August 2009: www.gender-politik-online.de.

[3] Hannah Arendt: Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Übungen im politischen Denken 1, München 1989, Einleitung.

[4] … wer weiterlesen möchte, findet die  Fortsetzung hier.

Autorin: Andrea Günter
Redakteurin: Christel Göttert
Eingestellt am: 19.11.2010
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Liebe Andrea, nun lach mich mal nicht aus…
    aber nachdem ich deinen Artikel gelesen hatte (danke!), dachte ich, ich möchte öfters mal was von dir lesen, und viellllleicht geht das über Facebook; aber da find ich dich nicht bzw. nicht eindeutig. Kannst mir helfen? Lieben Gruß von Fidi

  • Liebe Fidi,

    ich bin nicht in Facebook und werde mich da auch nicht offenbaren, tut mir leid.
    Dafür schreibe ich regelmäßig unregelmäßig in bzw-weiterdenken.de und auf meiner website finden sich immer wieder auch Texte, Einleitungen zu Büchern etc.

    Danke für Dein Interesse! Und liebe Grüße
    Andrea

  • Rea Gorgon sagt:

    Liebe Andrea Günter,
    kollegialen Dank für Ihre Denkanstöße.
    Mir gefällt der Artikel. Doch es gibt eine „Unschärferelation“ zum „Zeitlichen“. Sie schreiben: „… D.h., auf die Mitte wirken die Kräfte des Vorher und die des Nachher ein.“
    Ich denke, dass es unmöglich ist, dass das noch nicht existierende „Nachher“ (bevor es also konstituiert wurde), auf das „Zwischen“ einwirken kann. Es sei denn, wir glauben an eine „Vorsehung“. Zukunft gestaltend erscheint mir immer nur das „Zusammenspiel von „Vorher“ und „Zwischen“ (von Vergangenheit und Gegenwart).
    Oder sollte ich Ihre Gedanken falsch verstanden haben?

    Dialogische Grüße
    Rea Gorgon

  • Liebe Rea Gordon,

    ich glaube, da liegt ein kleines Missverständnis vor.

    Sich von der Zukunft her denken: Arendt betont geradezu, dass Menschen sich nicht nur von der Vergangenheit, sondern auch von der Zukunft her denken, wenn sie sich in der Gegenwart bewegen. Dies wird in der Regel übersehen, wir sind heutzutage eher vergangenheitslastig orientiert.
    Wir denken uns allerdings nicht von der Zukunft her im Sinne dessen, dass wir sie tatsächlich vorhersehen können, da haben Sie recht. Aber wir denken uns von der Zukunft her in Form unserer Wünsche, Hoffnungen und Befürchtungen. Diese zeigen uns unsere Zukunft an: also anzeigen, nicht wissen. Es handelt sich um ein Sich-Denken, weniger um DIE Zukunft als Objektivität denken.
    So bilden wir Annahmen über Verhinderungen und Möglichkeiten aufgrund unserer bisherigen Erfahrungen aus. Außerdem machen Menschen quasi vom Anfang ihres Lebens an Erfahrungen mit dem Vorher und Nachher eines Zustandes. Diese Erfahrung von Zeitlichkeit ist zwar immer ein vergangener Zustand, aber einer, der es uns dennoch erlaubt, uns vielleicht sogar regelrecht dazu herausfordert, über das Nachher nachzudenken, etwa über die Konsequenzen unseres Tuns und unserer Wünsche.

    Herzliche Grüße
    Andrea Günter

  • Mechthild Schmitt sagt:

    Liebe Andrea Günter,

    mit großem Vergnügen habe ich die Ausführungen gelesen. Auch wenn sie mir stellenweise zu theoretisch sind, man möge mir das bitte als gelernter Betriebswirtin nachsehen, halte ich die Denkansätze für weiterführend und sehr hilfreich für eine echte und substanzielle Entwicklung in der Feminismusdebatte. Auf dieser Basis lässt sich gut „arbeiten“.

    Herzliche Grüße
    Mechthild Schmitt

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